— 71 —
Die Prophezeiung.
Ski-ze von Adolf Stark.
Es gibt Nur zwei lebende Menschen, welche die unheünlichü Geschichte von Matthias Schuichenstiels Tod und der vorhergehenden Prophezeiung kennen: Doktor Werner und ich. Unlängst haben nur zwei Nach fast 20 Jahren uns wieder getroffen, in derselben Stadls wo lvir einst als Stttdenten lebten und träumten und Pläne schmiedeten und die Welt aus den Angeln hoben im Gefühle unserer jugendlichen Kraft, für die keine Aufgabe zu schwer war. —
Ach Gott, wir haben die Welt nicht aus den Angeln gehoben, wir haben nichts geändert an dem gleichmäßigen Gang der iDinge, der uns dereinst so langsam, so verkehrt und so verbesserungswürdig ersclsten. Ich selbst habe mir wenigstens mein bißchen Freiheit noch gerettet, mein bißchen Gedankenfreiheit vor allem. Aber .Werner! Finanzrat ist er geworden, steif und Nüchtern, ein wenig selbstgefällig und, »oie mir scheinen will, ein bißchen beschränkt. Vielleicht muß das so sein. Wer sich als Rad oder Rädchen — vielleicht sollte man „Rat oder Rät- chen" schreibe,! — in das große Getriebe einpassen will, muß alle Ecken und Unebenheiten abschleifen, muß alle Selbständig- keitsgclüste aufgeben und die rostige Feder, welche das ganze Werk treibt, nnderspruchslos als eine Art göttliche leitende Macht anerkennen. Ich glaube, Werner ist nur deshalb jum Stelldichein gekommen, wie wir es vor zwanzig Jahren am Tage unserer Trennung vereinbarten, um uns zu zeigen, nrie weit er eS gebracht, und sich an unserer Bewunderung zu sonnen.
Da lvar mir im.Grunde genommen Schuichenstiel noch lieber, obgleich auch er sich nicht gerade zum Helden entwickelt hatte. In seiner Heimat Tirol, in irgendeinem abgelegenen Gebirgsorte saß er als Arzt unter den Bauern und lvar selbst ein Bauer geworden, äußerlich und mehr iroch innerlich. Im Gegensatz zur Selbstzufriedenheit Werners empfand er den Unterschiä» zwischen den Hoffnungen bpn einst und der Wahrheit von heute, und wenn er auch viel zu stumpf geworden, um darüber glühend« Tränen zu vergießen, so drückte die Erkenntnis doch aus ferne Laune. Alles in allem, es lvar kein glücklicher Tag, dieses verabredete Wiedersehen nach 20 Jahren. Wir strichen durch die Gassen, wie dereinst, machten uns auf die Veränderungen aufmerksam, empfanden die breiten, nüchternen Gassen mit den hohen, überladenen Häusern, die an Stelle der alten Gäßchen mit ihren düsteren Häusern getreten waren, als groteske Parallele zu denr eigenen Lebenslauf, der auch so alltäglich und Nüchtern geworden, und wurden das Unbehagen selbst dort nicht los. wo die Zeit an dem Satdtbilde spurlos vorüber gegangen. Im Gegenteil, in der alten Umgebung erkannten »vir erst so reckst, wie wir selbst uns geändert hatten.
Wenn ich sage: „wir", so meine ich damit Schuichenstiel und mich. Werner fühlte sich offenbar ganz behaglich in seiner Haut. Er belächelte die Träume der Vergangenheit und fand, daß er mit seinen 43 Jabren es herrlich weit gebracht l-abe: „bitte, dis zum Finanzrat!" Keiner seiner Kollegen lvar noch so weit. Und dies alles ohne Protektion, wahrhaftig, ohne Protektion, die er stets abgelehnt habe, obgleich sein Schwiegervater Hofrat tmd der Onkel seiner Frau sogar Sektionschef »var!
Hier drinnen hat uns die alte Zigeunerin damals unser Schicksal prophezeit," unterbrach Schuichenstiel die Ausführungen Werners.
Ich erinnerte mich noch genau an den Vorfall, aber seltsamer weise nicht daran, lvas mir selbsr prophezeit worden war. Nur, daß sie sich geweigert hatte, Schrnchenstiel aus der Hand wahr zu sagen und daß sie schließlich, durch zlver blanke Gulden bestochen, allerhand tolles Zeug geschivatzt hatte.
Der Doktor nickte. „Ich lveiß noch jedes Wort. „Wenn die Sonne bei Nack)t scheint und die Menschen auf dem Kopse gehen," sagte sie, „bann hüte dich!" Weißt du noch, lute sie aufschrie, daß es mir durch Mark und Brün ging, und alle Gäste sich Umdrehten- „Er zielt nach dem roten Herzen und Steine regnen hernieder; Säbel blitzen und das Blut fließt. Hüte dich!"
Werner lächelte überlegen. „Wie du dir die Sache nur gemerkt hast. Du glaubst doch nicht etlva an den Unsinn. Ob- gleich ich gestehen muß, daß sie bei mir so ziemlich deu Verlauf meines Lebens erkannt hat. „Du wirst hoch steigert, Herr." Na ja, das ist natürlich nur Zufall. So etivas glaubt doch ein vernünftiger Mensch tticht."
„Glauben? Als ob das vom Willen abhinge." Schuichen- ftiel schüttelte sich, als taufe ihm ein Schauer über den Leib. „Lacht mich meinetwegeit aus. Aber lvenu ich geworden bin, was ich bin, ein Bauer unter Bauern, ein Lattdbader, nicht viel mehr als ein diplomierter Quacksalber, so hat die alte Hexe nicht tvenig Anteil daran. Ich hätte Gelegenheit gehabt, beim Lloyd als Schiffsar^t anzukommen, fremde Länder zu sehen, zu leben, zu lernen. Es war dies immer mein Ideal. Mer die Worte der Mten: „wenn jbie Sonne bei Nacht scheint und die Menschen auf dem Kopfe gehen", das kantt sich nur ans die Antipoden beziehen. Es mag ja lächerlich sein, daß matt so am Leben hängt, an so einein Leben, aber ich habe die Schisfsarzt- stelle ausaeschlagen; deshalb!"
Die Stimmung hntrbe immer unbehaglicher Es war besser, wir gingen in irgendein Bergttügungslokal und verbrachten Veit
Abend unter fremden Mensche*, I* ganz banaler Weise, als so durch die Straßen zu fchleichrr, alS die Last der toten Vergangenheit und der nüchternen Gegenwart auf dett Stätten spa- ztereir zu führen, die einst unser Hoffen sahen. Ich schlug vor, da es silrs Theater ztt spät gcioorden lvar, eilt Variete auszu suchen, uub die anderen lvaren einverstanden.
Wir kamett mitten in die Vorstellung. Werner erblickte gleich beim Eintreten in einer Loge einen Vorgesetzten lurd emp fahl sich, ttnt nicht Mehr zurückzu kommen. Vielleicht war es ihm auch peinlich, dem Herrn Finanzrat, sich öffentlich in Gesellschaft eines titellosen Schriftstellers und eines verbauerten Land arztes zu zeigen. So blieben wir beide allein au de nt Tische. Ich dachte Über Vergangenheit und Gegenwart nach und widmete den Vorgängen auf der Bühne keine Aufmerksamkeit. Schuichenstiel, der Tiroler Hinterwäldler, dem solche Vorführungen offenbar ein neuer Genuß waren, applaudierte wie toll und trank während des Zuschauens ein Glas Bier nach dem andern. DaS Schicksal so vieler vereinsamter Menschen war auch das seine geworden: Der Alkohol ward ihm zum Freunde und Tröster.
Plötzlich faßte er mich heftig am Arme. Ausschauend sah ich in ein totenblasses Gesicht. „Sie gehen auf den Köpfen," stammelte er.
„Nun, das ist für Akrobaten gerade keine uttgewöhnliche Stellung," erwiderte ich, ohne anfangs seine Aufregung zu verstehen. Mer er beutete nach der Decke, wo eine große goldene Sonne vom weißen Stuckplafond herab das Licht auf bett Zuschauerraum anszustrahlen schien: „Sie gehen mts dem Kopfe und oie Sonne leuchtet bei Nacht."
Das war freilich ein sonderbarer Zufall, aber ich wollte ntcht mit ihm debattieren, zumal, da er sichtlich nicht mehr ganz nüchtern war. „Komm, gehen wir, bat ich.
Doch er wollte nicht. Die nächste Nummer, zwei russische Tänzerinnen, zerstreute sein Bedenken, und eine englische Clownszene, die ihn Tränen lachen ließ, brachte seine Geistesstimmung lvteder ins Gleiche. Dazu trank er Glas um Glas.
Dann laut die letzte Nummer, der Scharfschütze. Das lvollte Sckruichenstiel aus jeden Fall sehen. Er war Jäger, passionierter Jäger. Das war noch das einzige, nwfür er Verständnis und Interesse hatte: die Jagd und das Wild.
Das Publikum bejubelte den geschickten Schützen, undSchutchen- stiel jubelte und klatsckste mit den attdern. „Sakra, mit dem zusammen möchte ich einmal auf die Gemsjagd gehen."
Plötzlich fuhr er empor, stand da, auf den Tisch gestützt, m,t schwankenden Beinen, die Augen verglast und weit ausgertssen, ein Bild des Entsetzens. Uebrigens fiel das weiter nicht aus, denn auch die anderen hielten den Atem an, als das junge, schöne Weib, um die Lippen ein freundliches Lächeln, sich aufstellte und das Herzaß aus Handbreite über den Kopf hielt, lvährend der Kunstschütze eben auf der höchsten Galerie, durch die ganze Breite des Zuschauer- raumes getrennt, Posten gefaßt hatte und langsani und bedächtig
* Ich muß gestehen, auch mich faßte das Entsetzen. Zwar sagte mein Verstand noch immer: Zufall, nichts wie Zufall, aber mein Herz hörte nicht aus, stürmisch zu pochen, sondern lausäste der raunenden Stimme, die irgendwo aus ungeahnten Tiefen des Ich auspieg und die sinnlosen Worte von einst lviederholte, die heute so leltsam zu Sinn und Bedeutung gekotnmen zu sein schienen: lvenn die Sonne bei Nacht scheint und die Menschett auf dem Kopse gehen und er nach dein roten Herzen zielt —„Sonder barer Zufall," sagte ntcin Verstand und merne Lippen sprachen cs nach. Von drinnen der drang, dumpf brausettd. immer stärker auschwellend, wie das Rauschen eines fernen Meeres der Beifall, welchen matt dent Schützen spetrdete. Das schwierigste und ge sährlichste Stück feiner Produktion war glücklich abgelausen. Aber diese Vorstellung, welche dock geeignet gelvesen wäre, ntich zu de ruhigen und den tollen Spuk zu verjagen, vertnochte nicht aus zukommen gegen den bangeit Druck der namettlosetr Furcht.
Nein, Furcht ist nicht der richtige Ausdruck. Es war etwas atrderes, das Vorgefühl einer kommenden Katastrophe, der aus- znwetchen nicht möglich ist, die vernichtend, niederschmetternd fein nnrd, und deren Kommen man denttoch mit einer Art wahnsinniger Neugier herbeisehnt. So ungefähr «tag dem Kinde zumute sein, welcl>es am Nikolaustag den kettenrasselnden schwarzen, Hörner geschmückten Krampus erwartet. Nur daß die Gefühle der Erwachsenett in diesem Falle viel tiefer, viel nachhaltiger, viel ge lvaltigcr sind, ein Meer von Schauder uub Erwartung.
Es lvar eine uitruhige Zeit damals. Soziale Not vereinte ftch mit denr alten, eingewurzelten nationalen Hader, und diese Mischung, gleich dent Gemenge von Salpeter, Schwefel und Holzkohle, brauchte nur einen Funken, um zu explodieren. Kleine Zusammenstöße zwischen der Menge uttb der Polizei waren an der TageSordmmg. Beinahe hakte man sich schon darait gewöhnt.
Als ich daher in der Nähe des Altstädter Ringes einen Trupp johlender, schreiettder Burscl>en auf uns zukommen sah, fast laufend, wie Schafe, die vout Hirten getrieben tverden, lvnßte ich sogleich, was das bedeutete. Wir drückten uns beide in eilten Hansslur, um den Sturm vorüber zu lassen. Gerade gegenüber wurde ein Neubau ausgeführt, da lagen Ziegelsteine sorgsam aufgeschichtet. Plötzlich schlvirrte ein roter Brocket; durch die Lust. Wie ein ültsteckender Wahttsitln lvar es. Die vor we- nigen Sekundett noch, trotz allem, lackenden Menschen waren


