ms - Nr. 5
Mittwoch, den 6. Januar
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Bas Mradies der Lrdr.
Nomnn von Ada von G e r s d o r s s.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Herr Leutnant befehlen?" fragte der Antiquitätenhändler mit scharf polnischem Mzent.
„Lieber Herr Korrolewski — ich wollte mich nur nach Jhrein Befinden erkundigen. Ich hatte das Unglück, Sie heute früh zu überreiten."
„Der l-eilige Joseph hat mich beschützt. Mir fehlt nichts."
„Nichts? — Aber lieber Herr Korrolewski, Sie haben doch Verletzungen —"
„Herr Leutnant haben es doch nicht mit Willen getan) Herr Leutnant haben Unglück gehabt Ich habe zugesehen, wie Sie das w'ilde Pferd gezwungen haben, und habe gezögert in ineiner Freude über den großen Kampf zwischen schönen Menschen und dem schönen Tier. Und da bin ich eben gefallen. — Und Herr Leutnant haben dann neben mir gekniet und mich aufgehoben. Ich habe zu danken."
„Aber lieber Herr Korrolewski, Sie haben Kurkosten, haben Arzt und Apotheker zu zahlen, alles durch meine Schuld
„Jcb werde sie schon bezahlen können," sagte er lächelnd.
„Aber das kommt doch mir zu und ist meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit."
„Es ist freundlich von Ihnen, daß Sie kommen und nach mir fragen. Ich fühle wohl, daß Sie das nicht aus hochmütiger.Herablassung tun, sondern weil Sie ein guter Ndensch srnd... ich Hab' Ihr Gesicht gesehen, als ich unter Ihrem Pferde lag. Wollte Gott, daß meinem Wlaoislaus auch so die Betrübnis im Auge gestanden hätte, wenn er fremdes Unglück bemerkte. — Er ist dahin. — Braun und schwarz und schlank und hoch wie Sie, Herr Leutnant, ist er gewesen, aber nicht so gut. Die russischen Grenzposten haben ihn erschossen und ich habe nur noch die Tochter."
Ans dem Tisch mit den Büchern und Rechnungen und der grünen Lampe stand eine moderne Photographie, das Bildnis eines Mädchens, noch sehr jung. Beschreiben läßt sich das nicht. — Das ganze Gesicht — nur zwei Äugen, von märchenhafter Schönheit?
.Ihre Tochter?"
7,Ja.
mich wie eine plötzliche
Eine ferne Aehnlichteit
Vision! Dies schöne Polenkind'— und die Kommandeuse Das schmale weiße Gesicht, die zwei ernst schweigenden Augen, das tvetße schmucklose Kleid, die Hand auf den: Herzen... auch die Kommandeuse hatte die linke Hand etwas erhoben auf dem großen Bilde in ihrem Salon, als wollte sie ihr Herz schützen oder verbergen. — -
Eine niedrige Tür führte in einen Nebenraum, aus dem ein dämmerndes Licht schimmerte. Ein dicker Fries
vorhang hing an Ringen über der Tür. Der Alte lud mich freundlich ein. in die Stube zu treten. Ich folgte etwas verlegen und benommen, ocmt zu einem Plauderstündchen hatte ich meine höfliche Anfrage nach feinem Befinden keineswegs ausdehnen wollen. Ueberhaupt kam ich mir so eine Schattieruna komisch vor mit meiner Uniform in der Rumpelkammer bei Herrn Korrolewski. Rach Schätzen sah es hier nicht aus. Und wenn er Geldgeschäfte machte — und das habe ich gehört — dann waren es wohl nur sehr kleine. Die Stube hatte unleugbar etwas Geheimnisvolles. Die Fenster waren dicht mit äusgeblichenen Damastgardtnen verhängt. An der grauen rußigen Wand hing in schwarz- geblakten Kupferketten Kupferketten eine schadhaste bunte Laterne, von der das dämmerige Licht ausging. Den Boden bedeckten Teppichstücke, die mir echt erschienen. Ein Bett mit Holzornamenten, jedenfalls muh auf irgend einer Auktion ersteigert, stand in der Ecke, und den großen, ordinären Holztisch in der Mitte umgaben drei alte geschnitzte Stühle verschiedenster Schadhaftigkeit und Zeit. — Auf einen der Stühle, der auf der Rückenlehne einen letzten Rest einer bunten Perlenstickerei zeigte, an der mein geübter Blick noch ziemlich deutlich die Helmzier eines Wappens erkannte, nötigte Herr Korroleioski mich zum Niedersitzen. Ich zog den Pallasch an mich linb setzte mich halb unentschlossen und von seiner Höflichkeit befangen, der ich eS nicht antun wollte, mich kurzerhand zu empfehlen, nächst- dem hielt mich noch etwas anderes, das mir damals kaum klar bewußt war. Ich konnte nämlich durch die Tür das schone rassige Mädchenbild sehen. Dieser Raritätenkram' war nun einmal seine Heimstätte, und das mochte mir wohl den Aufenthalt hier nicht ganz so unheimlich widerwärtig erscheinen lassen, als wenn der werte Papa im langen, bräunlichen Schlasrock init Kordelschnur um seine dünne Taikle, dem schwarzsamtenen Käppchen auf den grauen Locken und ben großen silbernen Ringen in den Ohrläppchen das alleinige Interesse in Anspruch genommen hätte. Er schlürfte hinaus und klapperte in seiner Schreib- stube mit Maschen und Gläsern, was mir wieder große Lust zu einem sofortigen Fluchtversuch machte, wenn nicht meine Aufmerksamkeit durch die Regale mit nicht ganz uninteressant aussehenden Büchern an den Wänden und ein paar alte brüchige und jedenfalls wertlose Oelbilder erregt wor- den wäre. Die Bilder zeigten noch Schatten von Rüstungen und Puderlocken, also irgend jemandes Ahnen, der sie verkauft hatte oder verkaufen mußte. „Polnische .Herrschaften," sagte Herr Korrolewski auf meine Frage. „Die Stühle, auch aus Polen schlossern. In dem Bett dort hat mal ein König geschlafen!" Altertümer von kulturhistorischem Wert interessieren mich lebhast. und es konnte ja sein, daß hier nicht alles ohne Ausnahme wertloser Plunder war. ohne daß Korrolewski es wußte, dennoch war kaum anzunehmen, daß ein so gewiegter Altwarenhändler seine ausgehäuften Schätze unter dem Wert veranschlagte. Er brachte die Flasche, die ich vorher im andern Zimmer gesehen hatte, und


