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so ernst wie mir, aber oft sah ich dabei ihre Wunderaugen still fragend auf mich gerichtet, als manschte sie von nur Erklärungen über all das, was ihr so fremd an uns erschien. Ich brachte ihr Sekt und Brötchen. Und das Souper teilten wir. Eine ganze Flasche hatte ich in die Ecke neben ihren Tisch gestellt und goß ihr ein, und sie aß trockene Semmel dazu. Ich auch. Dann kam der Tanz. Eigentlich biirfte ich ja nicht tanzen wegen meines Knies. Gleichviel, ich tanzte. Als maitre de plaisir konnte ich befehlen und ich befahl langsamen Walzer, drei- oder viermal. Ich weiß nicht, ob viele Männer solch ein Hochgefühl gekannt haben wie ich, als ich dieses Weib umfaßte, die. schlanke, süß schmiegsame Gestalt warm in meinen Armen fühlte und ihre weiche weiße Hand in der meinen preßte, während- im langsamen Wiegen ihr duftiges Haar zuweilen leicht meine Lippen streifte. Mein ^Kopf neigte sich rnehr und mehr zu ihr herab, aus den Tiefen ihrer Angen tauchten Blicke von durchdringender Glut empor, um in den nreinigen zu versinken, die Herzen schlugen mit der ungestümen Hast des wild jagenden. Blutes aneinander. Meine Lippen drängten sich nach den ihrigen, diesen dunkelsamtenen taufrischen Rosen, die sich, leicht geöffnet, mir empordrängen wollten. Wer hat es je gefühlt, was Seligkeit ist, wenn nicht ich bei diesem Tahinschweben im Tanze cs fühlte! Alles in mir jubelte und schluchzte, nichts um mich her sah oder hörte ich —-) nichts wußte ich mehr... Tatiana - Tatiana ...
Und ich konnte sie nicht küssen — ich durfte nicht... es wäre Wahnsinn gewesen. — Und doch — wie sollte ich von ihr gehen, wie sollte ich,leben, atmen, allein sein, ohne siel geküßt zu haben — geküßt... ah —!
Ich mußte sie loslassen, aus meinen Armen sreigeben. Es war ein Schmerz zum Ansschreien, mich von ihr löfeit zu müssen. Ich taumelte etwas und griff nach einem Halt, wie eine schnelle rote Wolke senkte es sich über meine Sinne, Jemand^sagte: „Nanu, Rehn, Sie werden wohl ohnmächtig? Lassen Sie doch das Tanzen mit Ihrem schwachen Knie. Und dazu auch noch si'mfundzwanzigmal herum!"
Ich sitze heut den ganzen Tag und warte. Aus irgend lven, aus irgend etwas, etwas Großes, Unerhörtes, das «rein Leben nmstürzt, mich zu irgend etwas fortreißt, was zu vollbringen ich sonst nie imstande gewesen wäre. Ich sitze wie ein Löwe vor dem Sprung, daß mir jemand meine heißersehnte Beute entreißen will, in böser oder guter Absicht — gleichviel, ich töte ihn! Wenn ich einen Schritt lchre, lvenn eine Tür geht, wenn Meier kommt zu Stunden, >vo er schon hundertmal gekommen ist — ich warte auf den, der mir sagen will, meine Liebe wäre Wahnsinn. Ich erwarte, daß der Kommandeur kommt, mir abznreden; ich erwarte Poncalct, die Kommandeuse, Tante Latli. Die kam ja gegen Mittag. Ich vergaß, ihr die Hand zu küssen, und spähte nur in ihren Mienen und starrte ans ihre Lrppen, um das Wort, das einzige Wort: Tatiana zu höreii. Und genmppnet bis an die Zähne wollte ich sie stumm machen. Aber sie hatte feilte Silbe für Tatiana und keine Miene regte sich; sie sah so . ruhig, so gemütlich aus Me immer. Das fand ich noch viel verdächtiger. Es war zu auffallend; sie hatte Tatiana geseheii und hatte utich mit ihr gesehen und schwieg dennoch. Also Absicht? — Bon den Gerüchten über meine Sonderlingsgewohnheiten, nur alteren Damen zu huldigen und die^jungcn links liegen zu lasfen, sprach sie aber auch nicht, obwohl sie deshalb wohl eigens nach Zwielitsch gekommen war, und ich fühlte natürlich keine Neigung, sie an diesen Passus ihres Briefes zu erinnern. Ich blieb konsequent am Schreibtisch, das heißt am Fenster, sitzen. Denn von hier aus konnte ich die Lnr von Wladzio Kvrroleivskis Laden im Auge behalten und sein dunkles Fenster sehen, bis um die Dämmerzeit die grüne Lanipe hinter den Vorhängen auflenchtete, bei der ich ihii beobachten konnte, wie den alten Kopf mit dem Sanitkäppchen herabgebeugt, in seinen Büchern rechnete. : Und dort mußte auch sie, meine Herrin, sein, meine Königin,, meine Welt! Wenn nrein ganzes Empfinden sich auch dagegen sträubte, die Huri des Paradieses dahinter fuchen zu müssen, so widersprach doch mein Verstand spottend: Loch! Dia sitzt sie in der melancholischen, muffigen Hnrterstube, tninitten der verstaubten Altertümer, denn'sie ist die Tochter, das einzige Kind dieses elenden Greises, der einst wohl ein großes Geschäft gehabt hat — irgendwo in der Welt. — weit von hier.
Tatiana sah ich nicht. Mir wurde ordeirtlich leichter, wie es dunkel wurde, um überhaupt da drüben etwa« andres
M sehen, als die grüne Lampe, denn das Märcheubild war undenkbar in diesem Rahmen.... Langsam erschien es nun wieder allein, heransgeschnitten ans allem andern, kci ( >u paßte, leuchtend wie eine Vision ans dem Dunkel der übrigen Welt.
Dezember. Ich bin wieder vernünftig geivvrden. Noch vernünftiger als vorher: denn ich weiß das Datum das Lages und ziehe meinen Regulator auf. Nämlich inuner zu der Stunde, wo ich Tatiana zuerst sah. Die Herz- afsiktion ist vorüber. Die Huri ist aus dem Paradies Zwie- litch), scheint es, verschrvnnden und ich bin wieder Reiter- leutnant lind nicht Sklave. Ich habe gelauert und gelauert, wie die Katz vor dem Mausloch oder, zarter ausgedrückt, gespürt, wie der Jäger nach dem „Wechsel" eines, seltenen Wildes. Aber kein Schimmer, keine Spur! Still liegt drüben der alte Naritätenladen, in meinen! Handberel ch an der Tür hängt ein Paar ntittelalterlicher Tärl- ,chen wie grimmige Hüter, an denen jedo Illusion abprallen inng. ^eit achtnndvierzig Stunden, seit dem Basarabend hatte ich keinen Strahl ihrer Schönheit mehr gesehen, nicht auf der Straße, nicht vor der Tür, nicht am Fenster. Sie ist wie vonl Boden verschluckt.
Tante Lalli nimmt mich stark in Anspruch. Sie utacht Besuche mit mir: beim Kommandeur (sie ist wieder leidend und nicht zu sprechen), bei Granstedts, bei meiiiem Rittmeister, überall wo ich besser bekannt bin, aber nicht in Regenwalde. Die Gräfin Waiida ist so wenig entgegenkom- mend gegen Tante Lalli geloesen, daß diese auf eine Landfahrt verzichtete, obwohl sie bei ihrer Kritik über den Basar von der Gräfin sagte, daß sie eine grande dame der alten Schule wäre r— eben der Eomble einer grande dame, aber sehr kühlen Herzens, was freilich dazu ein wenig gehöre. Na — ob das „kühle Herz" nun stimmt?... Aber morgen will sie nach Groß-Runow. Der alte Baron hat sie direkt zum Diner eingeladen und sie ist entzückt von! seiner Ritterlichkeit und behauptet, er habe ein sehr richtiges Urteil über alles. Die schreckliche Tochier fand sie gar nicht schrecklich. Sie meinte sogar, wenn sie in die richtigen Hände käme, könnte sich aus der unschönen Hülle xme allerliebste Rose entwickeln.
Ich sagte: „Ja, Ranunkelröschen."
Sie sah mich über ihre goldene Brille spöttisch nn' und entgegnete- Harry, mein Sohn, du scheinst in deinem — Paradies der Erde nicht zugenommen zu haben an Weisheit und Verstand. Aber verändert hast du dich, dn kommst mir manchmal vor wie so ein ins Gras gesallener Apfel, auf der einen Seite noch ein bißchen grün und auf per andern schon ein bißchen — faul."
Ich nickte und lachte. Erstens nehme ich ihr grundsätzlich ilichts übel, und dann kann sie doch nicht ahnen, was ich in Zwielitsch schon erlebt habe. Der Kommandeur nimmt meine Dienste als stellvertretender Adjutant wenig in Anspruch, damit ich mich ganz Tante Lalli widmen kann. Selbstredend stiegen die wahnsinnigsten Gerüchte hier aus von ihrem Reichtum. Einfache Millionärin jedenfalls und ich ihr einziger Erbe! Tatsächlich hat sie ja wohl ein paar Hunderttausende aut der Bank, und wem sie die sonst verinachen sollte als mir, wüßte ich auch nicht. Aber kerngesund ist sie und bei ihrer mäßigen Lebensweise wird sie mindestens neunzig Jahre. Dann bin ich an die Fünfzig heran! — Es ist ja sehr pietätlos, das auszusprechen, aber ich meine es nicht in solchem Sinne. Was ich von ihr bitte, hat sie mir noch iunner reichlich bewilligt in großer Liebe und Güte, auch die Versetzung und den kostbaren Apollo. Und schon die Erbaussicht würde mir ja, wenn ich wollte, einen unbegrenzten Kredit eröffnen. Jedenfalls verbreitet sie hier einen sehr vorteilhaften Nimbus um ineine Person.
(Fortsetzung folgt.)
Aus Insterburgs Rustentagen.
Dic „Ostdeutsche Volkszeitung" in Insterburg hat eine Mappe nnt den Faksimiles der öffentlichen Bekanntmachungen, die in Insterburg wahrend der Russenzeit erschie neu, herausgegeben und damit die Kriegsliteratur mit ein hochinteressantes und dokumentarisch wichtiges Stück bereichert. Durch diese amtlichen Aktenstücke hindurch bekom- meit wir (wir geben hier die Besprechung der „Kreuz zeitnng" wieder. D. Red. d. „Borw.")' einen überraschend


