Ausgabe 
3.2.1915
 
Einzelbild herunterladen

74

wohin versankst du? Und der graue Regenschleier floß dicht, ganz dicht vor meinen Augen nieder das ewige Regnen hier ist mir noch nie so ausgefallen wie heute.

Ich setzte mich deshalb mit Meiern und Bobby in den Omnibus vomEldorado". Ja, wer so nach Hause kommt, vom Massengrabe seiner liebsten Hoffnungen, und wird klappernd, rasselnd, klirrend von so einem zugigen, feucht­klebrigen Eldoradoomnibus über das Zwielitscher Pflaster geschüttelt, während der Regen lange Furchen in den Schmutz der Scheiben zieht, der kann wohl sagen:Dort, wo bu nicht bist . . . ist das Paradies der Erde." Unter­

wegs erzählte mir Meier, daß es den Pferden au^i3 c ä G \^) nc ^ ginge, dem Apollo sogar ein bißchen gar zu wohl würde; er keilte hinten und vorn aus, und auch nachts hätt' er keine Ruhe gehalten, immer getrampelt und mit den Ketten gerasselt, daß er schon doppelt gekettet werden mußte, damit er sich nicht losrisse. Wenn er (Meier) ihm auch immer zugerufeu hätte:Steh, Bursch!" so hat er doch nicht daraus gehört. Ter Gaul scheint nur des Herrn Leut­nants Stimme zu kennen. Und ihn reiten!'raus Hab'ich mir wohl aus ihm gekriegt, aber er kriegte mir auch wieder 'runter und dem Herrn Wachtmeister, der ihn bewegen wollte, wär's auch beinah so gegangen. All seine ulten Nicken hat er sich wieder angeschafft... ließ nicht aussitzen mit dem Pallasch."

So, so," sagte ich,na warte! Wir wollen dich schon wieder zahm kriegen!" Und mir wurde einen Moment lang ein bißchen heller zniuute. Das war gut, daß mir Apollo ju schassen machen würde. Das reißt den Menschen zu­sammen; die Gedanken konzentrieren sich auf das Tier, das inan unter sich meistern muß, zerstreut und nervös fein ist da nicht angebracht.

Meier war rührend, er meinte:Der Apollo hat sich wohl bloß so gebangt nachm Herrn Leutnant, daß er mit kein' andern nicht Frieden haben wollt'."

Ich war wieder zu Hause. Meine Stuben? Sile waren mir der Inbegriff des Gemütlichen, Behaglichen gewesen und nun schien die graue Farbe auch hier alles überzogen zu haben und an den Wänden standen schwarze Feuchtig- keitsslocken, die Gardinen waren entschieden schmutzig, eine naßkalte Temperatur herrschte, etwas Ungewöhnliches machte sich geltend und der Regulator stand natürlich.

Einen sehr überraschenden und peinlichen Brief aber fand ich vor: jener Rehn Edmund Rehn, oer verschollene Bruder von Tante Lalli hat sich wieder angefunden! Er ist nach Europa samt seiner farbigen Familie zurück­gekehrt und ersucht mich um Auskunft über den Verbleib der einstmaligen Rehnschen Familiengüter, die er wieder kaufen möchte. Bon Tante Lalli hat er keine Antwort bekommen, kann ich mir denken? Von mir bekommt er auch keine. Der Kerl soll machen, daß er wieder nach Afrika oder Asien kommt!

Zwielitsch. Jannar. Nach langer Pause öffne ich luieber mein Tagebuch, um nachzntraaen. Draußen liegt ein grauer, kalter Winterabend Während ich an meinem Pult sitze, sehe ich zuweilen hinüber nach der andern Seite der ^ttaße. Aber kein Schimmer von der grünen Lampe grüßt herüber. Das Fenster verbirgt sich hinter einem alten de­fekten »olzladen uiib vor die schiefe Tür ist eine rostige Ensenstange mit einem Schloß gelegt. Der Mte ist nicht zu Hause . Und seine Tochter?. . Gleich an demselben Mend schrieb ich au Tatiaua und teilte ihr den Mißerfolg meiner Re,se zu Tante Lalli mit. Ich enthielt mich aller Beschäm gungsversuche, aller lockendeil Liebesworte, uni jeden An­schein, sie zu beeinflussen, zu vermeiden. Sie sollte entschei­den. ob sie im festen Vertrauen aus meine Kraft auch in Armut und Sorge mir angehören ,volle. Was sie mir ant­worten lvürde, glanbte ich im voraus genau zu wissen. Mein Herz sagte cs mir, imb diese Stimme konnte nicht trugen Aber ich erhielt keine Nachricht von ihr und bekam sie auch nicht zu sehen. Das letztere konnte ich mir er­klären, dahinter stand ihr Vater; aber ihr Schlveigen auf meinen Brief war mir ein unlösbares Rätsel. Meine Un­ruhe wuchs mit jedem Tage, mit jeder Stunde. Den Zustand Ertrug ich nicht länger. Ich beschloß, hinüberzugeheu... ^ch legte Zivil an. Der rasende Herzschlag erstickte mich fast: mir war der Hals wie zugeschnürt und die Lippen heiß Und zersprungen vor Aufregung. Ich nahm vorher einen großen Kognak und lief dann fast erschrocken in mein Schlaf­zimmer, um den Geruch von meinen Lippen sortzubrinaen. Was hätte Tattana von mir denken müssen!

Und dann faß ich in der Hinterstube mit den zerbroche­nen Wappen und den dllnklen unkenntlichen Ahnenbildern eines ausgestorbenen polnischen Geschlechtes. Die grüne Lampe stand auf einer Tischecke und ihr fahler Schein lag aus dem finstern verwitterten Gesicht des alten Mannes. Und Tatiana war nirgends. Sie war in Posen bei Freunden. Er sagte es mir ganz trocken, daß er sie fort­geschickt hätte.

Was ich erreicht hatte, würde er mir leicht angesehen haben, selbst wenn nicht anzunehmen war, daß er es aus meinem Briefe an seine Tochter wußte. Was ich beabsich­tigte, sagte ich ihm mit kurzen dürren Worten ich sprach ihm von meiner Liebe, meiner Sehnsucht und meinem Glück, das nur allein Tatiana hieß, schlug aber, bei meinem Widerwillen gegen den Zuhörer, einen so trockenen Ton an, daß er vielleicht das Gefühl hatte, meine Worte seien nur tote Phrasen und es sei mir nur darum zu tun, meisir gegebenes Wort einzulösen. Ich sagte ihm, daß ich den Ab­schied nehmen ivollte, einen bürgerlichen Berus ergreifen werde und dreihundert Mark monatlich Einnahme habe, daß wir davon natürlich nicht heiraten könnten, sondern warten müßten, bis ich eine auskömmliche Stellung, eine passende Beschäftigung haben würde. Dann fügte ich hinzu, daß ich Tatiana als meine verlobte Braut betrachte und mir von niemand auf Erden, auch von ihrem Vater nicht, den persönlichen Verkehr mit ihr verbieten lassen würde.

Er sah mich, während ich sprach, unter den faltigen schweren Lidern mit einem unangenehm lauernden Blick an, auch noch als ich schwieg, als könne meine Rede noch nicht zu Ende sein, oder er hätte noch nicht begriffen, was ich eigentlich von ihm wollte, wie wenn ich ihm etwa ein Geschäft anböte, das gar nicht in sein Fach schlüge.

Mir stieg vor seinem höhnischen Anstarren das Blut jäh zu Kopf imb ich wollte schon aufspringeu und sortgehen, als sei, nachdem ich ihm meinen Wunsch und Willen mitgeteilt hätte, die Angelegenheit, die mich zu ihm geführt hatte, für mich erledigt. Aber da sagte er etwas. Er stand auf derselben Stelle, wo ich und Tatiana gestanden hatten, als ich sie zum erstenmal küßte.. .

Was er sagte, war eine so furchtbare Ueberraschung, daß ich ini ersten Moment völlig ruhig und kühl blieb Um das Plötzliche zu begreifen, brauchte ich Zeit. D-er Verstand er­faßte den Sinn der Worte, aber es lvar, als ob meine Empfindungssähigkeit völlig gelähmt sei. Alles Subjektive schien in mir ausgeschaltet, als beträfe mich die Mitteilung nicht direkt, und ich glaube, mein Herz stand tvirklich still, wenn das möglich wäre.

Er sagte: Sie wissen wohl noch nicht, was ich bis

vor kurzem auch nicht wußte? Daß meine Tochter verlobt ist seit einem Jahre schon..."

Mit wem?" fragte ich mechanisch.

Mit einem jungen Mediziner in Posen."

Das ist mir ganz gleichgültig," sagte ich heiser.

-L 0 ? Gleichgültig, wenn Sie einem Mann die Braut stehlen, Herr Leutnant?" entgegnete er scharf.Ich Hab' immer was von Ihnen gehalten und geglaubt, daß Sie so eine Art Ausnahme wären, anders wie die meisten Ihresgleichen."

Es kann nichts ändern an der Tatsache, daß Tatiaua natürlich diese Verlobung gelöst hatte, als sie mir gehören wollte, sie wollte eher in das Wasser gehen, als mir ent­sagen."

Ja, ich gebe es zu... sie wußte vor Verzweiflung nicht mehr aus noch ein. Bloß, weil ich sie nicht zu Ihnen- lassen wollte, war das nicht... ich vermutete gleich, daß. noch etwas andres dahinter steckte."

Wie ein jäher Blitzschlag durchzuckte es mich, daß ich das ja gefühlt hatte, jenes Stück Heimlichkeit in ihr.

Und Sie ahnten auch so etwas," nickte er, mein hastiges Ausfahren rasch verstehend.Es ist besser, Sie lassen sie dem Manne, der sie doch vor Ihnen hatte, und dem sie vor Ihnen so gern gehören wollte, daß sie auf ihn warten wollte, bis er genug Erwerb hatte für zwei."

Nein."

Es ist aber besser für Tatiana," beharrte er finster, es ist etwas Reelles, Sicheres! Ein Mann von Mitte Dreißig. Mit Ihnen wäre das so ein Abenteuer, so in die Luft gemalt nirgends Grund und .halt. Was soll ich da noch viel reden Sie müssen's einseheu und Sie werden's, wenn auch nicht gleich, na, und das verlangt auch nie­mand. Jener Mann steht uns im gesellschaftlichen Range