Ausgabe 
30.1.1915
 
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wtlk, zahlt einen beftirmntett nwnaMchen Mindestbeitrag oder mich mehr es gibt keine obere Grenze. Bon den gesannnelten Beträgen werden die Künstler und Künstlerinnen honoriert, die sich an diesen Stunden vor den strickenden Damen hören lassen

Künstler und Künstlerinnen Musiker und Schauspieler und anders denen der Krieg die Erlverbsmöglichkeit abgeschnitten oder beschränkt und sie in eine bedrängte Lage gebracht hat. Diesen gebildeten und schwerbetroffenen Menschen, unter denen sich solche mit Namen von bestem Klang befinden, soll kein kränkendes Almosen, sondern Beschäftigung und Verdienstmög- lichkeit geboten werden das ist Sinn und Zlveck dieser Strick­nachmittage, die sich in diesem Kriegswinter in Berlin und vielen andern Städten eingebürgert haben, und die nebenbei noch eine Unmenge Warmgestrickteo fürdie da draußen'" ent­stehet! lassen. Eine echt weibliche Erfindung, in der Wannherzig­keit, praktischer Sinn und soziales Verständnis aufs glücklichste -nsammengewirkt haben. Man schlägt die verschiedensten Fliegen mit.einer Klappe, intern man für die Erwärmung der tapferen Truppen sorgt, die Kunst fördert, sie genießt und zugleich das Unausrottbare gesellige Bedürfnis der Frau befriedigt, das der Krieg ioohl beeinträchtigen, aber nicht vertilgen konnte. Sehr schnell hat sich denn auch die Idee ans kleinen Ansängen heraus iu ungeahnter Bedeutung entwickelt. Zentralstellen bildeten sich, die die Meldungen der Künstler sichteten, bei Bildung neuen Strickkreise Rat erteilten und für eine gerechte Verteilung der Vortragenden, die zugleich den individuellen Bedürfnissen der ein­zelner Kreise entsprach, Sorge trugen. Es fehlt weder an Frauen, die gern bereit lind, tem guten Zn eck Zeit und etwas Geld zu opfern, noch an solchen Glücklichgestellten, die ihre schönen Räume den strickenden Scharen öffnen. 9lnch die großen Franen- klubs tun jetzt das.Gleiche.

Jnteß dem Neuling dies erklärt wurde, sind wir in den Mufiksaal eingetrcten, einem wundervollen harmonischen Raum von gedämpftem Farbenreiz, die strenglinige und stilreine Schöp­fung eines feinsinnigen Architekten, und sehen uns nach einem freien Plätzcten um, das kaum noch zu finden. Dieser und die anstoßenden Räume sind schon dicht gefüllt zwanglos, um runde gemütliche Tische vereinigt, sitzt ,. Ganz-Berlin" und strickt? Jung und alt, dick und dünn, schön und minder schön läßt die Nadeln klappern würdevolle Exzellenzen neben kleinen nied­lichen Unbekannten und den Frauen von Finanzgrößen be­kannte Künstlernamen werden uns zugestüstert! Frau F., Frau S. ?

eine ganz große Schriftstellerin, eine Hofschanspielerin und eine der entzückendsten Tänzerinnen stricken am gleichen Tisch, als haben sie nie elivas anderes gekannt. Malerinnen sind da. bie jede andere Farbe als das Feldgrau eines Soldatenschals ver­schworen zu haben scheinen. Eine vielgenannte Sängerin hat die künstlerische Leitung übernommen, tritt jetzt, beifällig begrüßt, an den Flügel und bittet um Gehör für eine junge Kollegin. Ein sympathisches blondes Mädchen in einem schmucklosen Kleidchen verneigt sich ein wenig verlegen und beginnt:.

Du bist Orplid, mein Land, das ferne leuchtet. .

Bei den oft gehörten, wunderbaren Tönen werden die klap­pernden Nadeln stiller Krieg und Kriegsgesckirei versinken die Sehnsucht nach Elysium, nach dein Land des Friedens und der Schönheit, die aus diesem Lied aller Lieder strömt, findet ein Echo in bewegten und aufgewühlten Herzen. Als der letzte Ton verklingt, ist es ganz still, bis dann der Beifall um so stärker einsetzt. Dankbar läckjelnd empfindet die junge Mnsllerin den Strom von Verständnis und Sympathie, der ihr entgegen­flutet. Jemand kennt sie und erzählt flüsternd, daß sie filr diesen Winter für eine Reihe von Konzertreisen engagiert war ... die besten Hoffnungen hatte . . . auch die sind nun vom Krieg zerstört . . . wie so vieles andere . . .

Die Sängerin wird von einer Geigenspielerin abgelöst. Tann folgt eine kleine Panse. Ter Neuling wartet umvillkürlich aus das Hereinrollen des Teeivagens mit all seinem süßen und pikantere Zubehör aber nichts dergleichen geschieht, niemand kredenzt den gewohnten, duftenden Trank. Am Stricknachmittag gibt cs nur künstlerische, keine nrateriellen Genüsse. Das ist bei der Begründung dieser Veranstaltungen ausdrücklich zur Bedingung gemacht: die Wirtinnen sollen n u r die Räume bergeben und weiter keine Kosten oder Unbequemlichkeiten haben. Diese sehr verständige Vorschrift wird streng innegehalten, und ebenso streng hält man sich an die zweite Vorschrift, die jeden Toilettenlnrns verbietet. Keine Mode- schan von raschelnden, extravaganten Seidenkleidern mit oder ohne Schlitz keine Reiherhüte! Einfach dunkel gekleidet, oder in Straßenrock und Muse, deuten diese Damen schon äußerlich an, baß es sich hier nicht nur ein ModevergnÜgen hantelt. Die Hüte find klein und unauffällig, wie nran sie zu morgendlichen Besor- gnngsgängen trägt das, was nran im vielgeliebten Ostpreußen ..einen Lmn'hut" nennt. Und merkwürdig: das Bild ist tror>dem nicht unerfreulich: so paradox es klingt: mie viel besser sich unsere Damen heute anzuziehen verstehen als früher. das sieht man hier. Iva sie sich einmal gar nichtangezogen" haben, vielleicht am besten.

Während wir Toiletten sind int trieben, hat ein junger Mann, von der liebenswürdigen Leiterin alsfeldgrauer Schauspieler" eingefübrt, den Vortragsplatz eingenommen, und wirklich schmückt den leichtverwundeten Zurückgekehrten das feldgraue Gewand, tem alle Herzen zn fliegen Auch wenn er weniger gut läse als er liest, kvi'lrde ihm dies Kleid und die Wahl seines Programms den Bei­

fall sichern. Denn natürlich liest er K'riegHsyrjk einige der vielen, ans der Begeisterung der Stunde geborenen, mehr teer we­niger schwungvollen und zündenden oder rührenden, in jedem Fall aber ehrlich empfirndenen Poesien wie sie letzt in nie dagewe euer Fülle geschrieben, veröffentlicht, komponiert, gesungen und detla- miert werderr.

So fließen zwei Stunden im Fluge dahin. Als sieben Sck)läge der schönen alten Standuhr zum Ausbruch mahnen, packt man mit Bedauern seinen Strumpf zusammen, der ein erfreuliches Stück gewachsen ist. Man nickt seinen Bekannterr zu, drückt der Wirtin die Hand, sagt den Künstlern ein paar freundliche Worte, freut sich im Durchschreiten der Halle über die niedlichen Kinder des Hauses, die, artig auf den Treppenstufen sitzend, gleichfalls ge­strickt und zugehört haben, und versucht an die Garderobe zu gelangen, wo ein Gedränge herrscht wie nach einem wirklichen Konzert. Endlich löst sich das Chaos, in glücklichem Besitz von Mantel, Muff und Hut treten wir aus tem gastlichen Hanse und erleben eine wundervolle Ueberraschung: es hat geschneit.. . End­lich? Der Park hat sich in einen silberglänzenden Märchenwald verwandelt, in dem jedes Aestchen überzuckert ist. Hoch oben scheint der runte Mond durch zerrissene Wolken auf die weiße Pracht. Es lockt zu einer nächtlichen Winterwandernng. Der Strom der Gäste verliert sich schnell nur ans der Ferne tönt noch ern: Ans Wiedersehen über acht Tage! Dann Stille

wunderbare, tiefste Stille-gibt es so etwas me tfxieg?

Er erscheint fremd und unwahrscheinlich. hier in Frau Holles Zauberreich. Wir schauen zurück. Der Mond steht über dem slerlen Dach des Hauses die Lichter in den Fenstern erlöschen erns nach tem andern. Der Stricknachmittag ist zu Ende.

Der Dichter derpa menb!ätter" lin­desEichenlaubes".

(Zum 100. Geburtstag von Gerok.)

Palmenblatt und Eichenlaub, die beiten Symbole, di« er ziveten seiner berühmtesten Gedichtsammlungen zum Titel gab, kann inan überhaupt als Sinnbild und Wappen über Leben und Dichten Karl Geroks stellen, an testen 100. Geburtstag uns der 30. Januar erinnert. Dieser erfolgreichste religiöse Dichter, den Deutschland im 19. Jahrhundert besessen hat, führte ja nicht nur das heilige Zeichen des Friedens in seinem Schilde, sondern als glühender Patriot zugleich auch das Zeichen deutschen Wesens, das Eichenblatt.Eichenlaub"" hat er das erste Buch seiner vater­ländischen Gedichte genannt, das er 1870 veröfsen"ichte. Der Kdneg um Deutschlands Einheit, die Siege unserer W..,,en begeisterten den schwäbischen Geistlichen so stark, daß er feine bis dahin nur frommen und zarten Tönen geweihte Leier aus einen helleren kräftigeren Ton stimmte, in dem sich tem Orgelklang des Dankes an Gott der jubelnde Posaunenton der freute am Vaterland harmonisch gesellte. Neben Geibel uird Frerligrath steht so Gerok als der beste Kriegsdichter jener großen Zeit vor 44 Jahren, unv die zahlreichen Lieder, in denen er die großen Ereignisse von der Kriegserklärung bis zum Siegesfeste b^leitete und die er dann 1671 in einem BandeDeutsche Ostern"" sammelte, sind weit ins Volk gedrungen, haben ihren Ehrenplatz in vaterländischem An- tologien und Lesebüchern und lassen uns heute Geroks Muse, diese fromme, züchtig in Schleier gehüllte Jungfrau, der doch auch der freundliche Scherz und das begeisterte Pathos nicht fehlten, im Lichte einer neuen Jugend erscteinen. Ms einem stillen und friedlichen Leben^ einem echt schwäbischen Idyll voll tüchtigen Wirkens und leiier Schlvermnt, sind die poetischen Blumen ent­sprossen, die Gerok unermüdlich zu schlichter! aninntigen Sträußen gebunden, mochten sie nunPfingstrosen"" heißen oderBlumen und Sterne"" oder wie sein SchwanengesangDer letzte Strauß". In seinen schönen, das Leben und Weden ter Heimat so zart mis- sangenten und darftellentenJngenderinnnngen"" hat er Eltern­haus, Schulzeit und Studienjahre in kulturgeschichtlich wert­vollen Bildern geschiltert. In eincrn Pfarrhaus rvard er anr 30. Januar 1815 geboren zu Vaihingen a. d. Enz, ter Vater Diakonus. nachher Prälat und Generalinperintendent. die Mutter eine Pfarrerstockster. Schon in tem vorzüglichen Schüler des Stuttgarter Gymnasinins regte sich die Liebe zur Dichtung: daneben zeichnete und malle er mit Talent. Der Inbegriff alles irdiscl-en Glücks ersclficn ihm schon damals ein trautes Fainilienleben zu sein, wie er es in den Dickstungen seiner Lieb­lingspoeten, Paul Gerhardts. Matthias Claudius und seines schwäbischen Vorgängers Altert Knapp ausgedrückt fand. Als einstill erzogenes Haussöhncl>en" kam er im Herbst 1839 aus die Tübinger Universität: D. F. Strauß und F. Th. Bischer waren seine Lehrer, Schleiermacher sein Führer in die Welt des Christentums. Bald hatte er es zum Vikar gebracht, und die Welt lag im goldigen Sonnensrieten vor ihm. bis ter jähe Tod eines jungen Mädckx'ns, dessen Anblick ilpn süte Hoff­nungen erweckt hatte, einen Sckrattenschleier ter Melancholie über den Glanz legte. Aus solctem Seelenfrieden, gepaart mit Sckiwer- mut, sind finne schönsten und erlebtesten Lieder entstanden. Sie traten 1857 in denPalmenblättern'" an die Oeffentlichkcit, die ihm. einen ungewöhnlich großen Erfolg brachten und ihn mit einem Schlage auf oie Höhe deS RnlMes hoben. Auch in seinem