Ausgabe 
6.1.1915
 
Einzelbild herunterladen

das grobe GiaS und noch ein anbe»»*'S«

La.* uMtr trinkbar, sckpvcr und ölig alter Malvasier. Ich mag nur den süßen Geschmack nicht. Jedenfalls tat ich meinem Bewirtcr Bescheid. Tabei fragte ich ihn, wo denn seine Tochter sei. Sie sei in einer Buchhandluua in Posen angesteNt, sagte er. Es wäre 'seit, daß sie Geld verdient. Gr stünde nahe vor den Siebzig, was hier in dem Lüdchen stecke, sei alles, »vas er ihr hinterlassen könne. -- Nun, dachte ich. wenn sich nicht etwa unter der Falltür oder der Diele besondere Kostbarkeiten verbergen, so »nacht diese Hinterlassenschaft aus dem schönen Kinde frei.ich keine reiche Erbin. Ich fragte dann beit Alten, wie lange er schon in Zwtelitfch sei. Acht Jahre? Vorher hatte er einmal Geld gehabt und aud> Ehrgeiz. Aber dann schtvenkte er gleich von dem Thema ab. Schien von der besseren Vergangenheit, die er sicher gehabt hatte, nicht gern zu reden "Ich stand auf und empfahl mich, ihm gute Besserung wünschend. Gr ersuchte »nich böslich, ihn bald wieder zu beehren, zu einem Gläschen, und seine Bücher da ständen mir zur Verfügung. Ich dankte ihm sehr und hoffte, einmal Zeit zu haben. . . . Wenn die schöne Tochter sie mir vorlegen könnte ja dann würde sich diese Zeit wohl dem­nächst an einem meiner langen Tagebuchnachmittage gesun­den haben . . . aber der Vater allein lockte »nich zu wenig. Zuletzt verriet sich doch noch der Geschäftsmann in den schwarzen, klugen Augen, und er fragte, ob ich nicht alte Familieuerbstücke zu verkaufen l)ätte, und bat. »nich doch ge- legentlich seiner zu erinnern. lucitn ich selbst Antiquitäten brauche zu meiner Einrichtung; er besorge mir alles pünktlich, gut und spottbillig, weil ich's war', solch ein guter Mensch! Nun, wenn mich das nicht in meiner Selbst­achtung hebt, das; Wladzio Körrolewski nach unsrer, durch Apollo eingeleiteten Bekanntschaft mich für einenguten Menschen" erklärt, so weiß ich nicht, »vas meinem Ehrgeiz noch mehr schmeicheln könnte, Ob er eigentlich erwartet hatte, das; ich ihn blos; überreiten und dann »chlecbtweg liegen lassen würde? Mus; angenehme Erfahrungen gemacht haben mit unkereinem. - r

Oktober. Als ich nach Haus kam. hatte die Komman- deuse geschickt und mich zun, Tee bitten lassen. Um fünf Uhr. Meier hatte angenommen! Ich wußte nicht recht, ob ich mich ärgern oder freuen sollte über diese Selbständigkeit meines Faktotums. Recht getan hatte er ja. Ter Oberst ist auf acht Tage in Berlin. Als ich hinkam. sah ich schon einen Säbel dahängen. Ich weiß auch nicht, warum »nich das eigentlich freute. Hatte ich mir eingebildet, ich »väre allein befohlen, zu einem traulichen Tete-a-tete, und »nich gefürchtet? Man be­fand fick» im Boudoir, nicht im Salon, und ich sah, wie ich die offenen Türen der vorderen Zimmer durchschritt. Pon- caletS hohe Gestalt mr einer Etagere lehnen. Er hielt ein Buch in der Hand, aus dem er vorgelesen hatte. Bei meinem Eintritt legte er es auf das Tischchen vor der Elmiselougue und sah wir mit seinen tiefliegenden melancholischen Augen freundlich entgegen. Sie streckte mir die Hand hin, die ich mit viel Hmgcbung küßte. Wahrhaft berückend sah sie aus! In schwarzem Scunt. ganz schlicht, aber kostbar. Wieder Perlen am Halse und in den Ohrläppchen Ich sah mit Erstaunen. daß ihre Allgen gar nicht so groß und nacht- schlvarz waren, »vie ich glaubte Klar und hellgrau in diesem Moment »venigstenS. In der Tat. es gibt solche Augen, die sich je nach der augenblicklichen Stimmung verändern, vorn hellen Grau bis »um Schwarz, wenn der Affekt hochkoinmt. Das lvörcu die gesahrlichsten von allen, sagte mir mal Tante Lallt. - Poncalct hatte vorgelesen. Das Buch hatte er »nit­gebracht: Goethes Gedichte Also war er wohl schon eine ganze Weile hi, als ich kam .komisch! Ja. was war denn komlfch? Goethes Gedichte et»va? Oder daß er sich eine Stunde früher als ich eingesunden hatte ? Hatte er als alter Bekannter des Hanfes nicht dieses Recht vor dem Neuling, der ich doch war, voraus? Dennoch lag etlvas in der Atmo- sphare dieses Zimmers, was »nichletzte, meine Augen iminer verstohlen zrvischen beiden hin und her gehen zu lassen. Endlich Ißittc ich aber doch lache»» möge»», lachen über »nich selbst: ich »var wohl gar eifersüchtig aus Poucalet und unsere Allergnädigfte? Hätte wohl gern in diesem berau­schenden roten Bolldoir solo zu Füßen ihrer Chaiselongue gesessen und der schwarzsamtenen Göttin mit den veränder

ltchen Augen Gedichte vorgelesen-»vomöglich auch noch

eigene! Wer weiß, vielleicht »»»achte Poncalet Gedichte, »venu er aber auch keine machte, bei solcher Vergünstiauug

wäke er ja nicht wert, als Kürassier iinParadiese" hu ftefren! Für mich wär's verflixt gefährlich, denk' ich mirl Solch einen verbotene»» Goldapfel vor Auge»»... und dann ausgerechnet ineine Kommandeufe! Ja jo... Gesundheit des Leibes,

Auf dem Rücken der Pferde,

Am Herzen des Weibes

Das Paradies der Erde!"

..m Hiinmels willen, Harry Reh»». Neffe Tante LalliS, nimm dich Zusammen u»»d bedenke, daß in bi: ae»veihte»r Blätter dieses Buches solche hirnverbrannten Torheiten keinen Zutrttt haben dürfen.

Ein Engel flog durchs Zimmer der große »veiße Seidenschirm über der Lampe »vehtc leise. Sie spielte mit der goldenen Kette au ihrem sch»nalcn Handgelenk. Er lednte noch au der Etagere und blätterte in seine»»» Buch und ich« ja ich fühlte mich überflüssig. So sagte ich denn:Wollen Sie nicht »veiterlesen, Gras?"

Ach nein," sagte die kommandettse und blickte auf (ihre Augen »varen jetzt braun, glaub' ich),das »väre zu. langwellig für Sie, Herr von Rehn"

Bitte untertänigst, meine g»»äbigste Frau, mich nicht zu unterschätzen," entgegnete ich ganz gekränkt.Verständnis für unsere Dichter fehlt mir hoffentlich nicht. Ich weiß sogar, daß Goethe zu der» allerersten gehört. Also bitte, gnädig« Frau, gestatten Sie mir teil an dieser idealen Unterhaltung z»» nehmen, sonst müßtL ich fürchten, zu stören." Das »var ungeschickt? Er sah »nich fragend und ernstl-ast au, und ihre Augen »varen ganz schlvarz geworden. Ich freute mich meiner kasferubraunen Haut, die ein Erröten, »vie ich es jetzt mir ins Gesicht steigen fühlte, nicht durchläßt, und fühlte »nich erleichtert, als ec nach einer leichten Pause sagte:Nun, so will ich »veuigsteus das GedichtFür c»vig" zu Ende lese»», das ich gerade begonnen l>atte, als Sie kamen."

Welch weiches, »vu»»dervolles Lachen, eine ganz ent­zückende Tonleiter! Es »var das erstemal, daß ich sie lachen hörte.

Du lieber Himmel! Wenn uns jetzt jemand sähe: eine ernsthafte kommandense, die mit zwei jungen Leutnants Gedichte liest... »velch ein idealer Ton bei den Zlvielitscher Kürassieren!" sagte sie lachend

Ja" »viedcrholte er langsam und strich mit der langen schnialen Hand über seine rotblonden Haarborsten ja, wenn uns jetzt jemand sähe Also lassen wir den großen Goethe sprechen:

Denn »vas der Mensch in seinen Erdenschranken Von hohem Glück mit Götternamen nennt:

Von Harmonie der Treue, die kein Wanken,

Von Freundschaft, die nicht Zrveiselsorge kennt,

Das Licht, das Weifen nur zu einsamen Gedanken,

Das Dichter»» nur in schönen Bildern brennt,

Das l)att' ich »all in meinen besten Stunden.

In ihr entdeckt und es für mich gesunden."

Er las hübsch So ohne Pathos, so einfach, als erzählte r-r uns das, und ineine momentan aufgestiegene Todesangst, daß ich über das Geringste, das bei seinem Borlesen noch so entfernt an Komik streife»» könnte, rettungslos wurde lachen müssen, schwand schon bei den ersten Worten Denn ich habe eine schrecklich seine Empfindung für alles Lächerliche, und wenn mir das Lache»» ankoinint, dann muß ich losplatzen und sollte ich dafür erschossen werden!

Sehr hübsch, lieber Graf, sehr stimmungsvoll." sagte sie, »vührend ich, um ein Wort des Lobes verlegen, still- schwieg.

Haben Sie nichts Neues von" sie stockte.

Eigentlich nichts Rechtes," sagte er rasch einfalle»»d und ein paar Seiten umschlagend

Aber uneigentlich?" lächelte sie.Wenn's schon nichts Rechtes ist, so lesen Sie eben das"

Das Unrechte?" vollendete er »nit seine»»» schlvermüti- gen Lächeln.Also:

Ich »veiß es »vohl, du bist Mir gut!

Nie kränkte dich mein Herz, das tat mein »vildes Blut, Ich »reiß es »volst, du bist mir gut.

Du l-ast's gewollt: So laß »nich scheiden nun

Niemals »verd' ich au deinen» Herzen ruh'»»

Sei's in den Tod ich habe Kraft und Mut.

Ich weiß es ja: Du bleibst mir gut . . .

O höre mich, »nein Lieben ist so heiß"

"Das ist in der Tat nichts Rechtes," unterbrach sie ihn lachend und erhob sich, um ihm das Buch aus der Hand zu.