Das Paradies der Lrde.
Roman von Ada von Gersdorfs.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung)
Dezember. Ich habe drei Tage gar nichts aeschrie- ben Me meine freie Zeit l»abe rch in der Nabe des» Fensters gewartet. ob ich nicht Tatiana aus dem Laden ^ten sehe. Ich rnußte sie doch sprechen. — An jenem Abend drüben konnten nur lins ja gar nichts weiter sagen, als daß mir ein Herz» eine Seele, ein Denken waren, daß n>ir miteinander leben oder sterben wollten. Cs war nur ein Gestammel vor lauter Ueberfülle unserer Herzen. Ta kam ihr Vater. Als wir sein Wägelchen über das Pflaster der Rosenstraße heranrcisscln hörten, flüsterte sie mir nur noch in Eite zu, daß ich mich schnell entfernen solle; wem- ich durch das Gärtchen hinten ginge, käme ich neben dem Bäcker heraus ans die Straße Ihr Pater wäre sehr arg wöhnisch und mißtraue mir. Cs war ihm schon etwas zugetragen worden, vom Basarabend her. Er habe sie überhaupt -gar nicht hinlassen wollen, sondern nur der Bitte der Gräfin Wietersberg nachgegeben. Cr glaubt nicht, daß Offiziere mit einem Mädchen wie sie jemals etlvas Gutes und Aufrichtiges vorhätten, und er wäre auch kein besonderer Freund der Preußen. Ich entgegnen, daß er dann mit mir eine Ausnahme mache, denn «ch hätte ganz den Eindruck, daß er mir wohlgesinnt sei, und wenn er erst wisse, daß ich es gut und ernst meine, wovon er sich bald überzeugen werde, dann könnte er ihrem Glück doch nicht im Wege stehen «vollen; ich mußte ja doch die Nni form ausziehen. Wie ich das sagte, durchschoß mich ein so eisiger Schreck, als hätte mich eine Kugel mitten ins Herz getroffen. Aber als ich mein ijteb, mein ganzes Erden glück, noch einmal fest, fest an meine Brust drückte und ihre süßen Lippen auf den meinen fühlte, da war alles andre nult und nichtig und nicht eines Gedankens wert, und das heiße Leben rann lutebcr selig durch meine Adern — Jener plötzliche Schreck darüber muß ick, Tattana lvenigstens noch einmal allein sprechen, ganz abgesehen von meiner rasenden Sehnsucht .Ich schlafe überhaupt nicht mehr. . ich kann auch nicht recht denken, überlegen. Zu vickl Wider spräche häufen sich, es gibt so vieles, was unmöglich, was ganz ausgeschlossen scheint und dennoch möglich gemacht werden, dennoch durchgesetzt werden muß. Und nun kann ich sie nicht erreichen, nicht sprechen, nicht fragen, nicht küssen o Gott, nicht küssen! Das ist das Allerschlimmste!
Ich soll nicht hinüberkommen! Wo soll ich sie denn sonst sprechen, hier in dem Nest, wo man keine drei Schritte gehen kann, ohne einem Bekannten, einen« Kameraden oder sonst wem zu begegnen. Leuten, die sich halbtot wundern und reden würden reden würden über sie? Das darf und kann ich nicht dulden. Sie ist mein künftiges Weib. — H)kt sie kränkt, auch nur mit einer Miene, einer Bewegung, den schieße ich
nieder. Am sichersten und vernünftigsten lväre es doch, wir träfen uns bei mir Da kann ihr nichts geschehen, kann nie« wand sie beleidigen. — Als die unglückselige Frau neulich zu mir kam, begab sie sich auch in meinen ehrlichen Schutz und wußte, da sie dort sicher war. Aber freilich — ein bißchen anders ift das hier denn doch zwischen uns beiden. Tatiana bei mir — ich kann den Gedanken kaum ruhig ansdenken, Hirn und Herz dreht fick, mir im Kreise und ich sänge an zu beben, wenn ich mir's nur ausmale; «ch warte au? sie. und ft? kommt, in der Dunkelheit kommt sie. uud ich stehe in der halbossenen Tür und reiße sie herein, an meine Brust, an meine Lippen. ... Nein, es geht nicht? Ich selbst müßte sie warnen, sie bitten, nicht aus mich zu höre»«, wenn ich doch schwach genug sein könnte, ihr das vorzuschlagen. Warum kommt sie nur nie heraus vor ihre Tür, wenn ich da biik? Ob das Absicht ist? Oder der Baker?
Dezember. Endlich! Ich sab sie, irti habe mit ihr gesprochen. Gesterlt abend stand ich am Fenster. Es lvar um dieselbe Stunde, wo ich sie neulich aus ihren« Spaziergänge getroffen hatte, und ich war gerüstet, ihr nachzugehen, fall- sie ans dem Hause' trete«« sollte. Ich bemerkte, daß das Fenster, an dem der alte Man«« gewöhnlich bei seiner grüner« Lampe arbeitete, dunkel blieb, während aus dem Hinterzirn »««er rötlicher Lichtschein herüberfiel. War sie etwa «nieder allein? Warum gab sie mir dann wenigstens nicht ein Zeichen? Sie muß sich doch ebenso «nie ich da««ack« sehnen, mit mir über unsre Zukunft zu sprechen. Vielleicht glaubte sie mich abweseird, «veil es bei mir dunkel blieb, daher zündete ich schnell meine Lampe an, so daß ick« irr« vollen Lichtschein stand, und ««rächte das Fenster ans. Im nächsten Mon«e««t sah ich drüben dicht am Fenster ebenfalls eine Gestalt. Tatianas Gestalt! erscheine««. Auch sie rnußte dort in« Dunkel gestan den haben und «vir hatten beide nicht bedacht, daß «vir uns aus diese Art nie ein Zeichen geben konnten. Sobald ick« die Lampe angesteckt hatte, ließ ich die Vorhänge herunter uud wartete atemlos, «vas sie tu«« rvürde. Mein Herz schlug bis zu««« Halse und das hochaufbrausende Blut sang in meine«« Ohre«« eine wilde Melodie, während ich um- eine Bildsäule am osseiren Fenster stand und mit stockerrden« Akeu« hinüber starrte. Da öffnete sich auch ihr Fenster, aber nur oben um einen Spalt. Diese Vorsicht verriet mir, daß sie allein tvar. Aber ich wußte nun, «vas ich zu tun hatte. Ich riß Mütze und Mantel vom Flurständcr imb stand im nächsten Moment auf der Straße. Natürlich machte ich euren Bogen, denn direkt unter ihr Fenster zu treten und dort stehen zu bleiben, war bei der Möglichkeit, von Unberufenen beobachtet zu werden, nicht geraten. Langsam schleuderte ich, den Pallasch hochhal tend, an ihrem Fenster vorbei, nicht näher, als daß «vir hoch stens zwei Worte hätten wechseln können. Aber als sich da plötzlich eine weiße .Hand mir entgegenstreckte, «var's »nit aller Vorsicht vorbei. Ich stand still und schloß die Hand in der «neinigen, riß sie an meine Lippen, an meine Augen. — Es tvar Seligkeit! Es war ein Schluck Wasser für den Durstigen Ach, ein Tröpfelt nur für den Verschmachtenden!


