Ausgabe 
30.1.1915
 
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Samttag. den 50. Januar

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Das Paradies der Lrde.

Noman von Ada v o n G e r s d o r s f.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ich mußte mir Gewalt antun, um nicht laut aufzuschreien, denn zwei heiße weiche Händchen um­klammerten mich und der Himmel öffnete sich und in rosigem Licht stiegen alle Freudenengel auf rosenumkränz- ten Leitern hernieder und wie Sphärenmusik der Seligen tönte es in mein wonnedurchbebtes Herz:O Gott, ich habe mich ja so geängstigt, ich warte ja schon so lauge. Du kamst und kamst gar nicht wieder und ich mußte dich doch sehen! Gott sei Dank, daß dir da bist"

Ich hatte sie! Ich hielt sie in meinen Armen, an meinem jubelnden Herzen! Ich hatte sie an meiner! Lippen und trank des Himmels höchste Seligkeit schon auf Erden mit wilden unersättlichen Zügen. Ich hatte sie! Tatiana, Ta- tiana!

Und dann rasch, rasch und leise in meine Tür. Allein mit ihr! Allein aus Erden mit ihr!

Sie saß aus dem Platz, wo Poncalet vorher gesessen! Das süße blühende Leben strahlte mich dort an, von wo mich soeben noch der bleiche bittere Tod gegrüßt hatte. Alles um Liebe!

Sprechen konnte ich überhaupt nicht... kein Freudenruf, kein Dankeswort. Der Verdurstende, der ganz unverhofft in glühendem Wüstensande eine sprudelnde Quelle erblickt, der jubelt auch nicht und dankt nicht, sondern er stürzt bloß hin und trinkt sich satt.

Und das tat ich! Ich lag zu ihren Füßen, und ihre Arme umschlangen meinen Hals und ihre roten himmlischen Lippen hingen an den meinigen... Tatiana Tatiana!

Dann saß ich neben ihr, meine Stirn an ihrer Schulter, die so warm durch das Kleid mich berührte, und wenn sie sich in tiefem Atemzuge hob und senkte, dann hob und senkte sich meine Stirn mit ganz regelmäßig. Allmählich vertobte der Kampf, das Blut schoß nicht mehr wie ein Wildbach durch meine Adern, sondern floß wieder ebenmäßig, wenn auch noch heiß genug, die jagenden Pulse beruhigten sich, die Gedanken, die wie in einem Siedekessel umhergewirbelt waren, ordneten sich wieder.

Tatiana, wie war es möglich, daß du kamst? fragte ich.

Auch sie war ganz still gewesen und hatte sich nicht ge­rührt, als ich an ihrer Schulter lag, nur leise, leise hatte sie ab und zu mein Haar geküßt.

Frage lieber, wie war es möglich, daß ich nicht gekom­men wäre? Sage, wie konntest du nur fortgehen, statt zu warten, bis ich kam, die ganze Nacht zu warten. Du mußtest doch wissen, daß ich kommen würde, kommen mußte. Oh, du weißt gar nicht, was Lieben ist," flüsterte sie mit zärtlichem Vorwurf.

Die Lampe hatte ich auf den Schreibtisch gestellt. Wir saßen in ihrem grünlichen Dämmerlicht. Die Uhr tickte und tickte und der Regen tropfte und tropfte wie vor einer Stunde, als Poncalet mir gesagt hatte, daß er für das Weib, das er liebte, sterben wolle, und des Todes dunkle Schattenslügel schirmten und dämpften ernst mahnend die brennende Sehn­suchtsglut unserer jungen Herzen.

Sie sagte mir, daß sie ihren Vater nicht habe hindern können, statt ihrer um die bestimmte Stunde zu mir zu gehen. Es sei ja auch gleichgültig gewesen, ob der Vater zu mir oder ob ich zu ihrem Vater gekommen wäre, um über die Gestal­tung unsrer Zukunft zu sprechen. Als sie. hinter der Gardine stehend, den Vater heimkehren sah, hatte sie gleich herüber­kommen wollen. Schon befand sie sich am .Hinterpförtchen, um die Straße hinauf und hinab zu spähen, ob nicht etwa jemand käme, der sie beobachten könne. Da sah sie den großen Offizier auf meine Tür zukommen. In Sehnsucht und Angst wartete sie nun, bis sie zu Hause den Vater rufen hörte, der sie in ihrer Kammer glaubte. Sie eilte ins Haus, um seinen Argwohn nicht zu erwecken, denn slonst würde er sie noch heute von Zwiclitsch fortschicken, in irgendeine Pension, um sie meiner Nähe zu entrücken.

Er vertraut dir und glaubt alles Gute und Edle von dir," sagte sie eifrig,aber er ist zu klug,, er hat es an sich selbst erfahren, was die Liebe vermag und wie hinfällig alle guten Vorsätze werden und wie sie gleich Seifenblasen unter dem heißen Hauch der Liebe zerplatzen. Als ich inich endlich wieder hinaus gewagt hatte, denn sprechen mußte ich dich, nun erst recht, sah ich dich nach dem Kloster hinuntergehen. Aber deine Lampe brannte weiter. Also wolltest du bald zu­rückkehren, dachte ich, und stellte mich in die dunkle Ecke unter der Treppe in deinem Flur, um zu warten, bis du endlich kamst."

Während sie sprach, hatte ich mich aufgerichtet und hörte ihr in immer ernster werdendem Sinnen zu. Drückend legte sich mir der Gedanke aufs Herz, daß ich dem alten Manne mein Wort gegeben hatte, seine Tochter so lange zu meiden, bis ich vor'aller Welt als ihr Verlobter austreten konnte. Mer ich hatte ja doch keinen Versuch gemacht, sie zu sprechen. Ich nwr ausgegangen und als sie mir bei meiner Rückkunft so überraschend im dunklen Flur ent­gegentrat, hätte wohl niemand von mir verlangt, daß ich sie kalt zurückw-eifen sollte, selbst der Alte nicht, dem ja die überwältigende Macht der Liebe, nach seinem eigenen Geständnis, nichts Unbekanntes war. Er konnte also nicht behaupten, daß ich ihm mein Wort gebrochen habe.

Aber vergessen habe ich das gegebene Wort freilich: denn jetzt saß sie bei mir und ich hielt sie in den Armen! und war ganz außerstande, sie fortzuschicken und zu sagen: Bitte, geh und verlaß mich, ich habe versprochen...

Doch diese Grübeleien verflüchtigten sich in alle Winde, als sie ihre Händchen um inein gesenktes Gesicht leate und