Donnerstag, den 7. Januar
Baa Daradies der Erde.
Noninn von Ada von GerSdorff.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.) 0
Er hielt das Buch fest und ihre Hand mit dem Buch, beugte sich herab und küßte die Hand. Es war ein schwüles Spiel. Dann trat sie wog und öffnete das Piano. Mir war auch ganz schwül geworden — dieser starke Duft nach Blumen oder Parfüm, die stickige Lust in dem kleinen, von Möbeln und Stoffen übervollen Raum! Und — das Gedicht war von ihm! Ganz selbstverständlich! Mir schwindelte, und wenn ich die Verse auch schauderhaft fand, zum Lachen war mir -durchaus nicht zumute. — Erst als er mit prachtvoller Verve einen famosen Attackenmarsch erbrausen ließ, wurde mir gemütlicher und ich konnte die Kvmmandeuse wieder allsehen. Sie stand crm Tisch und hatte das Buch aufgenommen, darin blätternd, und sah schön und stolz und m'armor- haft aus, wie immer. Da ging drüben eine Tür ans und ein sporenklirrender Tritt kam über den Teppich heran. Noch ein verspäteter Gast? —
Der Oberst stand unter der Portiere.
„Mein Gott, Bernhard!" ries seine Frau und ging ihm entgegen — „das ist ja überraschend!"
„Ja. Meine Angelegenheiten waren schon heute mittag beendet mtb mich zog's heim. Da bin ich eoen losgefahren. .. Guten Tag, Gras! Willkommen, lieber Rehn..."
Ich konnte kaum schnell genug die ausgestreckte .Hand ergreifen, denn ich hatte mich bücken müssen, weil im Moment, als der Oberst eintrat und fie das Buch schnell auf den Tisch legte, ein Blatt Papier herausgeglitteu war, gerade mir vor die Füße. Ich wußte nicht, warum ich cs einsteckte, als gehörte es mir, und nicht einfach ans den Tisch legte. . aber jetzt weiß ich's.
Es wurde ltorf) ganz gemütlich. Ter Oberst erzählte sehr amüsant voll Berlin und dem tollen lustigen Leben dort. Auch brachte er mir Grüße von meinem ' Kameraden in meinem alten Regiment. Er hatte da einen Bekannten und war zum Frühstück im Kasino gewesen. Sie hätten auch von mir gesprochen, sagte er mit ctnem sehr freundlichen Blick. Mir wurde bei seinem Lobe des Ossitzierkorps und des famosen Geistes, der da herrsche, ganz wehmütig, und ich hatte so ein schattenhaftes Sehnen, wie es vielleicht zuzeiten die Seligen im Paradiese überschleicht, wenn ein neuer Ankömmling da erscheint und von der alten lieben Erde erzählt.
Poncalet ging fort. Er hatte noch eine Verabredung im Kasino. Mich forderte die Kommandcuse aus, noch zublewen und an einer Partie Whist teilzunehmen. Der Oberst schloß sich ihrem Wunsch lebhaft an. So fand ich keine Gelegenheit, Poncalet das Blatt Papier zu geben, das offenbar rhm gehören mußte, denn es war and seinem Buch gefallen. —
Da liegt es vor mir. Es war beschrieben, doch seine Handschrift, die ich von den Regimentsbefehlen her kenne.
war es nicht, sondern eine fremde. Große lateinische Buchstaben. Auch ein Gedicht. Ich las eS — das heißt, ich hatte es schon gelesen, sobald nur mein Auge darauf fiel: „Trauben von den Dornen ernten,
Bon den Disteln süße Feigen,
Brotkorn aus den Sümpfen ziehen, —
Einen Friedenstempel bauen
Auf derund Sünde Boden, —i
Herz, wem ,z,s je gelungen?!
Säulen wanken, Mauern brechen Auf dem unterwüblten Grunde,
Und den Gott auf dem Altäre Reißt es splitternd in den Staub."
Ich werde es morgen mittiehmen zu Tisch. Ich weiß nur nicht, wie ich mich bei ihm entschuldigen soll, daß ich eZ
einsteckle. Ich muß gestern Visionen gehabt haben_Ja,
hier in Zwielitsch wird am Ende auch in ' Klarste von Wahnideen befallen, wenn er eine lMfche Frau nur sieht und nun gar eine so wunderbar hübsche, so geheimnisvoll hübsche? Unsre andern Damen sind auch recht nett und elegant, aber ich weis; doch nicht, ob man selbst hier in Zwielitsch von einer unter ihnen träumen würde, wie ich mir ganz untertänigst diese ganze Nacht lang gestattet habe, von meiner gnädigsten Frau Kommanden.se zu träumen. Tolles Zeug! Recht merkwürdig, daß man im Traum mit aller Lebendigkeit und in allem Ernst so blödsinnig glühend jemand lieben kann, der einem sonst ganz gleichgültig ist, so lieben, wie es im Leben gar nicht möglich wäre ! Und das Merkwürdigste ist dabei, daß inan am Tage darüber lacht, und daß am Abend doch die gmize wahnsinnige Traumlicbe so intensiv wieder da ist, wie in der vergangenen Nacht. Ich glaube, führte uns irgend ein Zufall eine solche Traumerscheinung in Wirklichkeit in den WeH, so müßte sie uns unfern Zuftand anmerken und kein Waster und kein Blut — Ich weiß wieder nicht recht gehört das Zeug nun in dieses reine Buch von Kaiser Friedrich? — Mit Goethen wollt' ich inich wegen der verrückten Traumlicbe schon stellen. Und Tante Lalli — na, die soll es schon nicht zu sehen kriegen. Ihre großen runden Augen würden inir störend sein.
Uebcrhaupt, wenn man sich sozusagen im geistigen Negligs zeigt in so einem Tagebuch, dann möchte man so wenig wre in Persona einen Zuschauer haben. Und wenn rnan die Früchte jedes Tages erst sortieren und dann darunter auswählen soll, dann ist die ganze Geschichte doch Mumpitz. Ich weiß nicht, wie lange ich das durchführen kann, <£m Kamerad erzählte mir, er hätte auch mal ein Tagebuch geschrieben, aber nur so lange, als er nichts zu schreiben hatte, das sich der Mühe verlohnte. Nachher aber hätten ihn keine zehn Pferde 'rangebracht. Ja — der war aber auch in der Hölle, in Berlin, und ich bin im „Paradies der Erde" — in Zwielitsch.
Oktober. Jagdeinladung vom alten Freiherrn von Kallwein, Groß-Rnuow. Habe niich gefreut. Das ganze Re-


