Ausgabe 
18.1.1915
 
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Am*n 28. August erschien noch folgende Bekannt­machung :

Der Generaladjutant Sr. Käiserl. Majestät, General der Ka­vallerie von Rennenkampf befiehlt, daß alle Frauen gegen Be­zahlung die Wüsche der Angehörigen des russischen Heeres waschen müssen.

Tag für Tag kommen Bekanntmachungen und Ver­fügungen, die ersehen lassen, mit welcher Umsicht und! Energie der Gouverneur Dr. Bierfreund für das Schicksal des okkupierten Jnstxrburg zu sorgen sucht, wobei die häufige und verschärfte Wiederholung bereits einmal ge­gebener Befehle dafür zeugt, das; die Panik in der Stadt erst zu einem Teile überwunden ist. Uebrigens beginnt das Gespenst der Hungersnot für Insterburg herauf­zuziehen. Am 4. September werden tägliche Wochenmärkte befohlen, nachdenr am Tage zuvor der ärmeren Bevöl­kerung der Stadt angeraten worden ist,bei ihren Ein­käufen auch solche Nahrungsmittel zu lvählen und sorg­fältig aufzubewahren, die unter normalen Verhältnissenj erfahrungsgemäß einen tvenig geschätzten Wert haben; z. B. Nüsse, Schokolade, alle Arten Konserven, während, sie bei der in kurzer Zeit sicher zu erwartenden Hungers­not bei ihrem sehr hohen Nährwert einen wichtigen Er­satz für die gewöhnlichen Nahrungsmittel geben" würden. Doch schon öffnet sich die Aussicht auf bessere Zeiten. Am 8. September kreuzt zum erstenmal eindeutscherFlie g e r über der Stadt. Er ist der Verbote der Befreiung; noch am 11. (September freilich droht der Stadt die ernsthafteste Gefahr. Die letzte Bekanntmachung des rus­sischen Gouverneurs verkündet:

^ ..^Es ist durch die amtliche Untersuchung der Militärobrigkeit des Kaiserlich Russischen Heeres festgestellt, daß gestern während des Kreuzcns von russischen und deutschen Aeroplanen über der Stadt Insterburg aus der Brascheschen Fabrik Revolverschüsse von den Einwohnern Insterburgs abgegeben sind.

Seine Exzellenz General von Rennenkampf hat mir besohlen, betanntzugeben, daß im Wiederholungsfälle die betreffenden Häu-

und Straßen ebenso in Brand gesteckt werden, wie die augen­blicklich noch brennende Braschesche Fabrik."

Es toar ein Schreckschuß. Am selben 11. September nachmittags 5 Uhr sprengte die erste deutsche Ula­nen p a t r o u i l l c wieder auf den Markt von Jnster- bltrg, mit unaussprechlichem Jubel von der Bevölkerung, begrüßt. _

Bös Weltwunder.

Von Kurt K ü ch l e r.

Eilt breiter Strom floß zwischen hohen Ufern.

Ein Eisenbahnstrang sollte den Fluß kreuzen lind eine gewaltige Brücke aus Stein und Eisen sollte die User verbinden. Fünfundvierzig Millionen Mark, glaubte man wurde die Brücke kosten.

Es gab, durch viele Tage, hitzige Debatten unter den Finanzverantwortlichen des Reichs. Sachverständige wur­den vernommen, Räte und Dezernenten rechneten und prüf­ten und kalkulierten und hielten dem Minister Vorträge, und am Ende warf man die fünfundvierzig Millionen ans.

Ein Preisausschreiben wurde erlassen und ein Kolle­gium von Preisrichtern berufeii, die trugen alte einen großen Namen. Tie tüchtigsten Brückenbauer der Welt stürzten sich ans das dankbare Problem, gewaltige Konstruk­tiv tw plane entsprangen rastlos arbeitenden Hirnen. Wochenlang, schwer um den Entschluß ringend, saßen die klugen Preisrichter über den Entwürfen, von den wägen­den Stirnen und den kahlen Köpfen troff der Schweiß. Endlich wurde, nach langem Streit, ein Entwurf gewählt, ein Wunderwerk konstruktiver Gedanken, ein Phänomen technischer Kühnheit. Der Plan kam in die Öffentlichkeit, U"d die Zeitungen und tausend Kritiker u,ld Sachverstän­dige und Neider fielen darüber her. In strömen regnete; -ob und Tadel, Entzücken und Hohn.

, T u ami k.crm der Ban. Tausende von Händen rührten sich, Baumeister, Bauführer, Zeichner und Arbeiter. Häm­mer dröhnten ans glüheude Nieten, Eisen bog und streckte Nch u.' der Glut der Esseii, Meißel formten den Granit snr die mächtigen Pfeiler im Strom. Ingenieure aller van der kamen, um die Arbeit zu selM. Ei,i Jahr ging hin,

dre Brücke war fertig. Der König kam mit Gefolge und Soldaten und Fürsten, um «die Brücke feierlich einzuweihen. Dichter sangen der sieghaften Technik rauschende Hymnen. Gewaltig klangen die Inbelchöre, die Reden. Fünfhundert Orden flogen, und alle Zeitiingcn und Zeitschriften der Welt sprachen acht Tage lang in Bild und Wort von Idem neuen Weltwunder, das ebenso zur ewigen Berühmtheit bestimmt sei wie die Cheopspyramide, wie der Eiffelturm, wie St. Peters. Kathedrale in Rom...

Da kam der Krieg über das Zand.

Ein Boot legte in stockdunkler Nacht, wenige Stunden nach der Kriegserklärung, an dem gigantischen mittleren Strompfeiler der Brücke an. Mn Funke glühte auf und ein Mann schwamm eilig davon.

Eine halbe Stunde ging hin... der Funke schlich seinen Weg. Dann barst die Hölle, und ein ungeheurer Donner tobte zum schwarzen Himmel.

Durch die Straßen der Städte brüllten die Extrablätter. Ein Mann, im Wirrwarr der Kriegsnvt, sagte eilig zum andern:

Hörten Sie schon? Der Feind hat die große Briicke zer­sprengt!"

Was Sie sagen!"

Eine Stunde lang brodelte die Erregung durchs Land. Dann tobten neue Extrablätter durch die Straßen .. neue Kriegstaten.

Niemand sprach mehr von der Brücke, von dem Welt­wunder von gestern. -

verinifebtes.

Die BüNelinfel. Die Vereinigten Staaten scheinen mit ihren Versuchen, den aussterbenden amerikanischen Büffel (Bison) zu erhalten, nicht viel Glück zu haben. Eriährl man doch, daß die Büffelherde des Pellowstone-Varkes, die vor 20 Jahren 400 Kopse stark war, jetzt auf etwa ein Dutzenb Tiere zusammen­geschmolzen ist, unb zwar dank der Tätigkeit der Wilddiebe, so daß die Regierung daran denkt, den kümmerlichen Rest der Verde in andere, weiter östlich gelegene Schutzgebiete zu überführen l Gleich­zeitig mit dieser Nachricht teilt eine amerlkamfche Zeitschrift etwas mit, das allen Natur^chutzireuuden geuntz recht erfreulich klinaen wird: vor etiva 25 Jahren hat ein amerikanischer Privat­mann, W. I. Tooley, den Versuch gemacht, ilnabhängig von der Regierung den Büffel vor dem .'inssterben zu schützen, und damit soll er einen großen Erwlg gehabt baten. Tooley hat nämlich damals die sogenannteAntilopeninsel" im großen Salzsee auf- gekatlft und dieses Gebiet, daS etwa WOOu Acker (12 000 ha) groß ist. als Naturschutzvark eingerichtet. Er fing mit einer Büffel Herde von 2 b Stück an. Die Lebensbedingtmgen ans der Insel scheinen den Büffeln nun außerordentlich gut ztlgesagt zu haben; in dem bergigen, von vielen fruchtbaren Tälern dtlrchzogenen Gebiet haben sie sich stack vermehrt; vergangenes Jahr sind allein 26 Kälber geboren worden, die alle aufgezogen werden konnten. Von der Herde werden weder Tiere verkauft noch getötet (außer wegen Altersschwäche), und ab und zu findet ein Austausch von Stieren Mit Beständen anderer Büffelberden statt, um die Inzucht zu vermeiden. -

Vüchertisch.

Zweites Januarheft desK u n st w a r t s". Kriegsausgabe zum halben Preis. (Verlag von Georg D. W. Eallwey, München. Vierteljährlich 2,25 Mk.) Größere Aussätze: Avenarius, lieber die Grenzen. An Karl Spitteler. Hermann Ullnunm, Zweierlei Kolonien. Alfred Bachmann,Die Rache der Gefangenen". Leopold Scknnidt, Mimik auf °dem Podium. Fer­ner Gedichte von Richard Schaukal. Die Rundschau bringt.u. a. Wilhelm Heinz, Wir daheim. Wolfgang Schumann, JoelsAnti- barbarus". Avenarius, Die Irreführung über Karl Spittelers Vortrag. Corbach, Kbiegswohnnngsfürsorge. Stapel.Groß­mächte". Glantschnigg, Die Schulstnbe jetzt. Bilderbeilagen: Al­fred Bach mann, Nordseestrand: Dürer, Weltausruhr (Ausschnitt aus einein Holzschnitt zur Apokalypse); Penzoldt, Tie Anbetung des Kindes (Scherenschnitt).

Anagramm.

Rastlos ström' ich dahin durch Schwabens liebliche Gaue; Setzest zwei Zeichen du um, bin ich ein jagdbares Tier. Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Geographischen Verschiebrätsels in voriger Nr. r

Böhmen H»rz Pari«

Sudeten Bern Ntzza;

Bastei.

c-schriftleitung: Aug. Goel; - Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'schen Universitäts-Buch- und Cteindruckerei, R. Lange, Gießen.