Das Paradies der Erde.
Roman von Ada von Gersdorff.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung >
Irgend eine höfliche Schmeichelei herauszubringen, war mir ganz- unmöglich, eine seltsame Traurigkeit hatte mich efatzt. Ich hätte am tiebsten die schöne schiante Hand, mit er sie jetzt langsam über ihr Haar glitt, gestreichelt, während ich ernst sagte: „Gräfin verfügen über viel Schöneres und Anziehellberes, ats über derlei vergängliche Vorzüge, die so allgemein sind, wie — "
/.Wie die Jugend," vollendete sie scherzend und fuhr heiter fort: „Manchmal hat es ja auch sein Angenehmes, alt zu sein... So manchen Zw-ang im gesellschaftlichen Verkehr braucht inan sich nicht mehr ansznerlegen, besonders bei Männern, die uns sympathisch sind, und mütterliche und tantenhafte Gefühle braucht man nicht zu verbergen, die Welt gestattet sie gern, und der Mann schätzt sie zuweilen höher, als lvenn er ans der Hut sein müßte, mißverstanden zu werden und Hoffnungen zu erregen. Vvr fünfzehn, zwcnrzig Jahren hätte ich mir wohl kaum die Freiheit nehmen dürfen, Sie, den ich erst zwei- oder drei mal gesehen habe, sans gene zu mir einzutaden, um rnit Ihnen allein die Wälder zu durchstreifen, wie wir morgen tnn werden."
„Schade, daß es sich nicht umgekehrt verhält mit dem Altersunterschied," entfuhr es mir.
„Ums Himmeln willen!" wehrte sie lacheird ab, „ich lveiß nicht, ob ich Sie so rasch liebgewonnen und ans zlvei Tage eingeladen hätte, wienn Sie Regijnentskommandeur und alter Hagestolz gelveseu wären. Rein, es ist sehr gilt so, wie es ist. Ich ziehe die zwanglose Unbefangenheit, dieses trauliche Tete-a tete mit Ihnen, liebes Kind." sagte sie mit graziöser Schelmerei, „Im weitem vor. So kann man sich doch gefahrlos näher kommen, sich über viele interessante Tinge unterhalten und anssprechen, die sonst alle auf den Index gesetzt wären, kann männlichen Aus- sassnngen und Ansichten die seinigen entgcgenhalten, lvie nun eben, wie es eine Mutter oder Tante dem gereiften Sohn oder Neffen gegenüber tun darf."
Ich zwirbelte mein Bärtchen und neigte gehorsam zustimmend mein Haupt, während ich überlegte, ob ich, wenn Tante Lalli nur gegenübersäße, auch so von dem Sitna- tionszanber berauscht sein würde, obwohl in ihrem braunen Wellenscheitel kein einziges graues Haar ist und auch nie eines hineinkommen kann. Zarewitsch hob den vor- nehmen Kops und sah seine Herrin mit unzweifelhafter Frage an, denn der schöne Fuß, der in etwas gesteigertem Tempo sein seidiges Fell berührte, bereitete ihm augenblicklich kein solches Vergnügen wie mir das Zuschauen, has mir, ohne daß sie es ahnte, von meinenl niedrigen Sessel gns unter der schmalen Knpferplatte des .Tischchens ijiu
sehr bequem gemacht war. Leider schien mir der Köter das nicht zu gönnen, oder er hoffte, daß meine Nerven ruhiger als die feiner .Herrin sein würden, um ihn nicht auch nervös zu machen. Er streckte sich vor mir nieder, und mm lagen die nervösen Füßchen still übereinander rmd kaum die glänzenden Lackspitzen sahen unter dem dunklen Kleider' säum hervor. Ohnehin hatte Gräsin Wietkrsberg die Unterhaltung ans meine Heimat, mein Elternhaus, das so lange schon geschlossen war, -gelenkt und damit ein ernstes Thema angeschlagen, das mich den Situationszauber vergessen ließ. Ich sprach, wie mir's ums .Herz war, nrrd das hatte ich bisher so recht noch nie gekonnt. Wo hätte sich auch die Ge legenheit dazu finden sollen? Früh verwaist. Erst Kadettenkorps, dann Offizierkorps: Kameradschaft — auch gute Freundschaft. Biel 'konnte man vom jungen Leben und Stre ben miteinander teilen, aber das Beste doch nicht, wenn man überhaupt ja so recht zum Bewußtsein darüber gekommen war, was denn -da so ganz tief unten int Herzen saß, und sich wohl gar noch solcher Gefühle schämte, die man nicht schneidig, nicht männlich fand.
Freilich war es auch noch niemand darum zu tun gewesen, die Tiefen meines Herzens zu erforschen. Man war völlig zufrieden mit dem, was ich gab, was man sah. Nichts was über das Mittelmaß hinausging: Gentleman, schneidiger Soldat, guter Kamerad und was man sonst für di- Welt brauchte.
Das Leben geliebt Und die Krone geküßt —
Und den Franen das Herz gegeben...
Wer weiß. wie mancher voll mls in der Verborgenheit seines Herzens scheu einen kostbaren Schatz verschloß, ber nur von einein tiefer blickenden Menschen gehoben sein wollte — und den er selbst nie fand. Tenn das Zauberwort zu finden, das bis aus den Grund unsrer Seele dringt, das schlummernde llnbekannte in uns, wertvoll oder nich:, wachzurufen, das versteht und vermag nur eine Frau, eine Mutter odetz eine mütterliche Freundin, die uns lieb hat. Ja. lieb^haben muß sie uns, sonst läßt man sie nicht in den dunklen Schacht lmsrer Empfindungen, die uns selbst eine tsrra incognita sind, hinabsteigen. (Nun aber halt den Gaul, lieber Harry, sonst geht er durch und legt dich ins Wasser oder in die Resseln .)
Ich habe kaum je solch einen interessanten Abend verlebt, obwohl die Gräsin gar nicht jo viel sprach, sondern mir meist das Wort ließ und dann darauf antwortete nutz mir manches deutete, womit ich bisher uichts anzufangen wußte.
ES war fast Mitternacht, als ich, ganz erschrocken, sie so lange von der Ruhe abgehatten zu haben, aufsprang, um mich zurückzuziehen.
Ich führte ihre Hand an meine Lippen und sagte, während mich leise wieder der Situationszauber umsing: „Gute Rächt, teure Gräsin, und Dank, innigen Dank für diesen so wunderbaren Abend."
Dabei lächelte sie wehmütig, lvie sie sonst nie tut, Ulld


