3ns Oaradies der Lrdr.
Roman von Ada von Gersdorsf.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Zweiter Teil.
Von Oberstwachtmeister Granstedt, der provisorisch das Regiment fährt, habe ich Urlaub -auf vierunozwauzig St n^ den nach Berlin erhalten. Ich will mir von Dante Lalli, meiner zweiten Mutter, die immer so gut und verständnisvoll für mich war, mein Lebensglück erbitten. Mit ein paar Mark, die sic selbst nicht entbehren wird, kann sie es mir schaffen. Mir ist so zuversichtlich zumute, wie wohl jedem Menschen, der klar weiß, was er will und wovon nichts in der Welt ihn abhält. Darin liegt die Wurzel der Tatkraft, -glaube ich. Handeln zu können, känlpsen zu dürfen tun einen Preis, ist etwas Herrliches. Aber das geduldige Ab- wartenmnssen, das Hoffen und Harren ist unerträglich, das macht schlaff, mutlos, feige! — Freilich denke ich mir's schöner, wie in alten Zeiten um das geliebte Weib aus edlem Streitroß, das Schwert in der Faust, zu kämpfen, als zu einer alten, wenn auch noch so lieben Dande zu fahren und ihr mit Geldwünschen zu kommen ...
Betzingslöwens sind fort, ziemlich plötzlich nach Italien abgereist. Der Oberstabsarzt hat es dringend gewünscht, der Frau wegen, die unser Klima nicht verträgt mit ihren zarten Atmungsorganen.
Zw ietitsch. Mein Besuch bei Tante Lalli liegt hinter mir und nun sitze ich wieder hier und schreibe: denn dabei kommt man am besten zu Ruhe und Klarheit. Man geht beim Medenchr eiben logischer vor. Die Gedanken wirbeln nicht mehr so toll und zusammenhanglos herum, und be dächtig scheidet man,Wichtiges und Unwichtiges voneinander. Am liebsten möchte ich viernndzwanzig Stunden lang gar nichts denken. Nach dem, was in so großen wilden Welten über nlich kam, fühle ich mich jetzt nicht in der Verfassung znnl richtigen Handeln. Und doch habe ich keine Zeit zum Abwarten.
Tante Lalli saß in ihrer bunten Wohnstube, als ich bei ihr eintrat, aus ihrem großen buntgeblümten Ecksofa und stickte an cüiem großen bunten Muster mit vielen bunten Seidenfäden, die ans dem Tisch ansgebreitet lagen. (So viel ehrwürdiger bunter Kram aus uralten Zeiten sah mich hier an. Mölbel, die jetzt Antiqnitäteruvert hätten. So viel alte, liebe, bekannte Gesichter — lauter Rohns an den Wänden, darunter Tante Lalli als Vierzehnjährige irr einem weißen ausgeschnittenen Ballkteide, mit einem kolossalen Rosenkranz in blonden Ringellocken. Uebera.lt Wappen uttb Doppclwappen — llra.de! und Schwertadcl und Briefadel. Ob immer Herzadel? — Dem wollte ich hier ein Heim schaffen durch -meine Unterredung mit Tante Lalli, der letzten uuvermählten Rehn ans dem Hopse Trach.
Gelbe dichte Gardinen hingen an den Fenstern und ein seltsam warmes, altmodisches Licht lag über all den vergangen»! Menschen und Zeiten, die hier ihre stumme Sprache redeten.
Mir wurde ganz warm, ganz gemütlich in dieser alten Stube. Hier hatte ich immer gestanoen, wenn ich der Tante dringende und ost törichte Knabenwünsche vortragen wollte, die sie ja ost erfüllte, ost aber auch mit ihrem großen „blauen Blick" und den ein bißchen spöttisch bebenden Nasenflügeln ablehnte. Aber zu berechnen war das nie bei ihr. — So recht behaglicher Friede lag über dem alten bekannten Stilleben hier, den Bildern und S.ickereien, ime der Abendsonnenstrahl in den schmalen verschnörkelten Pfeilerspieg ln, den grün und roten Glasvasen, den Dosen und golu gen Nippes aus dem breiten Kaminsims schillerte. Hier war so gar kein Schauplatz für die düstere Tragik des Schicksals, für zerstörtes Glück, für zerrissene Liebe.. Ich konnte mir mein wunderschönes Lieb in seinem einfachen Tuchkleide so gut hierher denken in den kleinen goldenen Sessel mit dem Seidenroscnmuster neben Tante Lallis Platz.
Sie legte ihre Stickerei hin und ihre großen blauen Augen leuchteten mich sreundlich an, als sie mir ihre dünne weiße Hand mit dem großen Wappenrrng, den sie nach einer uralten Mode aus dem Zeigefinger der Linken trug, zum Kuß entgegenstreckte. Dieses Kleid mit den gelben Blümchen in der grauen weichen Seide hatte sie an gehabt, als sic mir Apollo schenkte und in ineinen Ueber mut zur Kavallerie einwiUigle. Ich wußte jetzt im ersten Moment nicht, sollte ich ihr meinen neuesten Lebenswunsch leicht und heiter vorlragen, voll fester Zuversicht, daß sie ja gar nicht.anders könnre, als uns zu helfen, oder sollte ich einen ernsten Ton anschlagen, in dem sich meine bange Sorge verriet, mit meiner Bitte abgewiescn zu werden.
„Du kannst dir wohl kaum denken, liebe Tante, was mich herführt," sagte ich, mich zur Ruhe zwingend, nachdem ich ans die üblichen Fragen nach ihrem Befinden besriedi gende Antwort erhalten hatte, und setzte mich auf den großen Wappenstuhl, der ihr gegenüber am Tisch stand, derselbe Stuhl, an dessen Lehne ich mich immer als Junge angeklammert hatte, wenn ich ein Anliegen von Bedeutung an sie hatte, und ans dem ich zuletzt vor fünf Jahren iit schwerer Stunde gesessen hatte.
Sie legte das große runde Vergrößerungsglas auf das bunte Muster, steckte die lange Sticknadel iit den Roserin vpich, an dein sie arbeitete, lehnte sich ein wenig im Sofa zurück und sah mich, wie damals, als ich, ein blutjunger Leutnant, eine größere Geldsumme von ihr erbat und ihr nicht sagen konnte wofür, mit einem Blick an, der an blaues Eis erinnerte. Dieser Blick machte mich aber jetzt nicht verlegen. Er steifte mir nur den Nacken und versetzte mich in die erforderliche ernste Stimmung.
„Meinst du, mein Sohn," fragte sie, „ich wüßte nicht, was dich „auf viernndzwanzig Stunden zu einer dringenden


