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Die Rustenqloäe.
Von P ä ük R ö s c n h a y n
AlS ble deutschen -Infanteristen das saubere ostprenßische Tors verließen, Mclr der dicke NntcrosWer Kaludrigkett die Abschieds- lkwk. „Kinder'' sagte er. „in einer halben Stunde liegen »vir in unserem Schützengraben. Da werden wir wahrscheinlich mit stiller Wedmut an Euren Klops denken, und die Dränen werden uns in den Augen schimmern, wenn wir nns Eurer dolden Eisbeine erinnern. Habt vielen Dank. Und verlasst Euch ans uns. wenns Euch mal schlecht gebt Adieu. Kinder." Und unter dem Tücher- schwenken der Zurnckbteübcnden marschierte die .Kompagnie hinaus nach Nord osten. ins freie Feld, in den Kampf.
Die Jugend begleitete die AnszLebenden noch , ein Stückchen, bis zur Dorfgrenze, wo die Heide anffng. Dann verhallte der Gesang der Soldaten allmählich in der Ferne, und nur hie und da trug der Wind ein Paar Töne herüber. „Muß i denn, muß « denn..." Im stillen Kämmerlein aber trocknete sich manches Marjellchen heimlich die Augen
„Die Russen kommen'"
Wie eine Stassetlenbotschast lief die Kunde von vyau-3 zu Haus. Durchs ganze Don. Der alte Briefträger, der aus dem nahen Städtchen seinen Bestellgang täglich einmal hierher machte, hatte die Meldung gebracht. Er selbst haue die Feinde zwar mdn gesehen, denn er hatte sich sehr beeilt, um den Ändringenden zuvorzukommen.' Nnd lvas das 'Schlimmste war: es sollten Kosaken inn. —
Zuerst dachte man au Flucht. Dann kam der Bürgermeister und redete den Leuten gut zu. Fliehen? Hier im Norden das Schlachtfeld. hinten, rechts, links — wer wußte das — die Kosaken! Nein 7 " da war es schon das beste, man blieb zu .Hause. Da Hatte Man doch ein Dach über dem Kopf und Brot im Schrank. Sie würden erneit nicht gleich umbringen. „Das laßt mich nur machen, Kinder. Ihr wißt: ich spreche ein bißchen russisch. Auf alle Falle bringt Eure Kostbarkeiten in Sicherheit." Daraus begann cm lebhaftes Arbeiten mit Hacke und Spaten, nnd eine Stunde spater lag manches Zwanzigmarkstück unter Schweinetrögen, Wagenschuppen, Milthaufen und anderen landwirtschaftlichen Gegenständen. Dann trat eine große Stille ein. Schon atmete alles erleichtert aus: vielleicht, daß die Kosaken einen anderen Weg cmgeschlagen hatten...
Der Abend kam. Der Mond stieg silbern heraus nnd beleuchtete cme weite friedliche Ebene. Da, plötzlich, ein Ton wie Pferde- getrappcl. Die Einwohner rissen die Fenster aus : Eine Schwadron Kosaken ritt lärmend ein.
Bor dem Gemeindehause stieg der Kosakenobcrft voni Pferde. In demütiger Haltung kam schon der Bürgermeister hervor und begann eine Rede auf russisch: „Herr Oberst. .. unser bescheidenes Dorf..."
, ." • -■ Schon gutt. schon» gutt," unterbrach ihn der Oberst, „keine Reddensarrtten. Wenn Herr!" Und sporenklirrend schob UZ stnne mächtige Figur ins Zimmer, wo die Frau Bürgermeisterin gleich daraus eigenhändig eine mächtige Schüssel voll Suppe präsentierte.
Und zur selben Zeit war in aUcii andern Häusern des Dorfes nn allgemeines Schlingen nnd Schmatzen.
„Serr gutt." sagte der Oberst anerkennend und schob seinen
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AeUei' zurück. „Serr gutt. Nun sage mir noch eins. Herr Bürgermeister: smd deutsche Soldaten oa'?"
„Nein, Herr Oberst," beeilte sich der Bürgermeister zu erwidern.
„Und waren auch keine da'?"
„Nein," war die zögernde Antwort.
. ^Duwgst. Herr Bürgermeister! Habbe ich ersarrcn, es io orten deutsche Soldaten hirr, was sind abgezogen errst heute srrüh!
Du, hörre, ich merrkc. du konspirrist mit ihnen!... Michael MichaelowUlch," wandte er sich au seinen Adjutanten, „laß soforrt Ordre gebben, das Dorf zu umstellen. Keiner von diesen verbuchten Bauern dars hinaus. Geh. Michael Michaelowitsch." Und dann wandte er sich an den zitternden Gemcindevorstand: „Du. Dkrr Blirgermeister, läßt jetzt gleich austrommeln: kein Birraer dieses.Dorrses dars bis morgen früh zehn Uhr den Haus verr- lassen ? Oder, er wird soforrt tottgeschvssen. Wer ein Signal gibt, vielleicht vom Hausdach, wird totgeschossen. Jbberhaupt, es wird alle-,' tottgeschvssen." Damit erhob er sich. „Komm mit, Herr Bcrrgermeister, werde ich rrevisieren gehn!" Damit schnallte er skinen Sabel um und klirrte an der Seite des Bürgermeisters auf die nächtliche Dorfstraße hinaus.
Ain östlichen Himmel stand ein roter Feuerschein. Irgendwo mochte ein Dorf brennen. Ein verwehtes Geräusch wie fernes Gewehrgeknatter, untermischt vom dumpfen Grollen einer fernen Kanonade', flatterte herüber.
Dje Beiden waren ungefähr an der Dorfgrenze angelanat, als nn russischer Zuru, ihnen Halt befahl: „Stvj". Der Lauf eines Kosakengewchrs blitzte auf Aber schon im gleichen Moment mochte der Kosak seinen Vorgesetzten erkannt haben: er parierte sein Pferd nnd ritt davon.
. ’nö Dorf," sagte der Oberst. Sie gingen mit Hallen
den Schritten durch die duuNe Dorfstraße in der Richtung nach ben Marktp ab, vorüber an den dunNcn Häusern, hinter deren blinden Scheiben der Bürgermeister das Pochen der geängftigten
Herzen zu hören glaubte. Plötzlick) beuietc der Oberst mit einem Fluch aus ein Haus an der anderen Seite. Aus dem erleuchteten Erdgeschoß drang der heisere Gesang betrunkener Männer. Der Obern stürmte auf das Haus zu undpochte mit dem Säbel an die Scheiben, daß sie klirrend zersprangen. „Wollt Ihr ruhig sein. Schweinehunde " schrie er ans rusissch. Der Gesang verstummte im Nu. und im nächsten Augenblick erlosch das Licht.
Die Straße führte sanft bergan. Dort oben lag auf einem Hügel das Torftirchlein. Die beiden schritten daraus zu. Ter Oberst blickte hinauf und nickte: Dorr umkreiste eine Kosaken- abreitung in regelmäßigen Abständen das Gotteshaus Ter Oberst winkte den wachhabenden Offizier herbei. „Daß mir keiner van den Bauern die Kirche betritt!" herrschte er ihn an. „Bet Todesstrafe! Die Halunken möchten natürlich an den Glockenzug heran und um Hitse läuten!"
Dann ließ, er sich, nach Hause führen nnd begab sich zur Ruhe.
Es mochte in diesem Dörfchen kaum einen Deutschen geben, der in dieser Nacht die Augen znlat. Selbst als die Kosaken längst in den tiefen Schlaf der Trunkenheit gefallen waren, da drängten sich noch angstvolle Gesichter an die Scheiben und starrten mit brennenden Augen hinaus aus die dunkle Straße. Dort drüben, kaum eine halbe Stunde weit... dort lasten die deutschen Freunde. Wenn man ihnen eine Nachricht sclstcken könnte, einen Boten, einen Hilferuf — sie würden kommen jene der Wtrbelncknd und die verhaßte fremde Brnr davonjagen.
Es gab keine Möglichkeit. Der bloße Versuch war der- sichere Tod. Denn eine dichte Postenkette sperrte dieses Dorf von der Welt ab. und kein Mäuschen konnte bindurchschlüpsen.... Ja, wenn einer lfineindringen könjntc in die Kirche nnd die Glocken läuten! Die würben hinüberschallen zu den deutschen Brüdern und ihnen Kunde geben von dem Unglück', das dieses arme Dorf betroffen hatte. Aber auch das hatttm die abgefeimten Strauchdiebe unmöglich gemacht. Die Kirche ivar dickst bewacht, der Glockenstrang nnerreichbar. Ja, der bloße Gedanke war Heller Wahnwitz^. ..
lieber die Dorfstraße bewegte sich eine schattenha tc G.stalt. Vor dein Hanse des Bürgermeister — dem Heim des .Konimandanten — machte sie Halt. Eine Hand »vurde erhoben: eine Frage an den Posten. Ter lachte nnd wies nur dem Daumen nach rückwärts. „Der Oberfft schläft!" Der andere lachte ebenfalls und trollte sich- Auf den Zehenspitzen ging er langsam an den Häusern entlang. Bor dem ersten blieb er einen Augenblick stehen und rat einen Pfiff.
Ta tvnrde es lebendig.
Ter Kosak ging weiter. Hans für Haus, und pfiff. Ta kamen sie ans den Häusern, die Kosaken und rotteten sich zusammen. Einer hinter dem andern. Sämtlich bewaffnet.
Beim Hanse des Torfarztes fingen sie an. Ter Wirtschafterin blieb der Schrei in der Kehle stecken angefichts der vielen Männer mit den blitzenden Revolvern. Tie stürzten die Treppe hinauf.' mit Beute beladen kehrten sie bald zurück.
Nnd dann ging es weiter. Fast lautlos wälzte sich di« Schar vorwärts. Ab nnd zu ein unterdrückter Sckirei. Das Knacken eines Hahnes, das Klirren einer Fenstersck'eibe. Eiliges Getrappel auf Treppen und Höfen, leise Flücl'e, das Rücken von Möbelstücken. Poltern, Trampeln, Schleifen und Zerren von Gegenständen und Körpern. Dazwischen flehende und bittende Laute. Dann Stille. Unheimliche Stille. Die Kosaken bei der Kirche waren abgesessen nnd schauten neiderfüllt hinunter aus das Treiben ihrer Kameraden, an dem sie nichr teilnehmen konnten. Denn die Angst vor dem Obersten lähnrte selbst die Gierigsten.
Bleich, mir gerungenen Händen, standen die Effnoolmer inmitten ihrer ausgeraubten Zimmer nnd schauten hilflos und verzweifelt aus das Bild der Verwüstung. Waren sie denn ganz verlassen? Gab es niemanden, der ihnen zu Hilfe kam? Ahnte niemand etwas von ihrem Unglück'? Da — plötzlich — ein seltsamer, wohlbekannter nnd doch atemrairbender Ton: durch die stille der Nacht drang das Läuten der Kirchenglocken.
Machtvoll schwollen die Klänge an, brackjen dann seltsam plötzlich wieder ab, setzten wieder ein, verstummten aus einmal, begannen mit einem Ruck aufs neue und verhallten in langem Crescendo.
Im nächsten Augenblick wurde es laut auf der Straße. Flüche, Kvmmandornfc. Halbangekleidet kam der Oberst aus seinem Rappen herangesprenat, hinter ihm Offiziere. In rasendem Tempo ging es hinaus auf den Berg,, zur Zlirä-e, von deren Turm noch immer die Glocken in seltsamem Rhythmus läuteten.
„Hundesohn, "herrschte der Oberst den ersten Kpsaken an, ausstt sich vor Zorn, „wer lautet da die Zßirchenglocke?"
Der Kosak, der totenbleich im Kirchenportal stand, bekreuzigte Nch und stammelte: „Wir wissen es nicht, Herr Oberst. .Kein Mensch ist in der Kirche!"
„Du lügst, du Schuft!"
„Sv wahr ich Gott liebe," beteuerte der Kvsak, an allen Gliedern zitternd. „Meine Kameraden lverden es bezeugen. Wu haben alle Türen bewacht. Kein Mensch ist hineingedrungen." Der Oberst stteß mit einem Tritt die Tür ans, die krachend znrückflvg, und stürzte in die MiniK „Licht her!"


