nehmen. „Genua für heute tnit den Gedichten. Nur nicht ^ntimental werden. Spielen Sie uns lieber etwa-, einen flotten Reitermarsch."
(Fortsetzung folgt.)
Die donnernde Nacht.
Von Kurt K tt ch l e r.
Fünfmal in fünf Tagen war daS kleine Torf, daö -wischen zwei Obsthügcln sorglich eingebettet lag. gestürmt worden. Zweimal von den Franzosen, dreimal von den Deutschen. Schrecklich war der Kamps in den engen brennenden Gassen gekvesen. Manu gegen Mami, Faust gegen Faust, Stich gegen Stich . . . eine fünfmal aufbrüllende. flammende, vom Blut der zahllosen Opfer dampfende Hölle. .
Nun war daü Tors leer, nun loar es nur noch ein arau und braun und schwarz rauchender Trümmerhaufen. Kein Deutscher war mehr darin und kein Franzose, sie standen mit ihrer Artillerie aus den Hügeln einander gegenüber. Das Steilfeuer der Mörser beschrieb seinen heulenden Himmelsbogen über den alüherüben, dampfenden Schutthaufen, und die Granaten und die Schrapnells, von blauweissen Wolktnfetzen cingehüllt. ivcinten ihre T.'des- lieber von Hügel zu Hügel, flogen wie schreiende und klagende Vögel über die Schützengräben und fuhren zerschmetternd, platzend. Eisenhagel verspritzend, unerhörtes Verderben auSsäend. in die Stellungen der Batterien. Tie miersältliche Erde trank Blut . . .
Als es Abend wurde, schickten die Deutschen eine Patrouille in das zerschossene Torf. Man cnvartete ein neues Vordrängen der Franzosen in der Nacht, ein verwegenes, lautloses Herankomme,t* aus schleichenden Sohlen, einen stillen Sturm, wie ihn die Franzosen in diesem Krieg von den Deutschen gelernt hatten. Ter Leutnant, der die Patrouille führte, wußte: es war ein Gang auf Leben und Tod.
In schweren, wolkigen Ballen stieg der Rauch aus den Ruinen des Torfes. Tahinter stand die untergehende Sonne, kraftlos, trostlos, eine düsterrote Scheibe, unfähig, ihr Licht durch die dampfenden, unförmig über dein Tors schwankenden Ranchmassen zu schicken
Langsam und vorsichtig bahnte sich die Patrouille ihren Weg. Schrecklich war. was die Männer erlebten. Zwei Monate waren sie im Krieg, ihre Herzen waren hart geworden und ihre Augen batten mehr gesehen als die menschlich Phantasie, die sich doch so gern das Grauenhafte ausmalt, sich vorstellen kann. Aber hier war daö Letzte . . hier war das Chaos, die vollkommene Ver
nichtung menschlichen Werks. Brandgeruch quoll stickig auS der aufgewühlten Erde, auS den zerschossenen Vtauern, aus den schwarz gähnenden Fensterhöhlen. Es dampfte heiß und wolkig aus glimmenden Balken, glühenden Schutthaufen, zerschossenem Hausrat, schmälenden Strohschobern und verkohlten Paumperippen. Verwesungsgeruch siel giftig und unerträglich auf die Männer ein. Tote Pferde lagen mit geblähten oder geplatzten Leibern reihenweis a,rf den Straßen. Aus den Fenstern hingen neben zerschossenen Maschinengewehren, den Kops nach unten, tote Soldaten Hüf- los und traurig lagen die Anne mit den erstarrten Händen über der Brüstung . . . roteS Blut rann in Streisen durch den Brandschmu tz der Mauern.
Durch den Schutt der einaestürzten Häuser, durch das Gewirr von qualmenden Balken und verbotenen Eisenträgern irrten, jammervoll blökend, ein paar Schafe nnt halbverbrannter Wolle... vor einem verschütteten Ziehbrunnen, dessen langer Hebel trostlos, schwarz verkohlt, dampfend wie eine ausgebrannte Fackel in die Luft ragte, ftaub eine Kuh mit abgescngtcr Haut, geschwollenen Eutern, qualvoll brüllend. Man durfte sie nicht erschießen, keine Kugel durste das Rohr verlassen. ,
Mit zusaimnengcpreßten Zähnen und gemarterten Nerven suchte die Patrouille, leicht ausgeschwärmt, in diesem Chaos der Vernichtung den Feind. Manchmal horchten die Männer auf. Aus den Ruinen kam, wenn das Geimtter der Kanonen eine Sekunde schwieg, ein merkwürdiges Knirschen ... ein schrecklich gedehntes Aechzen . . . wie die letzten Seufzer furchtbarer Todeskämpfe . . .
Die Sonne war weg. Es war ganz dunkel im Dorf. Unheimlich, riesengroß, schwankte die Rauchwolke über den Ruinen.
Mit einem Mal blieb der Leutnant stehen und pfiff kaum hörbar durch die Zähne.
Formlose Schatten krochen, hindert Schritt vorauf, über den Schutt. Zwei . . . drei. . . vier . . . fünf Schatten, ganz hin- flebudt an die Erde.
Ein rasch hingeslüsterter Befehl. Ein Mann der Patrouille kroch zwanzig Schritt voran, kroch wieder zurück.
„Franzosen!"
Nun häuften sich die Schatten und bewegten sich langsam und lautlos vorwärts wre kriechende Tiere. Zehn . . . fünfzehn . . . mm waren sie nicht mehr zu zählen.
Ter Leutnant griff in eine Tasche, die er über der Sckiulter hängen hatte.
„Deckung!"
J£ie Soloaten krochen nach rechts und links hinter die zerschossenen Mauern. Ter Leutnant ließ die Raketen steigen.
t sst . . . ssst. . . sst . 1 .
laue Leuchtkugeln . . . vier blaue Leuchtkugeln zischten hoch in die Lust hinauf, beschrieben einen schönen Bvgcn und zerplatzten! zu tausend weißglüheirdcn Sternen.
Ssst
ssst
in
Noch einmal warf der Leutnant vier Leuchtkugeln in die Lust. Hellblau strahlten sie wie frühlingsfrisch erblühte Hyazinthen tmb versprühten in weißen Sternen.
Gelb blitzte eS aus den Reihen der kriecheirden Franzosen. Gc- wehrseuer knatterte. Ein Soldat neben dein Leutnant schrie auf und stürzte vornüber. Und dann gellende Trompetenstöße .... Brüllen von tausend Stimme,i . . . die Franzosen stürmten durch das zerschossene Torf hinauf zu den Reihen der Deutschen. Aber die warkn gut gewarnt, denn gleichzeitig barsten, zerkrachten uirb zersplitterten über den Stürmenden die ersten deutschen Granaten. Feurige rote und gelbe Gönnen erhellten sekmrdelüang die Nacht. Ausstäubcn von Schutt und Erde . . . schreckliche TodeSschreie . . . hinstürzendc Franzosen.
Mit einem mächtigen Satz war der Leutnant in ein leerac- brauntes Haus gesprungen. An ibm vorbei raste todesmutig die brüllende, stürzende, sich wieder aufraffende, iveiter betzende Meute. Granaten heulten hinein mid zersprangen... Schrapnells ver- sprtziten ihren bleieriien Tod.. . neue Flammen brachen aus> den Ruinen... letztes Lebe,» stieß funkensprühend aus elendetil Resten schivarz starreiide Balkeil waren mit einemnial wieder lodernde Fackeln, die zuckende Lichter in die verzerrten Gesichter der unaufhaltsam vorwärtsstürmenden Franzosen lvarfcn.
Mit einenimal fühlte der Leutnant, rvie jenumd von unten her mit klammernden Fingern um die Knöchel seiner Füße griff.
Er wollte schreieil, aber kein Wort kam ans der Kehle. Er wollte fick an Pfosten und Mauerwerk festhalten, aber mit eineni heftigen Ruck wurden seine Füße vom Boden weggezogen. Er stürzte mit vorgcstrecktcn Armen vornüber... der Helm flog ihm vom Kopf... und dann zogen ihn die knöchernen Hände, 'ohne datz er im Schjntt und im heiße,! Geröll Halt stndent konnte, langsan, in die Tiefe. Eine schwere Falltür kractpe über- ihm zusammen... er hörte, während leine Sinne in halber Bewustlos^keit hinschloauden, nn heiseres Lachen... daö klang wie der Schrei einer hungrigen Nebelkrähe.
Erst als er festen Boden berührte, ivurde er lvieder Herr über seine Sinne.
Dump, donnerte,i draußen die Kanonen. Geivehrschtlsse knallten -wischen dein Brechen und Krachen und Schütten, des spiit- teniden Gebälkes und des stürzenden Gemäuer-. Durch ein schmales. vergitterte- Fenster des Keller- stieß, ein gelbes Licht »vie von zuckenden Fackeln, tanzte nnld durch den Raum, ivarf formlose Schatten hin und her und spritzte Licht in all« Winkel.
In einer Ecke des Kellers hockte ein armes, altes Weib, ganz in sich, znsammcngcduckt, aber mit lauernd verkniffenen Augen. Weiß hing ihr das Haar über der aefurchten Stirn. Tie mageren Hände lagen gefattet auf den Knien. Zu Lumpen -jerrissen, halb verbrannt, hing ihr da- Kleid um den Leid. Tas flackernde Licht tanzte gelb kutnd rot über sie hin.
Bor den, lauernden, fast gierigen und höhnischen Blick der Alten ivich der Leutnant zurück. Er stand dicht unter dem schmalen Fenster. Das tanzende Licht streifte sein blondes Haar. Langsam hob er seinen Revolver gegen daS Weib, bas ihn tu
dieses verfluchte Loch hineingezogen hatte. Tie Frau sah ihn Kroß an, verzog spöttisch den Mund und warf ihm ei», paar verächtliche, unverständliche Worte hin.
Dann steckte er den Revolver wieder weg.
Pah... ein altes Weib totschießen? Hatte sie ihn nicht, wenn man's recht bedachte, vor den Schüssen der stürmenden Franzosen gerettet? Mochte sie leben!
Nun sah er deutlicher in ihr zermürbtes Gesicht und erkannte, mit* hinter de,n Hohn und der Rachsucht der Jammer lag und die grenzenlose Not und der schreckliche Hunger Der Kfrieg und me Zerstörung der Heimat hatten dieses Gesicht gezeichnet... »vie die Nagende, ttagisch verstörte, dumpf verzweifelnde, hilflos hingekaucrte Mutter Frankreichs war dieses Weib.
Er konnte den Anblick nicht länger ertragen. Er wandte den Kopf und sah in der anderen Ecke des KellerS, im Schivanken des gelben Lichtes, ein junges Mädchen. Sie saß. aus einer Kiste, mit dem Rücken gegen die Wand. Dunste- Haar, schimmernd wie braune Bronze, floß um ein blasses, lächeliibe- Gesicht. Tie Augen waren geschlossen... ivunderoar fein lagen die dunsten Wimpern ans der blassen Haut. Die ioeißen Hände lagen im Sckoss, seltsam erstarrt. Die eine Hand hielt eineu zerknitterten Brief.
,,Sie schläft," dachte der Leutnant. „Sie schläft und üttu sie her flammt und kocht und donnert blutrot die Hölle... sie schläft und tädKtt und träunrt den Himmel..
Da -ivang ihn ein Nagender Ruf der Alten »vieder, den. Kopf zu wenden. Sie zeigte mit dem hageren Arm auf das Mädchen und schrie französische Worte, die er nicht verstand. Jammerte sie... drohte sie... klage sie an...? Unaufhörlich donnerten von draussen die Geschütze dazwischen, bellten die Salven der Infanterie. Wnnmernd sanken die letzten Ruinen zu Schutt.
Ter Leuttrant konnte es nicht länger ertragen. Lieber draußen jm wüsten Handgemenge... lieber abgeschossen werden von


