Ausgabe 
4.1.1915
 
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Dss Oarsdies der Lrde.

Noman von Ada von G e r s d o r f f.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Weiß der Kuckuck? Ich weiß jedenfalls nur selten, der wievielste des Monats ist. Natürlich habe ich einen Kalender, euren ganz famosen sogar: Pferdekopf: Horizont II Stall Weinberg. Aber abends schwer müde vergesse ich meist ihn abzureißen. Und den Regulator ziehe ich mich nicht immer auf. Meiers Qnadratpfoten kann ich aber nicht an so subtile Dinge heranlassen. Sonst ist er ja fabelhaft zu­verlässig und macht alles in meinem Haushalt. Dienst gib-ts nicht viel, Reserven entlassen. Unser Kommandeurzum Verlieben!" sagt der kleine Brencken II, der Vetter von Brencken I; bei ihm gipfelt dasParadies der Erde" im Verlieben. Höher schwört er nicht. Unglücklicher Jüngling in diesem Nest! Er phantasiert manchmal imEldorado (bedeutet ja auch Paradies) von Versetzenlassen nach Ber­lin Gardeinfanterie. Habe noch nie einen Kavalleristen gekannt, dem so etwas Ernst, gewesen wäre! Dabei hat er Geld und ich fürchte, er liebt auch dasJen". Wenn das Betzingslöwen merkt, wird er wohl versetzt werden zu denUrlaubern", aber nicht zur Garde?

*

Septembe r. Datum überhaupt unnötig. Monat ge nügt. Gestern Diner bei dem -Kommandeur, Oberst von Betzingslöwen. Der ersteRummel" hier. Die Köminan deuse war bis vor kurzem verreist, in England, wo sie Ber wandte hat. Ist geborene Engländerin und reich. Beim wuu derbaren Gott, das Weib ist schon! war mein erster und einziger Gedanke, als ich sie sah, in perlgrauem Samt, echte, ganz große Perlschnur im Haar, frische Veilchen an der Brust. Adjutant Graf Poncalet scheint ihr Sklave zu sein. Es war langweilig, steif, zugeknöpft. Das Diner ging früh zu Ende, und ich ging nach Hause und schrieb Tagebuch. Zum Abend­essen imEldorado" war's noch zu zeitig.

O k t o b e r. Heut abend jenten wir im Kloster. Brencken verlor achthundert Mark an mich. Er lvar in Hitze und raste los. Wir andern waren ganz konsterniert, keiner muckste sich . . . ich mag das nicht, nein! Ich gab ihm Gelegenheit, sein Geld wieder zu bekommen und noch hundert Mark dazu!

Im Kloster sollen einige Kameraden oft spielen. Da draußen, wo sich die Füchse Gutenacht sagen, sucht sie so leicht nie mand. Ich gehe lieber insEldorado". Was soll man hier machen, wenn der Dienst zu Ende ist? Junge Kerle! Kein Theater, keine Mädchen. Familienzirkel teils nicht offen, teils langweilig bis zur Grausamkeit. . . Alkohol ist hier nicht beliebt, liegt auch nicht mehr im Zeitgeiste, wie anno dazumal in Winterfelds RomanenDer stille Zecher" in der kleinen Garnison ein stehendes Bild lvar.

Was sie nun alle hier machen, wenn sie frei sind? Uns

den Straßen na, sagen wir Gassen läßt sich selten einer sehen. Manche sitzen in derHerrenstube" imEldo­rado", rauchen, trinken ein oder zwei Tulpen miserables Bier und schimpfen auf die Gegenwart oder schwärmen von andern Zeiten und Orten, oder von Erinnerungen ansüße Herz­chen" und schöne Pferderücken, oder simpeln Fach. Einer und der andere sitzt auch auf seiner Bude und ochst für Kriegs­akademie oder gar Generalstab, und ein paar sind mit den. Krümpern aufs Land gefahren. Nette Güter liegen hier herum und die Chausseen sind gut. Da verlohnt sich's schon, auf dem Lande einen gemütlichen Nachmittag oder Abend zu verleben. Angenehme Leute gibt's in der Nachbarschaft. Ich machte natürlich auch gleich Besuche. Glücklicherweise hat es fast gar keine heiratsfähigen Töchter hier herum, auch keine im Regiment, nur verheiratete, oder noch Kinder. Nur beim Oberwachtmeister Granstedt. Nett. Schablone. Draußen in Groß-Runow lebt der alte famose Baron Kallwein hat auch eine Tochter. Nicht hübsch auch nicht zum Ersatz amüsant, oder fesche Sportniaid, was man zuweilen bei ein­zigen, reichen, verwöhnten Landmädchen findet. Also kein Mädchen keine Bälle. Letzteres im ganzen erfreulich. Und Bälle im Regiment sind fast nur Dienstangelegenheit. Mir gefällt's am besten in Regenwalde, bei den beiden seudaleit alten Jungfern Komtessen Wietersberg. Besonders die Gräfin Wanda ist sehr sympathisch. Schon über Vierzig, aber Rasseweib! Und die kann reiten und versteht mehr davon, wie mancher von uns. Der Apollo hat ihr's angetan, sie lvollte ihn kaufen und bot anständig. Damit gewann sie aber nur mein Herz, nicht meinen schönen Satan. Denn ein Satan ist und bleibt er. Wenn man Grillen fängt, braucht man nur ein bißchen auf ihm au die Luft zu reiten. Ein gött liches Gefühl, wenn er so allmählich beigibt und abkaut und vor lauter Lebensfreude und Kraftgefühl stöhnt, und der fliegende weiße Schaum einem hoch oben nnf der Uniform

sitzt.Ja, wahrhaftig, ich bin selig, das; ich hier bin.

Manchmal wache ich morgens auf mit dein ersten Gedanken: Gott, kann das Leben denn so schön sein? Mir gefällt's hier sehr. Wenn auch zumParadies der Erde" das Ewig weibliche fehlt die beiden andern Dinge find voll und ele gant vorhanden: Gesundheit des Leibes und Pserderücken.

Aber von Frauen, Mädchen Mietzis und Lietzis keine Spur. Und tugendhafte Bürgermädchen zählen nicht mit für unfe reinen.

O k t o b e r. Poncalet war wieder bei mir. Der Mann ist gemütskrank! Der hat was. Ich glaube - er hat das dritte Dingim Paradies" gefunden in Zwielitsch, ein Weib, Frau oder Mädchen, lvas ihn interessiert. Im Rätselraten lvar ich nie stark. Aber auch kein anderer könnte erraten, lvie hier einer etlvas Ernstes oder auch nicht Ernstes finden kann. Denn die Frau seines Kommandeurs das ist doch nicht möglich, das geht doch in kein Leutnantsgehirn! Er hält die Journalmappe, ist bei Borstell abonniert, liest die Zukunft" nn'd hat ein Klavier. Da wird malt freilich nach­denklich. *