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Der Talisman.
Dktzz-e von Anna Lehr.
r .Schon mal so was Törichtes gesehen?" fragte Doktor Hett- th den jungen Kriegsfreiwilligen Franz Lübben, mit dem er, der Menge eingekeilt, zufällig vor einem Jnwelierlad«: stehen geblieben ivar.
Sie waren beide schon in Feldgrau, in neuen, sauberen lim- formen, die noch kern Schlachtfeld gesehen hatten.
^Was denn?" fragte der andere.
Ter Arzt zeigte mit dem Firmer in das Schaufenster. Tn lag -wischen dem scharfen Facetten glanz, der Edelsteine und dem Wachen Schimmer der Perlen eine Reihe mattsilberner Münzen. ..Amulette für Kriegsteilnehmer" stand auf einem Pappschildchen davor.
Ter junge Main: lachte: „Simrig?"
„Besonders empfehlenswert gegen Attillcrieseuer, nicht? Kin derei«:!"
Ter Strom der Mensch«: tvar inzlvtschrn nach ttirzer Stok- kung weitergeslutet :md staute sich mm irgeirdtvo anders um ein neues Extrablatt.
Auch die beiden wurden in: Gedränge mit fortgeschoben. Eigentlich war nran ja schon ein bißchen müde in den Knochen; die Hebungen hatten 's in sich, das war doch noch anders als Turnstunde! Aber wenn dann der Abend kam und all das Leben durch die Stadt flutete, all das Leben, das man vielleicht in diesen Tagen zum letztenmal mitlebte, da litt es einen doch nicht auf der Stube, mochten cs einem die Oruartierleute auch noch so behaglich wachen. Und die anderen waren ja mich hier. Wieder und wieder hob sich in dem Gewühl eine Hand grüßend an eine Mütze, und rmter der Mütze war meistens ein bekamttes Gesicht.
„Zehntausend Russen gefangen! Zehntausend Ruflen!" klana eS Jundum. *
Tie beiden hatten auch ein Blatt erhascht, und nun standen tie und lasen es zusammen.
Seltsam, man konnte sich doch noch nicht recht vorstellen, daß man vielleicht binnen kurzen: auch schon mit dabei sein würde, wenn wieder zehntausend Russen gefangen würden.
So, das wäre getan. In den: Koffer lag nun Franz LübbenS ganzer Zivitmensch, den er ausgezogen hatte und nach Hause schickte.
Nun blieb nur noch der Soldat übrig. Und morgen gi:^ es fort. Nach Frankreich? Nach Rußland? Wer konnte das sagen?
Da klopfte eS. '
Auf fein „Herein!" öffnete sich die Tür, und das Mädchen erschien mit einem Brief.
Im selben Augenblick hatte er die Handschrift erkannt und war auch schon an der Tür und hatte den Brief genommen.
Er amtete nicht weiter auf das Dienstmädchen, das sich mit einem verstehenden Lächeln zurückzog. trat unter die Hängelampe Jmb riß, ohne sich erst zu setzen, mit vor Freude ungeschickten Fingern den Umsckstag auf. Dabei fühlte er etwas Hartes, Biev- sckigeS wie ein flaches Schächtelchen.
Doch erst das Geschriebene! Ter leichte Bogen,, zitterte, wie er ihn hielt. Es war kein langer Brief Mer er machte sein Herz schlagen. Das alte geliebte Leb«: griff noch einmal mit heißer Hand nach ihm.
Ein paar M genblicke sah er nichts von dem', »vaS ihn umgab, er sah nur ein feines, bewegliches, blasses Geslchtchen. das bistn: Abschied zu lächeln versuchte, während die Tränen immer wieder aus den blauen Augen stiegen wie aus zwei Brunnen.
Wie er dieses Gesichtchen küssen wollte, wenn er wiederkam! Wein:-
Doch das Schächtelchen. Was tonnte darin sein? Ein M- denken? Eine Locke? Eine von den blonden, feinen, die fick immer so widerspenstig aus allen Nadeln und Spangen befreiten und um ihre Schläfen stand«: ? N^gierig ließ er den dünnen Gummiring abschnellen, wickelte das Seidenpapter los. hob den Deckel und — neu:, es war keine Locke. Da lag auf rosa Watte an einen: langen, weichen Band eine kleine mattsilberne Münze: ein Talisman!
Ter junge Mann lächelte.
Törichtes kleines Mädchen! Glaubte sie denn an den Unsinn7 Er hatte sie eigentlich für vernünftiger gehalten.
Immerhin, es war gut gemeint. Belustigt, immer noch lächelnd ließ er das Anmlett uirvsamt dem Bande in die Goldtasck'e seines Porteinonnaies gleiten.
Um den Hals roürde er es natürlich nicht tragen! Er. ein Mann! Das wäre zu lächerlich gewesen. Mer in der Tasche mit- Nehmen, so als Andenken — warum nicht?
*
Der Wind fuhr in weitausholendcn Stößen um das Bauern- MMS, auf den: snt dem Morgen die Fahne des Rot«: Kreuzes natterte. Zuweilen setzte er auS. wie um Mein zu holen. Danach stürzte er stärker wieder heran und rüttelte nrit doppelter Milt an den Fensterläden.
Ter Arzt und die Pfleger drinnen hatten freilich feine Zeit, Daraus S» achten Auch den meisten Verwundeten lag ,wch zu laut der Höllenlärm, der vergangenen Schlacht im Obr, oder sie
Prien überhaupt nichts. vom -Morph: nmschlas oder der Qual ihrer Schmerzen betäubt.
Nur ein junger Soldat, der nicht sehr zu leiden schien, lag ruhig mit ofseneri Augen und lauschte aus den Sturm.
Er ivar schon tu der Frühe hierher getragen. Eine Weile hütle cr auch geschlafen. Nun betrachtete er langsam und geduldig alles, was ihn umgab die Lampeii, das große Zimmer, die improvisiert«: Lagerstätten, die anderen Kranken, die Pfleger, die h:w- und hergingen. Vom Afrzt, der an: anderen Ende des Raumes hantierte, sah er nur den Rücken.
Wie der Verwundete den Kopf ein wenig wandte, um nach der anderen Sette zu sehen, fühlte er ein Mud mir seinen Hals. Lauen Augenblick dachte er au die Erkennungsmarke. Nein doch, die hmg ,a schon am Bettpfosten. Ach so, das Anmlett! Er fcua es imu doch nicht mehr im Portemonnaie. Tie es ihm geschentt hatte, hatte es ;a auch anders gemeint, entschuldigte er sich vor seinen: Verstände.
~ — er runzelte die Stirn —. wem: man ihm die
Erkennungsmarke abg«wmw«l hatte, mußte man das andere auch gesehen haben. Er besann sich »licht darauf, es mußte geschehen sem, während er schlief. Vielleicht hatte der Doktor sogar selber — das war ihm nun keineswegs recht. Der Doktor hätte das eigentlich nicht zu sehen brauchen. Aerzte »varen Skeptiker. Tie lachten über so was, wie er selber m: Grunde ia auch.
<$? r bem wollte er gewiß nickst wie ein verliebter Junge da stehen. Ta wollte er das dumme Tiug doch lieber verstecken
W grM nach der Lxünur.uud suchte den Knoten zu lösen. ,™„ ^ber bad ging nicht so leicht. Tie feine Fessel spottete der Mannerhand. Und dann löste die Bewegung des Armes einen Schninz ans daß er umehalten mußte. „Verflucht noch mal," Meß er zlmschei: den Zähnen hervor.
'\Th,12 a ri^ ^ Was wollen Sie denn eigentlich? Lassen Lücken!"^ ^lche Band kann Sie doch unmöglich
^..So>da war der Doktor selber. Und noch dazu Doktor Hell- mpthk Er hatte ihn gar nicht kominen seh«k. Nun stand er da neben ihm. und nun war es zu spät.
Ka9 dlergerlich beschämt riß Franz Lübben »vieder an dem Band> ^ nt $ 9(ü ?;, »M was, das irritiert mich," beharrte er ^ch auch eine Albernheit, einen vernünftigen Menschen mit so einen: Mhängsel zu beglücken'"
Ter andere stimmte nicht zu. Er lackste nicht einmal '
. , es deswegen ist." sagte Tottor Hellmuth ruhig, „da.
N/" Sie her " und er zog aus den:, Ausschnitt seines Kittels ein silbernes Kettcheu, au dem «ne kleine mattschimmernde Scheib'« hmg; ein Talisman.
cy A seiner Augen nicht: „Auch Sie, Doktor?
^ machte. Sie hatten doch ,elber aemlg danlber gespottet!"
"Ach la, lch ennnere mich. Mer das war damals." „Damals? Bor vier Wochen!"
V?‘ ?or vier Wochen, das ist für mich schon damals. Dazwischen liegt eine Ewigkeit. Für Sie nicht V „Doch! Aber das erklärt mir noch nicht, warum auch Sie — — Lne werden mir nicht einreden woslen, daß Sie seitdem gelernt haben, an übeniatürliche Beeinflussungen zu glauben!"
. .. '-^/^oegnete der Arzt langsam, „ich glaube auch letzt noch »ncht daran. Mer darauf kommt es ja auch hierbei gar nicht an, »vas ich glaube, lvas wir glauben. Wissen Sie, Talisman habe? Bon einer Frau. Sie lächeln? Ach die Frau, die ihn Mir gab. war nickst jmig, nickst schön. W war «ne alte Dame, die sich mir verpflichtet glaubte, lveil ich nach ihrer Ansicht einem ihrer Enkel das Leben gerettet habe Und sie besuchte mich am letzten Abend vor dem Ans- warsch und brachte mir das und flehte mich an, es zu tragen^ sie würde sonst keme Ruhe haben. Und ich sollte ihr nicht die Freude machen, nur weil ich weiß, daß es Unsinn ist und mich nicht schützen wird geg«i Kugeln und Seuchen?"
Und dann fuhr er ein wenig nachdenklich fort:
„Ist nicht im Grunde in jedem menschlichen Herzen so ein Winkel, wo ein Stückchen Aberglaube hängen geblieben ist? Man zeigt ihn nickst, so lange es einem gut geht; man scheut! den Spott. Kommt aber der Tag der Not, dann schickt den Sterbende, der an den Aerzten verzweifelt, zum alten Schäfer, schl«cht d:e unglücklich Liebende zur Wahrsagerin."
Der Arzt schwieg, und Franz Lübben sah wieder das feine.
b«oegliche, blasse, Gesichtchen.-Hatte der Doktor recht?
Hatte sie zu törichtem Zauberglauben ihre Zuflucht getrommen, weil sie mit den vernünftigen Mittekn zu Ende, »veil sie verzweifelt ivar? Und wenn sic verziveifett ivar, war sie es nicht aus Liebe zu ihm?
Leise trat der Arzt zurück.
Der Kranke bemerkte es gar nicht. Seine Finger umsckstossen die Anne Münze, die fest an ihrem Bande hing Er versuchte nicht mehr, den Knoten zu lösew
Vtrmifcfet*».
Kriegsstuben". Noch zu Zeiten, als in ander«: Gegenden dre Spinnstub«:, in den«: sich die jungen Leute : r den Abendstunden znm Spinnen, zu anderen Arbeiten und auch


