Ausgabe 
1.2.1915
 
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Besprechung" so schriebst du zu mir führt? Und ich will dir die Vorrede ersparen, Harry. Du ivillst heiraten."

Ja," sagte ich nach einer sekundenlangen Pause so kurz, wie ich neulich dieselbe unumwundene Frage Tatianas Vater beantwortet hatte.

Sie kniff die schmalen Lippen zusammen, sah mich flüch­tig an und sagte:Ich bin orientiert, durch mancherlei. Du bist in das junge polnische Ladenmädchen verliebt, in einem außerordentlichen Grade, und du willst denn bei einem schüchternen Hoffen bescheidest du dich nicht du willst, daß ich dir die pekuniäre Möglichkeit geben soll, diese kleine Dame zu heiraten." Da war scholl die Kriegserklärung! Daß ich ein Rehn-Trach war, von ihrem Blut, fühlte ich im Moment an dem eisernen Trotz, der jäh in mir ausstieg wie eine Art Mauer, über die hinweg es kaum eine gütliche Verstän­digung gab.

Ich bitte dich zunächst, Tante Lalli, nicht in solchen: Tolle voll einerkleinen Dame" zu sprechen. Du hast kein Recht zu dieser verächtlichen Bezeichnung, ehe du sie kennst."

Durchaus nicht," sagte sie mit einem kleinen spöttischen Lippenzucken und legte einen roten Seidenfaden, der sich in die grüne Seide verirrt hatte, sorgfältig zu seinesgleichen.

Tatiana ist eine Dame, ohne Adjektiv! Sic ist meine künftige Frau."

Ja, ja, das Hab' ich mir gedacht, als ich euch aus den: Basar sah."

Und und dll sagtest kein Wort?" stieß ich heraus, tatest, als wenn du sie überhaupt nicht gesehen hättest?"

Harry ich hatte sie gesehen, rein äußerlich, wie man ein hübsches Bild ansieht, das man nicht Lausen kann. Mau geht vorüber, es lohnt nicht davon zu sprechen, als daß es schön ist. Was hätte das genutzt? Ich wußte aber, daß du eines Tages hier sitzen würdest, wie du heute hier sitzest, und daß du alles das sagen würdest, was du gesagt hast und. noch sagen willst. Ich habe es erwartet, als ich dich und sie aus dein Basar sah. Dll weißt das auch! Tu kellnst mich doch: ich übersehe so leicht nichts. Und lvas ich in gwielitsch sah, war ausfallend genug. Steh mal, Harry, ich will mich jetzt nicht lveiter auslassen über das Miß­liche solcher Ehen aus zwei so verschiedenen Gesellschafts­kreisen, zwischeil die Gott und Welt nun einmal einen Ab­grund gelegt haben, da mögen nun die Philanthropen und Idealisten sagen, was sie wollen. Darüber brauche ich dir nichts zu erzählen^ das weißt dll allein und stimmst miv bei selbst wenn dll dir ins eigene Fleisch schneiden mußt, dazu bist du viel zu ehrlich, gegen andere und gegen dich selbst lvas ,licht immer das Leichteste ist. Erspare mir also eine jruchtlose Wiederholung dessen, was schon un- zähligenlal nicht nur in unseren, sondern in allen Kreisen gesagt worden ist: Künige haben es ihren Thronfolgern gesagt, die dem Volte nnebenbürtige Frauen als Königinnen ausdrängen wollten, vielleicht aus Krone unfr Reich ver­zichteten und damit einen ererbten Wirkungskreis Preis­gaben, bem sie mit ihrer jungen Kraft zum größten Segen gereicht hätten. Und der Bauer hat es zu seinem Sohne gesagt, der die Hienstmagd vom Hof holen und sie an der Eltern Tisch als Herrin sehen wollte. Das ist nicht die Theorie des Hochmuts, Harry, sondern ein uraltes Gesetz, und der Beispiele, daß man es nicht ungestraft verletzt, sind Legionen, öffentlich oder heimlich. Meine Hand bieten zu etlvas, was gegen meine feste, auf ernster Lebenserfah­rung beruhende Ueberzeugung ist? Nein. Dem lieb­sten. deni einzigen Menschen ans Erden, den ich habe, die Weae ebnenizn dem, was ich unter allen Umständen einen gesellschaftlichen Niedergang nennen müßte? Nein! Ihm Helsen, sich dem Berus, dem er mit Leib unb Seele ergeben ist, um eines schönen Mädchens willen zu entziehen ? Nein, Harry dazu biete ich meine Hand nicht. Unmöglich kann ich das Denken und Fühlen eines ganzer! langen Lebens verleugnen, nur deine Verbindung mit der hübschen Toch­ter eines polnischen Händlers zu ermöglichen. Tn wirst das begreifen, aber nicht begreisen würdest du, wenn ich sagte: Mem Kind, es freut rnich, daß du liebst und geliebt wirst, darrn liegt das höchste und einzige Glück und Heil des Lebens. Geh hin. ziehe des Kvnlitzs R!ock aus!, mit deinen sechsundzwanziß Jahren, und heirate in die Familie Korro- lewski und tritt getrost in ihre Kreise ein. Der Mann geht immer in die Familie der Frau über. Sie zieht ihn hinab, wenn sie unter ihm steht, er sie aber sehr selten hinauf. Was ich da sage, mag ja nicht aus alle Fälle passen auf die meisten paßt es. Und diesen Fall als eine

Ausnahme zu betrachten,' jehlt mir jede Veranlassung. Was ich dir bisher an ^ubsistenzmittetn aab, werde ich dir auch ferner geben, mehr nicht. Wenn oit davon eflnei Häuslichkeit, eine Familie gründeir ivillst und für die Zu- kunst auf meinen Tod wartest, so lverde ich dich nicht hin­dern. Aber dir zu dem verhelfen, ivas ich ein Unglück für dich nerme, nein, Harry nein, das tue ich nicht."

Sie hatte das alles mit ihrer gewöhnlichen, etwas ton­losen und trockenen (Stimme gesprochen, ohne jede Aufregung, die mich herausgesordert hätte, ihr ins Wort zu fallen, fast im Tone einer durchaus objektiv gehaltenen Betrachtung. Die Hände ruhig übe reinandergelegt, sah sie still hinaus zu dent großen Oelbilde ihres Vaters, meines Großonkels, in der Uniform der Flügeladjutanten, das uns gegenüber an dev Wand hing, vom letzten roten Abendschein seltsam über­leuchtet.

Eili starres tödliches Schiveigen trat ein. Ich tvußtc, daß sie ihr letztes Wort in dieser Sache gesprochen hatte... ich kannte sie seit zwanzig Jahren. Die Stirn in die Hand gelegt, damit sie meine zuckenden Lippen nicht sehen sollte, saß ich eine Weile regungslos. Dann raffte ich rnich zusam­men und erhob mich. Stumm starch- ich vor ihr. Aber sie wandte den Blick nicht von dem Bilde, und während dieses abwehrenden Hinsehens wurden ihre feinen, scharfen Züge denen des stolzen, klugen Männerkopfes dort oben außer-» ordentlich ähnlich.

Lebe wohl, liebe Tante," brachte ich endlich heiser her­aus.Ich will gehen."

Jetzt schaute sie auf und nickte.

Lebe wohl, Harry. Zu überlegen brauchst du dir das alles wohl nicht?" fragte sie kalt.

Nein."

Sie nickte ein paarrnal vor sich hin.

Ich ich fahre jetzt gleich wieder zum Bahnhof," sagte ich,dann erreiche ich den Zug nach Zwielüsch noch. Oder wünschest du, daß ich noch bleibe?" fügte ich zögernd hinzu.

Wenn es einen Zweck hätte, Harry, wenn eine Um­stimmung bei einem von uns denkbar wäre aber "

Wir sahen uns an Niemals werde ich ihren Blick vergessen. Es lag kein Schmerz, kein Zorn, kein Vorwurf darin, etwas viel Schlimmeres, eine kühle Gleichgültigkeit, wie man jemand ansieht, der gar kein Interesse mehr für uns hat, den man nicht entfernt versteht oder verstehen niöchte...

Ich werde dir schreiben, Tante Lalli."

,>Ja, schreibe mir," sagte sie gelassen, stand ans und ging ans dem Zimmer. Ich fuhr zur Bahn und erreichte knapp den Zug. Man glaubt an symbolische Winke des Schick­sals, aber es würde mir, wenn ich den Zug verpaßt hätte, nicht eingefallen sein, bariit eine solche Mahnung zur Umkehr zu erblicken, um es noch einmal bei der Tante zu versuchen. Da war nichts mehr zu wollen, wenn sie einmal nein gesagt» hatte. Sie will mir nur geben, was sie mir bisher gegeben, das heißt meine feste Zulage von monatlich dreihundert Mark. Das will und muß ich annehmcn. Ich fühle auch keine Veranlassung, jetzt den Stolzen zu spielen und es zurnckzu- weiscn, und ich darf das auch gar nicht, denn ich habe nicht mehr nur für rnich allein zu sorgen. Die reichen Geschenke aber, die meinem Einkomuren gegenüber sehr bedeutende Summen waren, zu Weihnachten, zu Geburtslagen, zu den verschiedenen Urlaubsreifen und neuen Anschaffungen die fallen weg. Ans die will ich verzichten, selbst wenn sie das nicht wünschte. Für meine standesgemäße Existenz zu sorgen, hat sie sich verpflichtet, als sie mich an Kindesstatt annahm das ist etlvas andres. Aber mir etwas schenken lassen, sei es auch aus Gutherzigkeit, aus Mitleid mit mir und meinem Weibe niemals! Niemand auf Erden dürste das, und wenn es meine eigene, wirkliche Mutter wäre niemand, der mein Weib achtet...! Still da komme ich an eine Grenze, über die meine Denkkraft nicht hinüberreicht. Ich will lieber bei dem bleiben, was mir jetzt zunächst liegt)! was habe ich zu tun zu lassen? Zu tun vorerst: des Kölligs Rock ausziehen ...

Apollo verkaufen...

Es lvird genug Menschen geben, die mit mir wissen, was es heißt: alles opfern, um eines zu erreichen.

(Fortsetzung folgt.)