Ausgabe 
23.1.1915
 
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..Am besten hat mir persönlich em kleines Fräulein gefallen, eigentlich noch ein Backfifchchen, gar nicht hübsch und ein bißchen drollig und ungraziös. ein echtes deutsches kleines Landnrädchcn, um das sich niemand au lämutcrn scheint, und das auch Don niemand so recht verstandet wird Sie hat etwas knabenhaft .Wildes .und Selbständiges, es liegt Natürlichkeit und Charakter darin. Die gibt und ergibt sich nicht so leicht und wird ech glaube ich, einmal schwer haben. Der Empfehlungsbrief, den Gott-und Natur zuweilen in eines Menschen Besicht schreibet!, fehlt den; Fräulein Lil'ii von Kallwein Wenn sie diesen hätte oder statt dessen die Klugheit und Raffiniertheit mancher Men­schen, so würde sie eine Herrscherin werden. Sie kam oft zu mir und sprach mit mir. und in ihrer Unterhaltung lag viel Natürlichkeit uiib ehrliche Offenheit. Ich glaube, sie ist sich noch nie so recht bewußt geworden, daß sie einen, von vielen andern beneideten Borzug hat eine sehr reiche Erbin zu sein. Sie nstrd gewiß bald heiraten, aber ich fürchte, es wird kein Mann sein, der sie zu behandeln» weiß."

Wir standen vor dein Hause Wladzio Korrolewskis. Die ernste Wendung des Gesprächs hatte alles Gezwungene Livischen uns, alles rein Persönliche entfernt, und als be schau liche Natur freute ich mich darüber und fühlte mich leichter und freier. Ter Wert Tatianas wurde durch ihre Denkart, ihr so objektiv offenbartes Gefühlsleben noch erhöht.

Es tvar in jeder Beziehung etwas Außergewöhnliches, was Gottes Güte mir in diesem Wesen zugeführt hatte.

Gestern aegen Abend ging ich hinüber. Als Vorwand diente ein kleines Figürchen von Bronze, das ich am Basar­abend von Tatiana erstanden hatte, um mir vom alten Korrolewski erklären zu lassen, was dieses etwas seltsame Gebilde eiaentlich darstellen sollte. Wer mir vor vier Wochen gesagt hätte, daß ich schüchtern nach einen! Vor­wand suchen würde, nur um die alte Antiquitätenbude betreten zu dürfen! Ehe ich amg, stand ich erst eine längere We,le vor dem Spiegel und betrachtete inich eingehender lvie ;e vorher, prüfte meinen Haarschnitt, mein Bärtchen, und überlegte, ob ich ihr besser in Uniform oder in Zivil gefallen würde. Letzteres wäre für einen Besuch be^ dem alten Rarrtätenkrämer vorzuziehen gewesen, aber ich ver­fügte nur über ein etwas schofles Räuberzivil mit Jagdhut. Da man hier nie in Zivil zu gehen pflegte, so blieb ich in der Uniform, in der ich meiner Herzenskönigin auch besser ge- sallen tviirde, denn Zivilisten hat sie schon genug gesehen, aber Uniform und solch schneidige, vornehme wie unsre wohl selten. Hoffentlich!

. Ich wartete eine ganze Weile, ob der Alte nicht endlich seine grüneStudierlampe" anstecken würde. Aber als das mcht geschah, verlor ich die Geduld und machte den kleinen Katzensprung über die dunkle Straße, die von der trübe bren­nenden Laterne nur recht mäßig erhellt wurde. Einen Mo­ment zögerte ich drüben an der alten wackligen Tür, vor dem Gedanken bangend, sie könnten beide nicht zu Hause sei», viel leicht verreist irgendwohin. Tann hatte ich vierundzwanzig Stunden ganz unnötig gewartet. Und in vierundzwanzig S kann d;e Welt untergehen! Aber ich hatte Glück. Un­mensch liches Glück!... Er, der Alte, war nicht zu Hause,

' ie ;, ^ötianö, mar ba. Sie öffnete mir und sagte: Ach. , und schloß die Tür hinter mir ab. Es mag nicht Jjf Vorkommen, daß einen Menschen ein Schauer von Wonne übeilauft, wenn er emgeschlossen, regelrecht eingesperrl ist!

Vater ist nicht zu Haus." erklärte sie,er befindet sich auswärts, um cmige antike Gegenstände ans einem Nachlaß zu erwerben und hat mir streng besohlen, während seiner Ab wesenhett immer die Tür znznschließen. Es kommt doch aller- Ui Gesmdel durch die Stadt, besonders an Werktagen wie heute, und her aus dem Flur steht und hängt so manch wert­voller Gegenstand. Da braucht einer nur zuzugreisen."

x . . \°l ux & "icht umhin, mit einer gewissen Begeisterung Vrakttsche Vorsicht des verständigen Vaters zu loben. Biel- leicht aber hatte er nicht gemeint, hinter dem Diebe die Tür zu ichlietzen.

k stverständ!ich stolperte ich über meinen Pallasch und

d.v s^^?blnahe an bie Wand, als ich ihr den Vortritt Liirch die schniale Tur lassen wollte.

i6r i" das Hinterstübchen mit den ver- ,/ohlen Uhnenbildern und den gebrochenen Wappenstühlerr

ausgestorbenen polnischen Geschlechts. Ans dem Tische stand eine ^ampe mit einem Schirm von roten Glasperlen

und eingeprehteii. einst frischen Heckenrosen, em kleiner damp­fender Kupferkessel. von deinem rötliches Flimmer« ausging, und daneben eine braune Teekanne mit Tasse. Auch einen goldgeränderten Briefbogen mit einem- angefangenen Brief bemerkte ich, den sie in eine kleine Ledermappe mit einem halbvenvischtdu Wappenbilde schob Ich hätte so gern die Handschrift betrachte! . Sehr geistreich mag ich nicht aus- gescheit haben, wie ich so hcrumspähle, als tväre ich am Ende doch eilt beutegieriger Dieb, der sich schnell über die stehlens- lverten Schätze orientieren ivollte. Hub fie fragte mich mit ihrer sanften fremdartigen Altstimme:Wünschten Sie Vater zu sprechen? Bringen Sie ibm etwas? Ich sehe. Sie haben ein Päckchen bei sich - Vielleicht kann ich es be sorge n?"

Hub ich stammelte etwas wie:Das wäre möglich, Frön lein Korrolewski - " Und wir wußtcri doch alle beide, wie wir uns am Basarabend angesehen hatten -und was alles wir uns mit den Augen gesagt hatten, als ich sie in meinen Armen, fest, fest an meiner Brust hielt, und lvie wir uns vor gestern ans dem einsamen Landtneg bei den Händen ge­habt lind beide fest verschlungen eine Weile so gegangen waren. Und nun dieses Zeremoniell, über das jeder, der in einen Backfisch verliebt ist, gelacht haben würde.

Bitte, wollen Sie sich nicht setzen?"

Ich setzte mich und dachte endlich daran, die Mütze abznnehmen, wie jeder gebildete Mensch, wenn er in ein fremdes Zimmer tritt.

Wollten Sie dem Vater etwas zum Kauf anbieten? Ach, das ist ja wohl die Figur, die Sie mir ans dein Basar abkauften. Sie möchten wohl ettvas andres dafür?"

3«, oder eigentlich nein, sondern ich wollte Ihren Herrn Vater nur fragen, was sie vorstellt."

Vielleicht kann ick Ihnen das auch sagen," er­widerte sie und drehte die Figur um, auf deren Bode.n- släche eine Nummer eingekritzelt war, worauf sie nach einem schmalen länglichen Geschäftsbuche griff. Während sie, neben mir stehend, die Zahlenreihen Seite für Seite von oben nach unten überflog, brannten ans ihrem be­rückend schönen Gesicht so dunkekglühende Rosen, daß der tiefe Purpur unmöglich von dein Schinnner des roten Perlenschirmes der Lampe allein herrühren konnte. Sie hatte wieder das schwarze glatte Kleid an mit der Silber­kette, und die Formen ihrer Gestalt, die es umschloß, reizten mich fast zum Wahnsinn.

Endlich blickte sie aus dem alten abgegrissenen Buche auf.Die Figur ist die Nachbildung eines mexikanischen Götzen," sagte sie und sah zu niir nieder aus ihren großen, zärtlich heißen Augen, über die wie ein Schleier die langen schwarzen Wimpern sich bogen. In ihrem Blick lag der Aus­druck eines sanften Berwunderns, wie vielleicht ein edles Wrlb in das Auge des Jägers sieht, der es tödlich ge troffen hat.

Und da kanr alles, was ich zu sägen hatte, zu sagen vermochte, in einem einzigen schweren tiefen Seufzer über meine brennenden Lippen; ich stand ans und taumelte ein wenig, so daß ich mich am Tisch halten mußte, dabet streifte ich ihre Schulter lind ihren Arm und stützte meine Hand gerade auf ihre Hand, mit der sie das Buch auf den Tisch legte. Was geschah doch? Und wie kam es? Sagten wir etwas, oder sagte cs jemand anders neben oder über ums? War es ettvas Neues, ivas wir beide noch niM wußten oder etwas Altes, Uraltes und allen Menschen Bekanntes? 1

Sie lag an meiner Brust und ich beugte mich am. ganzen Leibe zitternd, hinab unb pflückte die heiße, rote, duftende Rose von dem schönsten Mädchenmnnde.

.,2^1 will Tatiana Korrolewski heiraten. Gatt selbst will ev. Er, der fte ichus und mich schuf, er kann uns um' ft,reinander geschassen haben!

Ich will Tatiana heiraten. Wie ich es ansangen soll, weiß ich noch nicht. Aber Gott muß es wissen. Er tarnt uns nicht zusammengesührt haben, nur um ilns wieder zu trennen. Ich lege unser ganzes Lebensglück, ich lege mein .Herz und Tatianas Herz vertrauensvoll in seine Hände '

(Fortsetzung folgt.)