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in feinem tiefernsten Ausdruck an die starren ’^ilac eines toten Kameraden erinnerte, der sich infolge ähnlicher Her- zensirrungeu erschossen hatte, da griff Ich unwillkürlich nach der Hand, die auf dem bereitliegenoen Abschiedsgesuch ruhte, und preßte sie selbstvergessen wie gestern die ihrige und sagte, wie es mir das Herz eingab : „Herr Oberst, ich kann da nichts tun, nichts; ich kann nur bewundern und bedauern. Bedauern, daß ich diese — diese heroische Objektivität, diese schlichte Menschlichkeit, niemals nachzuahmen vermöchte."
Er nickte mit «feinem stillen gütigen Lächeln.
„Jugend," jagte er, „Jugend..."
Ta fuhr ich jäh empor. Ich hatte keine Tür gehen hören, keinen Schritt vernommen. Aber in der Portiere stand die Frau, im lichten losen Hauskkeide, die schweren, tief- schwarzen Zöpfe lang herabhangend.
Und dann war sie bei ihrem Manu, und ganz langsam kniete sie neben ihm nieder und legte ihre beiden schönen Arme, die in schneeiger Weiße aus dem offenen Aermel hervortauchten, um seinen Nacken... „Mein lieber, mein guter Mann — behalte mich bei dir! Laß mich hier... hier!"
Sie schmiegte ihr blasses, himmlisches Gesicht an seine Brust und beide sahen sich au.
Ich ging schnell und still hinaus. Und draußen im Flur mußte ich mich einen Moment au die Wand lehnen... mir schwindelte ein bißchen... und mußte meine Hände vor mein Gesicht drücken und als ich sie wegnahm, waren sie naß ...
Dezember. Ich bin unsagbar glücklich. Eigentlich kein sehr schöner Zustand. Man hat ein Gefühl von Schwindel, als balancierte man aus einer ungeheuren Höhe mit berauschender Aussicht, wo man sich aber nicht lange halten kann. Ter Zustand hat, so widerspruchsvoll das klingen mag, viel Aehnlichkeit mit dem Gefühl unsäglichen Unglücks wie die Berührung eines heißen oder eiskalten Eisens denselben Schmerz erzeugt. In solch hochgespannter Seelen- stlmmung, wo ein einziger Gedanke alles übrige unter seine Herrschast zwingt, wird uns das ganze Leben zu einer flüchtigen Wanderbühne, die sich um uns herum dreht, ohne daß ems der Bilder faßbar standhielte. Keiner BeschästigmDo vermag man sich mit Ruhe hinzugeben. Die unabweisbarsten Tagespfllchten verlangen eine Willensenergie, eine gewaltsame Sammlung, die geradezu schmerzhaft ist. Nur schnell vorwärts damit, unmer weiter und weiter, damit man sich so bald wie möglich wieder mit Leib und Seele in das große einzige Gefühl des Lebens, das Glück oder Unglück vertiefen kann. Das kann natürlich nicht so bleiben. Was sollte zuletzt daraus werden? Aus solchen Gipfeln kann man sich ja nicht t* 1 /, l cibet 3 geradezu, wenn man überschwenglich alücklich ist Und was ist denn das nur für ein Glück? .Habe ^,57 «Ä 'llwnenerbschast gemacht, ohne daß meine gute rw. 2 U Serben müssen? Hat mir Majestät einen Ä überreichen lassen für den veredelnden
Einfluß, den ich auf eme seiner kleinsten Garnisonen ansübe? Habe ich über eine ganze Reihe von Leutnants und Rittmeistern einen Sprung zum etatsmäßigen Major oder wegen phänomenaler Begabung in den Generalstab gemacht? Ohne
Äf£ n Jx et l ? ^ Mbt's sonst noch für Glück? Daß NI ch die Serben oder die Bulgaren zum König haben wollen?
Nichts, gar nichts, kein Schimmer von dem schwin- dflndfu Gluck, wa» man beinah wie Unglück empfindet, und ,m „Eldorado" von den Kommissern oder im iä^r^von. den Jeuratzen tüchtig ausgelacht werden
Also, ich liebe! Liebe unsagbar ein süßes Weib - wiedergeliebt, auch unsagbar! Zum Denken, zum Ueberlegen komme ich vorläufig gar nicht. Es ist alles noch
v r rM Crb Ä / f ? iung, daß kein Mensch in solchem Seligkeitsgefuhl nach Ziel und Ztveck fragt. Und wenn das unbequeme Wohin und Wovon mol geschlichen komm,
erstickt und cs bleibt nichts als das süße, selige Gluck: Tatiana! Tatiana !—
®f„!°“ r m n ^ einem Nachmittag. Das Wetter war leidlich unangenehmer Regentage und die Land- straste vassierbar. iwmt man auch freilich bei schärferer Gangart den schöne» Spruch gelte» lassen „»istlk: .Arischer Z*» Äo&ülleriften." Der Himmel, der so hoch und gewölbt ilber der weiten Ebene „ni Zwielitsch hing baß er sie wie eine bunte Glasglocke an den ciußersten
ty ien ’ schimmerte rot und golden und gniii. Auf einer violetten Wvlkenbank im Westen lag
die untergehende Soiine wie ein großer roter Ball, ohne Strahlen, als wäre sie müde von der Arbeit, Zwielitsch zu erleuchten, und dächte ans Schlafengehen. Mer ein wunderbar goldrotcr Schein ging über oie schwarzen nassen Aecker, über den dunklen Forst am Horizont, wo in strengen Wintern noch Wölfe gespürt werden sollen. Die Schmuhund Wasserlachen ans den Feldwegen, über die ich ritt, sahen ordentlich schön aus, wie jener Farbenglanz sich darin spiegelte. Es war windstill, mäßig kalt und ein ganz seines Reiten, denn der Weggrund war ziemlich fest und stark sandig und an den Rändern, wo das Wasser ablausen konnte, selbst für Fußgänger trocken und gangbar.
Wie ich so in verlangsamtem Tempo dnrch den Abendschimmer reite und von der entschwundenen .Huri meines Paradieses träume, und der Chargenganl (in solchem Werter reite ich den Apollo nicht spazieren) die nicht einwandfreien. Beine so schläfrig aus dem nassen Lehm zieht, l-ebe ich meine Angen auf und sehe, daß sie mir entgegenkommt, ja sie, von der ich eben träume. Eigentlich sah ich schlechtweg eme Frauengestalt nur ans dem trockenen Pfade von dem linken Wegende herankommen, denn erkennen konnte man mit bloßem Auge noch niemand aus diese Entfernung hin, aber ich sah mit dein Herzen und mit allen Nerven und harte innerlich schon so oft dasselbe gesehen, daß meine leiblichen Augen ans diese einzige Gestalt eingestellt waren.
. Ja, sie ivar es — Tatiana! Tatiana! Ganz allein mit mir auf dem Wege auf der weiten Ebene, aus der es, außer uns, sonst kein menschliches Wesen zu geben schien. Wie mir das Herz schlug! Wie es raste gleich einer rv-ahnslnnig gewordenen Uhr! Ein namenloser Jubel, eine beklommene Spannung, ein Fieberschauer, alles durcheinander hatte mich gepackt. Ich denke mir, so inag es sein, wenn nlan in seiner ersten Schlacht die Trompete „Zur Attacke?" blasen hört und nichts mehr tveiß noch kennt als siegen! siegen!
Wie sie immer näher und naher heranschwebte, immer deutlicher und klarer sich von dem heitersarbenen Himmel abhvb, schien dieser dem wunderschönen Bilde nur als Folie zu dienen.
Kann man sich vorstellen, daß ein erfahrener, gereister Mensch, der doch so manch schönem Weibe völlig gefaßt und als Herr der reizendsten Situation gegen üb er st and. daß dieser tapfere Kürassierleutnant, der sich des Rufes erfreute, sich vor dem Teufel nicht zu fürchten und keine Nerven zu haben, nicht weiß, was er tun soll, als ihm unter den harmlosesten Umständen in der Einsamkeit der Landstraße ein junges Geschöpf begegnet, mit dem er getanzt hat, und an dem ihm alle Rechte zarter Huldigung zustehen? Wird man es glauben, daß er völlig verwirrt und mit einem atemraubenden .Herzklopfen, das ihn in keiner denkbaren Lebensgefahr übersatten würde, an der Königin seines Herzens mit einem ernsten, sehr reservierten Gruß vom Gaul herab, als wäre er darauf festgeschmiedet, vorbeireitet, °*) nc ein freundliches Wort hervorzubringen? Nein, das ist undenkbar, um so weniger, als er dabei hätte auf- Mreren mögen vor Glück, sie zu sel>en, an die er Tag und Nacht mit allen Gedanken und Träumen gebunden war ivotch em Grad von Liebeswahnsinn — Liebeshörigkeit hieß
Leilttiantsherz' T° lt ~~ * CmiC11 tr,cni 8 felddienstsäyige
Jetzt war sie dicht bor mir. Jetzt sah ich sie ganz nah, sah m 'hre großen schwarzen Sonnenaugen, sah ihr dunkles iippiig bauschendes Haar mit dem roten Glanz der Sonne darm, sah den Mund... den samtroten Mund, wie eine Rose zu mir ausblühend und - ritt kühl grüßend vorbei, ^wohl. Ritt vorbei.... Der Gott der Liebe verzeihe mir, ich kann es nicht und sie darf es nicht... es war ein nn- sühnbares Verbrechen an ihr!
Im schwarzen Tuchkleide, eine schwarze Pelz schlau ge “ m . *> c " j? flt *' e cl i2 schwarzes Pelzbarett mit einem weißen RelheiZtutze aus ihrem wunderbaren .Haar, sah sie ,oie eine
hn}! wT 6 aus und schritt einsam in den herabsinken
den Abend hmern. Und ich ritt vorbei und hatte nicht einmal fil/m' f af T e Galanterie, ihr mit dem Hinweise ans mög- lrche Gefahren meme Begleitung anzubieton und den Gaul an die Zugel zu nehmen. Nein. Ich stolperte meines Weges nach Hause. Ms einmal aber packte mich ein wilder Zorn und Grimm über mich selbst, ich setzte dem unschuldigen Chargengaul die Sporen m die Flanken und jagte nach Hause, daß die Funken stoben und die Pfützen spritzte»! und die „Zierde des Kavalleristen" mich über und über bedeckte. -Meier stand seelenruhig in der StaÜtjtr. Ich


