Br. 306 Drittes Blatt
Erscheint K-ttch mit Ausnahme deS Sonntags.
166. Jahrgang
Beilagen: „Siehener ZamMenblStter" und „lkreirblatt für den Kreis Stehen".
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Samstag, 3V. Dezember W6
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Köckblick aus das Uriegswirtschaftsjahr Wb-
(Vom Handelskammer-Syndikus Dr. Zeidler.)
(Schluß.)
II.
Eine wesentliche Stütze erhielt die Entwicklung der deutschien Volkswirtschaft durch das kraftvolle Bestreben der Reichsbank, die finanzielle Kttaft des Landes zu erhalten. Sein Rückgrat. den Goldbestand, hat das Zentral-Geldinstitut von Woche zu Woche stärken können. Ohne Mühe urib Schwierigkeiten vermochte die Reichsbank den öffentlichen wie privaten Anforderungen, welche man an ihre Leistungsfähigkeit stellte, gerecht werden. Za dieser durchaus befriedigenden Entwicklung des deutschen Geldmarktes haben die allerorten errichteten Ankaufsstellen von Gold nicht wenig beigetragen. iEine Steigerung des Notenunftcrufes konnte freilich die Revchsbonk nicht verhindern; sie findet ihre Erklärung! hauptsächlich in der Versorgung der deutschen Truppen in den besetzten feindlichen Gebieten mit Reichsbanknoten und iu dem gesteigerten Bedarf der heimischen Volkswirtschaft infolge der Verteuerung des Lebensunterhaltes. Ein Vergleich mit dem Ausland zeigt aber, daß in Frankreich und Rußland der Notenumlauf ungleich größer ist, als bei uns. Dies darf uns freilich nicht abhalten, alles was in unserer Macht steht zu tun, um die Sparrnung zwischen Goldbestand und Notenbestand und Notenumlauf zu vermindern. Daß man in dieser Richtung sich kräftig und zielbewußt rührt und reat, zeigen alle die Maßnahmen zur Förderung des bargeldlosen Zamungsverkehrs. Ter gegenwärtige Tiefstand unserer Valuta ist allerdings eine nachdenklich stimmende Erscheinung, welche in dem Darniederliegen unseres Außenhandels ihre Hauptursache hat; die Förderung unserer Ausfuhr nrit allen zu Gebote stehenden Mitteln muß daher angestrebt werden. Daß gleichwohl das deutsche Volk felsenfest auf die innere Gesundheit und Kraft des deutschen Geld- und Kreditwesens vertraut, beweisen besser als viele Worte die gewaltigen Erfolge der vierten und fünften KriegS- wrlerhe.
Der Sicherung der Volksernährung zu! erschwing- Vchen Preisen dienten alle verfügbaren Kräfte daheim, um den Nushungerungsplan unserer Feinde gegen das vom Weltverkehr noch mehr als bisher abgeschnittene Vaterland zu nichte zu machen. Will man sich vor einem einseitigen und ungerechten Urteil über diese Frage, welche wohl nrit zu den schwierigsten Kapiteln in der Geschichte dieses Kruges gehört, bewahren, dann darf man niemals vergessen und muß sich dies immer und immer wieder vor Augen! halten, daß uns der Krieg in vielen Dingen vor Aufgaben gestellt hat, für deren Behandlung und Lösung es in der Wirtschaftsgeschichte der Menschheit an Vorbildern vollkommen fehlt und infolgedessen vieles neu erlernt oder völlig umgelernt werden mußte. Hat doch der Krieg unsere Wirtschaftsordnung von Grund aus mngestallet. Von wichtigen Zufuhrstraßen des Weltverkehrs abgeschnitten, im wesentlichen auf uns selbst angewiesen, ist Deutschland, das Land des Welthandels und des freien Wettbewerbs, über Nacht xum geschlossenen Handeksstaave geworden. Dadurch musste auf dem Jnlandsmarll ein dauerndes Unterangebot von Waren des Kriegs- wie des täglichen Lebensbedarfes entstehen. Würde man diese Waren dem fteien Verkehr mrd die Preisbewegung dem freien Spiele der wirtschaftlichen Kräfte überlassen haben, dann würde bei der täglichen Verminderung der Warenbestände und bei dem Streben des Einzelnen, nichc nur für der: laufenden Bedarf, sondern aus möglichst lange Zeiten hinaus sich zu versorgen, bald ein Wettlaus um die vorhandenen Vorräte entstanden sein, welcher notwendigerweise zu hohen Preisen hätte führen müssen und AU Beginn des Krieges tatsächlich auch geführt hat. Die weitzerft
Folge hiervon wäre eine aus sozialen Gründen nicht erwünschte ungleiche »Verteilung der Güter und die Unrnöglichkeit einer geordneten Versorgung der Gesaintheft gewesen. Einer obrigkeitlichen Regelung des Marktes und des Verbrauches war damit eine hinreichende Begründung gegeben. Diese Regelung ging natürlich nicht ab ohne tiefgreifende Umwälzungen, betien die Grundlage unseres seitherigen wirtschaftlichen Lebens, die Gewerbefreiheft, zum Opfer fiel. An ihre Stelle trat ein Staats sozialismus, wie ihn auch! die weitgehendsten Anhänger staatssozialistischer Gedanken nicht' für möglich gehalten hätten. In ununterbrochener Folge ist, aus dem jeweftigen Bedürfnis heraus geboren, eine heut nicht mehr zu übersehende Reihe von gemeinwirtschaftlichen Einrichtungen geschaffen worden, welche alle Stufen und Zweige des Verkehrs regeln. So verschiedenartig nun auch diese kriegswirtschaftlichen Gebilde sein mögen, so läßt sich> doch unschwer in ihnen ein Loystem erkennen, welches man als eine Mischung von Borrats- Verteilungs- und Preispolitik bezeichnen kann. Wo in unserer abgeschlossenen und auf sich selbst gestellten Wirtschaft Waren> aus deren Einengung nach Art und Menge wir keinerlei Einfluß auszuüben vernwgen, knapp zu werden drohten, wo infolge-, dessen die Gefähr einer Teuerung und die Notwendigkeit eines planmäßigen Haushaltens mft den Vorräten bestand, da legte eben eine schnell gebildete Kriegsgesellfchaft die Hand auf den Umlauf dieser Güter und schrieb ihnen nach Kriegsvecht Wege und Grenzen vor. Ties setzte eine wenigstens ungefähre Kenntnis einerseits des Vorrats oder der periodisch! verfügbaren Menge der Produkte und andererseits des Bedarfes voraus. Und 'hier ist eine der tiefsten Ursachen begründet, weshalb die wirtschaftliche Kriegsgesetzgebung auf dem Gebiete der Volksernährung versagte und versagen mußte. Eine Hauptgrundlage aller volkswirtschaftlichen Erkenntnis ist die Statistik; an einer solchen fehlte es aber auf diesem Gebiete. Wir waren unvollkommen oder falsch über den Umfang der landwirt- schiaftlichen Produktion unterrichtet. Ueber die Verwendung der Ackeverzeugnisse in der eigenen Wirtschaft des Sandmanns, über den Umfang der zum Verkauf gestellten landwirtschaftlichen Erzeugnisse und andere ent schieidende Punkte fehlte es selbst an dem Versuche einer wirklich durchgreifenden Statistik. Trotz dieser Mängel mußte man an die Lösung des Problems der Volksernährung während des Krieges herantreten und so versuchte man es zunächst mit einer Preisregulierung der Nahrungsmittel. Man fing mft Höchstpreisen örtlicher Art an; als man sah, daß alsbald du Ware vom Markte verschwand, ging man zu allgemeinen Höchstpreisen über. Tie Folge hiervon war, daß die Höchstpreis freien! Artikel eine unerträgliche Höhe erreichten. Schließlich entschloß man fich zum dem schweren Schrftt der Beschlagnahme und zur öffentlichen Verteftung und Verbranchsregelung. Tie Ereignisse aus dem Lebensmfttelmarkte zeigten aber mich jetzt noch die dieser Regelung anhaftenden Niän-gel in einem schlftnmen Lichte. Während einzelne Gegenden mit Gegenständen des täglichen Lebensbedarfs ausreichend versorgt waren, mußten andere wieder umso empfindlicher unter Mangel leiden. Ein gerechter Ausgleich zwischen Ueber- schuß- und Zuschußgebieten scheiterte an der Abschließung der einzelnen Bundesstaaten, ja einzelner Provinzen und Bezirke gegeneinander. Diesen offenkundigen Mißständen konnte sich die Reichsregierung auf die Dauer nicht verschließen; es wurde eine umfassende Neuregelung ins Auge gefaßt und zu diesem Zwecke das mft großen Machtbefugnissen ansgestattete Kriegsernährungsanft ins Leben gerufen. Von seiner Tätigkeit erhoffte das ganze deutsche Voll eine Gesundung der unerquicklichen Verhältnisse auf dem Leben smfttelmarkt. Diese Hoffnungen haben sich leider nicht erfüllt und sie —. es MUß dies gerechterweise gesagt werden — konnten sich auch nicht erfüllen, well man mft einem Faktor nicht gevchnet
hatte, wenigstens nicht in dem Maße, wie er tatsächlich in die Erscheinung getreten ist, nämlich dem Egoismus der Menschen. Und auch! dieses Moment darf man bei einer gerechten Würdigung Unserer wirtschaftlichen Kriegsgesetzgebung nicht außer acht lassen. Unser bis in die letzten Poren vom Erwerbssinn durchdrungenes Wirtschaftsleben ikonnte nicht über Nacht als regulierendes Prinzip an die Stelle des Strebens nach, Gewinn den Altruismus sKen, nachdem,zwei Jahrtausende des Christentums ihm nicht zum Srege über den Egoismus hatten verhelfen können. Es hat sich eben auch in dieser schweren Kriegszeft gezeigt, daß d-cr menschliche Egoismus als «wirtschaftliche Triebkraft nicht ausschatten läßt, sondern überall da > seine Betättgung sucht, wo ihm der größte Erfolg winkt; so war -er auch in diesem Kriege bestimmend für das Verhalten des Einzelnen, nicht nur in den viel geschmähten .Kreisen der Landwirtschaft, des Handels, der Industrie und des Gewerbes, sondern auch, bei-jeder anderen Bevöllermrgsgruppe. Abgabe der leitenden und verantwortlichen StÄlen im Reich und Staat ntufj es eben sein, hier den rechten Ausgleich zu suchen und zu finden, damit die wertvolle Antriebskraft, welche in dem wirtschaftlichen Eigennutz verborgen liegt, nicht verküimnert, sondern sich zum Bohle der Allgemeinheft betätigen kann. Und es will uns bedünkcn, daß man diesem Ziele am nächsten kommt, wenn man bei der Lösung der ungemein schwierigen Ernahrungsftage fich der Mftnürkirng derjenigen Erwerbskreise bedient, welche hierzu in erster Linie berufen sind, nämlich, des Groß- und.Kleinhandels. Ter Handel rft»er war überall da, wo eine Gemeinwirtfchaft Platz gegriffen hatte aus seiner gewohnten Tätigkeit verdrängt und mehr oder weniger ganz ausgeschaltet worden. Auch der Handelsstand hat sich niemals der Erkenntnis verschlossen, daß während der Krie^Keft eine Ber- brauchsregelung >für Nahrungsmittel erforderlich ist. Nur darüber hatten sich, mft Recht beklagt, daß er in einem stärkeren aus- ge,chaltet worden ist, als es durch die Kriegsverhällnisse geboten erschien. Tie mannigfachen Erfahrungen des Krieges dürften jedoch gelehrt haben, daß es im allgemeinen volkswrrtschrftüchkn Interesse gelegen ist, den -Handel mft seinen reiften Kemrtznisfan und trefflichen Einrichtungen bei der gemeinwirtschaftlichen Bor- ratsversorgung und Verbrauchsregelung soweft wie dies eben mögliche ist, heranzuziehen. Eine gewisse Freiheft für das Spiel der wirtschaftlichen Kräfte auch in dieser Kriegszeft wird am ehesten die bestmögliche Warenversorgung nach Menge, Güte und Preis- Würdigkeit^ gewährleisten: eine Ueberspannung des Staatsge-
danksns fit im Wirtschaftsleben ebenso im gesund und nachte8g wie eine ungehemmte Freiheit. Gerade diese Ueberspannung des Ltaatsgedankens ist es ja gewesen, 'welche das Eindringen so zahl- rercher unlauterer Elemeitte in. den Handel erleichtert hat. Setzt man den ehrlichen Handel, so rasch und so weit dies mft den Interessen der Allgemeinheft vereinbar ist, wieder in seine o&at verbrieften Rechte ein, dann wird auch der Kriegswuc^r ein nm so schnelleres Ende nehmen, welcher eben um so üppiger «decheu konnte, je mehr der ehrliche Handel iu seinen vvllswrrtschgftLicken Funktwnen gestört wurde. In seiner Reichstagsrede vom 3 November 1916hat der PräsLent des Krie^ernährungsamt selbst es als wLrschenswert bezeichnet, daß die zentralen wie die btt* foto ©tellat sich mehr als in den beiden ersten Kriegsjahren der Mitwirkmrg des Handels bei den Aufgaben der LebensmittM«r- sorgung bedienen möftten.
„Gedenket der Eebnrtrtagrspende sür'z Rote Lreuj"!


