Bas Mradies der Erde.
Roman von Ada von Gersdorfs.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Dezember. Ich habe Tante Lallt eben zur Bahn gebracht. — Sie schenkte mir zweihundert Mark. — Hundert hat mich der Basar gekostet. Sie fand das ganz richtig. Wenn sie nur wußte, daß ich das Geld meistens in Antiquitäten angelegt habe! Ich habe das Gerümpel in einem Koffer in die Sattelkammer gestellt und weiß nicht, was ich damit machen soll. Möcht's dem Alten wieder zustellen. Doch habe ich eine gewisse Scheu, selbst hinüberzugehen, obwohl ich doch sonst nicht furchtsam bin. Man sagt, daß das die gefährlichsten Wunden sein sollen, die man zuerst gar nicht fühlt, und ich weiß, daß meine Wunde gefährlich ist, aber ich weiß nicht, wie sie behandelt werden muß und kann niemand fragen. Durch Meier erfuhr ich, daß „das Fräulein" vom alten Kor- rolewski, so drückte er sich ans, abgereist wäre, aber wiederkäme.
Dezember. Ich saß am Schreibtisch und griff eben rurch diesem, mir schon recht lieb gewordenen Buche, um mich wieder mit mir selbst zu unterhalten, als Bobby wie rasend vom Sofa sprang und nach dem Fenster, dann nach der Tür und wieder nach dem Fenster stürntte. Was hatte der Hund? Im Moment war mir's klar — Poncalet! Also doch hier! Aber derHnud jubelte nicht. Es war kein freudiges Bellen, es war ein Kläffen, ein Winseln und Knurren, als wenn er nicht recht wüßte, ob Freund oder Feind.
Da ein Schatten vor meinem Fenster ein hastig drängendes Klopfen. Ich riß es auf.
„Schnell schnell, Herr von Rehn," slüsterte eine angstvolle, mir so^wohlbekannte Frauenstimme. „Machen Sie mir auf, lassen Sie mich herein." - Zuerst ein Griff in das Fell des halb rasenden Hundes. Hinaus mit ihm ans den hinteren Flur und den Schlüssel umgedrcht. Dann die Vorhänge herunter. In Sicherheit war sie nun, in meinem Schutz, in meiner Wohnung — sie, die Frau meines Kommandeurs bei mir!
Welche Gefahr, welche Situation für uns beide!
Wie sie auf den nächsten Stuhl an der Tür siel! Wie sic die .Hände an ihr Gesicht drückte mtb schluchzte, brauchte sie nichts zu sagen. Ich konnte mir alles denken. „Nicht wahr, Ponealct ist hier?" flüsterte ich. „Er ist zu Ihnen gekonnnen. Die Katastrophe steht bevor — oder ist sie schon eingetreten? — Bitte, gnädige Frau, liebe gnädige Frau, kommen Sie, setzen Sie sich hier auf das Sofa und seien Sie ganz ruhig. Sie sind in Sicherheit. Ich weiß ja, was ich soll, und das null ich ja auch: Ihnen helfen und Poncalet und und Ihrem Mann "
„Ja, ja. Mein guter Mann! Poncalet ist hier. Er war bei mir. Mein Mann sah ihn. Sie lv-erden sich schießen — sich töten und ich mich auch! O Gott!"
Sie blieb an der Tür sitzen, während ich in fliegender Eile meine über dem Schreibtisch hängende Arbeitslampe an- Kündete. Ich trat zn ihr und kniete lieben ihr nieder ,nahm ihr die kalten Hände vom Gesicht, die ich küßte und fest in! den meinen behielt.
„Liebe, arme gmibige Frau," stammelte ich, sie sanft umfassend, „sagen Sie mir doch endlich, was ich tun soll. Ich will's ja — und wenn's mir das Leben kostete —"
Da schoß mir die Frage durch den Kopf: Was würde ich tun, wenn diese Frau meine liebe, süße Scknvester wäre, die meinen besten Freund liebte und ich, obwohl beiden diese Seligkeit gönnend, liebte und verehrte doch aber auch wie einen Vater den alten Mann, dem die jugendliche Schwester durch heilige Bande angehört? Was würde ich tun, was raten? Wie würde ich helfen? Ich stand sachte auf und zog sie mit mir empor.
„So," sagte ich sanft. „Nun wollen wir ganz ruhig zusammen sprechen." Sie zitterte am ganzen Körper, während ich sie umfaßt hielt. „Sie haben mir das heiligste Vertrauen geschenkt, oas eine Frau einem Manne schenken kann — "
„Ja — ja," unterbrach sie mich. „Alle vertrauen Ihnen, glauben Ihnen, auch Bernhard, auch Gras Poncalet uno ich. O, ich unbedingt! Ich weiß. Sie werden helfen, wenn es in der Welt möglich ist. Ich we.iLß nicht wie, aber — Sie werden es wissen —"
„Wenn es in der Welt möglich ist, das weiß Gott und ich will es auch. Sie haben Vertrauen zu mir, Harriet, wie zu einem Bruder, in gewissem Sinne sind wir wie Schicksalsgenossen — auch mein Herz ist todeswund in Liebe und Schmerz, ich kann also alles verstehen."
Ich nahm ihr sorgsam den schweren Mantel ab und drückte sic in die Sosaecke. Und wie sie da lehnte und zitterte und sprechen wollte und nicht konnte vor trockenem Schluchzen, erschreckte mich vorübergehend der Gedanke, sie könne hier ohnmächtig werden.
„Sic müssen ein Glas Wein trinken," drang ich in sie
„O, gehen Sie nicht fort!" bat sie mit einer ängstlich ablehnenden Bewegung.
„Nein, nein, ich brauche nicht fortzugehen. Es ist alles hier im Schrank."
Sic trank ein wenig von denk alten Sherry und eilt Schein von Farbe kanr in ihr Gesicht und das beängstigende trockene Schluchzen hörte aus. Ich setzte mich zn ihr auf das Sofa und streichelte ihre kalte Hand. Dabei sah ich still war- tend zu dem großen Bilde Kaiser Friedrichs über meinelt Schreibtisch hinüber und ihr Blick folgte dem meinen.
„Helfen Sie mir — uns — um Gottes willen! Er ist lvahnsinnig — Viktor — Poncalet meine ich," stieß sie nach Atem ringend hervor. „Seit dem Basartage ist er h^er, auf denl Lande bei einem Jagdfreunde, und er ist lviederholt nach Zwielitsch gekommen und hat versucht, mich zu sehen, zu sprechen. Ich bin fast selbst wahnsinnig gelvorden vor entsetzlicher Todesangst um ihn — und um Bernhard. Mein Mann nlerkte es, o, er hat ein kluges Herz —< er sah „dich


