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fimcnt war da Parsorce hinter dem Fuchs Wundervoller Herbsttag, frisch und sonnenklar, die Wälder prachtvoll bunt. Eine Lust, tvie Mas so klar und herb und golden! Apollo zum mü||cii, Jagdpserd ersten Ranges, wurde mir von alten Nennern gesagt. Ter alte Freiherr, einer der besten Retter in der ganzen (Hegend, früher bekannter Herrenreiter, lobte mein Reiten über den grünen Miee und meinte, es »väre kaum zu glauben, das; ich so lange Infanterist ge- tvesen sei, aber das müßte freilich angeboren feilt. DaS konnte ich ihm bestätigen: Landsohn, Kavalleristenkind, Mutter Schottin. — Ich kam als Erster 'ran, hob aus: Jagd- käntg! Ich! — Mir war'S einmal, als müßte ich die Zähne »usammenbeißen. um nicht laut hinauSzuschreien, wie der Hirsch an solch frühem .Herbstmorgen tut, vor lauter Gluck und Seligkeit War das ein Xog -- eine Lust, ein wildes Mraftjaum.zetl in meinen Ädern, sehnen, Nerven — »venu ich Nerven überhaupt habe. Jugend! Gesundheit! Pferderücken! Ein Weiberherzcheit war auch vorhanden. '.Iber nur ein sehr kleines, mageres, unreifes, und ich svurte keine Sehnsucht danach, hätte sogar manchtnal gute Lust gehabt, laut hinaus- -»lachen über die unverblümte Huldigung meiner werten Person, die dieü naivste aller kleinen Landmädchen mir so selbstverständlich darbrachte. Laust mir unterm Arm durch, hoffentlich noch nicht au-gewachsen, diese kleine Kallwein. Sie ist das einzige Kind des alten Herrn, der sehr spät geheiratet hat. Alle Reize eines sechzehnjährigen Backfisches vom Lande vereinigt sie in ihrem Persönchen — Milch und Blut, st roh blond mit Bergißmeinnichtaugen, in denen das dumme kleine Mädelherz so unalaublick» offen sitzt, rein wie Gold. Natürlich! Wo sollen da schon Trübungen hineinkommen? Und dabei von einer llngeschicktichkcit und Eckigkeit und einem Mangel an Grazie, daß cs fast rührend ist. Sic müßte nach Berlin und da zurechtgemacht und dressiert werden. Jetzt ist sie wie ein Junge, der Mädchenkleider anhat, die ihm sehr unbequem sitzen, und schlägt muten und vorn aus, daß bic Nücke fliegen. Und dabei heißt sic Lilli' ^olch süßer Blnmen- name, unter dem man sich dock, etwas ganz andres vorstellt! Vielleicht träume ich mir heut nacht eine intensiv blödsinnige Liebe zu ihr an. Viel verrückter wie zu meiner Kommandeuse lvär'S am Ende auch tiicht. An» Ende sogar gescheiter, denn sie soll einen schweren Batzen Geld haben und das schulden- freie wundervolle Groß Runow! Na, Glück zu, »venu jemand Lust bat, iu den kleinen, grünen, säuern Apfel zu beißen, der sich auch noch für süß hält. Muß furchtbar sein, »venn einem das Messer derart an der Kehle sitzt! Und reiten mußte das Wurm auch noch »vollen! Und wie saß sie auf dem hochbeinigeil Gaul! Wie die Matze aus dem Birnbaum, wenn unten ein Terrier bellt, so angeklannnert, und so graulte sie stch. Wie kann bloß der Vater das erlauben! Aber »ver, wie er, mit dem Pferde seit Ewigkeiten aus du und du steht, der kann sich gar nicht denken, daß man so talentlos sein kann, wie seine süße Lilli. Ich habe mich, weiß Gott, um sie ge- äugstigt. als sie die Zügel zerrte, das; der Braune sich beinah aus die Kruppe setzte, und als sie dann hinter mir über den ersten Grabe,! torkelte und ich sicher glaubte, sie würde im Wasser landen. Und immer hinter mir her, daß ich dachte, sle wollte mir mit ihrem Schinder, der an sich gar nicht übel war, partout an die Gurten. Ich dachte jeden Augenblick, es gäbe ein Unglück. Nachher dank der Ueberlegenheit Apollos l,cß ich s,e bald hinter mir, und ich weiß nicht, wie ihre Reltcre, schUeßUch endete, jedenfalls aber glücklich, denn zum Diner erschien ne lebend in rotem Tarlatane mit künstlichen Maiglöckchen aus ihrem strohfarbenen, Möpschen. Scheußlich' dachte ich kopfschüttelnd, hat denn das Kind keine Tante oder Gouvernante, die ihm ein bißchen Dreß beibringt?
llnd sie war die Tochter des Hauses! Und ich war der Jagdkönig und mußte sie zn Tisch führen! Die Unterhaltung war einseitig. Sie plapperte immer drauf los und wartete nicht aus Antwort, und ich konnte ungestört die Kommandeuse bewundern, die mit dem alten Freiherrn mir vis a vis saß Gott, wie bezaubernd die Frau wieder aussah! Ich glaube, es war weißer samt, den sie anhatte, und natürUch trug sie wl.eder Perlen. Uud dazu dieses blüteuweiße Madonnengesicht mit dem wic'Atlas.glänze,»den rabenschwarzen Scheitel, und die schmale durchsichtige Hand mit den zarten blauen Aeder- chen, immer wieder etwas erhoben, als wollte sie ihr Herz schützen oder verbergen . Und da mußte ich plötzlich wieder ujt das Polenmädchenbtld der Autiguitätenbude denken (sonderbar! Aehnlich waren sie sich doch gar nicht. — Auf
rf, s C so unstarre — ich glaube, ich starrte sie wie verzückt und zu lauge an — fühle ich eine vand auf
meiner Schulter, und als ich mich umdrehe, sehe ich gerade in Poncalets kleine Wasseräuglein. Es war nämlich .Hufeisen gedeckt und »vir saßen uns dos a dos.
„Ehe ich's vergesse," sagte er, „haben Sie etwa- in Berlin -u bestellen? Ich fahre noch heute nacht, gleich nach dem Diner."
Mir fiel augenblicklich nichts ein als die erstaunte Gegenfrage: „Warum denn so plötzlich?"
„Nachher!" sagte er.
Ich fand, daß er verdammt blaß aussah — hatte er denn keinen Wein getrunken? Aber richtig — er trank ja so aut »vie gar keinen. Als ich mich wieder umdrehte, sah ich rn die großen schivarzen Augen der Kommandeuse, aber auf mich direkt »varen sie nicht gerichtet. Dann sagte sie etwa- zu mir, das ich bei dem Stimmengebrause und Gläserglirren — es wurde gerade ein Toast ausgebracht — nickt verstehen konnte. Sie lächelte bedauernd uud ich . . . ja, ich muß mich wahrhaftig schämen — ich reichte ihr über den sehr breiten Tisch meinen Bleistift Über meiner Uhrkette und meine Tischkarte. . . . Und sie lächelte lieben-lvürdig harmlos, schrieb etwas ans das weiße Blättchen und schob es mir mit iyrent Fächer »vieder zu. Ich blickte aus dieselben steilen großen, lateinischen Buchstaben, die ich schon einmal aus einem Blatt Papier gesehen hatte! — Ich sollte morgen nachmittag fünf Uhr in Angelegenheit des Basars bei ihr vorsprechen. Sie stand an der Spitze und ich war maitre de plaisir. Famos! jetzt war also ich ihr Adjutant, der andre war weg. Auf »vie lange und »varum? Bah — egal!
^Freut euch deö Lebens,
Solang noch das Lämpchen glüht,
Pflücket die Rose,
,Ey' sie verblüht —"
spielte gerade die Tischmnsit. Nachher wurde getanzt, in einem mäßig großen Zimmer, bei einer Temperatur von mindestens fünsundz»vanzig Grad Reanmnr. Die Paars konnten kaum aneinander vorbei. Es »var überaus erquicklich, das vom Rauchzinimer aus mit auznsehen, denn das dauernde Andenken, daö mein Knie seinerzeit erhalten hatte, verbot mir das Tanzen, wenigstens ossizicll. Dankbar gedachte ich des Attentäters, als ich den rotslammen- den Tarlataurock in der erstickenden Enge Hüpfen und springen sah. Sie mußte göttlich tanzen, die kleine Lilli Kallrvein, wenn sie dabei nur annähernd ihre Reitkunst erreichte. Und mit ihr mich herumzuschwenken hätte ich nicht umgehen können. Ja, wenn die Kommandeuse »roch getanzt hätte! Dann hätte ich vergessen, daß ich nicht tanzen durste, uud »venu ich vor ihr zusammengeknickt »väre. Aber Stel- lung und Würbe erlaubten ihr keine Rundtänze mehr. Arme Frau, mit zwanzig Jahren! Als das Zimmer geräumt und Franyaise sür die älteren tanzlustigen Herr-
W tcn besohlen wurde, legte ich meine Uppmann hin und auf sie zu. Untenveas rettete mich nur ein für mein „invalides" Knie sehr geschickter Seitensprnug vor einer heftigen Karambolage mit Lilli, die mit glühenden» Gesicht, säst so rot »vie ihr Kleid, quer über meinen Weg gepoltert kam. Wenn ick geglaubt hatte, daß sie da sitzen und auf mich warten würde — die Kommandeuse, meine ich — so hatte ich mir zu viel eingebildet. Da »varen schon zehn abgeblitzt! Sie tanzte mit einem jungen Major der achten Ulanen, zu meiner heimlichen Freilde nicht mit Poncalet, der »var schon abgeschwommen, nachdem er mir gesagt, daß er in Familienairgelegenheiten einen vierzehn tägigen Urlaub genommen habe. Wollte er sich etwa verloben ? Nichts »väre »vohl unwahrscheinlicher geivesen! Ich »vandte mich daun zur Gräfin Wauba Wietersberg, die mir sehr sympathisch ist. Sie gehört natürlich auch zu den nur Franyaise Tanzenden. Aber man merkt ihr die fünsundvierzig Jahre aar nicht au. Vielleicht liegt's in de»n Blick oder an den» liebenswürdigen Zuge um ihre»! Mund. Peinlich »var mir'S ja, daß sie »nick bei der .Kommandeuse batte abblitzen sehen, el>e ich zu ihr kam. Aber sie ist viel zu vernünftig, um Dinge übelzunehmen, über die nur junge Damen das Näs- chen rümpfen. Wir unterhielten uns ausgezeichnet und ich blieb bei ihr sitzen, als die Fran?aise längst zu Ende »var.
(Fortsetzung folgt.)


