Das Paradies der ltrde.
Noman von AdavonGersdorff.
(Nachdruck verboten.)
(Fottsetzmrg.)
Mit seiner gewohnten liebenswürdigen Freundlichkeit naym der Oberst mein Anerbieten einer Zigarre und eines alten Kognaks an. Ich zündete die Lampe an und zog die Borhange zu. Recht sonderbares Bild, wirklich: ich und mein Kviiunandenr in meiner Bude so gemütlich beisammen wie zwei Duzfreunde. Die Anknüpfung loar ihm nicht schwer geumchl: der Hund und die vielen Bücher aus meinem! Disch. Er blätterte darin, kannte und lobte einige und mich vazu, da sich Lesezeichfen darin fanden, die auf meinen Ge- chmack an ernster Lektüre hindeuteten. Auch Ponealet erhielt jeln Dell Lob, daß er mir die schöne Anregung für Geist und Herz vermttte t habe. Dabei glaubte ich etwas Nachdenkliches in seinem Wesen zu bemerken, als halte er mit irgend etwas Besonderem zurück. Indirekt veranlagte er mich, von dem abivesendeu Kameraden zu reden, und ich sprach mit höchster Wertschätzung von ihm, von allem Guten und Braven, das ich N/bnr kannte und von ihm gehört hatte, von Schönem und ^blem, das ich chm zutraue. Der Korpsgeist und die Kamc- radfchaftllchkelt, alle für einen und einer für alle, schlugen cn hellen Flammen in mir auf, und ich hielt ihm eine Lob- und Verteidigungsrede, die eigentlich niemand von mir ver- lailgt hatte, bis ich, mir dessen bewußt werdend, den Faden verlor und etwas Plötzlich verlegen verstummte. Der Oberst hatte manchmal bestätigend genickt und auch eine und die an dere Zwnchenfrage gestellt und mich zuletzt mit einem so ernsten, väterlich wohlwollenden Blick angesehen, das; es sich nur lchrver ans die Brust legte, als hätte ich unbewußt lind ' ungewollt nt meiner übertriebenen Wärme, mit der ich mich des abwesenden Kameraden annahm, eine schwere Verant wortung ans mich geladen. Und siedendheiß schoß's mir zu Kops, daß die ganze Art des Obersten, wie er sich so über seinen Offizier berichten ließ und dazwischen die und jene Frage stellte, etwas von einem vorsichtig sondierenden Vater hatte, der sich über den erwählten Gatten seiner Tochter unter der Hand orientieren möchte. Hatte ihm meine Wärme und Leblmstrgtelt nicht aussallen und den Glauben in ihm er- wecken müssen, daß ich dem Grafen viel näher stände, als es tatsächlich der Fall war, vielleicht gar in gefährlicher Mitwisserschaft schwerwiegender Geheimnisse sein Vertrauen genoss? — Um alles in der Welt hätte ich in einen solchen Verdacht diesem edlen vornehmen Manne gegenüber nicht kommen mögen!
Was mochten da vielleicht in alter Stille für Kämpfe gekämpft, für Wunden geschlagen worden sein! Poncalets pwtzttcher und langer llrlaub hatte ja vermuten la sen, daß diese Kämpfe -abgetan lvaren, das; er entsagend das Feld geräumt habe und nicht wiederkommen wurde. unter solchen Umständetl ein heroischer Sieg über sich selbst. Doch
das Benehmen des Kommandeurs liest sich damit schwer tu Einklang bringen, und es drängte sich mir das bängliche Gefühl aiis, stiller Teilhaber einer bedenklich schwankenden Firma zu sein. Zum Vertrauten hat mich ja noch nieniand geinacht. -aber dast sie mich gerii dazu machen möchteil, er scheint mir ziveisellos. Sie brancheii einen llnparteiischen alle drei: Poncalet. der Oberst und die Frau . . . und ich weiß doch eigentlich nicht, ivas -da so nnheimlsich still im Finstern Hernmschleicht. Ich soll da am Ende hineinlenchten und mir dabei die Finger verbrennen. >—(Wenn es nur einem -etlvas nützt und ein ehrlicher Wkassengang ist, will ich gern sekundieren und Unparteiischer sein und alles tun, was ich nnr irgend vermag. Aber nur nichts Lichtscheues, nichts so,anS dein Hinterhalt Kommendes, nein, da ,nach' ich nicht mit! Das könnte ich auch diese,« Buche und den ztvei erhaben sten Männern Deutschlands nicht erzählen. Es must ja etloas Furchtbares sein um die wirkliche leidenschaftliche Liebe und um das seltsame Ding, was der Höhepunkt solcher Leidenschaft sein soll: die sogenannte Liebeshörigkeit. Darüber ist ganz Interessantes in einem von Poncalets Büchern zu lesen, und an einer Stelle .ist ein schwacher Blanstist- strich erkennbar und ein paar wie hingehancht anssehende Buchstaben: „Harry". Ec» könnte mein Name sein — ift's aber nicht. Dae. kleine t am Ende ist ganz deutlich, es könnte ans Harriet deuten — so heißt sie? — Na wenn man argwöhnisch ist! —
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Tie Kommandeuse hat den Basar abgegeben, wegen dauernder Indisposition, an die „Oberftwachtmeister". In Berlin war es in gewissen Mreifen Brauch, den Täte! einfach aus die Frau zu übertragen. Zu drollig klang das: ,Die liebMRegiernngsrat" — „die gute Oberst". — Aber hier in ZnnelUsch haben lvir triftigen Grund, schlechthin nur von einer „Oberstwachtmeister" zu sprechen; sie ist es wirklich und -er" nnterhant bloß. Ich verbringe also manche Abend- und Nachmittagsstunden bei Granstedts in Beratungen mit ihr. Auch »ein „Situationszanber", aber kein berückender.
Heute bekam ich zwei Briefe, die mich frappierten. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. — Morgens kam einer mit Grasenkrone in Silber ans grauem Leinen von Gräfin Wanda Wretersberg. Halb erschrak ich, halb freute ich mich und steckte ihn ungelesen in den Ueberrockanf schlag. Ich ließ. ,veil es regnete, in der Manege reiten und mir in der Panse einen Gitta aus der Kantine holen. Den Pallasch unterm Arm, las ich den grauen Brief unter einem Stallfenster. Ich fühlte mich wirklich tief gerührt, aber doch ein bißchen unbehaglich. Manche Tinge dürfen -eigentlich keinen Nachktang haben. Er kann nie rein sein. Wenn ein Erzengel vom Himmel kommt in einsamer Nacht und bringt uns eine Offenbarung, so muß er es uns selbst überlassen, was wir damit anfangen wollen, aber mit nachträglichen Erklärungen wiederkommen, das darf er picht. Gott, diese armen Frauen. Wenn sie nur einen halben Schritt ans dem gewohnten Pfade getan haben, glauben sie gleich


