Ausgabe 
7.12.1916 Zweites Blatt
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Kr. 288 3 ü)eÜe$ Biatf

166. Jahrgang

Erscheint täglich mit Aufnahme deS Sonntags.

Beilagen:Gietzrner LarnUienblätter" und Kreisblatt für den Ureis Stehen".

Postscheckkonto: Frankfurt am Main Kr. N63b. Vankoerfehr: Gewerbedant Stehen.

GeneraZ-Anzerger für Gberhesjen

Donnerstag. 7. Dezember WS

Zwillrngsrund. nick und Vermag: Brühl'scheUnwersiläis-Buch-u.Stttndrucrerei.

R. Lang e, Gießen.

Zchristleitung, SeschäftssteLe und Druckerei:

Schulstraße?. GeschäflLstelleu.Vertag:

Schriftleilung: 112.

Anschrift für Dra htuachrichten: AnzeigerGiei en.

Eine Rede des italienischen Mimsterpräsidenten.

. . Rom, 6. D»..(WTD.) Meldung der Agenzia Stesani. In J** Erofsnnng der Kammer gehaltenen: Rede rühmte Mrn:fterpra,:deut Boselli zunächst die Taten des italienisckien Veeres mw der Flotte. Er gal» eine;: lleberblick über die sanitäre O^anrftrtion der Armee, über _ die Biaßnahme;: zugimstm der Knegswarsen und Invaliden sowie über die Kriegs Pensionen. Ter Mrutsterpraftdenl erinnerte weiter daran, daß anr 27. August dre eble rum an : sch,« Ration die Massen 'ergriffen habe für die BertewrgNtrg von Freihttt und Gerechtigkeit. Er entbot dem tapfe- ren rumänrf chcar Bollc, das mit nnbesieglichen: Mute den härtesten Prüfungen standhalte und die größten Opfer für seinen König und '^ne Armee bringe, seinen glühenden Gruß mit der Gewißheit, daß ha? ttM warm anschließen werde. Zu derselben

Zett, fuhr dttMintsterpräsident fort, erklärte Italien an D e u t s ch- land der: Krieg.^ Tie Beweggründe dieser Handlung sind iu dem Wort^ute der LertegZcrllärung klar genug dargelegt. Ich will nur hinzusügen, sagte der Minister, »vie seid unseren: Eintritt in den Krieg gegen Oesterreich die deutsche Regierung sicherlich voraus­sah, daß der enropg,isck>e Kons1u!6t, der sich in die Läüge zog, un­vermeidlich zum Kriegszustand zwischen Italic:: nnd Deutschland fnhren mußw. Tos ist bewiesen durch die, wörtliche Erklärung über dre Anwesenheit deutscher Trupven ininitten der österreicknschen truppen, die gegen Italien kämpften, und di:rch die Tatsache, daß das rtalieirisck>-deiitsche Abkommen von: 21. Mai 1915 gerade ans AnreKing Deutschlands hin irr der Voraussicht des Kriegszustandes abgeschlossen worden ist. Tic wenig aufrichtige Durchführung dieses Abkommens durch Deutschland hat nicht einmal andauern können bis mm Tage der Erklärung der Feindseligkeiten. Die italienische Regierung hat wahrend mchhr als einem Fahre fortwährend die 'Anwesenheit militärischer Hilfskräfte Deutsch/ccnds in Oesterreich wrd zahlreiche feindliche Handlungen Deutschlands erduldet. Es war ern Rechten stand, der mit dem faktischen Zustande in Wider- stand. Als dieser Widerspruch m heftig wurde, waren !vir der unsere Würde, die Erfordernisse der Lage und unsere Psttcksten gegen unsere Verbündeten uns die Verpflichtung aufer- legten, den Zweideutigkeiten und Ausflüchten ein Ende zu machen.

^ künfti'ge Lage am Adriatischen Meere

anvetrifst, so steht für uns nnd unsere Verbündeten die Ang«-< lege^eit außer Frage. Ter g e n sch t e Endsieg wird uns die Herrschaft int Lldriatischen Meere sichern. Wir haben voraus­gesehen und wünschen für die Zukunft ein reges' vertrauertsvolles Und 'herzliches Ztirsonrmenwirkei: Italiens mit Serbien und Montenegro auf politischem und wirtschaftlichem Boden. Die Forderungen dieser tapferen Völker sowie die Forderangen Bel­giens stellen ein edles und wesentliches Ziel unseres Krieges dar. Durch die Entschidung von Kontingenten unserer Truppe;: zgr Tnlnahme jan der Unternehnrung von Saloniki haben wir dem Programm der Ettttvacht nnd vollkommenen Einheit an der Aktion uns«er Verbündeten entsprochen. Die Mittel me er intern essen Italiens ioaren stets Gegenstand unserer regelt Auf­merksamkeit. Italien ist vorloiegend Mittelmeerntacht. Auf diesem M«r liegt die Bahn zu seiner Zukimft. Wir trachten nicht nach Vorherrschaft, sondern nur nach eine;;: Gleichge­wicht der Kräfte als der nottvendigen Bedingung für den Frieden und die Wohlfahrt und hegen die feste Zuversicht, daß die aus dem Siege sich ergebende internationale Lage dieses Gleichgewicht im östlichen Mittelmeer gewährleisten weide. Denn dieses bildet einen Meller der italienischen Politik: die erhabenen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen unserer Zukunft bildeit den Grund für den Utnsang, der durch die militärischen Operationen aus der Front von Balona gegeben wurde. Diese letztere wird einen Riegel unserer strategische;: Lage an der LEnia bilden und den Ausgangspunkt Unserer künftigen rege;: kommerziellen Expansion auf der südlichen Balkanhalbinsel. Der Konflikt in Grie­chenland ist bcigelegt. Wir hegeir die Zuversicht, daß man in Zukunft größere Komplikationen wird vermeide;: können. Es kommt Ms nid# in den Sinn, es ist nicht unser System (und lvir gehe;: hierii: mit unseren Berbündeten vollständig einig) die zum Kriege zu zwingen, die nicht daran teilnehmen wvlleiu

Bor unserem Kriege, 1915, ließen wir Frankreich und Eng­laich in Petersburg ihre volle Zustimmung erklären^ daß in dem künftigen Fricdensvertrag Konstantinopel Rußland zufallen solle Mit Garantien ftir die Freiheit der Meerenge;:. Wir habet: uns später dieser Erklärung a n g e schl o s sen , da wir die Berech­tigung der Jahrhunderte alte:: Pläne unserer tapferen Verbund deten anerkannten.

Was Pole n betrifft, hat Italien gleich! wie seine Verbün­deten das Vorgehen des Kaisers von Rußland beifällig begrüßt, als er vor kurzen: bezüglich der Einheit der Autonomie aller pol-,

nischen Völkerschaften die verheißenen Garantien abermals be­stätigte. Die Zentralmächte bestätigen im Gegeitteil die Zer­stückelung Polens und verletzen das Völkerrecht, indem sie die Tatsache der militärische;: Besetzung in der Weise umändern, daß sic eine Verschiebung der Oberhoheit vornehmen, wobei sie durch einen unglaublichen Mißbnruch ihrer Gewalt das polnische Volk dazu ^ zwingen, gegen den Staat zu kämpfe;:, dem dieses Volk als ein Glied von Rechts wegen zugehört. Wegen dieser Tatsachen hat die italienischje Regierung mit ihren Berbündeten be: den neutralen Staaten formell Protest eingelegt.

Andererseits schafft das Reich, das Belgien rnateriell be­setzt hält, in unmenschlicher und gewalttätiger Willkür neues Leid in diesem Volke durch Ma s sen d e po r t a t io neu nnd durch Zwangsarbeit, die von den Siegern den Besiegten außerhalb ihres Heimatbodens aufgenötigt wird. Tie belgische Regierung hat uns von dieser Rückkehr zu de;: Gebräuchen alter barbarischer Sitten Anzeige erstattet. Inmitten dieser Entfesselung wilder Gewalt Und unmenschlicher Ausschreitungen. hat Italien weder seine edel- ntütige Mäßigung noch die Heiligkeit seiner Ueberlieferungen ver­gessen. Es hat nicht vergessen, daß es deren Vaterland ist, das Stantmland der Zivilisation.

Tie Zurückforderung des Palastes Venezia war gebotet: durch die italienischen Aspirationen^ Dieser Akt, der vom geschicht­liche: Standpunkt unanfechtbar ist, verletzt in keiner Weise die Garantiegesetze, die der italienische Staat selbst inmitten der Schwie­rigkeiten der gegeilwärtigen Verhältnisse peinlich beobachtet und unveränderlich weiter beobachtet: wird.

Boselli sprach Hann von den Kolonien und sagte: In Libyen befolgt die Regierung eine Polittk der Pazifizierung ohne übermäßige Vertrauens» eligkett. Ein großer Teil unserer Gefange­nen ist uns zurückerstattet worden, wir hoffen, auch den übrigen demnächst freizubekommen. Die italienisch-englisch e'K on - v e n t i o n bedeutet ein Zusammenwirken der beiden Rationen in Nordafrika und die Entschlossenheit, ein gemeinsames Ziel ein­trächtig zu verfolgen. Die italienische Negierung wird ihre feier­lichen Verpflichtungen einhalteu und die eingeborenen Notabel;: Libyens teilnehmet: lassen an der späteren Prüfung der Zivil- und Verwaltungsorganisation. Der Ministerpräsident hob hervor, daß Italien ein Beispiel einer edlen und feste:: werktätigen Disziplin biete, die die Disziplin des Sieges sei, und schilderte endlich die bürgerlichen Wohlsahrtseinrichtungen und die im ganzen Lande herrscheiche Eintracht.

Bern, 6. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Agenzia Stesani. Ter Republikaner Cappa beantragte nach der gestrigen Rede des Ministerpräsidenten Boselli im Namen von 38 Abge­ordneten die G e h e i n: s i tz n n g der Kammer.

vukarest, wie es war und ist.

Efftst hiM Ire dieFreudenstadt" jetzt ist sie zur Stadt der Sorge und der Angst gewordeii. Einst kannte sie kein höheres Interesse, als trunkenen Genuß des Augenblicks. Ai:f der Ealea Victoriei herrschte die Elegantz, die .Koketterie, der müßige Bummel; Lackschuhe lfnb rauscheiche Unterröcke, Puder und Sck>minke, fe::- rige Blicke herüber und hinüber, elegante Wagen, dicht gefüllte Kaffeehäuser, kurz: die ganze Spannung jenes Augenblicks- und Genußlebens, dessen Urmuster die große Verführerin an der Seine bildet. Und doch tvie lange war es denn, daß dies« Ealea Victoriei überhaupt existierte? Hatten die Bukarester [djon vergessen, was sie war und wie sie missah, als der deutsche Fürstcn- sohi: seine;: Eii^ug in die Stadt hielt? Tantals war sie noch die alte Stvada Mogosvi, und es war ein furchtbares höckeriges Pflaster, über das den Hohenzollernprinzen der Wagen zu jenem einstöckige;:, schmucklosen Hause trug, das der Reihe nach Spital, Kaserne, Militärschule und Kommandantur getvesen war un.d zuletzt den Fürsten Cuza beherbergt hatte, den man um Mitter­nacht vor den Augen seiner schönen Geliebten Maria Abrano- witsch zur Abdankung zwang. Llber dann befreite dieser Hohenzoller das Laiü) von der Türkenherrschaft, und aus der Strada Mogosvi ivurde dieSiegesstraße", die sich mit große;: üppigen Häusern sl'cklte. So ist alles jung, alles parvenühast in dieser Stadt, ob­gleich sie als K;:ltt:rstadt mcht neu ist. Es war im Fahre 1690, als die Hauptstadt von Tergowitschto nach Bukarest verlegt wurde, nick) damals verfügte diese neue Residenz über ein einziges Stein­gebäude. Noch im Ansattge der Regierung des Fürsten Karol war Bukarest eine pflasterlose Sticht, im Sormner bei Trocken- hett ein u;rergrü;chliches Stanbnteer, im Winter bei Regen ein ebenso unergründlicher Schmutzsee. Durch Steine »ni* Bretter mußte nrmt damals Furten über den Straßensumpf führen, und noch heut sieht man es den: Stadtbilde von Bukarest wohl an, wie

jäh und unvermittelt seine Ausgestaltung erfolgt ist. Lange dehnten sich hier zwischen einzelnen, mehr oder weniger moder;: ausgebauts: Vierteln leere Flächen, halbe Wüsteneietr oder Strecken, lärch- licher Bewirtschaffung, an die sick) dcurn plötzlich wieder c:n Z:- geunerdors oder eine Türkensiedelung oder ein Dörfchen anschlob- So entstand ein launenhaftes, wirres Stadtbild, ausgebckeitet cup einem Umfange, wie il-n Riesenstädte, etwa Berlin oder Parts, einnehnten, aus der ins Unbegrenzte sich dehnenden Ebene, am Ostufer der träg urch gelblich fließenden Dimbowitza. Vom an deren User her beherrscht die Stadt die alte Mettopolita;ttirche auf ihren: Hügel, in der der Heilige Bukarests, Sfunta Dumitru, u: kostbarem Silbersarge ruht. Erst großairgelegte Straßendurchbrüche, die hauptsächlich eine ostwestlick)^ Voulevardrcihe schufen, brachten einen r^atlmäßigeren 'Zug ir: das Bukarester Stadlölld. Aber schon zu der Zett, als alles noch Sumpf und Schmutz war^. Wpften über die Steine und die Notbrücken schöne Frauen auf zierlichsten Pariser Sc^ihe;:, im modernsten Seidenkleid und Bril- lantschmuck. Zwar ist dasHüpfen" kaum wörtlich zu nehmet:, beitu von altersher geht in Bukarest keiner zu Fuß, der etwas aus sich hält. Den Fußgängerverkehr überläßt;nan den Straßen- verkäufer;:. Handwerkern und Händlern: der: Zigeunern, die an der Ecke warten, imt- den Spaziergängern die Sttefel zu putzen, den Juden, die ihrem Handelsgeiverbe nachgehen, den fliegenden Händlern mit Melone;: und Geflügel, mit Kohlen, Tee und Wasser.

Die Ealea Victoriei sic war Bukarests Fassade. Die Fassade nach Westen, ;mch Eirtopa hin. Ta konnte der Fremde geblendet Und überrascht sein. Llber ging er seitab, da, sah er sich mit em-nal im Oriente, dies Wort im übelsten Sinne verstandet:! GanM Quartiere, die Kebrichthausen glichen und bewolmt waren, von unsäglich Armen in Bretter- nnd Lehmhütten, wo nackte Kinder im Straßenstaube neben Schweinen sich wälzten: das war es, was er dann zu sehen bekam, llm das frühere kronprinztiche Schloß zog sich! au der Vorderseite eine prachtvolle Mauer, die den Park ab schloß; aber die Rückfront zeigte einet: verfallene!: Bretterzaun, m: dem gierige Bettler limgerten. Das !var der ttese Widerspruch, die tiefe UGfolidität in dieser Stadt, gege;: die der trefflicheRegele Carol" kämpfte. Ein Däne ist es, der die einstige Frendenstadt mit den Worten FLkennzeichnet hat:Es lebe das Blendwerk! Eine Blume ins Knopflvchl." Uud so, in: Blendwerke, hat Buka­rest auch- in den Krieg hineingelebt. Was ivaren das für Szenen, da 7 auf der Ealea Victoriei die Neutralisten und die Inter­ventionisten sich Schlachtet: lieferten, in denen die Sttntmen der Zeitungsausrnfer, die eleganten Spazierstöcke nnd nicht zrcketzt! die Mäuler der Bolksredner die Hauptivaffen lieferten. Ta siedete das Bukarester Lebe;:, da genoß Bukarest mit InbvMst seine Wichtigkeit, genoß es die Spannung deS Augenblicks, den Reiz des Spieles mit dem FeU'er. Aber siehe! Das Feuer ivuchs in der Hand der Leichtsinnigen und »vuchs ihnen über die Köpfe j hinaus, und nun hängt die Flamme über ihr, der Freudenstadt. . .

Kriegsarbeit in Gießen.

Ein Jahr KriegSbefchädigterrfürsorge.

(Gewerbehaus Kirchstraße 16.)

(Schluß.)

V.

Die Stellenvermitteluus.

Die Stellen- intö Arbeitsvermittelung der entlassenen Kriegs­beschädigten wurde an den Stadt. Arbeitsnachweis Gießen angH- gliedert, wo sie jedenfalls ;wch lange Zeit nach denk Kriege eine besondere Abteilung bilden wird. Ist die 'Arbeitevermittelung sonst schon eine schwierige Aufgabe, so ist sie dies erst recht bei den Kriegsbeschädigten, die vielfach durch Berstümmelungen i:nd schwere Verwundungen nicht mehr fähig sind, ihre frühere Beschästtglmg wieder ausznnehmen. 'Sehr viele Kriegsbeschädigte habe;: leider hre;:d ihrer Lazarettbehandlung keine oder nur eine germge Um­schulung für eine;: neuen Beruf genossen und sind jetzt nicht in der Lage, die Mittel für eine Umlernung aufzubringen, während eine große Zahl glaubt, irgend cnte leichte Beschäftigung be: den Be­hörden oder in den Staatsbetrieben erhalten zu können.

Da der Landesausschuß fttr hie Kriegsbeschädigten-Fürsorge :n Darmsücht, durch den uns die A. d r e s s e n der im Kreis Greßen ansafftgen Kriegsbeschädigten tzügehen, wünscht, daß denselben, wenn notig, nachgegangen !vird, um erfahren, ob sie Bescksäftt- gung uno hrnreichenden Verdienst erhalten haben, wird jeder Beschädigte alsbald nach der Anmeldung eingeladen, bei nüs vor-

Drei ttantaten von 3 . 5 . Vach.

3u ihrer Au fsühr ung am Freitag, 8. Dezbr. 1916 in der Stadtkirche.

In denKantaten" Bachs liegt ein Stt'ick alter Kirchen- nmsik vor uns, das ans dem modernen evangelischen Gottesdienst ganz geschivunden ist, damals aber noch aus den Urspruug a::s dem liturgisch reicher ausgestatteter: katholischen Ritus hinwies. Die ftjanlaten stellen Musikstt'icke dar, die sich unter Verwendung von Orgel, Cembalo, Orck-ester, Chor. Solosttmme;: an die Verlesung des Evangeliums anschlossen. Sie sind musikalische Dichtungen! über das Evangeliun:, alles, was an den Sonn- unb Festtagew des Kirchenjahres durch die Verlesung von Abschnitten der Heili­gen Schrift und deren kirchliche Deutung angeregt wird, klingt in ilmen wieder uno vollständig ans. Durch eine Mannigsalttgkeit von Stimmungen jeder Art sind die Kantaten so ausgezeichnet und bieten uns einen unerschöpflichen Reichtum von ruhiger und ernster, von freudiger und bewegter Musik dar.

Meist liegen keine äußerlich leicht vorstellbaren Texte vor Uns, die allein schon geeignet stich, den: Hörer die Wege zu weisen, wie es etwa eine Opernarie tut. Was Bach ans seinen: inneren Gefühl geben will, ist tiefes religiöses Erleben, das nur in inni­gem Zusanmienklang von Wort und Ton zu erreiche;: ist,, intensiver Wortausdruck war das Ziel, dem sinmg uachgestrebt ivurde. Also nicht Sttmnningeu an sich sind cs, in die man sich träumend mit dem Gefühl versenken kann, die Wirkung geht nach einer anderen Richtung. Die Kvntaten wie die Passionen ..wirke;: eine Ergrifsenlreit der Seele, in welcher der Mensch für alles Wahre u;:d Einerwe empfänglich und über das Kleine lund Drlmtrende erhoben wird". Wenn nun: dies beachtet, so findet mm: sofort den Schlüssel zn dem Verständnis. Ter Hörer muß willig fern, sich in die Tiefen religiöser Stimmungen einführen zu lassen, dann wird chm der ganze Reichtum der Musik ganz aufgehen. Diese ernstliche Beteiligung von seiner Seite ist un­bedingt ;wtig: dem, der dies nicht weiß, wird die Einführung sehr erschwert.

Bach soll 295 .Kantaten komponiert haben, 190 sind uns von dieser große;: Zahl erhallen. Eine Auswahl aus diesen zu treffen, verlmigt für de;: Suchenden eine hohe Uebersicht über das gesamte Ddaterial. Tie voll dem Konzertvercin uns darge­botenen Kantaten Nr. 155Mein Gott, wie lang' ach lmrge?". Nr. 61Nun komm, der Heiden Heiland". Nr. 40Dazu ist er­staunen der Sohn Gottes^ »vollen neben einer ernsten, gläubigen

Weihirachtsstimmnng (Nr. 61, 40) auch den schweren Zeitumständen (dir. 155) Rechnung trageti. Die an erster Stelle vorgetragcnen Werke (Nr. 155 und 61) gchören zu den sog. Jngendkantaten des Meisters, die vor seiner Köthener Zett in det: Jahren 1704 bis 1717 entstmchen sind. Sie sind durchaus als reife Kompo­sitionen zu bezeichnen, unterscheiden sich aber dmnoch durch eine gcivisse Einsachhett im Aufbau von den späteren, die eine ab­gerundetere, plaiivollere Form und kühnere, lebendigere, leiden­schaftlichere Them'etl als vorher besitzen.

Tie Kantate Nr. 155Mein Gott, wie lang' ach lange" stellt ein kleines Merkchen von intimerem Charakter dar, dessen sich stufemveise etttwickelnde Sttmmung in den 5 Tellen klar zlum Ausdruck kommt. In dem einlettenden Rezttativ mit seinem monoton pochenden Orgel Punkt schildert der Soprm: das Gefühl der Gottesverlmsenheit, nicht ohne daß der Meister es sich nehmen ließ, auf dem WorteFreude" einen nur diesen Ausdruck charakteri­sierenden aufwärtsstvebenden Lauf mrzubringen. Tröstend antwor­ten Alt und Tcklwr in einem empftndnngÄiefen DuettDu mußt glauben, Tu mußt hoffen". Mt fester Sicherheit verheißt in dem anschließenden Rezitativ der Baß ein Ende der Prüfung. (Auch hier ist für das Jugendwerk charakteristisch, wie das Wortlieb­licher erscheine" von einen: kleinen, noch nicht zwei Takte umfassen­den Arioso umrahmt wird.) Die Sopran-ArieWirf mein Herze, wirf Dich ;vock> in des Höchsten Liebesarme" schildert, begleitet von lvilden Rhythmen der Streicher, in fast sinnlichec Weffe die teiden- sckiaftliche Hingabe der Seele. Der kurze Schlußchor drückt das feste, wun wiedergewonnene Gottvertvauen ans» die Sttmmung des Werkes ist in sich damit vollendet. ' ,

NÜn komm, der Heiden Heiland" (Nr. 61) war als Kantate zinn ersten 'Advent bejttmmt nnd ist ein rechtes Werk der Adventssttm;nNng, über dem 'ein einzigartiger Zauber lwlder Fugendlrchkett schwebt. Ten Eurgangschor,Nun komm, der Heiden Heiland", einen alten Lldventshym;rus, begleitet das Orchester mit retzvollen Themen in der Form einer ftanzösischen Ouver­türe eine Zusammenstell;cng von wunderbarer Wirkung, die durch den belebteren Mittellatz (Allegro) noch erhöht wird. Ein kurzes Tenor-Rezrtattvder Helland ist gekommen", als bewegteres Arioso verschlingend, sMeßt sich mi. Freudig hoffend mrd bittend ruft eine Tenor-Arte danach begleitet von dem großen Umsono der Vw- l-nienKotnin Jesu, komm zu Deiner Kirche" ni:d in dem folge;:- den kurzen Baß-Rezttattv spricht Jesus selbst de;: Worten der Offeubarrmg Johannis:Siehe, siehe, ich stehe vor der Türe imd ttopse an . rju diesem Largo, das über einen feierlich-geheimnis­

c wt.wx.vuw yim uuv jiuuHer ver­

heißend crkttngt, lmben wir de,: Höhepunkt des Werkes vor ;m£- Mn: geht der ^-oprai: ttr einer lieblichen, übrigens thcmattsch inter-

evanten virtp ivn-.nuf cv.

ein.

Jesus mit zarter Innigkeit zu

entgangen, ohne oer eigenen Nicdrigfkejtt dabei zu vergesse;:öffne ^5ch mem M'^es Herze, Jesus kommt und ziehet ein". Freudig stimmt der Schtnßchor, der als Pha;ttas:e über den Abgesang der ncelodieWie jchion leuchtet ur:s der Morgenstern" gearbeitet ist ^Tu schöne Fwidenkrone".' In stolzem" frischen: Aufsteigen schwingen sich die Streicher im Schlußakkoi-d hvch uber^ die Singsttmmen empor.

Ein in sich ganz geschlossenes und. einheitliches Werk liegt in der ge»valttgen Kantate des zlveiten Weihnachtsseieriages vor uns *

ber Sohn Gottes, daß er die 2 ^ X A b ^sTeufels ^rstör e". Triumph und Freude ül^r den Sreg bilden die Themata, über die Bach mtt reichen Mitteln' ^?Eitet, so daß nmn sich der Wirkung nicht entziehen kann mcht emstellende Wmcke kwlM nöttg sind. Der ganze Lkufbau dieser Km:- tate >emer reiferen Zeit ist ein viel festerer und darum wirkungs- VrlÄ «irderen. Anfangs- und Schlußchor

2) sind vorhanden, dazu noch zwei »vettere Choräle ^vie Srtnde macht Leid" undSchüttle Deinen Kopf und sprich", (w&v- 3 il 6) liehen m ihrer frischen sieghafte;: Art ganz

selbständig und doch »meder zusammenktingsch mit den Solvjlim - nsttsch ,ind in dem ersten Chor die Worte , Werke deS Teufels immer mit demselben Rhytl-mus »viedergegeben. In MN«n Gege^atz dazu steht das verküuderche Tenor-Recttattv ward Fleisch". Von einer wilden Zbraft ist das ^rmmphlied des Bastes (Teil 4)Höllisch^ Schlang, nnxb dir uschtomwe , das bei Bach säst ol-ne Settenstück ist. Pkasttsch mall hie Muftk die sich windende Schlange imd die tötlickm: TrMe de- Alt-Rezttativ (Teil 5) ist in seine;;: tmegen'- ^ eu ^as »chlerckendc Schlaugeitgist ivahrhrft smn - llch darstellt. ganz ;m;sterhast. Interessant ist, wie die Musik gegen das Ende durch stärkeres Betonen des Basses und leickte Btodilla - ttouen ohü:e e:;^ Aendertmg im Rhythlnus doch sich dem Texte an-- wßt: .'-^ruur sei getrost, betrübter Sünder '. Die Tenor Arie (Tett 7)ChriMuder, freuet euch" legt immer inwfcer bat ^Loespoimme Wortfreuett? Eigemrrttg und ^s^e^^ud sur die AusMhrendea: ist die Staccato Bwlettung ^ ChoralJesu, nimm dick, deiner Gllc - euren kürzet zuversichtlich fetzen Schluß: er ist i> m »

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