Jungfer Lieser Sohn.
Eine deutsche Kriegsgeschichte von Erck Inet.
Autor. Uebers aus dem Schwedischen von Rhen Sternberg.
Müllers Liese war heimgelehrt — heim zum Müller, nach vielen Jahren der Abwesenheit.
Müllers Lieses Fritz war 18 Jahre alt und sollte das wußte Liese mit in den Krieg und deshalb hatte sie beschlossen, nach Hause 31t fahren, um ihren Jungen noch einmal zn sel-en.
Um seinetwillen hatte sie vor vielen Jahren die Hnmcrt verlassen und den kleinen Herl den erzürnten Eltern übergeben. §ie war nach der großen Stadl gegangen, uw ihr niemand zürnen konnte lvegcn ihres Irin', denn da gab es ja keinen Menschen, der darum mufete, daß sie dieses kleine Wesen in die Welt gesetzt hatte. Böse Worte nnd .Hohn und Spott hatteit sie von der Heimat sortgctrieben. Daß eine unverheiratete Fran ein Kind hatte, war eine Schande, nicht nur für sie nnd ihre Familie, sondern für die ganze Gemeinde des strengen, rauhen Dorfes, in dem die Mühle stand, nnd in den» die Müllersleute sich bisher durchs Leben gekämpft halten in Zucht und Ehren, bis Liese . . . Ja. lvärc sie doch lieber in den See gegangen, sagte der Müller; die Müllerssran aber schwieg. Liese nwr ja doch ihr eigenes Fleisch nnd Blut, n»»d der kleine Fritz in der Wiege gewann bald ihr Herz.
Und die Müllerin hielt die Berbiudnng mit Liese aufrecht
wenn auch heimlich, ganz heimlich. Denn wenn der Müller, der Lehrer oder, (tfott bewahre, gar der Pastor es erfahren hätte, dann hätte sie wohl denselben Weg gehen können wie Liese: fort von der lieben Mühle, der alten, grauen Mühle dort aus dem flachen Boden, die ihnen den spärlichen Unterhalt gab.
So hatte Liese nur selten etwas ans der Heimat gehört. Im Koffer barg sie eine Photographie von ihren» Jungen, die sie vor vielen, vielen Jahren geschielt bekommen hatte. Wie nett er anssah in seinem weiße»» Rückchen, unter dem die nackte»» Füßchen hervorstaken. Gern hätte sie in ihrem Mutter stolz das Bildchen ihrer Herrin gezeigt, aber die Furcht hielt sie davon zurück, und so bewahrte sie ihr Geheimnis tief unten im Koster und in ihren» Herzen, bis zu dem Tage, da sie hörte, daß ihr Sohn in den Krieg sollte, um sie und das Land zn verteidigen gegen die abscheulichen Russe»» nnd Franzosen, die nun das ganze Christenvolk bedrohten.
Sie ging in ihre Kammer, schloß ihren Koffer auf und lpilte die alle Photographie heraus, die, sorgsam in ein Taschentuch eingewickelt, in ihrem Gebetbuch lag. Lange stand sie da und betrachtete ihren Sohn, und ihr Mutterstolz überwand alles andere. Sie empfand nun weder Schanr noch Furcht, als sic das Bild zeigte.
„Das ist mein Sohn, und er soll mm mit in den Krieg und ims alle mrteidigeu gegen die Russen und Franzosen/" erzählte sie hier und da und überall. Und das Bildchen ging' voir Hand zu Hand nnd wurde bewundert nnd besichtigt »mt> getvendet nnd gedreht von den erstaunten Frauen, die nun zum erstenmal von Jungfer Lieses Sohn Fritz vernahnlen. Dock- Liese genoß nur zn lauge ihren Triunrph in der Stadt. Alle Kleinhändler, alle Nachbarn, alle Dienstmädchen und alle Por- tierssranen der Umgegend sollten Jungfer Lieses Sohn Fritz fehen, der nun mit mußte in den Krieg und die ganze Gesell» schaft verteidigen gegen die Russe»» und Franzosen. Und dabei wurde überall Kaffee getrunken und aus dein Kasfeegrund gewahrsagt und Karten gelegt, nnd stets siel die Prophezeiung glück- lich aus für Lics-es Fritz, der die Feinde schlug und das Bat er lcmd und die Christenheit rettete.
,,Ter kleine David geyen Goliath," sagte die Haushälterin des Kaplans, die sehr bibelfest ivar. „Ter kleine David," wiederholte sie, während sie die Photographie betrachtete.
Aber als Liese cnt>ltd> nach Hanse kam znur Mittler, war Fritz schm» lange auf dem Weg gegen den Feind. Es lvnrden incht viele Worte gewechselt. Alt und gebeugt saß der Müller da, ünd die Müllerssran stand mit krummem Rücken, ihre. Hände waren geschwollen und steif von Mühe und Arbeit und Gicht, ulld es fiel ihnen schwer, den Teig zu kneten nnd das' Brot zu formen.
- Ä,"' griff ah, daß das Mehl rings um sic stand wie
eure Wolke, und sie formte die schönsten Wecken und Schnecken mit Schnörkeln und Windungen und dachte dabei an ihren Fritz in dem kleinen weißen Röckchen auf der Photographie, die vor lhr stand — den kleinen Sritz, der min draußen »var im Ki'icg, um das Baterland zu verteidigen.
Und dann nahm sie den Wagen mit dem Fuchs, den Fritz bisher gefahren hatte, ,lnd ratterte in der Gegend »unher und verkaufte Schnecken und Brote nnd erzählte weit nnd breit von chrem Fntz und zeigte, fein Bild und versicherte, des Kaplans Haushaltenn hätte ihn „David" genanitt, „David gegen Goliath"
»md ste mußte ohne Ende zn erzählen von ihren» Fritz und scluen Heldentaten. Er schlug die Russen, und er schlug die Franzosen, nnd die Grünkrämersfrau drinnen in der Stadt hatte prophezeit, daß ihr Fritz etlvas Großes tocrden lvürde das hatte man deutlich aus den Karten lesen können. Und überall, iiwljn» Liese nun mit ihrem kleinen Wagen kam, wnrde sie geehrt und gefeiert, und mau kaufte ihr Brot, dem, »uau wollt.- gern etlvas Neues vom Krieg hören, hier in ch' v Oede, uo die
spärlichen Häuser so weit voneinander erttserut lagen Und L '' wußte Bescheid. Sie hatte ja ihren Fritz im Krieg, und r>- hatte den Kaiser gesehen, und den Kronprinzen nnd all bn großen Generäle, leibhaftig halte er sie alle gesehen, mit eigene» Angen. in den» großen Berlin. Und als daS Gerücht sich ver breitete, daß nun auch die Engländer, ja, selbst die gelben Japaner sich an die Feinde augeschlossen hätten, nra&te Liese überatt, wohin sie kam, den sinkenden Mut zu heben.
„Laßt sie .kommen, laßt sie nur kommen," sagte sie, „Fritz wnds »hncn schon besorgen." Und sie zeigte ihre Photographie, ihren Fr»tz in dem weißen Kleidchen, unter den, die uacktcn Füßchcn hcrvorguckten.
Was einmal prophezeit lvird, muß auch in Erfüllung gehen, das »cm leder, der sich auf die Kunst versteht. Tie Grün krainersirau drinnen in der Stadt muß besonders begabt dafür gewesen sein, und des Kaplans .Haushälterin nicht minder. Und Lie,c »nckte nnd senkte andächtig den Kopf vor der großen Weisheit, d»e »m Kasfeegrund liegt nnd in den Katten. Denn kam nicht eines schönen Tages — u>e»m auch nicht für sie, sondern für den Mütter, denn Fritz kannte ja seine Mutter nicht — eine vrachtvottc Photographie von ihrem Fritz, in Uniform »nit Knöpfen und ^>äbel nnd Quaste und Gehänge, und vor de»» einst so kleinen Bcinchcn eilte mackstige eroberte Kano»»e! Und stand mcht m dem Brief, daß. Fritz geehrt und gefeiert lvorden sei vor der ganze»» Front, und zum Gefreiten ernannt und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet fei zum Lohn für seine Tapferkeit! Uird als selbst der Pastor in der Kirche ihr Slück wünschte und sagte, daß sie stolz sein könne, einen solchen Sohn zu haben vergaßen sie alle — der Pastor und Liese und der Müller ui»d der Schullehrer und die ganze Gemeinde — vollständig, daß Frnz »a jm Grunde eigentlich gar nicht „da sein dürste!"
Lodzer vilder.
Weither schon grüßt sie. die „deutsche" Stadt, 2 lher sv trauerumflort steht sie dorr im slack-eu kahlen Lande, so trübe und slunuu iur sagenreichen Polen, »vie eine Beremsantte in der Freu»de. Grane Türme, schrvere, sich gleick-sanr unter der eigenen Last mühsam ausreckende Türme ragen aus der undeutlichen Häusermassc empor, und schwarze kalte Fabrrkschlote zeichne,» sich düster am Hiinmek gb. Uird wie diese Stadt, so die Wege zu ihr. Llnch sie trostlos, zerfahren und zerrissen, bedeckt von knöcheltiefen» Schla»n»n, kein Baum an den Seiten, kein Richtstein, kein Telegraphemnaft nichts als Schmutz und stttnnnes In- sichversuirkensein ...
Das ist der Eindruck, den Leoirhard S ch r i ck e l en»pfing, als er sich Lodz näherte. In einer überaus fessel»»den Schilderung, die im nächste»» Hefte der „Grenzboten" erscheiitt, gibt er die Bilder »vieder, die ein Besuck) der Stadt in dieser schulsalsvollen Zeit ihn» vermittelte. Wie in eine riesenhafte Katakon»de tritt »»»an zuerst in die anscheiirend tote, leere Stadt ein. Doch »vie bald und »me jäh ändert sich das Bild! Zwar die erste Gasse, in die nufer Weg cinmündet, ist »roch ebenso unerbttttich schrnntzig und holperig, wrd die Büdchen recksts »md links sitzen am Rande dieses zähen Sumpfes »vie uralte, schiminelige Schildkröten; aber die Straße ist durchpulst von lärmendenr Leben. Da laufen schreiende Kinder leglichen Alters die .Kreuz und die Quer. Zei tuugcu ältesten.und iteueftm D att»ms, deutscher, n»ssischer, polnischer, indischer, englisck-er, galizischcr Herkunft, Zigaretten seltenster Art, Brat, Schuhnägel. Brennholz. Zucker Huttrümmer und »vaS es sonst an schnurrigem Zeug yibt. fcilbietend uird tu den schlvärzlichen Händen oder sraglvürdrgen Mützen arisdrrng- tich präsentierend. Auf de»» H^rnsttir-stufeir, die hier Mil- und dort ablvärts ^ur Schnwtto führe»», bennihen sich lockenübcr lvucherte Jünglu»tzc »md dunkeläugige Jungfrauen im ernsten Eifer, jene Schreier »roch zu üderschreien oder durch weitaus holende Geberde»r $u überl runipsen, um ihre eigene Ware au den Maw» zu dringen. Und in der Sttaßernnitte schleppe»» Männer u»»d Frauen aus »vackeligei» Karren, vor dene»» nur hi»» und wieder ei»» klapperdürres, spatlahmcs Rößlern einhrr- »vankt, Kartosseln, Rüben, Fleisch. . .
Womöglich noch lauter tmd brutter geht es aus dem Markte zu, der uns alsbald aufninmlt, ohne daß »Dir es vorerst bemerken Ar»cb hier sind hohe, zvtrsserdichte Stiefel das ttnentbrünlichste; dancbe»» braucht es allerdings auch nock» Gckd»»ld urrd NachsickK. beim das Schieben i»nd Stotzen »urd Drängen der durcheil»a»»dn hastenden Händler und Unterhändler, Käufer und .Wiede» ver- käuser erster bis sechster Hand, Schleppe»-, Horcher und spekula tiveu Müßiggänger ist unbeschreiblich ^)lber die lauten Gassen und lärn»e»»deu Märkte sind noch nickw Lodz. Jtltseits von ihnen öffnen sich breite, großstädtisch au»unte»»de Strayen, »me die Piottkolvskö. die die Halbmilliouenstadt von Nord nach Süd durchschireDei »l»»d au der sich alles au gesiedelt hat. »r»as aitf das Prädldrt „vor»»ehm" und „erstklassig^ glaubt Anspruch erlnMn zu dür sen Da gibt es auch „Geschäfte", d^rs heißt et»w das. was u»ii vern'öhule Großstadtdeutschen als Geschäfte zu bezeichnen psle gen: gnt eingerichtete, saubere, bisiveilen elegante Laden. Hotels Mid besonders viele Kaffees. Bor ihren breiten Fenster»» klillgeln die schnrucken. stets überfüllten Elberfeld.» Waren der eieln, scheu Straß-ulahn vorüber, fahren herrsck'astltche Dro-u-le.» nn>


