Ausgabe 
30.1.1915
 
Einzelbild herunterladen

Beruf stieg er immer höher, wurde 1868 Oberkonsistorialrat, Prälat und Oberlwsprediger und verbreitete nun duvcl) die Wärme seiner Persönlichkeit und die ideale Kraft seines Wirkens überall Liebe und Trost, bis er am 14. Januar 1890 nach einem weihe- vvotlen Abschied von den Seinen die Seele aushauchte.Natür­liche Würde umgab seine äußere Erscheinung, weihevolle Hoheit seine pri elterlichen Handlungen," so schildert ihn Rudolf Kraust in seiner Schwäbischen Literaturgeschichte.Als ernster Mahner, als liebreicher Tröster nahte er seinen Beichtkindern. Und wie verstand er beim Konsrnnandenunterricht^ die Herzen der Jugend au fassen, für das Göttliche im Menschen zu begeistern und zu werben! Doch die höchste Pflicht und das teuerste Vorrecht seines Berufes erblickte er iu der Predigt, der er zeitlebens ungemeine Sorgfalt -nwandte. Er, der gefeierte Redner, betrat nie ohne püuftlicte schriftliche Vorbereitung die Kanzel. Seine Predigten tvareu strenge logisch durchdachte und gegliederte Kunstwerke, durch die tadellose Klarheit ihrer Anlage und Ausführung für jedermann verständlich, durch die Weite und Freiheit ihres Horizontes für jedermann an­ziehend. Da stand kein strenger Sittenrichter, kein donnernder Buh­prediger. vielmehr ein liebevoller Verkündiger des Evangeliums der Liebe. Die vollendete Schönheit der Form, der poetische Hauch, der sich über die Darstellung ausbreitete, gewährte Kennern noch einen besonderen ästhetischen Genug." Seine dichterische Be­gabung. die rucht groß genug war, um sich iu machtvollen Werken zu entladen, tvar doch so echt und rein, daß sie fein ganzes Wesen und Weben durchstrahlte und in- seinen Predigten. Vorträgen und Aufsätzen nicht minder zum Ausdruck kam als iu seinen Gedichten. Leicht und mühelos formten sich ihm die tvohllautenden Verse, und auf seinen abendlichen Spaziergängen über die Höhen Stutt­garts pflegte er im Kopse seine Lieder zu entwerfen. Es ist in seiner reichen Produktion auch viel Unbedeutendes entstanden. Doch seine schönsten Strophen haben den vollen und lauteren Klang einer echten Dichterseele, und so ist das schöne Denkmal Adolf Donndorfs, das ihm an der Stuttgarter Schloßkirche errichtet wurde, nicht nur ein sichtbares Zeugnis der Verehrung, die ihm Tausende seiner Psarrkinder über das Grab hinaus bewahrten, sondern auch eine Huldigung für den Dichter, der der Poesie des christlichen Hauses und des deutschen Wesens so manch dauerndes Lied getveiht. _

Permifcbtc#«

* W i e der Advokat zum Schlächter wurde. Von einem Glanzstück der französischen Mobilmachung erzählt Pierre Mille imTemps", indem er ein lustiges Erlebnis, das er jüngst hatte, mitteilt. Er trifft auf der Straße einen Soldaten ztveiter Klasse in einer abgerissenen uird beschmutzten Uniform, der ihm sehr bekannt vorkommt. Richtig! Das ist ein alter Studienfreund und bedeutender Rechtsgelehrter. der als angesehener Advokat in Paris wirkte. Außerdem gehört er bereits dem zweiten Aufgebot der Territorialarmee an und ist in einem Alter, in dem man im Falle eines Krieges eigentlich nur noch nach Maßgabe seines Berufes verivendet tverden soll. Wie kommt der Mann in die Uniform? Mille spricht ihn an und begrüßt ihn mit den Worten: Du hast dich also freiwillig gemeldet? Das ist aber schön und großherzig von dir."Ich?" antwortet der andere in einem friedlichen und traurigen Ton.Durchaus nicht. Ich bekam aber eine Gestellungsordre, daß ich mich am dritten oder vierten Tage der Mobilmachung melden müßte. Ich glaubte, man würde mich als Kriegsgerichtsrat anstellen wollen; aber auch wenn man mich noch ein paar Wochen ausgebildet unb dann zur Front geschickt hätte, wäre ich zufrieden gewesen. Aber was geschah? Man schickte mich nach Billette ins Schlachthaus. Ein Hauptmann nahm dort meinen Paß, schlug in einem großen Register nach und fragte: Dubourg, Louis Amedee, Klaffe 88, 256, 5. Kompagnie. Sind Sie dieser Dubourg?... Führen Sie den Mann nach der Kal- daunenmack-erei." Und so wurde ich Kaldaunenmacher, wenn du maus dagegen Haft. Das Schlachtl-aus liegt bekanntlich vom Justizpalast ziemlich weit entfernt, und ich hatte bisher versäumt, diese Sehenswürdigkeit kennen zu lernan'. Meine Arbeit wurde mir daher nicht leicht, denn ich hatte von der richtigen Herstellung der Kaldaunen keine Ahnung. Ich gab mir die größte Mühe, aber der Sergeant schnauzte mich furchtbar an, und eines Tages sagte er zu mir:In was für einem Schweinestall hast du eigentlich bisher gearbeitet, mein Junge?" Diese Ungerechtigkeit empörte mich, und ich wagte zu erwidern:Ich habe niemals in einem Schweinestall yearbeitet. Herr Sergeant."Na. was hast du denn dann als Zivrlist getrieben?" schrie er nun wütend.Eine an­ständige Wurst hast du sicher nie gemacht."Allerdings nicht," antwortete ich mrt möglichster Sanftmut.Ich bin immer Advokat gewesen." Die andern Schlächter-Soldaten hatten mich schon vor­her mit meinem Advokatenberuf nicht schlecht geuzt. Dem Ser­geanten aber ivar es zu viel, daß ich auch ihm gegenüber so etlvas zu behaupten wagte.Das ist eine unverschämte Lüge," saate er. Nur Schlächter von Beruf sind zu Militärdiensten nach dem Schlachthaus abkommandiert worden." Man studierte mm meinen Militär paß und meine Papiere, und da stand denn zu lesen: Magister der schönen Wissenschaften und Künste, gute Kenntnisse der Muslk, Doktor beider Rechte, Schwimmer, hat bei der Revision

des Code Tripier nritgearbeitet." (Tripier hasten auf französisch die Kaldaunenmacher: es ist aber auch zugleich der Name eines großen Rechtsgelehrten, der ein noch heute maßgebendes Gesetz- buch verfaßt hat.» , Tripier! Da haben wir- ja," ries der Sergeant. Was willst du driiu eigentlich?" Ich konnte noch so viel ant­worten, daß das keine Kaldaunen, sondern ein Gesetzbuch sei. Mau schenkte mir keinen Glauben., ilnd so mache ich denn lveiter iXoü dannen und habe es darin ziemlich weit gebracht. Wenn du mal nach dem Kriege zu mir kommst, will ich dir von mir eigenhändig verfertigte Fleischwaren vorsetzen."

* Die Tango-Gefahr tu Paris. Kann der Tailgo wieder zu neuem Leben erwachen? Diele Frage wirft ein Pariser Blatt mit sorgenvoller Mieite aut und lenft die Äuimerlsamkeit ans traurige Anzeichen, die das nicht liiiinögtich erscheinen laßen. ES gibt einen kleinen Teesäal in der Nabe der Rue de la Paix, ivo eme der wenigen Kapellen, die noch in Paris existieren, ver- sührertsche Tangoinelodien ertönen läßt. Zwar hat bisher noch nleinand z»l tanzen ge,vagt, aber der Moralist lveift aui das ^ tanzen in den Augen, ani das rhythmische Wieaen der lttlieeer bet den Teetrinkern und besonders den ^eelrinkertnneii h»n und meint, daß die (ttefabv der Wiederkehr der Tanao-Teuche sehr groß sei. wenn man nicht streng verbiete, noch irgeiidivelche Tangoinelodien zu spielen.

Die Küche im Kriege.

(Nachdruck dringend erwünscht.)

Graupensuppe: Man schneidet Sellerie, Lauch, Mohrrüben, auch etwas Wirsing imb weiße Rüben, alles recht sein, schmort eine seingeschnittene Zwiebel in Butter, bis sie durchsichtig ist, und kocht dann alles mit Graupen zusammen lan-gjam weich. Entweder rührt man nachher das Gan^e durch und tut, wenn man will, noch ein Eigelb daran, oder nmu läßt das ganze Gemüse darin.

S t e ck r n b e n nt 1 1 Kartoffeln und Schweine­bauch. 1 kleitte Stockrübe oder 00 Gramm getrocknete Steck­rüben, 3 Pfund Kartosseln, V, Pfund Schweinebauch, Salz, Pfeffer. Die Steckrübe wird geschält, in Streifen oder Würfel geschnitten, gewaschen, in kochendes Salzwasser geschüttet, mit dem Fleisch, Gewürz und Kartoffeln langsam gar­gekocht. (Etlva für 4 Personen berechnet.)

Rätselhafte Inschrift.

Ter Wanderer findet an der Felswand eine Anzahl Söud^ staben entgegraben. Was mögen die Zeichen wohl bedeuten?

Auslösung des magischen Dreiecks in voriger Nummert A L Ci E N LEAR G A D E R N

Schristle.tnng: Ang. Goch. - Rotationsdruck tnid Verlag der Brnlü'scben Universitäts-Buch- und CEeindrnckerei, N. Longe, Gießen.