Ausgabe 
18.1.1915
 
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Das Oaradies der Lrde.

Aonrnn von Ada von Gersdorff.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Baron Kaltwein-Groß-Runow war auch da mit der hol­den Lrlti. Ich hatte das bängliche Gefühl, daß ihre Vergiß- meinnichtäuglein mir mit einem gewissen vorwurfs­vollen Blick überallhin folgten. Weshalb niich das peinigte, weiß ich nicht. Ich war ihr doch keine Huldigung schuldig. Mit dem famosen Alten hätte ich ja sehr gern gesprochen und und mich zur Jagd oder zu einem seiner wunderbaren Diners erntaden lassen, aber der strohgelbe Zopf mit den steifen künst­lichen Apfelblüten bar in und das himmelblaue Gewand mit den weißen Zwirnspitzell verscheuchten mich wiederholt aus seiner Nähe, in der sie sich konsequent 'hielt, weil sie sichwohl dachte, daß ich ihn früher oder später doch begrüßen werde. Selbst zu mir zu komnten, machte ich ihr zu schwer, und nach­her wich ich nicht niehr aus der nächsten Nähe der Korrolews- kischen Altertümer, so daß ich überhaupt für niemand niehr da war außer der einen. Jede Ueberlegung war mir abhanden gekommen. Alles, was man sonst an mir schätzte, was ich selbst für wertvoll an mir hielt, mein mehrfach gerühmtes, immer gleichartiges, konventionelles, liebenswürdiges Wesen gegen alle Welt, meine tadellosen Manieren, meine einwand- freie Erziehung, meine vornehme Reserviertheit einerseits und dienstbereite Aufmerksamkeit anderseits (ich zitiere nur), alles ging flöten. Wert hatte nichts mehr für mich als Ta­tjana eine andre Welt, einen aitbcvn Menschen aus dem .Basar gab es icicht.'

Das ist der Leidenschaften furchtbar Wesen,

Daß sie tit uns das Menschliche verzehreil.

.Sie sind ein finster glühend, ivalleiid Meer!

Ein Tropfen nur entfacht und mehrt beit Durst

Bis ganze Ströme bald ihn nicht mehr löschcii Und wir uns Häuptlings in die Wellen stürzen,

Die überrauschend eiligst uns begraben ..

Sogar Tante Lalli vernachlässigte ich, sie, meine zlveite Mutter, der ich alles danke, jede Lebensfreude, Bildung, Erziehung, Stellung, die mich wie ihren Sohn Niid Erben be­trachtet. Heut reichten meine Augen und Ohreil nicht weiter als bis zu Tatiana, meine Liebe und Pflicht und Treue{ nur bis zu ihr. Es ist mir selbst unerklärlich, und ich glaube, daß ich viel Erstaunen und Mißbilligung erregte, haß mancher den stopf schüttelte und mich zweifelnd ansah. - Aber das war mir alles egal!

Tante Lalli, vornehm und taktvoll wie immer, machte absolut keine Ansprüche an mich, ließ mich vollkommen treiben, tvas ich wollte, und kontrollierte und genierte nnch gar nicht. Wenn ich einmal kam, empfing sie mich freundlich lächelnd wie immer, ohne nur im geringsten ihre verwandt­schaftliche Stellung zu mir geltend zu machen oder mich meine Abhängigkeit von ihr fühlen zu lassen. Daß ich der

Erbe ihres Reichtums war und ihr jede nur erdenkliche Aufmerksamkeit schuldete, konnte wirklich niemand merken.

Sie nahm sich unter den mehr oder weniger schicken und eleganten Toiletten sehr würdig aus, wie ein Bild aus der Biedermeierzeit in ihrem violetten Atlaskleid mit den drei Volants, der gefältelten Schneppentaille und dein gelb­lichen Spitzentuch, das mit einer riesenhaften Mosaikbrosche, von zwei Reihen Brillanten eiugerahmt, festgehalten wurde. Ihre echte Spitzenbarbe auf ihrem braunen Wcllenscheitel mit den drei fteilten Locken an jeder Schläfe war mit eben- solchen riesenhaften Mosaikschildern, in Doppelreihen von Brillanten gefaßt, festgesteckt. Das schwarze Samtband um ihren Hals wurde von großen Brillantschlössern gehalten und ihre mächtige Gürtelschnalle zeigte dieselben pracht­vollen Brillanten reinsten Wassers, wie der übrige Ächmuck und die uralten Familienringe an ihren langen aristokrati­schen Händen. 11/Ein kleines Vermögen hatte sie an sich, aber so schlicht und anspruchslos trägt sie es, als ob alles nur Stecknadeln seien, dort angesteckt, wo sie nötig waren. Ja auf Tante Lallt konnte ich stolz sein: die geborene xraacts äame? Meistens saß sie imKönigszelt" ber Betzingslöwens, aber auch bei Gräfin Wanda Wietersberg und bei den Kall­weins, wo sie mit ihrem gutmütig mütterlichen Lächeln das kleine Plappermäulchen anhörte, das ihr vielleicht voll mir und meinen bezaubernden Vorzügen erzählte.

Ich kaufte inzwischen für hundert Mark Altertürner. Fünfundzwanzig blieben mir dann noch für den Rest des Monats und t>ente war erst der dreizehnte. Aber Tante Lalli wird mich schon nicht stecken lassen. Ich habe ihjr ein sehr nettes Chambre garnie besorgt, irn Hause neben mir, beim Bäcker Wieland. Sie kam erst mit dem Nach­mittagszuge. Viel haben wir uns noch nicht erzählt, denn ich hatte imEldorado" zu tun. Jedenfalls wrrd sie sich voll der Haltlosigkeit jener beunruhigenden Gerüchte über meine Blasiertheit gründlich überzeugt haben, als sie mich aus dem Basar sah. Ob sie aber ihre Hoffnung auf die tradi- tiorlelle Heirat ihres Neffen sehr aussichtsreich gefunden hat? Was ich mit der Polln gesprochen habe? Lauter banale alltägliche Sachen. Gar nichts Besouderes oder gar Poeti­sches. Ich hörte nur ihre fremdartig klingende Stimme, sah llur ihre liuergründtich schöllen traurigen Augen. Sie hat nicf;t ein einziges Mal gelacht oder auch nur gelächelt, ob­wohl ich das so uilsagbar gern gesehen hätte ititb alte mög­lichen Witze versuchte. Sie sah dann so stillsragend zil inir auf, als lvllndere sie sich, daß ich heiter sein konnte. Viel­leicht hatte sie auch kein Verständnis für den- deutschen llnd militärischen Humor. Sie spricht ein vorzügliches Deutsch, etwas scharf akzentlliert freilich und eigenartig langsam, Wort all Wort reihend, so daß jedes bedeutungsvoll klingt. Man könnte leicht in ehr in ihren Bemerkungell suchen, als sie sagen will. Was sie sagte, war ja auch schließlich gleich­gültig, aber wie sie es sagte das gibt's nur einmal allf Erden. Zahlreiche Kameraden llnidrängten ihren Ver- kalifstisch und sprachen mit ihr und sie antwortete ihneu