Ausgabe 
2.12.1916 Viertes Blatt
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Für den Antrag der Sosialbemokrasischen ArbeftSgeinesir-

schaft stimmt mit den Antragstellern nur eine kleine Minderheit der sozialdemokratischen Fraktion.

Der § 1 wird unverändert gegen die Stimmen der Arbeits­gemeinschaft angenommen.

Befreiungen vom Gesetz.

Nach § 2 gelten als im v a t e r l ä n d i s ch e n H i l f S d i e n st tätig alle Personen, die bei Behörden, in der Kriegsindustrie, in der Land- und Forstwirtschaft. der Krankenpflege, in kriegswirt­schaftlichen Organisationen und in der Volksversorgung beschäftigt sind.

Mg. GreSbrrts (Ztr) ftagt, ob auch die Angestellten gemein­nütziger Rechtsauskunftsstellen unter diesen Paragraphen fallen.

Mg. Bauer (Soz.): Wie steht es mit den Arbeitersekretariaten?

Staatssekretär Dr. Helfferich: Eine Anwendung des Gesetzes auf Frauen und Jugendliche unter 17 Jahren ist ausgeschlossen. Die Tätigkeit in den Krankenkassen gilt als Hilfsdienst, ebenso die Tätigkeit bei den Unternehmer- und Arbeiterorganisationen.

Abg. Baffcrnrann (nl.) dankt für die Erklärung, daß auch das redaktionelle und technische Personal der Presse unter den Be­griff der vaterländischen Hikfsdiensttätigkeit fällt. Wie steht es mit den Banken und Versicherungsgesellschaf­ten ? Ihre Kriegsnotlvendigkeit ist klar, ihr Personal ist bereits auf das Aeußeiste eingeschränkt. Die sich freiwillig meldenden weiblichen Kräfte wird man doch wohl verwenden?!

General Grüner: Banken und Versicherungsgesellschaften fallen unter den Hilfsdienst, geeignete weibliche Kräfte sind uns willkommen

Abg. Schiele (kons.) tritt gleichfalls fiir den Schutz der Presse .> ein und wendet sich gegen die Ansicht, als gäbe das Gesetz der Landwirtschaft Vorteile. Die Aufrechterhaltung und Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion ist doch eine selbstverständliche Notwendigkeit. Man rede auch nicht von besonderen Kriegsgewin- nen der Landwirtschaft, sondern berücksichtige auch ihr Risiko und ihre Ausgaben für Meliorationen usw. Höchst notwendig ist die Beschaffung von Arbeitern und Material zur Frühjahrsbestellung. Zur Vorbereitung braucht man auch im Winter Leute, die das Inventar in Stand halten. Die Stickstoffabriken müssen kräftigst auSgebaut werden, wenn die Ernte nicht zurückgehen soll.

Staatssekretär Dr. Helfferich: Zur Hebmg der Stickstoff­erzeugung geschieht alles, was geschehen kann. Leider kon­kurriert hr^r die Landwirtschaft mit der Munitionserzeugung, aber seien Sie versichert, daß alles nur mögliche geschieht.

Abg. Behrens (Deutsche Fraktion) wünscht eine Klarstellung darüber, daß die landwirtschaftlichen Arbeiter über den Winter andere, nötigere Arbeit annehmen können und tritt für Urlaubs­gewährung cm Kleinbauern ein.

Staatssekretär Dr. Helfferich: Diese Landarbeiter dürfen nicht aus der Landwirtschaft heruusgezogen werden, aber herauSgehen dürfen sie, und wenn sie die Absicht haben, zurückzukehren, wird ihnen auch die Erteilung des Abkehrscheins nicht erschwert werden.

Abg. Dittmann (Soz. Arb.) begründet einen Antrag, die Pressetätigkeit im Gesetz als vaterländischen Hilfsdienst zu erklären. Der Staatssekretär hat im Ausschuß doch einen ge­wissen Spielraum für die einzelnen Fälle verlangt. Diese Hin­tertür wollen wir nach unfern schlechten Erfahrungen zunageln. Wir beantragen weiter Streichung der Bestimmung, die auf vollkommene Versklavung der ohnehin rechtlosen landwirtschaftlichen Arbeiter hinausläuft. Zu irgendwelchem Vertrauen zu den land- wirtschafttichen Arbeitern haben wir keinen Anlaß. Wir lehnen das neue Ausnahmerecht für Landarbeiter ab. Bezeichnend ist ja auch, daß der Staatssekretär im Ausschuß erklärte, man könne die Aktionäre nicht zwirnen, ihr Kapital für Umwandlungen und Er­weiterungen arbeiten zu lassem. Unser Antrag auf Ueber- nähme aller für das Heer liefernden Betriebe rn Reichsverwaltung zur Ausschaltung privater Profite würde sicher vom ganzen Volk angenommen werben.

_ Abg Held (iwrtl.): Wenn Sie der Landwirtschaft die

Kräfte entziehen, dann sind wir am Ende; es handelt sich gar nützt um die Agrarier, sondern um die Klein- und Mittelbetriebe. Sehr vielen Stadlmenschen wird das Leben auf dem Lande wohl tun. Man sollte die Landsturmleute zur Gesangenenbcwachung möglichst an ihrem Wohnort oder in der Nähe verwenden, damit sie ihre Wirtschaft versehen können- Ohne genügend Stickstoff gibt eS keine gute Ernte. Bor allem Rücksicht auf die Landwirtschaft!

Abg. Stadthagen (Soz. Arb.-G.) betritt das Podium mit zwei starken Folianten bewaffnet und wird mit Heiterkeit empfangen. Er untersucht die Frage, ob die Arbeiter der Kriegsbetriebe dem Militärrecht unterstehen.

Abg. Fegter (Vp.): Die Frauenarbeit in der Landwirtschaft hat sich ganz außerordentlich bewährt. Wir muffen den selb­ständigen Frauen wie den Arbeiterinnen in der Landwirtschaft, die in den letzten zwei Jahren zum größten Teil die Produktion fortgeführt haben, höchstes Lob aussprechen (Beifall), ja, es gibt fast keine Worte, die das genügend verdeutlichen können. (Er­neuter Beifall.)

Abg. Wurm (Soz. A.-G.) verlangt die Aufnahme einer Be­stimmung in das Gesetz, welche den Abschluß von Tarifver­trägen mit den Arbeiterorganisationen vorschreibt. Eine Ent­schließung genügt nicht, wie die sozialdemokratische Fraktion vor­schlägt.

Abg. Kunert (Soz A.-G.): Die Frauenarbeit darf nicht znr Lohndrückerei bei den Männern mißbraucht werden. Die über­mäßige muenarbcrt führt zu einer größeren Schwächung der Volkskras als selbst der Verlust an Männern im Kriege.

Abg. Bauer (Soz. A.-G.): Das beste Mittel zur Stärkung der Volkskraft ist der Frieüensschluß. Leider hängt das nicht von uns ab. Das liegt an England. Der Abg Wurm weiß doch selbst genau, daß man wenigstens Entschließungen einbringt, wenn man seine Forderungen nicht im Gesetz durchbringen kann. Das Gesetz sichert die Arbeiter vor Entrechtung und Lohwdrückerei.

Wg- Henke (Soz N^-G.): Das Vertrauen haben wir nicht. Unser Mißtrauen wird durch das Auftreten des Staatssekretärs Helfferich, eines der enragiertesten Vertreter der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, nur verstärkt.

Abg. G»khekn (Forkschr. Vp.): Wir können diese Defkrmmnn-

gen über die Frauenarbeit, die von seiten der Soz. A.-G. beantragt sind, nicht »n das Gesetz ausnehmen. Sie würden sich auch z. B. 7N der Landwirtschaft gar nicht durchführen lassen.

Abg. Landsberg (Soz.): Der Abg. Henke fordert die Ab­

neigung gegen das Ko a l i t i o n s r e ch t, weil wir für einen Antrag find, der auch von allen Gewerkschaftsführern im Aus­schuß einmütig gebilligt worden ist. Solche fteundnachbarlichen Liebenswürdigkeiten stören unsere Gemistsrutze nicht. (Heiterkeit.) Alle weitergehenden Anträge begrüßen wir, und wir werden ihnen zustimmen.

Abg. Dauer (Soz.): Sicherungen für die Arbeiterintercffen brauchen wir unbedingt im Gesetz.

Abg. Becker-Arnsberg (Zentr.): Die Arbeitervertreter im Ausschuß haben sich die vorgeschlagenen Arbeiterschutzbestirnmnn- gen auf Grund ihrer praktischen Kenntnis wohl überlegt.

Staatssekretär Dr. Helfferich erklärt, eS sei nicht sicher, ob man so interpretieren könne wie der Vorredner, daß auf Grund des Reichsvereinsgesetzss das .Ksalitionsrecht a..ch den Staats­arbeitern, Eisenbahnern ufw. unbedingt zustehe, auch wenn es sich um Berlin« handle, die auf das Streikrecht nicht ver­zichten.

Abg. Becker-Arnsberg (Ztrü: Auf die juristische Frage des Streikrechts gehe ich nicht ein. ot>et das volle Koalitions­recht mussen diese Arbeiter haben. Wenn das Gesetz marschieren soll, dann müssen die Vertrauensmänner der Organist:onen auch die Staatsarbeiter versammeln, zu ihnen reden, mit ihnen ihre Beschwerden besprechen und ihre Arbeitsfreudigkeit heben können. Damit wollen wir gar nicht die Eisenbahnerfrage aufrollen.

Staatssekretär Dr. Helfferich: Den verbündeten Negierungen liegt nichts ferner, als durch dieses Gesetz irgendwie den bestehen­den Zustand zuungunsten der Arbeiter zu ändern. Ich habe nur darauf aufmerksam gemacht, daß hier eine verschieden-e Auslegung möglich ist. Die sämtlichen Eisenbahnminister stehen auf dem Standpunkt, daß die Eiseubahnverwaltungen Leute nicht dauernd anstellen können, die Organ iscckirrnsn angehvren, die auf das Streikrecht nicht verachtet haben. Nach dem Vereinsgesetz hat jeder Deutsche das Recht, Vereinen beizirtreten.

Der Antrag aber, daß eine Bestimmung in das Gesetz aus­genommen wird, daß die Hilfsdienst leistenden Personen in der Ausübung ihres Vereins- und Versammlungs­rechtes nicht beschränkt werd en dürfen, könnte die bisherige Haltung der Eisenbahnminister Wer den Haufen werfen. Das wollen Sie (zum Zentrum) nicht, die anderen Herren (zu den Sozialdemokraten) wollen es z!»ar, aber nicht bei diesein Para­graphen. Darum erscheint es nvir als ein gegebener Ausweg, den dlntrag zurückzuziehen und - sich mit m-ei ner Erklärung zu begnügen, daß unter k e i n^eu Umständen mit der Annahme dieses Gesetzes eine Verschlechterung zu ungun steu der Arbeiter statt finden soll.

Leiter des Kriegsomts, General Gröner: Ganz fewsNw'Tstnmd- lich nehme ich an, daß die Arbe^erorganisirtisnen sich rückhaltlos auf den Boden dieses Gesetzes stellen und daß ebenso selbstverständ­lich die Führer der Arbeiter in der Lrrge sein müssen, auf die Arbeiter den Einfluß den sie im Sinne dieses Ge­

setzes auch auszuüben Hecken, den das iit ihre vaterländchche Pflicht, und das Kriegsamt wird in diesem Sinne Rammen im* den Füh­rern der Arbeiter wirken.

Abg. Becker-Arnsberg (Ztr.): Nicht diese Erklärung des Staatssekretärs Habe ich gewünscht, sondern eine Erklärung darüber, was Sie tun wollen, damit andere das Koalitions- recht nicht verschlechtern. In dem vorliegenden CKsetz haben wir keine Maßnahme gegen Benachteiligung von Arbeitern wegen Zu­gehörigkeit zur Gewerkschaft. Es gib, aber heute nach) Unter­nehmer, die den Arbeitern verbieten, GemerKchoften auzi^hören - selbst christlichen Gewerkschaften und frif. ge#tn NWffvlge- leiftung mit Maßregelungen vorgeben. Unser Antrag bedeutet eine moralische Einwirkung auf diese Herren, er soll aber auch- auf die Negierung einwirken, mit diesen Herren Faktur zu reden, damit sie endlich das Koalitionsrecht der Arbeiter anerkennen. Der Leiter des KriegsamteS, der nun eine fo große Macht erhÄt, kann dieses Frakturreden besovgsn. sHeipwckelt.) IM der Ver­sicherung, daß dies geschehen wird, könnte ich mich begnügen.

Staatssekretär Dr. Helfferich: Ich kann nicht für das Kriegs- amt, sondern nur für die verbündeten Regierung en sprechen, und da kann ich nur wiederholen, daß irgendeine Absicht, den gesetzlichen Zustand zu­ungunsten der Arbeiter zu verschlechtern, nicht besteht. Herr Abgeordneter Becker, Sie wissen doch auch, in welcher Weise die Regierung bisher, ja in gefteige-rtem Maße, mit den Gewerkschaften zusaminengearbsitet hat. Ein Verdacht gegen die Reichsleitung und die verbündeten Regierungen, daß an der Zugehörigkeit von Arbeitern za irgendwelcher Gewerk­schaft Anstoß genommen werden könnte, kann doch nach der bisher geübten Praxis nicht bestehen. Rach der Ergänzung meiner Erklärung durch General Grüner können Sie doch beruhigt sein!

Abg. Dr. Müller-Meiningen (Np.): Dieses Vertrauen haben die Getverkschaften eben nicht. Das W^txa-mn, das die Herren von der Regierung früher gesät haben, ernten sie jetzt. Persönlich verdient General Gröner natürlich vokbes Vertrauen. Aber damit macht man keine Gesetze. Ein Gesetz darf nicht allein auf zwei Augen ruhen, mögen sie noch so lieb sein. (Heiterkeit.)

Abg. Dr. David (Soz): Erklärungen vom Negierungstifche

werden bald vergessen. Die Sicherungen gehören in das Ge­setz selbst hinein. Der gute Wille der Regierungsvertreter Hort auf, wo ihre Macht aufhört. Und ihre Macht hcrt G-reuzeu.

Staatssekretär Dr. Halfferich: Es darf keine Bestimmung in das Gesetz ausgenommen werden, die es den einzelstaattäüen Eisenbahnverwaltungen immöglich machen würde, die Zugehörigkeit zu Streikvereinen zu verbieten.

Abg. Dr. Müller-Meiningen (Vp.): Mit dem Stzreikrecht hat die ganze brache nichts zu tun. Es handelt sich ausschließlich um Fragen des BereinSrechts.

Abg. Dr. Strescrnaun (natl.f: Die Bedenken des Staatssekre­tärs sind ausschließlich theoretisch. In der Sache sind wir alle einig. Keine Gewerkschaft will jetzt im Kriege einen Eisen» bahnstreik, und nur während deZ Krieges gilt das Gesetz.

Abg. Dr. Gpahn fZtr.s: Wenn nach den RegiernngÄerAik-

rung-cn feststeht, daß das Vereins- und Versammlungsrecht für alle Personen, die unter den Vaterländischen Hilfsdienst fallen, uneingeschränkt gelten soll, dann brauchen wir eine solche selbstverständliche Forderung nicht in das Gesetz aufzunehmen. (Aha.'-Rufe links.)

Abg. Haast (Soz. Arb.): Alle Parteien sprechen hier nur

von der Zugehörigkeit der im Hilfsdienst beschäftigten Per­sonen zu einer Gewerkschaft. Von der freien politischen Betäti- gung sprach fein Mensch. Wird nur von der freien Wirtschaft, lichen Betätigung gesprochen, so wird der bestehende Zustand geradezu verschlechtert.

Abg. Dr. Neumann-Hofer (Vp.): Wir warten noch immer

auf eine unzweideutige Erklärung des Generals Gröner.

Inzwischen geht folgender Antrag Albrecht (Soz.) ein, der eine Sicherung auf dem Gebiet des Vereins» und Versammlungsrechts in das Gesetz aufnehmen will.-§ 13a. Den im Vaterländischen Hilfsdienst beschäftig, ten Personen darf die Ausübung des Vereins- und Bersamm» lungsrechtes zur Vertretung ihrer wirtschaftlichen Interessen, über die auf Grund des Gesetzes über den Belagerungszustand erlassenen Verordnungen hinaus, nicht beschränkt werden."

Abg. Graf Westarp (kons.): Nach allgemeiner Ansicht ist der Antrag selbstverständlich. Dann ist er doch auch überflüssig!

Abg. Dr. David (Soz.): Das ist er nicht. Ercklärungrn der Regierung können niemals eine Gesetzesbestimmung ersetzen.

Staatssekretär Dr. Helfferich: Ich werde Ihnen den Verzicht fo leicht wie möglich machen und erkläre ausdrücklich, daß in oer bisherigen Praxis keine Aenderung eintreten soll und daß die verbündeten Regierungen nach wie vor die Mitarbeit der Arbeiter­organisationen schätzen und wünschen. An die Möglichkeit eines Eisenbahnerstreiks glauben auch wir nicht. Gleichwohl kann der Eisenbahnminister von seinem gegnerischen Standpunkt gegen dauernde Anstellung von Mitgliedern solcher Verbände, die nicht auf das Streikrecht verzichten, nicht abgehen.

Abg. Dr. Junck (ntlb.): Wir halten an unserer Forderung fest. Das Koalitionsrecht muh gesichert werden. Das Ges^Z leyst den Arbeitern große Opfer aus. Das Mißtrauen besteht einmal, warum wollen Sie es neu beleben? (Beifall links.)

Abg. Haast (Soz. A.-G.): ES muß in dem Gesetz gesagt fein, daß das volle Vereins- und Versammlungsrecht den Arbeitern bleibt. (Widerspruch.)

Abg. Graf Westarp (kons.): Statt im Gesetz zu sagen, daß das bestehende Vereins- und Versamiulungsrecht beachtet werden soll, würde ich Vorschlägen, lieber zu sagen:Falsche Handhabung des Gesetzes ist verboten." (Große Herterheit.)

Abg. Ebert (Soz.) stellt gegenüber dem Abg. Spahn fest, daß die Sozialdemokraten schon bei der Vorbesprechung die zur Ver­handlung stehende Forderung mit allem Nachdruck vertreten haben und als keine Verständigung erzielt wurde, erklärt haben, daß sie ihre Forderung aufrechtcrhalten müssen und sich völlig freie Hand Vorbehalten.

Abg. Lcbebour (Sc^.-Aüb.): Das Gesttz muß auch Sicherung bieten gegen die Vollmachten, die die H>eneraltommar>d»s zur Ver­folgung und Unterdrückung politisch mißliebiger Persönlichkeiten haben. Wir haben ja vorhin gesehen, daß, nachdem Dr. Helfferich auf die zu erwartende Aeußeriu^ des.Leiters des KriegsamteS hingewiesen hatte, Generäl Gröner in seiner Antwort die patriotische Pauke geschlagen und gesagt hat, er hoffe zu­versichtlich, das; die Gewerkschaften mit ibm zusammen einträchtig arbeiten werden. Diese Antwort des Generals Gröner paßte auf die Frage des Staatssekretärs wie die Faust aufs Auge. Wenn ein so wohltvolleuher und intelligenter Herr so wenig entschiedene Sicherheit gibt, dann müssen inir doch d-ie stärksten Klauseln für den Fall schassen, wenn wir es einmal mit einem weniger wo^- wollendeu und auch weniger intelligenten .Herrn die Mbt es nämlich auch noch (Große Heiterkeit) zu tun haben.

I n z w i f che n ist ein Antrag S p-a - n (Z t r.) ein» gegangen, wonach es in dem rreuaufzrmehmenden 13a beiße» soll:Den im vaterländischen Hilfsdienst beschäftigten Personen darf die Ausübung des ihnen gesetzlich zu stehen den Vereins-- und Versammlungsrechts ufw. «sw. nicht beschränk? werden."

Staatssekretär Dr. Helfferich erklärt hieran, daß dieser Antrag seinen Bedenken Rechnung trage, da er ausdrücklich sage, daß an dem bestehenden Recht festgehalten werden solle.

Bei der nun folgenden Abstimmung wird § 2 des Gefeh- entwur-fs gegen die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft an­genommen. Die zahlreick^en Abänderungsanträge der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft werden gegen die Stimmen beidex sozialdemokratischen Frattionen, der Polen und Elsässer abgelehnt. Der von der sozial­demokratischen Fraktion beantragte § 18a wird mit dem Zusatzantrag des Abg. Dr. Spahn (Ztr.) gegen die Stimmen der Rechten in folgender Fassung- angenommen: Den im vaterländischen Hilfs­dienst beschäftigten Personen darf die AüSübung de- ihnen gefetz» lich zustehenden Vereins - und Bersammlungsrechte- zur Vertretirng chrer wirtschaftliche« JntereHe« nicht beschränkt werden.

Der 8, der b esti mm t, daß die Leitung de- Hilfs­dienstes dem Kriegsamt obliegt, wird angenommen, ebenso der 4, wonach die zuständige Reichs- oder JandesAentralbehörde im Einvernehmen mit dem .KriegSate entscheiden soll, ob und in welchem Umfange die Zahl der bei einer Behörde beschäftigten Personen das Bedürfnis übersteigt. Im übrigen ent­scheiden über die Frage ob ein Berus oder Betrieb, als Hilfsdienst

beso-rckere Ausschüsse. Nach §.& besteht jeder dieser Aus­schüsse aus einem Offtzier als Vorsitzenden, zwei höheren Staats­beamten, sowie aus je zwei Vertretern der Arbeitgeber und Arbeit­nehmer. Dieser Paragraph gelangt unverändert zur Annahme, ebenss § 6, wonach gegen die Entscheidung des Ausschusses Be­schwerde an ine beim KriegSamt ernzurichtende Zentralstelle stattftndet.

(Die Sitzung dauert fort.)

Ein neuer Buch von Alfred yock.

Der Grenzgang.

Tie letzte Besprechung eines Romanes von Alfred Bock an dieser Stelle, es handelte sich um den RoinanTie leere Kirche", schloß mit dem SatzeDiese Art ist mitberufen, an neuen Wegen mitznarbcilen, weil sie fest und geordnet und deutsch ist. Und darin liegt der Wert des neuen Romans für unser«, Literatur.

Fest, geordnet und deutsch Es sind dies drei Charakteristiken Bockscher Kunst, die auch für- die neue NovellensaminlungDer Gvenzgcnrq" volle Geltung haben. Vier Novellen sind hier zusam­men gestellt.Ter Grc-nzgang",Alte Liebe"Das Kartenhaus" undTie Annekett". Wenn sie nicht durch die gemeinsame Heimat ihrer Menschen, das .hessenland verbunden wären, so würden sie durch die vorbei ichneten Eigenschaften zusammen gefügt, die sie wie alle Werke Alfred Bocks über das allgcnneine Mveau der zeit­genössischen Evzcchlerliteratur weit hin«usheben. Alfred Bock ist fern Dichter von eruptiv visionärer (ssestaltunqskraft, sondern was heutzutage weit seltener ist, ein kluger, scharfsichtiger Erzähler; nicht wirrer, der die Welt in sich hineinreißt, uni. sie nach eigerren Gesetzen umgeschmotzen wieder vmr sich loszuschleudern, sondern einer, der sich mit liebevvSem Bsrstnlhen die Veenschjen, die ihn! umgeben, aus Vorziige mrd Schwächen ansieht, das Ttzpislhe an iln:en herausgreift, es mit Zügen intimster Beobmhtuug immer scharfer herausarbeitet und so schließlich Gestalten schafft, die bei vller Kleinmalerei groß und einheitlich dastehen, zwingend in rhrew Tenkeri, unverrücklac in ihrem handeln. Sind seekische Verästelungen vorhandeil, so sind sie aus einein Stamme hervor- geichoi^N' (xr tienvurzelnd in der Erde verankert, stark unv kraft­voll sich erhebt. Niemals haben diese Gestatten etwas Krankhaftes,

vder Zerfasertes an sich. Werden sie irmgeworfen, so geschieht dies nicht, weil sie innerlich v>ermorscht wären, sondern, weil sie nicht an der Wetterseite ausgewachsen sind und daher bei dem unvermu­teten Anprall eines Schicksals gebrachen werde?« und absterben müssen. Ties ist der Fall bei Frau hell'' in jener Erzählung Der Grenzgan g", die dem Buche den Namen gibt. Sie ist die psychologisch am subtilsten erfaßte Gestalt des Buches. Neben einem lieblosen Näann, ^dessen hartem Vorgehen sie auch, den Verlust ihres Kindes zuschveibt, siecht sie dahsii. Da will es das Schicksal, daß dieser Mann bei einem volkstüntlichen Fest, denr Grenzgang, ins Wasser stürzt und ertrinkt. Keine Schuld trifft die Frau an,' diesem Vorfall, aber ihre grüblerische 9lrt bohrt sich dennoch in den Gedanken ein, daß sie ifyrt hirtte verhindern können. Tiefe peinigende Vorstellung nimmt sie in ihre zweite Ehe mit eineim feinfühlenden Arzte nnt lstnübec. Er erkennt ihre seelische diot, will aber den Geneinngsprozeß ohne Einwirkung aus eigenenj Kräften der Frau herauswachsen lassen !und so kommt es zu denr tragischen Konflikte einer tiefen Entfremdung zwischen zwei Mär­schen, deren volle Harmonie gegenseitig bedingt ist, und die logischen Folgen davon, daß die sich selbst überlassene Frau <ni ihrer Ge­wissensnot zugrunde gehen muß. Fest mrd geordnet ist die langsam aufbauende Entwicklung dieser psyck>plogisch fern d urchd achten Stu- Idie, die in der knappeir, oft kaiiti-gen, jeden überflüssigen Beiwerkes entsagenden Sprache des Verfassers geformt ist Gerade diese Sprache, die auf das Mitschwingen von Ober- mtd Untertönen in strenger Selbstzuckst Verzicht leisteird, in knapperr Sätzen nur das unbedingt Notwendige sagt und irnmer wiedcw durch das ©in- flechten von volkstümlichen Erfahnmgssätzen typische Prägung sucht und findet, kommt der zwingend üavm Psychologie dieser Erzählung zugute, die wohl die bedeutendste dss ssbivett«ibandes ist. Alte Liebe" zeigt uns die aufrechte GestM ei»es lwssischen Bauern, dessen Weib durch den Verlust ihres Sahnas m unheil­

baren Jrrsin versinkt und der, durch wirtschaftliche BerhLltnisse ge- zwuugen, eine. zweite Ehe eingeht, die chm trübe Erfahrungerij bringt. Es ist ihm daher nicht zu verdenken, daß er diese Ehe mit kraftvolle in Entschlüsse löst und #u seiner Nneder genesenen ersten. Frau zuiwckkehrt. Sind die psychologischeir Momente dieser Erzäh­lung weniger durchgreifend, so hat sie den Vorzug, »veiter in die Eigentümlichkeiten und die Gedankenwelt hessischen Volkstums hineinznleuchteir. Und auch in den Nebenpersonen prachtvoll ge­sehene Gestalten zu schildern.Das Kartenhaus" schildert überzeugend ^den Gewissenskonflikt eines jugendlichen Spielers, der fühlt, daß die Absage an seine Leidenschaft nicht dauernd sein kann, und daß er seine Braut in das Kartenhaus seiner Zukunft nicht einfübreu darf. Behaglicher hlunwr kerrnzeichnet die letzte der vrer Geschichten, die von derAnnekett". Die breit angelegte Geschichte, die wieder lausend Nebenumstäude, die jedem cnrdern entgingen, zur ClMrakterisierung der hcmptpersrnr bevanzreht schreßt in einen köstlichen Schluß zusammen, der das Mutterschick- sal u-er alten Magd und ihrer Tochter mit goldenem Humor über- lonnt und somit dem ganzen Buche, das keine alltäglichen Schick­sale zu in Gegenstand hat, einen versöhnenden Ausklanc, gibt.

Johann Friedrich Stadel. Bor einem Jahr­hundert, am 2. T e z e m b e r 1 8 1 6 , starb der Frankfurter Bankier Johann Friedrich Städel, ein .Kunstfreund und Mären dem die Mainstadt das von ibm begründete und nach, ikmr be­nannte Städelsche Institut verdankt. In einem si'tr die Geschichte Deutschlands in der ersten Hälfte des Hunderts wertvollen Memoirenwerk,Meine Leben" von Tr. Gerd Eilers, sinden sich über d-ieüm Städel sehr interessante Bemerkungen. Neui, Eilers, ^ m surt im Anfang des vorigen Jahrhunderts als Hauslehrer tätig

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