Ausgabe 
3.2.1915
 
Einzelbild herunterladen

Mittwoch, den 3. Zebruar

Bfls iVüradies der lkrdr.

Roman von Ada von Gersdorss.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Warum ist es uns Männern eigentlich verboten, zu wemen? Ja, warum sind Männer ohne jede sogenannte Geistes und Herzensbildung trockenen Auges, stolz auf die Kraft an sich, anr Marterpfahl getänden? Ich denke an lene Häuptlinge wilder Bolksstämmte, die ich als Knabe in heißer Begeisterung bewunderte, uu^. denen nachznabmen ich für ein stolzes Lebensziel fyiclt.

Ja, was werde ich nun anfangen, um uns beiden ihr und mir zu helfen?

Was Hab' ich gelernt? Welche zur Gründung einer Existenz erforderlichen Erfahrungen habe ich gesammelt? Gar nichts kann ich, verstehe ich, gar nichts habe ich gelernt! Ein tausendstes Blatt unter Hundertlausenden an dem großen Ban me eines Standes war ich bisher, ein armseliges Blatt, dessen Sein oder Nichtsein gar keine Bedeutung für den großen Baum hat, sondern nur in der Vielheit, unter der es entbehrlich ist, einen bestimmten Zweck erfüllen hilft.

Wie oft habe ich von Kameraden gehört, die von heute aus morgen den Beruf aufgeben mußten, dem sie ihr Leben, ihre Liebe, ihre Kräfte geweiht, in dem allein sie tüchtig waren. Boi: heute auf morgen standen sie auf der Straße dllrch fremde oder eigene Schuld oder durch Schicksalszwaug, in einem Alter, wo man nicht mehr aus die Schulbank zurück kehren kann, um etwas anderes zu lernen, zu dem man viel­leicht Weder Begabung noch innere Freudigkeit hat. Und dieses gehört dazu, um etwas Brauchbares zu leisten und darauf eine Existenz zu gründen. Nicht einmal für sich selbst konnten sic ausreichend sorgen, nicht einmal zu Brot, Obdach und Kleidung reichte es aus. Wie viele gesunde junge Blätter verwelkten, verdorrten, vermoderten, vom großen Hundert tausendbaumc losgetrennt, unten im Schlamm und Schmutz des Lebens! Wie wenige von ihnen können sagen: Ich habe mich durchgerungen zu neuem Leben, ich habe stark und kühn mir die Bedingungen zu einer neuen Existenz geschaffen. Und was bringt man denn dazu mit? Eiu ehemaliger Käme rad erzählte mir. daß ein großer Kaufmann, der Hunderten von Angestellten Brot gab, ihm auf sein Ersuchen um Be­schäftigung, von der er leben könnte, antwortete:Sie be­sitzen gewiß Eigenschaften, die unbezahlbar und selten anzu trefsen sind: Gewissenhaftigkeit, Pflichttreue, makellose Ehrenhaftigkeit. Das sind Goldbarren von hohem Wert: aber wenn man sie nicht umwechseln kann in die gangbare Münze praktischer Leistungen, so sind sie an sich gerade zum Verhun­gern ausreichend, denn jene drei Eigenschaften werden ihnen zuweilen Hindernisse ans dem Wege zum Vorwärtskommen sein, und zum Lernen, wie bei uns gelernt werden muß, von der Pike an, sind Sie zu alt." So ging der Mann von Haus zu Haus ml* seinen großen Goldbarren, für die ihm niemand

ein Stück Brot gab. Ob er sie nicht doch zuletzt als eine über flüssige Last fortgeworfen hat? Wer weiß! Ich habe nie wieder von ihm gehört.

lind wer nun vollends nicht für sich allein, sondern, wie in meinem Falle, noch für jemand anders zu sorgen hat, was fängt der mit seinen großen Goldbarren an? Der kann sein Liebstes betteln schicken, während er selbst herumläuft und von Haus zu Haus nach Arbeit sucht...

O du.mein Glück, du mein Stern! Könnte ich jetzt, in dieser dunklen, sternenlosen Nacht, dich hier haben, deine Hände fassen und dein Herz an meinem fühlen im gleichen starken Schlage und dich fragen und mit dir überlegen, mit dir, meinem klugen süßen Weibe!... Im Paradies wäre ich überall, wo du bist, möchte auch die 9fot, die grimme wilde Not des Lebens in brausenden Wogen hoch um uns auf­steigen ...

Wie anders war die Etfenbahnfahrt hierher, als ich das erstemal durch dieses flache, öde Land imt seinem trüben Flüßchen und seiner stittstehenden Teichpsütze fuhr. Mir Meint es Jahre her zu sein. Vorbei in ziemlich langsamem Tempo an den grauen elenden Dörfern, die immer grauer und trauriger zu werden scheinen, je weiter inan hinein ins Polnische Land kommt. Ab und zu eine trübselige Station, mitten in flacher baumloser Oede. Fremdartige Menschen in groben Hüllen mit verdrossenen Gesichtern, die alle, alle das graue Zeichen der Sorge und der Trauer um unwiederbring­lich Verlorenes, oder nie zu Erreichendes zu tragen scheinen.

Im ersten Morgengrauen dieses regnerischen, kalten Muttertages kam ich an. Als das Städtchen in Sicht kam. mußte ich plötzlich eine« fremden Schicksals gedenken. Einen so liebenswürdigen, gütigen Kommandeur wie Betzings­löwen wird das Regiment wohl nicht wiederbetommen. Nun ist er mit seiner Frau gewiß scholl in Italien und beide ver­suchen sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Dann nberläuft mich eine Art Grauen: Poncalet! Der erste Mensch, dem ich begegne, wird mir vielleicht die Neuigkeit erzählen, daß er tot, aus der Jagd verunglückt oder ermordet ist von asiatischen Barbaren.

*

Zwielitsch. Januar Der erste Mensch, der mir begegnete, war Meier mit Bobby. Die schienen beide nichts von Poncalet zu wissen, lvas von dem Köter eigentlich nicht schön ist. Er war lvie besessen vor Freude, mich wieder zll haben.Le roi est mort, vivc le roi?" dachte -er viel­leicht in seiner Hundeart. Widerstehen kann man ja nun solch einem Tier nicht, wenn es einen so ahnungslos liebevoll ansieht, mau muß ihm den Buckel klapsen und rasch mal hinter den Ohren krauen und wenn man auf dem Wege jmn Schafott wäre.

Wie trübselig verwittert und lveltvergessen sah der alte kleine Bahnhof aus! Und das Städtchen, oit lieber Gott, ein schmutziges polnisches Nest, grau in grau, wie ein

t auberthealer bei Tage, entkleidet der goldgewebten chleier und Illusionen. O meinParadies der Erde",