Söö Paradies der Lrde.
Äonilitt von Ada von G e r S d o r f f.
(Nachdruck verboten )
(Fortsetzung.)
--Was Sie wissen, weif; ich auch und noch mehr. Die Wurzeln ihres Lebens sind mit dem meinigen verwachsen. Durch ihr Hlerz, ihr ganzes Wesen und Leben zieht sich eine unüberbrückbare Kluft: diesseits ihr Mann, jenseits ihr Ge-- Iiebter. Und nicht ist es kalte Pflicht — es ist warme, herzenswarme Liebe und Verehrung, Bewunderung und Dankbarkelt, die sie an ihren Gatten mit unzerreißbaren Banden fesseln Nie wurde ich sie restlos glücklich haben machen können, me sie gailz vergessen machen tonnen, wen und was sie in ihm verlreß und der Einsamkeit vreisgab. Immer würde sie heimlich geweint und im Geiste bittend vor ihm gekniet haben. Und einem solchen Manne wie er gegenüber hätte sie recht gehabt. Es gibt Herzen, die hat ein Schwert in zwei Teile gespalten und ist darin stecken geblieben. — Zusammenwachsen, aus- Hellen könnten diese.Herzen liicht mehr. Ewiger Zwiespalt ist ihr unseliges Los oder — eines muß sterben. Lebe ich, so wurde sie immer und überall mich zu sehen meinen, von inir> zu hören fürchten, immer zittern und bangen und zweifeln, ob sie recht tat au ihm, ob sie nicht unrecht tat an mir. — Bill ich auf Erden nirgend mehr, kann meine Liebe, meine Sehn sucht sie binieden nicht mehr berühren, dann bin ich ausgelöscht, dann lu'trb sie nicht mehr halb sehnend, halb fürchtend nach der andern Seite der Kluft spähen, sondern diesseits ihren Frieden finden. — Aber einer muß sterben, damit der andre Frieden habe — < und Sie sehen das ein, lieber Freund 7" dieser eine muß ich sein — ich! Nicht aus Feigheit, lveil ich für mich kein anderes Elltrinnen wüßte aus diesem Baun und dieser Qual — nein» sondern weil ich kein andres für sie weiß. Niemals aber darf sie wissen, daß ich freiwillig schied ein Unglücksfall aus der Jagd, im Gebirge, im Kampf. — Sonst würden wir beide den Frieden nicht finden, sie nicht im Leben, ich nicht im Tode. Daß sie die Wahrln'it nie erfährt, dafür, Harry Rehn, sorgen Sie mit, so wahr Ihnen der Jam mer andrer Menschen zu Herzen geht — das betrachten Sie als meinen letzten Willen, den müssen Sie mit aller Kraft vollstrecken helfen."
Es wa^r still geworden zwischen uns. Ich hatte keine Erwiderung. Stumm, die linke Hand über die Angen gelegt, drückte ich mit der andern die schmale, fast zierliche Hand des riesenhaften Menschen. Endlich sagte ich geklommen: „Und er, Betzingslöwen? Sahen, sprachen Sie ihn? Mein Gott, ging denn wirklich alles so, ohne der üblichen Form zu genügen,^die euch die Waffen in die .Hand drückte?"
„Ja. Für Betzingslöwen und mich ging das so. Denn für uns gibt es da keine Form, da gibt cs nur blutigen Ernst und tödlichen Ausgang: einer muß sterben. Aber dann wäre auch sie mit gestorben. Wir haben uns ausgesprochen — und es ist kein Groll zwischen uns. Dazu ist er viel zu gerecht
und billig denkend» viel zu menschlich fühlend, und ich hatte ihm nur zu danken für das Opfer, das er ihr bringen wollte, und das sie abgelehnt hat."
„Und ahnt er, was Sie beabsichtigen?"
„O nein. Wie sollte ich ihn so belasten »vollen! Er weiß nur, daß ich außer Lande gehe und nicht wiederkomme." Er stand auf und streckte seine hohe Gestalt. „Darauf hat er mein Wort."
„So. Das wäre abgemacht," sagte er mit einem ganz veränderten, weichen freundlichen Ton in der Stimme und legte mir die Hand aus die ©dritter, wie leise mahnend, nicht schwächer zu sein als er, denn ich mußte die Zähne aufeinander beißen und die Augen bedecken und ein Weilchen ganz still sitzen, n.m seiner überlegenen Ruhe gegenüber nicht schwach zu erscheinen.
„Hier, Rehn/' sagte er, in seine Brusttasche fassend, „hier finden Sic die nötigen Notizen über die Regelung meiner Hinterlassenschaft; was ich mit Ihnen bereits besprach, ist darin genauer detailliert, ailch sind einige Personell, denen ich etwas bestimmt habe, mH Namen genannt. Im übrigell haben Sie unbegrenzte Vollmacht."
Ich blickte zu ihm ans mH dem Aufdruck des Bcdanern- und des Borwurfs. Hatte er recht? War es deutbar, den Konflikt auf diese Weise zn lösen? fragte ich mich, besangen in den uralt zu Recht bestehenden Anschauungen über Die Chr-engesetze und sittlichen Forderungen des Osfizierstandes. Freilich waren diese Ehrengesetze in diesem Falle nicht öffentlich verletzt worden, uirb einer starb ja doch für die andern. War denn daiuit nicht auch dem unumstößlichen Ehrcngesetz Genüge gcschehell?
Ich erhob mich nun ebenfalls.
„Na . . .!" sagte er in dem heiter abschließenden Tone, wie gewöhnlich, lucuu er ausbrach, um im „Eldorado" noch einen Schoppen zu trinken, und schnallte den Pallasch um. „Hat mir wohlgüan, diese letzte Planderstunde mit Ihnen, Ihr anfängliches Aufbegehren und schließlich Ihr Schwei- gell. Schweigen heißt zustimmen. Uno gerade^Ihrc Znslim- mung, »venn auch 311 schon längst Entschiedenem, nehme ich gern mH. Adieu, Rehn — und, wenn möglich — auf Wiedersehen."
Er gab mir die .Hand mit einem ernsten Lächeln uub ging. Leise klirrten seine Sporen ans bctt Steinen des Bor jlurs, wie ein seines, verhallendes Eiligen vom — „Para dies der Erde". Die Tür siel fast unhörbar zn. Dann war alles still . . nur der Regen tropfte und tropfte eintönig auf das Fensterblcch draußen — „wie die Minuten, die in bcu Ozean der Ewigkeit fallen", während Verhängnisse sich erfüllen, Schicksale hereinbrcchen, Leben uub Tod ihren ewigen furchtbaren Kampf mitcimiubev ringen.
D e zembe r. Die Erschütterung, die das ernste Gespräch mit dein unglücklichen Kameraden in mir hinterlassen, die schlveren Zlveisel über Recht uub Unrecht, der niederdrückende Ernst des Lebens mit der rätselhajten Gewalt seines größten Faktors — der Liebe, der Leidenschaft-


