Ausgabe 
6.1.1915
 
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einer ehrlichen feindlichen Kugel, als noch eine Stimde Ln dto- ser schrecklickwn Not unter den ir/immem eines verbmvnten HauseS Rasch sprang er zur Treppe, donnerte mit den Allsten gegen die Falltür. drehte sich um und suchte mit den: Rucken die Tür zu heben. . . aber' sie rübrte sich nicht in den .lngeln. Berge von Schutt und Mauerbrnch lagen darüber.

Doch daran dachte der Leutnant nicht. Außer sich schrie crr

Ocssncn Sie. .. vorwärts... marsch ... öffnen Sie!"

Die Alte richtete sich langsan, auf. Ebern wurde ihr Gesicht... rachsüchtig. . . hart fordernd stand sie da und zeigte mit knochigem Finger ans da« Mädchen in der Ecke

DaS Mädckr-en saß im flackernden Licht.

Wie schinnnerndes, braunes Gold floß das Haar um ein blasses Gesüßt... die Augen waren geschlossen... dunkel und lang waren die Wimpern.. . und der Mund tvar gebogen zu einem nierkwürdig erstarrten Lächeln.

Dem Leutnant froren die Worte aus den Lippen. Er wußte uicht mehr was er tat. Sein Hirn fieberte. Seine Nerven bebten schmerzhaft...

Langsam, mit steifem Arm, hob er den Revolver gegen die alte Frau.

Da u>arf sich das Weib auf die Erde, hob flehend, wie in Angst die Arme und kroch, hastige Worte murmelnd, niit weit und lvahnstnnig ausgerissenen Augen auf den deutschen Offizier los. Der stand bebend, mit vorgestrecktem Oberkörper.

Nun war das Weib bei ihm. .. hob sich dicht vor ihm in die Höhe... tastete sich mit zitternden Fingern an seinen Schenkeln, an seinen: Leib hinauf.. . nun lagen ihm die mageren Hände flach auf der Brust... die weit geöffneten Augen flehten um Gnade. .. wie Spinnen krochen die Hände höher und höher... und jählinas, cs war ,vie ein olitzhafter Schlag, lagen die krummen Finger zerdrückend um den Hals deS jungen Menschen. Und ein tierischer, triumphierender Schrei zerfetzte für eine Sekunde den schweren Donner der Schlacht.

Mit äußerster Kraft stieß der Leutnant seine häufte gegen die Brust des Weibes. Die drosselnden Finger lösten sich... taumelnd stürzte die Frau zurück... der Kopf schlug chart auf den Stein­boden ... ein letzter, stöhnender Schrei... Blut quoll aus dem alten Mund.

Welch eine Nacht... welch eine schreckliche Nacht" fuhr es dem Leutnant durchs Hirn.

Kam da nicht ein Seufzer aus der Ecke, in der daS Mäd­chen saß?

Er blickte hinüber. . . das Mädchen saß regungslos.. weiß war das Gesicht. . . geschlossen die Augen .. die Lipven lächelten.

Wild sprang er zu dem Mädchen hin und griff nach ihren Händen, um sie ans dem Schlaf und Traum herauszureißen. Wer durfte schlafen> selig träumen in dieser donnernden Nacht, in der Welten zu Höllen ineinarrderstürztcn?

Kalt wie der Stahl der Kanonenrohre vor dem ersten Schuß waren die Häirde... steif fiel das Mädchen um ... die Keller­wand knirschte hinter ihrem Rücken... Putz bröckelte ab. Das Mädchen war tot.

Halb bewußtlos nahm er den Brief a,cs den erstarrten Hän­den. Im schwankenden Licht las er die ersten Worte:

Süße Geliebte... ich liege in Bordeaux im Hospital u,ld barmherzige Schwestern pflegen mich. Die Preußen haben mich totwund geschossen :md ich lverde Dich... süße Geliebte.. Du tausendmal Geküßte... ich werde Dich nie wieder sehen..

Da ließ er erschüttert den Brief sinken.

Krieg... Krieg... grauenvoller, entsetzlicher .Krieg!

Er lehnte sich an die Wand und schloß die Angen. Eine namen­lose Erschöpfung kam über ihn. Die Arme sanken schlaff herunter, langsam glitt er an der Kellerwand nieder . . ein letztes Bild nahm er mit in den Schlaf: ein kleines, efcuumranktes Haus in einem großen und stillen Garten. Vöyel sangen und Schwäne ruderten über einen tiefen und dunklen Teich. Rosen hingen schwer und rot und süß duftend über einer weißen Bank und darauf saß ein Mädchen mit hangen, sehnsüchtigen Augen und auf ihren weichen, süßen Lippen und in ihren bangen, sehnsüchtigen Augen lag sein Name. Still ruderten die Schwäne auf dem dunklen Teich und die Vögel singen in den hohe,: Bäumen und die Rosen öffneten sich unter dem tropfenden Licht der Sonne...

Dann schlief er ein.

Und draußen donnerten die Kanonen und die Nacht schrie unter dem Jammer der Schlacht und die schwarten Rauchwolken stiegen zum Himmel und spannten mitleidig emen ^Vorhang vor die Scharen der weißen Sterne.

Gegen Morgen wurde er wach.

Blitze der Sonne kamen durch die Lücke, die der Schutt vor dem schmalen Fenster frei gelassen hatte.

Und vieltausendstimmiger Gesang erschütterte die Luft.

Deutschland . . . Deutschland über alleS!"

Kein Gebrüll der Schlachten mehr ... die Mäuler der Ka­nonen schwiegen.

Zehntausend Schritte dröhnten ... die Deutschen ... die Deutschen?

Immer brausender, wie Geflatter von tausend Fahnen, schwoll und bebte es über das leergebrmmle Dorf hin: Deutschland . . J Deutschland!

Der junge Leutnant stürzte zum Fenster und schrie hinaus. Er wußte kaum, daß er um Hilfe schrie . . . über allem Bewußt- sem jauchzte die Freude: Sieg! Sieg! Sieg!

Lange hörte man ihn nicht.

Dann aber beugte sich das bärtige Gesicht eines Lanidwehr- mannes zur Fensterlücke.

Donner und Doria!"

Er sprang auf und schrie und winkte mit beiden Armen.

Und es dauerte noch zwei M timten, sdann klirrten Spatenh rtssen Hacke,: das verbrannte Gebälk zur Seite, wühlten Schaufeln :m hohen Schutt.

Kreischend in den Angeln fuhr die Falltür hoch ... ein Strom glühenden Lichtes brach :n die Nacht des KellerS.

Der Land,vehrmann erschrak und wurde still, als er in das blasse und zerfurchte Gesicht des Mannes sah, der ans dem Dunkel herausstieg, "schwankend, sich mit beiden Hände:: an: Mauerwerj emportastend. Aber in den Angen des Gerettete:: war ein schöner Glanz . . . denn das Graue:: der donnernden Nack)t war weg . . . ausgelöscht von dein Strom des goldenen Lichtes und hinweg­gerissen von den brausenden Fanfaren des deutschen Gesanges, der rhn herrlich einhüllte, so daß er zum Licht emporstieg wie tu einer feurigen Molke. _

vüchertisch.

Krteg 8 u ,nmer 22 der ,Illustrter 1 e Zeitu ng" (I. I- Weber. Leipzig). Den textlichen Teil leitet das tiefempfundene und packende, eine ernste Mahnung an da« deutsche Volk einbaltende GeeichtNeujahr 191b- von Theo Sommerlad ein. Fenier ent- fiiü die Nnnuner neben der allwöchentlichen chronologischen Dar­stellung der kriegerischen Ereignisse e:e Anzahl interessanter Aus­sätze, von den n besondeis erwähnt seien:Die Zusammenkunft der dre: nordischen Könige in Malmö":Dte religiöse Erneuerung des deutschen Volkes durch den Krieg" undPolizeirecht in der Krieg-,eit". Der Humor konunt in dem 'ArtikelAllerlei von der deuts , en Soldatensprache" und vor allem in der hübschen > rtegS- geschichle von Rodert MischDie drei Ohneigeu" zur Geltung. Eine vrerseitige besondere Beilaae in Offsetdruck i rinnt eine Anzahl von Zeichnui'gen aus dem Skizzenbuche deS Wiener Malers Ludwig Koch, der Typen und Begebenheiten aus der österreichi'ch-uuaarischen Armee mit Stvt und Jeder in flotter Manier sei',gehalten hat. Außerdem sind wieder Pro-effor Hans v. Hayek und O. I. Olbertz, ferner Victor Schramm, Enrt Ltebich, Ernst Busch, ©. Wagenführ und Hugo L. Braune mit flotten Skizzen vertreten, denen sich .oelter eine g'oße Zahl zum Teil kleinerer Streutnl er von den Weih« nacht^elern im Felde, der ößerreichisch-ungariichen M rine usw. zuaesellen. Einen besonderen Schmuck erhält die Rvmmer noch durch ein doppelseitiges Bild in Vierfarbendruck »Angriff bayerischer Schwerer Reiter aut französische Dragoner" von Angela Jank. Preis der Nummer 1 Mk.. VierteljahrSabonuement S Mark.

Kürschners Jahrbuch (Hermann Hillger Verlag, Berlin. Der soeben erschienene 18 Jahrgang für 1915 hat auch in dieser schweren Zeit sei en alten Ruf. immer gerade da« zu bringen. ivaS den Zeitgenoffen am interessantesten ist und zu wiffen am meisten nolt»t, bewahrt. Es ist auf den Krieg gestimmt. Naturgemäß l'i ein oder das andere, was die Leser im Frieden zn finden gewöhnt waren, weggelaffen worden, weil es während des Krieg S eine Bedeutung verloren hatte. Dcvür ober find alle Fragen, die durch den Krieg hervorgerulen wurden, in eingehender Weife behandelt worden. Die Statistik nimmt schon Rücksicht auf dte Umwälzungen, die in Handel und Wandel während der ersten KrierSinonate einqetreten sind. Ein ausführlicher Aufsatz be­schäftigt sich mit dem Kriege selber und ein dariernden Wert be­haltendes Kriegswöiterhuch gibt er-chöpsende Auskunft über alle Worte und Begriffe, die iw Kriege Bedeutung gewonnen haben. Das Fahrbuch unterrichtet über die Technik mit besonderer Berück­sichtigung der KricgStechnsk, eS unterrichtet über die wichtigsten völkerrechtlichen Bestimmungen, es gibt Aui-chluß Über dte Kriegs- füriorge für dte Hinter bliebe en der Opfer des KrteoeS. Diese knappe Uebersicht crscböp't bet weitem nicht den außergewöhnlich reichen Inhalt deS Buches, das einen besonderen Wertoch da­durch gewinn t, daß eS die Kriegsnotgesetze und Verordnungen enthält.

Logognph.

Mite der Schmuck gar vieler Tiere, Miti* versteckt im Waldreviere. Auslösung in nächster Nummer.

.Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummert Ter Zorn ist ein schlechter Ratgeber.

Schristleitung: Aug. Goeti. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'scben UnIversitätS-Buch- und Sleindrttckerel, R. Lange, Gießen.