immer flmmn an mit diesem anklagenden, beschwörenden Blick, und ich konnte doch nichts tun, konnte uns doch nicht Helsen. Wenn Sie mir nur ein einzigmal begegnet wären, mich einmal ausgesucht hätten! — Am Basartage hoffte er wohl — Pvncalet — in dem Trubel mich treffen zu können ... er versuchte es aus allen Wegen, überall lauerte Gefahr — und Tod ans ihn, auf uns alle! Ich, ich lebe nicht länger, wenn einer von ihnen —"
„Weiter ! Weiter!" drängte ich, denn in mir stiegen furchtbare Bilder auf, und lvenn sie es wagte, zu mir i-n meine Wohnung zu kommen, so war hier keine Minute zu verlieren. Sie drückte die Hände einen Moment aus ihre schweratlnende Brust.
„Heut abend war es im Garten. Ich trat ans Fenster, um es anfzumachen, mir war so beklommen, mein Herz schlug so hart —da stand er deutlich erkennbar es war ja noch nicht ganz dunkel... Aus jedem Fenster des Hauses konnte er gesehen und erkannt werden. In ganz Zwielitsch und in der weitesten Umgebung gibt es keinen zweiten von seiner Größe, seiner Gestalt. Mein Mann war zu Hause. Er arbeitete nicht, seine Lampe brannte Glicht, sonst hätte ich den Schein sehen müssen, gerade ans dem Wege, wo er
rvo Graf Pvncalet stand..."
Wieder pausierte sie, ich drückte heftig ihre Hände. „Weiter - schneller!" rief ich und fühlte, wie mir Ciscskältc über den Rücken kroch.
Ich nötigte ihr wieder Wein auf.
„Ich wich von dem geöffneten Fenster zurück ich streckte abwehrend die Hände aus vor furchtbarem Schrecken.
Ob er glaubte, ich winkle ihm — ob er die Bewegung mißverstand —"
„Natürlich, natürlich!" stieß ich hervor, „lind er nwllte dav wohl auch, er wollte zu Ihnen — er war ja halb wahnsinnig. O, ich versteh's, ich versteh's jetzt. — Wahn- nnnrge Sehnsucht!" sagte ich ganz heiser vor Aufregung. Ich lühlte ja alles mit.
,,Ja, ja/' sllüsterte sie, die Augen mit den Händen bedeckend, mit erlöschenoer Stimme, „wahnsinnig vor»Sehn- suchl.... Und dann war er mit einem Sprung auf dem Fenster, war er in meinem Zimmer — zu meinen Füßen — und hatte mich umklammert. — Ich konnte mich nicht regen... Da sah ich im Spiegel, daß hinter uns - in der Portiere
mein Mann stand. Und er, der Gras, sprang ans. Gr schien bei voller Besinnung und ganz ruhig führte ev mich zu einem Stuhl, weil ich schwankte. Bernhard sah stumm zu imd regte sich nicht, sein Gesicht aber'war so weiß wie
Tod. Dann waren beide fort... ich hörte meines Mannes ^.ni ichiießen und darauf lvar alles still. Ich sprang aus und lief - lies zu Ihnen. O Gott! Helfen Sie — sie sollen sich nicht toten — nicht töten - hören Sie? — Schnell —"
Sie wollte vom Sofa herab, zu meinen Füßen nieder- sinken. - Bisher hatte sie mit unheimlich tonloser Stimme, wie in halb visionärem Fieberflüstern gesprochen, jetzt schien Ne mh zu erwachen zu dem furchtbarsten Grauen. — Ich hielt sie hoch und zog sie auf ihren Platz zurück.
Ruhig — mit Gottes willen — Sie müssen ruhiger lein, bat ich, wahrend mir fast die Stimme versagte. „Jetzt
!!», od l Änb F.!- Wenn ich auch hingingc. mich
suchen bcide Männer drängte, mit welchem Recht dürste 'ch V Wer hat mich dazu veranlasst, durch wen habe ich's erfahren? voll ich sagen, dass Sie hier seien, bei mir in
.. . ' — . |VIV», vv l ,1111, lll
mn Ponealett zu retten vor der Kugel
meiner Wohnung Ihres Mannes?"
. ..Nein, nein/' ries sic. „Nicht um Poucalet allein ifi mit s zu tun, auch uni meiuen Mann. — Wie sollt' ick es ertragen — wie wciterlebeu?"
, „Ja, ja Das könnten Sie nie ertragen, kein Glück iwm zu denken, keine Freude, keine Ruhe mehr, auch Ihnen bliebe mn: der Tod als Erlöser. Aber noch ist ja nicht das SMmmfte zu furchten. — Freilich — Ihr Mann schont niemand in dieser Sache. Er darf es auch nicht. Ich selbst
frieirn beftcn ^dmid, der mir das geliebte Weib
."nd ich zweifle sehr, daß er lebend den Platz verließe. Aber letzt, tm Augenblick, wo diese furchtbar »urickn^??'ung ul Ihrem Hause stattfindet, ist nichts aus- ^lü !7 J} ^ öu retten. In dieser Nacht kann ja auch nichts Mschehen. Sie sagten, Gras Poucalet war ruhig, nun ^^^V'^^^onimandeur kenne ich, der ist Meister in der - - -Morgen — morgen in erster Frühe wbald es irgend möglich ist, will ich alles daransetzeu Ihre,!
Harriet, zu mildern imb S'ttto™ baren Ausweg für Sie zu silcheu." H
Ich war immer ruhiger, gefaßter geworden, während ich sprach, imd alle möglichen und nrnnöglichen Bilder drängten sich mir vor die Seele. Harriet kauerte in ihrer Sosa- ecke, ganz znsammengezogen, und ihre Zähne schlugen wie im Fiebersrost aufeinander.
Hatte sie gehört, begriffen, was ich sagte? Oder war sie schon wahnsinnig geworden vor Angst um beide Männer, die dem Furchtbaren vielleicht stärker und gefaßter als das arme Weib gegenüberstanden?
Jedenfalls war auch meine Lage recht gefährlich. Der Kommandeur mußte, wenn er es irgendwie vorzeitig erfuhr, natürlich glauben, ich sei mit den beiden im Einverständnis, da die Frau doch sonst' kaum aus den Ge- daukeu haue kommen können, sich zu niir, in meine Wohs innig zu flüchten. Für Harriet freilich konnte cs nicht Zweifel Haft sein, daß ich alles wußte oder ahnte. Sie mußte es gewußt haben, seit ich Poucalet das seinem Buch entfallene Gedicht schweigend zurückgegeben hatte; sie konnte es aus seiner intimen Freundschaft mit mir schließen, die zwar wc iiiger von mir, als von ihm ausgegangen war, uns aber oft im vertrauteren Alleinsein znsammensührte.... Wer weiß, ivas er ihr hierüber gesagt hatte.
Ich halte mich ja gewiß selbst für einen Gentleman Aber solche hervorragende Beweise I>abc ich doch, soviel ich mich erinnere, hier nicht davon gegeben, daß alle Welt und selbst die Verzweifelten und Entgleisten mir blindlings glan- den und vertrauen mußten.
„Kommen Sie," sagte ich fest und ernst, „sehen Sie mir einmal ruhig in die Angen — so! Wenn Sie mir ver trauen, dann muß es bis zum unbedingten Gehorsam geschehen in allenu was ich Ihnen rate."
In meiner Stimme und meinem Bllick mußte jedcnsalls elivas Beruhigendes liegen, was sic zu sich brachte. Der starre Ausdruck in ihren 'lügen schwand, ihre Angen hoben sich mit einem fragenden, hoffenden Blick zu den meinen und sie stand auf.
„Was soll ich tun? Was raten Sie mir?" stammelte sie.
Ja, wenn ich das nur selbst gewußt hätte! Bor allem mußte ich erst Zeit und Sammlung zrnn Uebcrlegeu haben Im Augenblick wußte ich nur so viel, daß sic nicht länger bei mir bleiben konnte. „Sie müssen jetzt fort, nach Hause," sagte ick) rasch, gab ihr den Mantel um und legte das Schleier tuch über ihr Haar und schlang es ,so gut ich das verstand, un Nacken zusammen. „Natürlich lasse ich Sie nicht allein gehen, sondern ich begleite Sie," sagte ich währenddem, „nur müssen Sie ein paar Schritte voransgehen, nach dem Kloster zu, und dann nmkehren. Ich trete dann wie Anfällig ans dem Hause und schließe mich Ihnen au. Sieht uns jemand, nun so haben Sie eben einen Spaziergang gemacht, Kopfweh oder so — die Dunkelheit hat Sie überrascht und Sie trascu mich."
Damit zog ich sie saust nach der Tür, und sie folgte willig. 9lber den Blick, den sie dabei zu mir erhob- /vergesse ich nie, so hilflos bittend, daß mir das Herz weh lat.
Mein Paletot hing dummerweise nicht im Flur. Ich hätte erst Meier rufen müssen, der ihn wahrscheinlich gerade pichte. So setzte ich mir die Mütze ans und nach einigen Sekunden, in denen sie wohl drei Schritt weit sein konnte, trat ich selbst hinaus in den leise rieselnden tffcwu. Leuten, die mir etwa begegneten, mußte es immerhin seltsam erscheinen, daß ich bei dem Wetter (kalt war es auch noch) ohne Paletot ging und auch noch die Kvmman-deuse getroffen hatte, und zwar auf dem ebenfalls recht seltsamen Spaziergailg nach dem Kloster hin, während sie es doch von ihrem Hanse aus viel näher gehabt hätte, ans der Stadt zu kommen. Ja, alles konnte ich eben nicht in per ^md haben, und wie man mir so völlig vertrante, mußte ich meinerseits meinem Glück vertrauen. Es war ja übrigens auch nicht wahrscheinlich, daß wir jemand trafen, und die Rosenstraße war denn auch menschenleer. Mir gingen rasch und erreichten unbehelligt den Marktplatz imd das Hans des Kommandeurs, das etwas zurück von der Sttaße m einem Garten lag. Ich blieb außerhalb mn Gitter stehen, bis meine Begleiterin in der Haustür ver- chwunden war. Sämtliche Fenster lagen in Dunkelheit Ter Kommandeur schien nicht zu Hause. Vielleicht war ihre Abwesenheit gar uicht bemerkt worden. An atmend machte ich kehrt und ging in raschem Tempo nach meiner Wohnung zurück, vollkommen durchnäßt in dem dünnen Rock, m dem mich enipsindlich m frieren begann, als die Anfregniig sich legte und mein Blut wieder langsamer floß.
(Fortsetzung folgt.)


