Ausgabe 
28.1.1915
 
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Drei Stunden lang hatten die Rothosen dafür gesorgt, daß an die Magenfrage nicht wieder gedacht worden war. Geyen 6 Uhr aber drehte der mit dem Dauerhunger die Nase nach hrnten und schmunzelte:Jungens, ick rüke de Supp! Wer is Hut dran mit Holen?"

Da hatte Tetzlasss Karl schon sein 'heißgeschossenes Gewehr an die Lehmwand yelehnt und nach den beiden leeren Suppen- rimrat gegriffen.Kinnina-, dat ick nich so lang to faulen heww, hatte er sich aus dem Schlamm des Grabens heransgesträkelt und seggt mi bloß: also dorr an Eck? Is richtig? Gand!" Und schon hatte er sich aus dem Schlamm des Grabens herausgestrickelt »ind tapste mit' langen Schritten gemächlich i'ibcr das freie, ebene Feld dahin.

Hsst hsst hsst " inachten haßzischend wieder die feind­lichen Kugeln. Aber der Gänger drehte sich bloß um und lachte sein eigenes Lachen. Dann verschwand er hinter der Bodenwelle, und es dauerte eine ganze Weile, bis er wiederkam. Da tuUrvn viele starre Augen auf ihn gerichtet und viele Mäuler offen. Manch einer hatte den Weg in heißer Not sckpin gewagt, manch einer dachte daran, daß er ihn twch machen iwüßke.., und die Gedanken flogen dabei... flogen bis in die Heimat... Aber der Heran kommende bemerkte von denk Wunderlichen nichts. Er ihatte alle Sorge auf die beiden gefüllten Blechnäpfe zu ver­wenden, die Lar nickst so leicht waren. Darum auch giny ihn, der ganze feindliche Höllenspektakel, der seinetwillen anhob, eigent­lich gar nichts an.

Am Grabetirand angelcuigt, gab er erst vor'ichtig die Eiincr in die.Tiefe, dann end.ich verschwand er hinterher.

Unter energischem Löffeln und letztst Ausstrclchen der suppen­nassen Schnauzbürte bekam er sein Lob:Jungens, wer seggt wat dagegen? So vcel heww wi iwch nie kragen! Da is ooch

keen Lorbeerblatt utschwappt! Nu will ick meenen - wißt

Ihr, war? Tetzlasss Kvorl kann de Supp ümmer holen."

Ein paar wollten lacken, rin paar den Mund öffnen:Moll, dat soll e " aber es kam weder zum Lachen noch zum Sprechen. Dafür stand in den blauen Augen ringsuin das stille starre (trauen... So im Graben oder beim flotten2lus! 2lus!" von der Kugel hingerissen zu »verdcn, was bedeutet das gegen den Gang über das »oeite freie Feld, wo he Sekunde Todesangst umschloß! Und den einem Kameraden aufdrängen...?!

Llber aus der Welt zu schaffen »oar dieser Gang nicht. Sein Zwang lehrte regelmäßig wieder wie der nageirde Hunger ieden Morgen jeden Abend, »venn die Kälte und Feuckste die Geister abgestumpft und die Glieder gelähmt hatte. Und die Reibenfolge der Gänger war fortgesetzt und der Jmnrerhungrige würde sich melden wieder und wiäwr mit der Frage:Jungens, de Supp! Wer.is dran mit Holen?"

Die Al>endnebel schleppten schu-er den Fluß herauf, da klang sie. Aber der kleine Weißblonde mit dem hellblanken nagelncnen Ehering am tnageren Finger, der rasch seinen blutenden Arm im Mantel barg und sich mit krampfhaft verzerrtem Gesicht er­hob, wurde sogleich niedergezogen. ^.Kinnings ick doch'. Und im Dämmergrau verschwand wieder Kar s breite Gestalt, und die Kugeln fauchten ihm nach:Hßt! Wenn wir Dich kriegen!"

So ging es am Morgen und Mend vier Tage lang. Wenn sich bei dem Anruf der Hungrigen auch jedesmal ein Mund meldete, rin Haupt reckte, immer hatte Karl Tetzlass lachend schon die Eimer am Henkel und lachte und sang auf seinem gefahr­vollen Wege und kam zurück und hatte nichts übergesckgvappt.

Matter wurden die Geister um ihn herum. Nach Ablösung lechzten sie. Aber die schwere Artillerie, die den Stufengräben am jensettigen Uferhange etwas hätte anhabcn können, traf nicht rin, und Jnfanterieersatz gab es bei der langausgezogenen Um- zingelungslinie der Deutschen gegen die Franzosen schon längst nicht mehr das wußten alle. Längst auch sahnt die Gesichter der Lagerrtden entstellt aus durch den wild wachsenden Bart, durch Schmutz und Linien der beginneitden Mmaltung, und die besten Freunde gaben auseinander nicht mehr ackst.

Aus einen aber sah Karl Tetzlafs, der immer Lustige, dennoch manchmal mit nmnderlich prüfendem Blick. Es war ein eben- mäsüg gebauter, schwarzhaariger Mensch mit dichtem Bartwuchs, der seine gefälligen Züge fast verdeckte. Er hatte sich die ganze Zeit über am entgegengesetzten Ende des Schützengrabens aus­gehalten. Wenn sich Blick einmal mit Blick kreuzte, zeigte er wunderlich unruhig flackernde ylugen.

So war er bis zur letzten Nacht gewesen, lvo feindliche Boote versucht hatten, im Schuh des Dunkels über den Fluß zu setzen, und alle Mann aus dem Graben zum Wasser hatten hinunter­stürmen müssen. Da »var die Reihe durcheinander gekommen, und jeder Ueberlebende hatte nach Berscheuchung des Feindes schnell den Schutz im Graben wieder ausgesucht. Am Morgen aber hatte der Schwarze unweit von Karl Tetzlafs gestandeit.. . abgeivandten Gesichts.

Jungens ick nike de Supp..." Der elvig hungrige Magen war also noch nicht zum Berstumnten gebracht.

Wer is dran?" Der Gefreite zog den Zettel.

Hein Winter."

Liggt dor unnen!"

Denn Jan Meritzkp."

Der Schrvarze erhob sich, zögerte, ivandte sich und machte ein paar schritte auf dte Etnter zu, ein paar rasche, übermäßig ge­

waltsame Schritte. Freilich stand da schon einer mtd hatte die Knöchel hart um die Griffe gekrampft, aber keine lachende M-> wehr nrie sonst:Jung, lat mi doch den Spaß!" scheuchte diesmal den Ankömmling. Auge krallte sich in Auge, und von zitternden Lippen unter entstelltem Gesicht rang es sich hervor:So.. . Du büst dat doch!? Un hier mutt wi tosamenkamen..." Und es »var drohend mtd schwer gesprochen, wie nahe Vergeltung aus versuchte oder geschehene Untat »veist.

Der Sckfwarze bog sich nieder .Gah mi ut'n Weg, du! Dat ier is mien Angelegenheit!" und seine Augen funkelten ungc- ändig in wildem Trotz.

Aber:Nee, mien Jung!" erscholl cs jetzt stark, wenn auch zurückgehalten über ihm.Sallst du meenen, an so eenen wi di harr ick mi wull rächen? Un mi Lowising fall se denken, ick gäw uv di oll lausige Sach mit di noch e lützel? Dir ölverlateitz wat mien Amt is... ?! Toveel Ehr war dat för di! Platz, segg ich! Ick gah nich für d i wahrlich «ich! Ick gah, weck ick gähn m u t t, deiut mien Lowising verlangt dat nu vun mi! Ihr Ehr wegen! Basteihst nn? Ihr... Ehr... wegen!" Damit halte er dem andern die Eimer schon entrissen, und nnt einem: Kusch di, Düwel, Kvorl Tetzlafs komntt!" stand er bereits auf dem Grabenrand. Seine breite Gestalt hob sich massig gegen die lichte Wand des Nebels ab und bot den feindlichen Schüssen rin deutliches Ziel. Aber mit lässigen Schritten wie immer durch- maß er das Stück ebenen Feldes, das von Nässe triefte, und wandte sich dein Aufenthalt der Feldküche zu.

Hinter ihm drein starrten zivei.Augen mit dein krassen Aus­druck tiefster, seelenpeinigender Scham, murmelten zwei Lippeit schaurige Verwünschungen, abgerissene Gebete:Da geht er!... Drüben ist er... heil... Llbcr er muß zurück!... Will er es denn haben ... gut so ... gut... Mich hat sie zurückgestoßen ... die Luise... So soll auch er sie nicht haben!. .. Teufel, komm über ihn!... Jetzt... da ist er ... pack ihn ... zerreiß ihn ... Herrgott... doch nein!... O, Herrgott, es ist ihr Mann!... Teufel, was sage ich... was willst du?... Er soll nicht... Er soll nicht fallen!... Zurück, Karl Tetzlafs!... Hör mich... hör mich doch .. . Sie schießen!... Entgegen muß ich ... entgegen.. Und s dyo h springt er auf, erkliimnt den Rand des Grabens...

Da ist es plötzlich, als löse sich aus der Nebeldichte über ihm rin ungesehenes, furchtbares Wetter. Mit lohenden Flammett kommt es daher ,mit kracheirden Schlägen. lieber den Köpfen der int Graben Befindlichen durchreißt irgeitd etwas Gewaltiges pras­selnd die Lust, durchschnellt mit fauchendem Atent die Leere, wirft sich grimmwülend auf das Entgegenstehende und zerschellt es mit donnerndem Aufspratzeit in Atome.Weg mit dir! Deutsche Granaken schassen Raum!"

Noch »vagen sich die kleinen surrenden Flintenkugeln der Fran­zosen von drüben dem rauschenden Herniedersträhnen von wuchtig daher fahrendem, springenden, platzenden Eisenmassen entgegen, doch ist es bald mit ihrem heißen Atem zu Ende, die Franzosen fliehen, flüchten in stürmischer Eile von Versteck zu Versteck, und überall leuchten doch ihre roten Hosen, ihre weit nachflatternden blauen Mäntel, und manche nachgesandte Kugel findet ihr Ziel. Mit lachenden Lippen aber, die markige Gestalt hoch ausgereckt, ruft Karl Tetzlafs dem vor ihm stehenden, so bittend blickenden, einstigen Gegner die freudige Nachricht zu:Jan ale Jung wo die Artollerie nu da is. uns groteit Brummer, da sallste eenen Emmer aphcbben zum Tragen, det de nich seggen kannst, ick war di hier m Feindesland an solchen Freudendag noch giftig. Aber machst dich noch eenmal ait mien Lowising ran, schlag ick di de Knoch im Liw kaput! litt nu täuw un schwapp nich!"

Was die Franzosen während des Krieges lesen. Eine französische Zeitung hat eine Umfrage veranstaltet, um zu wissen, was man in Frankreich während des Krieges liest. Es versteht sich von selbst, daß in diesen Zeiten an erster Stelle die Tageszeitungen mit ihren Nachrichten über den Krieg, den Er­läuterungen der kriegcrischeit Ereignisse, ihren Schilderungen von ruhnwollen Taten und Neineit Begebenheiten aus dem Kriege stehen. Aber man liest auch anderes, weil man überraschenderweise in der Kriegszeit viel liest. Die öffentlichen Bibliotheken geben hier wertvolle Anhaltspunkte. Jnnge und Alte, zum Kriegsdtenst Ein- berufene und andere, alle kommen hierher, um Mlenkunq zu suckzen, und es scheint fast, als ob die großeit Erinnerungen der Vergangen­heit den Mut in der Brust der Kämpfer von früher und derer, die morgen zur Front gehen, beleben solleir. Sie machen sich mit allem vertraut, was den Feind angeht, mit seinen Sitten, seiner Widerstandskraft, mit der Größe sriner Heeresmackst usw. Die Werke der Militärkritiker haben nicht itur für die Spezialisten Wert, sie sind eine allgeincine Lektüre geworden. So verlangt man beson­ders die inhaltrrichen Schilderuugeit von Jules .Huret und von Georges Bourdon über das Deutsche Reich, Werke über den Kaiser, auch genüsse Bände, die in den verschiedensten prophetischen Forme»! das Ende der .Hohenzollern und der deutsch Herrschaft ankündiget' gleich als wollte man aus ihnen Trost sckwpsen gegenüber iv,< Schwierigkeiten der wirklichen Lage. Merkivürdig ist das In krasse, das ntan für Bilses ,Ais einer kleinen Garnison" au den Tag legt: die preußischen Offiziere, deren Leben da in unfreundlich Wetse gesckiildert wird, könnte man ja jetzt ans größerer Nähe