Was ihn eigentlich zu mir zieht? Vielleicht der Kegen sah. Er lag in meiner Sosaecke und ich betrachtete ihn. Eine Schönheit ist er nicht. Sein Haar ist zu dünn, seine Nase zu lang, sein Munid zn grob, die -lugen sind zu klein. Aber seine Figur! Donnerwetter! Der Mann ist gewachsen wie eine Zeder vom Libanon. — Und was er nun wollte? Einen Ball arrangieren mit einem Wohltätigkeitsbasar zum Besten ..verwahrloster minder". Die Kommandense hat's besohlen. „Die Kommandense" - lvie er das sagte, so ganz wie jeder vernünftige Leutnant das sagt. Nein, in die ist er nicht verschossen. Unmöglicher Gedanke. Ich sagte meine Mitwirkung als maltrv de plaisir zn. Im „Eldorado" soll das Fest sein und ganz Zwiclitsch soll, ohne Ausnahme, die Eintrittskarte zu einer Mark, teilnehmen können. Mit dem ganzen Offizicrkorps tanzen zu dürfen, wird den kleinen Zwielitscher Mädel- das Opfer einer Mark wohl wert sein. Ich fand den Preis zu niedrig.
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Oktober. Habe heute in der Bahn geritten. Bei den» miserablen Wetter war es brausten ans dem Platz zu glitschig und glatt. Der Oberst wunderte sich über mein Reiten, da ich doll so lange Infanterist war. Ich sagte: „Gestütssohn, Herr Oberst." Er nickte und lud mich zu einem gemütlichen Abendtee ein.
Tante Lalli hat geschrieben, das; sie mich demnächst besuchen lckird. Ob hier ein Hotel ist? Ich schrieb ihr, sie solle zum Basarball kommen. Da kamt sie kaufen und mit ihr Portemonnaie geben zum Bezahlen. Man kann sich mit ihr sehen lassen. „Grande danie“, was man so sagt, an die Siebzig alt. Rauscht in Samt und Seide. Freue iitich. Unwillkürlich musterte ich meinen „Salon", in dem sie sich doch meistens aufhalten lvird. Anstößiges gibt es iticht! Keine Bilder, keine Statuetten, keine Photographien von Mietzi und Lietzi! Vaters grüne Ripsmöbel kennt sic ja. Viereckiger Tisch vor dem alten, großen Sofa. Vaters Bild über Paters Schreibtisch am Fenster. Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV., bei den Urgroßvater Flügeladjntant war, in Oel überm Sofa. Kaiser Friedrich mit eigenhändiger Unterschrift vom Großonkel geerbt, über dem Bücherschrank, in dem alte Schindler sind und eine Menge kleine, alte französische Romane und Beckers Weltgeschichte und Meyers Lexikon. Alles, lvie's bei den Eltern gelegen und gestanden hat.... Gott, die lieben, lieben Eltern! Wie Vaters blaue Augen, diese elvig jungen Augen, lvohl lachen würden, wenn er seinen Harry als Kürassier sähe! Und daß Tante Lalli ihm das Portemonnaie dazu gegeben hat und ihn zu ihrem Erben ernennt die Würdigkeit bis dahin voraus gesetzt? Als Jungen konnte sie mich nicht leiden. Nnn, ein ekliger Bengel war ich ja. wenn auch Vater immer zu sagen pflegte: „Die ärgsten Fohlen werden die besten Pferde." Ob sie mich später hübsch fand und mich deshalb liebgewann? Ja. wenn lang und dünn und braun und schwarz ihrem Gescknnacke besonders zusagte, dann waren es lvohl jene persönlichen Eigenschaften. Von Mutter habe ich nur ein Braut- bild, wie sie im Spitzenkleide, mit großen, blauen Kinder äugen und einer unglaublich schönen weißen Hand ans einer grünen Moosbank ruht. Als Junge war ich einmal in das Bild verliebt. Es war eine richtige unglückliche erste Liebe. Also habe ich doch eine gehabt! Meine Mutter hatte keine näheren Verwandten Sie war schon als Kind nach Berlin bekommen, und ihre Eltern sind dort gestorben. Geld hatten lie nicht. Aber sehr vornehm waren sie, von innen und außen. Unsere Familie ist überhaupt, wie es scheint, im Aussterben begriffen. Deshalb wünscht auch Tante Lalli. daß ich sobald als möglich heirate. Natürlich hoch hinaus, jedenfalls der uralten Familie Rehn Track durchaus ebenbürtig. Leider haben nur ich weiß es erst seit meiner Einsegnung, auch em „Skelett im schrank". Es hat mal ein Bruder von Tante Lalli existiert, ein ganz verbummelter Mensch, der irgendwo in Anika oder Ehina verkommen ist: nicht etwa in Armut, sagt Tante Lalli, aber in Unehren. Die Art, lvie er zn Frau und Geld gekommen ist, soll so wenig einwandfrei gewesen lem. daß sich die Geschwister von ihm losgesagt haben.
O k t o b e r. Großer Gott, was habe ich heute erlebt! Ich nll den Apollo zum Dienst draußen ans dem „Polnischen Feld". Der Kommandeur sieht mich immer so freundlich an. rvelm ich den Racker vor der Front zwinge. Und sie, das hlinmlnche Weib! Ick glaube, das bat noch nie eine Kom mandeuse von sich behaupten können, und kein Leutnant hat's von ihr gesagt), sie steht immer am Fenster zufällig, wenn lch auf ineinem Avvollo vorbeitänzle, und neigt ernst
königliches Haupt, wenn ich halb Front mache und hinaus- grüße.
Ich muß dann immer an den „jüngsten Leutnant" denken und an das Couplet: „So grüßt seinen Kaiser der Gardehusar!"
Aber nicht das war das Erlebnis. - Korrolewski betras es, den Antiquitätenhändler mir gegenüber. Ich war zu spät ausgestanden. Alles ging im Jagdrennentempo. Apollo war sehr übler Laune und renitent. Ich auch? Lange fackelte ich nicht. Ich spring' von hinten auf ihn 'raus. Alter Boxer spruug Glückt! Sitze fest. „Bahn frei! Tor auf!" schrei' ich Meiern zu. Und lvie die Kugel aus dem Büchsenlauf, saust Apollo mit mir ans die Straße, die sonst immer still und leer ist.
Heute ausgerechnet war sie's nicht. Der alte Herr Korrolewski kommt mit einem Paket auf dem Arm ans seiner Tür und hinkt quer über den Damm und ich — überreite ihn!
In meinem ganzen Leben vergesse ich den Mvment nicht. — Der daliegende alte Mann — über die Steine ein rotes eiliges Bächlein rinnend. Hoch ans stieg der Gaul! Einen Moment noch, ein llebersckstage.n und neben dem Alten hätte der Reiter tot oder schwer verletzt ans dem Pflaster gelegell! Aber Apollo kippt nicht so leicht über. Ich herunter vom Pferd! Ter Alte lebte und rappelte sich. Ich kniete neben ihm, umschlang ihn und hob ihn. Er stammelte einige Worte. Gott sei gelobt! Er lebte, er konnte sogar stehen und gehen? Nur unter seinem grauen Haar lies rotes Blut hervor. Meier iss da. Meier sagt: „Es ist ihm nischit passiert! 'n Loch im Kopf, das heilt, wieder zu! So 'n pollscher Schädel hält lvas aus! — Herr Leutnant haben keine Zeit! Schnell nur in 'n Sattel! Ter Ahpollo ist zum Glück noch verbiestert?" —- Und den günstigen Moment der „Verbiesterung" Ahpotlos benutzte ich denn auch, während ich noch sah, wie der alte Herr «auf Meier gestützt, ganz ruhig in seine Höhle schlürfte, und raste int verwegensten Sinne des 'Wortes durch die zn dieser frühen Stunde llvch totenstillen Gassen nach dem! „Polnischen Feld". — Ich sah wohl emu Fenster ein weißes Gesicht und ein weißes Kleid, aber zum „Kaisergruß" blieb keine Zeit: Dienst! —
Der Kommandeur hatte Besuch Ein prinzlicher Gast von Berlin. Deshalb sollte ich den Apollo vor der Front reiten, ihn zwingen, ihn meistern! Er lud mich zu Tisch. Er wollte den Hengst kaufen, nicht für sich sondern jür seine Frau und bot mir eine Unsumme. Ich sagte: Nein. Er wollte ihn dressieren, zureiten lassen. Das Pferd würde unter einer Dame gut gehen, es könne nur das Aufsitzen und den Schenkeldruck nicht leiden. Ich sagte: Nein! Es wäre Mord und ich würde mich erschießen, tvenn der gnädigen Frau ein Unglück geschähe. Er sah mich einen flüchtigen Moment lang aus seinen tiefliegenden, ernsten Augen so von unten herauf an. Bor dem Diner zog ich mich um und wollte zu Wladzio Korrolewski hinüber. Meier sagte, das wäre nicht nötig. „Der Alte ißt und trinkt und sitzt da und rechnet in seinem Buche." Also ging, ich erst, am' Abend hinüber. .Es war ein abscheuliches Wetter, kalt, windig und regnerisch. Die alte schiefe Holztür drübeu knarrte und quietschte wie tausend Teufel, die mir den Eintritt wehren wollten. — In der engen Borflur zog ich, eine altmodische Klingel. Der Alte öffnete mir, sehr schnell und sehr höflich. Sem Kopf war verbunden, der linke Arni in der Binde. Es waren nur einige Fleischwnnden. Gottlob', das nxir noch gnädig abgegangen.
Wir standen in einem dunklen, niedrigen Raum, voll- gepfropft mit Gegenständen ehrwürdigen Alters, für die fick in Zwiclitsch kaum Liebhaber finden mochten — Por- zellameug, Stand und Wanduhren, die vielleicht seit hundert Jahren nickt mehr aufgezogen worden lvareu, verstaubte Gipsstatnetten und Büsten, rostende Waffen aller Rationen, Jagdgewehre aus den Tagen unserer Urgroßväter, rotbraune Kupferstiche, altfränkische Möbel, Bücher in Sckweinstedcr und andere mumienhafte Dinge, deren ehemalige Besitzer längst vermoderten Generationen an gehörten. Das alles tauchte fast gespenstisch in Dem grün licken Scheine einer kleinen schiefen Lampe auf, während von draußen die elende Straßenlaterne ihr rötliches Licht zn dem Fenster hereinsandte, das ein dunkelgrüner Vorhang zur Hälfte deckte. Die Lampe stand aus einem Tische am Fenster zwischen Rechnnngsbüchcrn und Schreibutenstüen. ihr In einer [rt>öu gesc hissenen Kürasse, ein o rdin äres Trink


