Das Paradies der Lrde.
Roman von Ada von Gersdorff.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Aeltercn netten Damen kann man ja ruhig seine Sympathien zeigen, ohne daß die Leute tuscheln. Wir sprachen von Sport jeder Art und von Pferden, lind da ist jedes Wort von der Wietersberg ein Evangelium für ein Reiterherz. Sie soll in allem Meisterin sein. Nicht minder angenehm ist ihre schlichte, vornehme Art, immer gemäßigt und ruhig — nie wie es die meisten andern Sportsmädel an sich haben, burschikos und gänzlich 8aiis gene in ihren Ansdrlltken und doch im&eiu'ufU voll renommistischer Bewunderung ihres physischen und moralischen Mutes. Ein Mann kann ihnen nicht ohne Mitleid zuhören, in das sich wohl auch etwas Peinliches oder Komisches mischt, denn hinter all der Forschheit verbirgt sich doch immer das kleine weiche, zittrige Weiberherzchen. Wie wir nun gerade im besten Plaudern sind, setzt Damenpolka mit Touren, Orden unD Blnmeustrculßchen ein, so eine modernisierte Art Kotitlon: die Frauen dürfen wählen' Ehe ich mir's noch versehe, steht knicksend die kleine Kallwdn vor mir, ganz atemlos vor Eile, die Erste bei mir zu sein! „'Gnädiges Fräulein, ich bedaure aufs tiefste, aber ich tanze nicht mehr seit meiner Knieverletzung, die mir den Parademarsch bei der Infanterie gekostet hat."
„Ach — aber Polka ist doch nicht schwer!" bettelt sie.
„Erst recht!" sage ich triumphierend, „das Hüpfen dabei bekäme mir nicht. Wenn es noch langsamer Walzer wäre — das ginge vielleicht..." O Gott, was hatte rch mir da eingebrockt! *
„Papa? Papa! Herr von Breucken bitte, lassen Sie langsamen Walzer spielen."
Und Firm Mißvergnügen vieler anderer Leute, die nicht gilt Walzer tanzen, wurde er gespielt. Und ich hatte den Vorzug, meine rote Flamme »dreimal vor mir knicksen zu seheil und es war unmöglich, jetzt noch Schwäche vorzn schützen, und wenn ich vor Schmerzen hatte heulen können. So wurde mir Gelegenheit, zu konstatieren, daß ihr Tanzen eine der gefürchtetsten Prüfungen im Ballsaal sein mußte? Da ick nun einmal eine Ausnahme geniacht hatte und eiltest Walzer aushielt (früher war ich ein Walzerkönig?), so forderte ich, obgleich cs Damentvur war, die Gräfin Wanda aus, um die verspätete Fra,waise bei ihr wettzu- machen. Sie zierte sich weiter nicht, was bei ihr auch nicht anzunehmen war. Donnenvetter, alt oder nicht — aber das nenne ich tanzen! — So in einem Schritt und Tritt, so in jeder Bewegung eins, fast so groß !vie ich und ebenso schlank. Ich ließ sie nicht so schnell los mit fingiertem Zusammen- knicken, wie die Kleine vorher. Kostete ich doch mit Wonne wieder mal so einen echten Walzer-, bei dem man denken uub fühlen kann. Ueberhaupt kommt es mir beim Tanzen lvenig
darauf all, wen ich im Arm. halte, wenn die Person nur tanzen kalt«. Höflichkeit und Selbstüberwindung haben ihre Grenzen so gut wie andere Tugenden, und als Fräulein Lilli zum viertenmal mit einem Blumenangebinde ihrer Huld in meine Arme wollte, lehnte ich mit matter Stimme und schmerzlich zuckenden Lippen ab. Den Ranunkelröschenstrauß aber schenkte ich ihr zum Trost und als bedürfte auch ich des Trostes, setzte sie sich neben mich, und da blieb sie sitzen und fragte mich aus — so vom Hundertsten ins Tausendste, wie Kinder zu schwatze« pflegen: „Reiten Sie gern? Gefällt es Ihnen in Zwielitsch? Möchten Sie nicht lieber in eine große Stadt? Oder aufs Land? Haben Sie Schwestern? Ist Herr von Brencken nicht reizend nett? Finden Sie Frau von Betzinglöwen auch so hübsch wie alte Leute?"
Endlich schlug die Scheidestunde. Gräfin Wanda Wietersberg hatte die köstliche Idee, mich zum Mittwoch nach Regenwalde zu befehlen zu einem ordentlichen Ritt ins Gelände und in den prachtvollen Regenwalder Forst. Ich soll den Apollo einen Tag vorher schicken und per Krümper nach kommen und die Nacht dableiben. Fein! Die beiden alten Fräuleins geben alle Jahre sogar eine brillante Jagd. Sie bewirtschaften das große Gut allein mit ihren Beamten.
*
November. Jetzt ist eigentlich der Moment gekommen, lvo man, nach Bärenhorst, aushört, ein Tagebuch zu schreiben, weil man nämlich — wirklich etwas zu schreiben bat. . . . Ich habe auch acht Tage lang keine Zeile geschrieben. Mir war'- so, als dürfte ich's Tante Lalli, denk Kaiser und Goethen nicht so schwarz auf weiß erzählen, ob wohl nichts Böses oder Häßliches oder Unreines an der Er innerung hastet. Im Gegenteil — „goldrein", wie sic sagte. Ich war zuerst sehr unruhig, saß hier, saß da, sprang aus. lief herum, mochte keine Minute allein sein und dann ging ich doch nicht »oeit und lächelte ins Blaue hinein . . . ein glückliches und doch auch betrübtes Lächeln. Ich träumte und duselte vor mich hin, und das immer, wenn ich ans Apollo saß, was eine natürliche Gedankenverbindung, aber auch gefährlich war. Das letztere bewies er mir heute nachmittag, wo er Zügel und Scheutet so sehr vermißte, daß er sich du* bildete, ich war' gar nicht oben, sondern ganz wo anders (war ich auch), und gu glauben schien, er sollte allein spazieren geheli, tveshalb er übermütig auskeilte und heftig umkehren wollte zu Meiern tu den Stall zurück. Die Traumseligkeit hätte mir beinah, wenn auch nicht einen ehrenvollen Genick- bruch, so doch eine teure Bowle gekostet, wenn einer zugesehen hätte? — Ich kam nämlich so schnell aus den Bügeln und so tveiter, daß man beinahe vom glatten Hernntetfalten reden konnte. — Seitdem Apollo mich auf das Törichte meines Traumzustandes aufmerksam gemacht bat, bin ich wieder einigermaßen zur Bernunst gekommen. Nur wenn ich mal an dem Weg vorüberreite, der nach Regenwalde führt, gibt's mir einen gewissen innerlichen Rück, so vom Kops bis ztt den Füßen, als hätte ich Nerven, und ich schiebe die kable Birken* af(ec hinunter, und wünschte beinah oder fürchtete beinah —


