Th
auch nicht gleich, aber er Kat etwas Ordentliches gelernt und darauf eine sichere Existenz gegründet. Der will Tertiana und der kann sie nun heiraten... Es ist ein freier, ein selbständiger Mann, der braucht niemand zu danken und auf niemands Tod zu warten... Nichts für ungut, Herr Leutnant, sonst hält' ich wohl nichts gegen Sue," schloß er, in seinen alten respektvollen Ton sauend.
„Nein!" brachte ich nur heraus, das einzige, was ich -u sagen wußte, fest entschlossen, sie nicht herzugeben, sie nicht dem andern zu lassen...
„Nein."
Er hatte sich umgedreht und griff nach dem langen, schmalen Geschäftsbuch, worin sie damals geblättert hatte, als ich sie das erstemal küßte.
„Hier ist etwas für Sie," sagte er freundlich und reichte mir ein graues Hanfkuvert mit seiner in Deutsch und Polnisch darauf gedruckten Firma „Antiquitätenhandlung" und so weiter. Ich nahm es und steckte es in den Aermelausschlag, ohne es lveiter zu beachten, und wandte mich stumm nach der Tür, die er vor mir öffnete. Und ich hörte hinter mir das rostige Schloß knirschen, und in mir rief es und höhnte es: „Der kann sie heiraten... er ist ein freier, ein selbständiger Mann..."
. (Fortsetzung folgt.)
Als Kriegsberichterstatter in Nordsrankreich.
„Freud und Leid des Kriegsberichterstatters" — so überschreibt ein holländischer Kriegsberichterstatter die Erzählung seiner Erlebnisse in Nordfrankreich, die er dem „Nieuwe Rotterda in sche.Courant" jüngst zugesandt hat. Das Leben des Kriegsberichterstatters bietet auch daun, wenn er nicht au der Front ist, genug des Interessanten; gerade beim Kreuz- und Querreisen durch das Land hat man oft fesselnde Erlebnisse. Auch der Kriegsberichterstatter muß Nahrung und Schlaf entbehren können; so reiste der Holländer von der Front aus nach Havre und war drei Tage unterwegs, bald im Auto, bald im Eisenbahnzuge, ohne etwas warmes zu essen und ein Bett zum schlafen zu finden. Unterwegs, sowohl in den verschiedenen Fahrzeugen, wie beim 9lnfenthalte in allerhand kleinen Städtchen, hatte er eine Reihe merkwürdiger Begegnungen, und er war erstaunt, wie rasch die Menschen in Kriegszeit einander nahe kommen: kaum stieg ein neuer einsamer Reisender in den Zug, so entspann sich bald ein Gespräch, man erzählte aus seinem Leben, als ob man seit Jahren miteinander bekannt sei, mau teilte Brot, Aepfel, Schokolade und Zigaretten und trennte sich, wenn die Wege auseinander gingen, mit einem herzlichen Abschiedsgruße. Den ersten Aufenthalt nahm der Holländer in einer kleinen Stadt, in die ihn ein Militärauto gefahren hatte; es war stockdunkel: alle Fenster waren verhängt oder vernagelt, und selten siel ein Lichtschein auf die Straße, wenn eine Tür sich öffnete. Er war todmüde und hatte nur den einen Wunsch: für die Nacht ein Bett zu bekommen. So lappte er sich durch die Stadt. Er fand eine Art Wirtschaft, in der Soldaten am Schenktische standen: mit Mühe drängte er sich durch, brachte sein Anliegen vor und erfuhr, daß alles voll sei. In anderen .Häusern ging es ihm ebenso: schon machte er sich darauf gefaßt, die Nacht ohne Nachtlager zuzubringen, da führte ihm der Zufall einen belgischen Gendarmen in den Weg. den er bereits einmal auf seinen Fahrten getroffen hatte. Der Belgier bot ihm ztvar kein Bett, wohl aber eine Schlafgelegenheit an und nahm ihn mit in seine Wohnung. Dort wurden zwei Bänke aneinandergerückt, mau breitete einen Strohsack darüber, im letzten Augenblick kam noch ein dritter Schlafgenosse, ein belgischer Kriegschauffeur, der um Obdach bat, und so rückten die beiden Männer zusammen und lnachteu noch dem dritten Platz. Mit belgischen Militärmänteln deckten sie sich zu. Zum Schlafen kamen sie zwar nicht viel, denn sie verbrachten fast die ganze Nacht im Gespräch, aber der .Holländer hatte doch in der Nacht ein Dach über dem Kopse und ein Lager gehabt, aus dein er sich ausstreckcu konnte. Am nächsten Tage fuhr er mit der Eisenbahn weiter. Diesmal waren seine Reisegenossen ein paar Damen, belgische Flüchtlinge, die aus einem zerschossenen Dorfe in der Nähe von Dixmuiden kamen, von dem nichts übrig geblieben war. Sie wollten nach Paris, um irgend welche Arbeit zu finden. All das erzählten sie dem Holländer: dieser ließ sich in ein längeres Gespräch niit ihnen ein und daln-i fiel der einen Frau auf, daß seine Sprache — die Unterhaltung fand auf Blämisch statt. — ihr etwas eigentünüich klang. Sie ntieinte, er spräche wohl besser französisch als vlämtsch, und war erstaunt, als er sich als Niederländer zu erkennen gab. Plötzlich jedoch kam ihr eine Erleuchtung und lachend gestand fte, seine Sprache sei doch schönes Blämisch. Nun stellte sich heraus, daß die flüchtigen Frauen des Französischen überhaupt mcht mächtig seien. Aus die Schwierigkeit, die sie wegen ihrer mangelnden Sprachkenntnisse in Paris zu überwinden hätten, wurden sie jetzt erst aufmerksam gemacht. Die eine von ihnen fragte den Holländer, ob in Holland alle so sprächen, wie er. als ihnen dies bestätigt wurde und sie zudem noch erfuhren, daß dort keine Deutschen seien, faßten sie schleunigst den Entschluß, sich doch
lieber nach Holland zu wenden. Ob sie den Plan ausgeführt haben, weiß der Kriegsberichterstatter natürlich nicht, denn er mußte bald aussteigen, wieder in einer kleinen Stadt. .Hier faub er in einem Wirtshaus zwischen Soldaten, die am Ofen auf dem Boden lagen, ein wenig Platz und verbrachte die Nacht mit einem französischen Militärmantel zugedeckt. Am nächsten Tage ging die Eisenbahn- reife weiter: er mußte jedoch, wie bei der Eisenbahnreise vorher, verschiedentlich um steigen und auf seiner letzten Haltestelle vor den: Ziele, in Malauny, hatte er ein Reiseabenteuer, das leicht Unangenehm hätte auslaufen können. Tie Zeit des Wartens verbrachte er in einem Kaffee; mit einem jungen Manne, der sich ihm in der.Eiseilbahn angeschlossen hatte, weil er gleichfalls nach Havre wollte, unterhielt er sich, und seine Aussprache des -Französischen siel einem anderen Reisenden auf, der gleichfalls auf den Zug wartete. Nach wenigen Augenblicken entfernte sich dieser und kam nach kurzer Zeit mit einem Gendarm zurück, der drei Soldaten mit ausqepflanztem Bajonett bei sich hatte. Es war klar: der holländische Kriegsberichterstatter stand in dem Verdachte, ein Spion zu sein! Der Gendarm verlangte seine Papiere. Der Holländer legte einen ganzen Stapel von Ausweisen vor^ Allein sic hatten einen Huken: sie waren zu gut. Einige waren nämlich vom belgischen Kriegsminister selbst unterzeichnet, was den Verdacht bestärkte. Alsbald besckstoß der Gendarm, die nächsthöhere Autorität anzurnsen, und als diese stellte sich der Bahnhofsvorsteher — nicht etwa ein Bahnhofskommandant — heraus. Dieser Herr entpuppte sich als wahrer Salonw. Er entschied, »venu der Holländer eine Fahrkarte bei sich hätte, deren Reiseziel mit den Angaben der Ausweispapiere übereinstimmte, wäre er kein .Spion. Eine solche Karte hatte er, und so wurde er siir unschuldig erklärt.. *.
Oie Taaung der Ueberlebenden von Avezzano.
Ern erschütterndes Bild bot sich am letzten Sonntag in der von, Erdbeben zerstörten Stadt Avezzcuw. als, 12 Tage nach denr niederschmetternden Unglück, zum ersten Male wieder ein öffentliches Leben sich bemerkbar machte. Ms den Trümmern der Kirchen waren die Mtarsteine herausgeholt, und so lasen im Freien die Priester, die an die Stelle der 26 ums Leben gekommenen Pfarrer getreten waren, die Messe. Inmitten all der Trünrmer standen die lieber- lebenden, das Haupt geneigt und betend, hie und da ertönte unterdrücktes Schluchzen. Im Mittelpunkt der Stadt vereinigten sich dann die Ueberlebendcn zu einer Tagung ; viele von ihnen hatten einander nach dem Unglück noch nicht wiedergesehew da sie völlig mit den Msgrabungscrrbeiten beschäftigt waren. Sie hatten einander schreckliche Tinge zu erzählen. „Mlir sind 6 Kinder, meine Frau, meine Mutter und eine Tante gestorben," hörte nwn ben einen sagen. Ein anderer erzähtte, daß er seine drei Schwestern, den Vater und eine Schwägerin verloren habe. Biel erörtert wurde die Schwierigkeit, für alle die Leichen Särge zu beschaffen. Die Menge, die immer größer wurde, begab sich daraus vor die große Baracke, die von Rom geschenkt worden ist und auf der man die Inschrift liest: „Rathaus von Avezzano". Ein merftvürdiges Rathaus, das in der Nacht den Angestellten als Sckstasraum dient, die sich hier znnschen die halbzerstörten Menpakete des Standesamts und des Archivs bin strecken. Tie Versammelten, etwa 300 an der Zahl, waren alle Familienhäupter. Das einzige lebende Mitglied des Stadtrates. ent Gemeindesekretär, der vier Stunden nach dem Erdbeben aus den Trümmern hervvrgezo^en wurde, hielt unter tiefem Schweigen eine Ansprache: „Wir Und die lieber- lebeirden. Wir grüßen unsere Toten, und um! der Liebe willen, die sie ihrer Stadt Avezzano darbrachten, wollen »vir sie wieder zum Leben erwecken. Unsere Stadt darf nicht verlöschen. Ihre günstige Lage durch die Eisenbahn, durch Industrie und Ackerbau legen uns diese Aufgabe aus. Wir sind mir wenige zurückgeblieben, aber der Kern, den wir darstelleu, wird seine Arbeit verhundertfachen. Wir werden es nicht zngeben, daß die öffentlichen Aemter von Avezzano verlegt werden Wir fordern von der Regierung, daß sie uns das Wert der Wiedergeburt anvertrane." Stürmischer Beifall, in den sich lautes Weinen mischte, gab die Zustimmung der Bersaminelten zu erkennen. In der nun folgenden Aussprache inur- den die Wünsche der Ueberlebendcn zum Ausdruck gebracht. Es soll ein Komitee siir das öffentliche Wohl gebildet weiden, das für die gerechte Verteilung der Lebensmittel, der Baracken uitb der Decken sorgt. Man will eine genaue Zählung der jetzige»! Bevöl kerung der Stadt vornehmen. Jedes Faminenhanvt sott täglich die Gutscheine erhalten, die es für die dringendsten Erfordernisse braucht. Sobald die Zeit der Bestattnngs arbeiten, die auf 20 Tage festgesetzt ist, vorüber sein wird, wird über die Trünuner Kalk gebreitet werden, und Soldaten sollen Wacht' halten, da noch viele Werte darunter begraben liegen.
vermischte«.
* R i e s c n s p r e n g u n g e n. Die modernen Sprengstoffe äußern heute aus allen Kriegsschauplätzen ihre ftirchtbare Zerstörungskraft, mögen sie nun in den Granaten unserer »reuen Riesenmörser die feindlichen Festungen in Sckmtt und Trümmer legen, als Torpedos den Sckstachtschiffen des Gegners de»» Unter gang bringen oder als Fliegerbomben Tod und Verderben ln


