Ausgabe 
30.1.1915
 
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in neckischer Zärtlichkeit meine Lippen mit ihren zierlichen Fingern berührte.

Warum bist du denn aus einmal so still, Harry?". Wie reizend mein Name klang mit diesem fremdartigen Akzent.Woritber denkst du so ernsthaft nachr" fragte sie, ihre seidige Haarfülle gegen mein Gesicht drückend.

O Geliebte, nur immer über das Eine, .Höchste denke ich nach über unsre Liebe, unsre Zukunft, über die großen Schwierigkeiten, die fast uuüberstciglich schienen, wenn ich dich nicht so namenlos liebte..

Weißt du, welche von allen Schwierigkeiten die unüber- steiglichste ist?" sagte sie, während die weiche, zärtliche Stimme buntler wurdedaß du daneben noch eine andre große Liebe hast, die älter ist. Jetzt fühlst du diese nicht so! Das ist, »vie wenn man zwei Wunden hat, von denen die grö­ßere die kleinere vergessen macht, bis sie zu brennen aushört: daun säugt die andre au, die zuerst nicht beachtet wurde."

Tatiana?" rief ich erschrocken,»vas redest du da? Ich ich sollte neben dir eine andre Liebe haben! Eins ältere noch? Ich habe nie, nie eine gehabt. Denn »venn ich liebe, Tatiana, dann liebe ich so, wie ich dich liebe, vom ersten Sehen an mit allem, »vas ich bin und habe, was in (mir war und ist und sein wird an Krast und Glut und Treue. Diese oder keine, keine je im Leben? Diese für immer! Diese ganz, ganz allein? Denn so kann ein Mann nur einnial im Leben lieben. Solche Liebe verzehrt alles andre in ihm."

,/OH vH. nicht so? Bitte? Bitte? Das ist gefährlich, das ist Sünde, das ist ein Unglück für dich und für mich," flüsterte sie angstvoll, die Hand abwesend aus meinen Lippen, und die großen schwarzen Augensterne hatten etwas Düsteres, Warnendes bekommen und das ganze Gesicht erschien plötzlich herber und reifer.

Einen Moment lang sehen wir uns beide an, als wolle das eine in das tiefste Innere des andern dringen, um das Stückchen Heimlichkeit zu erkennen, das im Grunde des Herzens sich vor dem scharfen Auge der Liebe bang zu verbergen suchte.

Sag, welche Liebe meintest du neben der zu dir, Tatiana?" fragte ich, meine Stimme dämpfend, in ruhi­gem, fast scherzendem Ton.

Die Liebe zu deinem Berus, Harry."

Als ich schwieg, fuhr sic mit immer leiser werdender Stimme fort:Die ist älter, die ist so alt wie du selbst: dieser Liebe kannst bu dich gar nicht so ohne weiteres entaußern, wie du glaubst."

Nun, vielleicht wer weiß," stammelte ich ein wenig unsicherBerufssoldat kann ich nicht bleiben," fügte ich fest hinzu, ,chas siehst du ein, so wenig wie meine Seele auch nur im Traum daran denkt, dich aufzugeben. Soll ich für solch Glück, für solch lebenslange Seligkeit gar kein Opfer bringen wollen, gar keinen Kamps kämpfen, um dich mir als Stegespreis zu erobern, wie ihn kein Mann sich herrlicher wünschen kann?"

Da legte sie ihre Hand aus mein Haar wie einst Wanda Wietersberg und sagte mit einem Ton, der säst etwas Mütterliches hatte und etwas Bekümmertes dabei: Du träumst ... du bist nicht ganz wach^ Harry ... Sieh, das Leben ist laug und ändert sich in jeder Stunde, nichts bleibt, wie es heut ist, und die Liebe wird auch anders."

,/O du feine, achtzehnjährige Weisheit," sagte ich bewegt und umschloß mein Glück mit beiden Armen,welch ein be­neidenswerter Mann bin ich! Aber das mußt' ich ja, als ich dich sah, deine ernste nachdenklick)e Seele las ich. ja gleich in deinen Auaen. Nun aber laß das Denken und Ueberlegen mir. Du hast mich gewarnt und mir das lange, ernste Leben mit dir fast drohend vorgehalten, nun laß das alles und liebe mich nur, liebe mich nur das ganze, lange, ernste Leben lang... das andre ist meine Sache. Morgen reise ich auf ein vaar Tage fort, zti meiner lieben, guten, zweiten Mutter, die treu und liebevoll für mich gesorgt hat, als ich auf der Welt zurückgeblieben war. Daö ist die einzige nahe Verwandte meines Vaters. Die wird uns helfen, denn sie hat mich lieb wie eine wirkliche Mutter. Um etlva nur aus Grundsatz nein zu sagen und keinen andern Wunsch und Willen neben dem ihren gelten zu lassen, ut Ne viel zu klug und einsichtsvoll. Und um eines Menschen Muck bltnb zerstören zu wollen, weil sie es vielleicht nicht

r! ö" zu edel. Ihre Bedingungen wird sie wohl stellen, aber in die muß man sich dann eben fügen, und mit ihrer Meinung wird sie nicht znrnckhalten, die muß

man widerlegen. Bor allen Dingen muß sie dich von Geist und Gemüt näher kennen lernen, muß dich sprechen hören, wie du eben mit mir gesprochen hast, mein Leben, mein Weib! Das wollen wir dann schon machen."

Ja ist sie denn in der Lage, zu helfen? Ich meine, kann sie so viel Geld hergeben, wie du brauchst, das heißt wie »vir beide brauchen werden?" fragte sie schüchtern, mit den kleinen Händchen nachdenklich an de»» zlüopsen meiner Unisornr spielend.

Und ob!" rief ick» fröhlich, die liebe .Ha»»d gefangen nehmend und die zierlichen F-inger mit Mssen bedeckend. Tante Lalli ist schrver reich. Ich glaube nicht, daß sie Millionen hat, aber Hunderttause»»de hat sie sicher ans der Bank, llnd ich bin ja schließlich doch ihr Erbe, und für ihre eigenen Bedürfnisse braucht sie schließlich doch nicht viel. Da gibt sie mir eben einen Teil meines künftigen^ Besitzes voraus, jetzt, »vo ich ihn so nötig brauche »vie vielleicht nie mehr sonst i»u Leben. Sie »vill nur mein Glück und hat »nir noch nie einen Wunsch abgeschlagen..

Vielleicht hast du noch nie einen so so großen Wunsch gehabt, Harry," sagte sie ernsthaft.

Eben hcirte ich Bobbys Iagdsprimge vorn Hinteren Flur her und Meiers sch»vere Schritte. X:r war nun »vohl mit Füttern und allem Wichtigen im Stall fertig und wollte sich nach mir umsehen. Ich hatte ihn für gelvöhnlich vo»» dem Autlopfen an der Tür dispensiert. Oessnete diese sich nicht, »oenn er auf die Klinke drückte, so »nachte er kehrt, um später wiederzukomlueu. So geschah es auch jetzt.

Mein Ok>tt, ich vergesse alles... es »vill je»na»»d zu. dir?" rief Tatiana erschrocken, sich aus meinen Armen windend.

,La," sagte ich,du »nutzt nun wohl gehen. Hofse»»tlich hat dich dein Vater nicht vermißt."

Er fragt nie nach mir, wenn ich einrnal in meine Kaminer gegangen bin. Und we»»n doch, ja, dam» muß man eben die passende Antwort zu geben »vissen, wenn Eitern nach Dingen fragen, die sie eigentlich nichts airgehn», denn man ist doch kein Kind mehr, sondern ein nur sich selbst Rechenschaft schuldender Mensch."

Ich brauchte ihr weder Tuch noch Mantel umzugeben. Sie »var, wie sie ging und stand, ii» ihren» schwarzen hüb­schen Tuchkleide gekommen. Hinter demParadies der Erde" schloß sich die Psorte.

(Fortsetzung folgt.)

Ztricknachmittag.

^ Ein Berliner Bild. Von Felicitas Leo.

Eine Parkvilla unter den Kiefern des Grnnelvnldes. Wie aus schwarzem Papier gesctmitten stehen die schlantei» Stämme vor dem ge.brolen win erlist)«! Äbendhilmnel. Aus der duntlen Maije des Hanfes strahlen hell die gastlichen Fenster. Von der o»»enen Sau. en Vorhalle leuchtet eine Bogenlampe den langen Garlcnlveg hinunter, die Torflügel an der Straße stehen er­wartungsvoll vssen, und schon strömen die Gäste hinein Damen nur Damen! Ein Damenln? Ein sive o'clock mit Toileckensclian, Flirt und Tango? Ueberslüssige Frage? Der- gleistwn gibt's nicht mehr! Schon der Name ist verpönt! Diese Damer». die ba so eilig und zielbewusst ins Haus streben, einen mehr oder iveniger elegant«» Beutel am Arm, wollen keine Toi­letten bewtmdcrn oder beivundern lassen, sie wollen »oeder slirtei» noch tanzen sie wollen ganz einfach tätig sein und Gutes tun es ist ein Slricknachmittag. zu den» sie pilgern.

Stristnachmittag! Das Wort, das noch vor ein paar Mo­naten altmodi.ch kleinstädtisch angemutet hätte, hat jetzt einen zeitgemäßen nnd bedeumngSvo.le,» Klang bekomme,». Es ist so etwas wie ein Sch.achtrnf im Kleinen die hier zur »vollenen Fahne schtvören, streiten mit in den Reihen der Kämpferinnen die gegen die Wirtschaft ichen Folgen des Krieges zu Ftlde ziehen. Es m soziale Arbeit ganz origineller Art. die hier geleistet tvird.

Der Neuling, der unvorbereitet hereintrstt, merkt zunächst davon nichts. T-as äußere Bild scheint d<rs gewohnte, wie bei allen gesellschaftlichen Veranstaltungen in einem eleganten Privat- ^ cr 'Si 011 1 * ai» der Tür, die schtvarzgckleideten» Mädchen mit den weißen Hauben und zierlich» Schürzen. die die Garderobe abnehmen. In der Halle steht die Hausfrau »»i»d druckt jedem ilyrer Gäste liebenswürdig die Hand. Aber man merkt: die Mehrzahl ist ihr fremd und die Dame neben der Tür, hinter dem kleinen Tisck-ä>eu. die augenscheinlich das Amt einer Ztcysiererin ver»valtet, bringt vollends eine fremdartige Note m das gesellschaftliche Bild. Bezahlt man hier seinen Ein­tritt? Ja, wirk.ich? Wer- diesen allwöchentlich, jedt'smal in einem andern Hanse stattfmdendeu Strick,iachinittagen belwohiien