Ausgabe 
11.11.1916 Zweites Blatt
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Rr. 2(>6 Zweites Blatt 166. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntag».

Beilagen-.Htetzener FamiliendlStter'' und Ureisdlall für den Kreis Stehen".

Postscheckkonto: Frankfurt am Main Nr. U686. Sankverkehr: Sewerbebonk Stehen.

General-Anzeiger für Gberhessen

Samstag, November IW

Zwillingsrunddruck und Verlag:

B r ü hl'jcheUniversuäts-Bllch-u.Steindruckereu R. Lange, Gießen.

Zchristleitung, Geschäftsstelle und Druckerei:

Schulstraße?. Geschäfcsslelle u.Verlag:

Schristleitung: 112.

Anschrift für Drahtnachrichten: AnzeigerGießen-

Asquith über die Lage.

London, 10. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Auf dem Guild- G»att-Bankett hielt Asguith eine Rede, in der er u. a. sagte: Wir haben keinen und hatten nie Streit, im Gegenteil, lvir haben Liefe und aufrichtige .Freundschaft>r Griechenland. Als eine der Garantiemächte seiner Unabhängigkeit und Freiheit wi'ffr- sch«! mir gleichzeitig zu verhüten, daß. es in das germanische Netz Verstrickt wird, und es Var innerem Hader zu bemähren. Was wich immer für Maßregeln offenbar drastischer .Art von den Alliierten ergriffen worvet: sind, so sind sie nirr von der Nottvent- digkeit eingegeben, ,zn verhindern, daß Athen der Brennpunkt Und Mittelpunkt .deutscher .Werbetätigkeit und Intrigen w:rd,, -oder vielmehr sorisährt, das zu sein. Ich erkläre ganz offen, daß loir für diesen großen griechischen Patrioten Venizelos herzliche Sympathie haben. Er versicherte uns, und mir nahnten seine Ver­sicherung voll an. daß seine Anstrengnngeir und Organisation keine antidynastischen Ziele verfolgen. Das einzige Ziel seines Strebens ist, daß in dieser Welt des Kampfes Griechenland eine dvürdige Rolle auf der Seite der Freiheit uud in einer fortschritt­lichen Entwicklung, Nrit der Richtlinie der llnabhängrgleit und IFveiheit 'der Balkanvölker und osteuropäischer Gemeinschaften Spielen möge. - - Dies ist der Krieg für die kleinen Staaten. ßWi-e kann Griechenland in einem solchen Kampfe beiseite stehen? 'Eines der Ziele der Alliierten und namentlich derer, die wie toiv fcu den Garantiemächten gehören, ist, daß mir noch einntal in der -Lage mären, in der wir uns befanden, als Venizelos Minrster-i Präsident mar, und lvir zuerst nach Saloniki gingen. Hellas tvar es, die als erste unter den Nationen in Europa das Licht der Frei­heit anzündetc und Idem Einbruch der östlichen Barbarer und Tyvannei Widerstand leistete. Barbarei und Tyrannei sind emige Bernde des Besten im Nienscheu, ob sie von Osten oder von Westen kommen, ob sie unverhüllt und sctwnllos einherkommen oder be­behangen und verhüllt int Kleide der Kultur. Möge Griechenland sein Licht wieder anzünden und sich seiner unsterblichen Vergangen­heit mürdig erweisen.

Lassen Sie mich, ehe ich schließe, einige Worte über die all- '.gemeineren Aussichten der Lage sagen! Wik wollen >1rns über unsere Feinde keinen Illusionen hingeben. S:e sind große Organisatoren mrd vortreffliche Kämpfer auf den: Schlacht­felds, sie Und auch, ich will nicht sagen kunstvolle, aber doch uner- inüdliche Arbeiter aus emein ganz anderen Gebiete, aut dem Ge­biete der Werbetätigkeit, llitb tu dieser Beziehung sind ihre Be- vrübimgen ans zwei Ziele gerichtet, darauf, die Alliierten zu oer- tzrneinigei:, und darauf, die össenllickfe Meinung der Neutralen für sich selbst einzusangen. Unt\ von dem zweiten Ziele zuerst zu sprechen: Es wird in den neutralen Ländern die Behauptung! vusgestreut, daß wir und die Alliierten finstere Absichten hätten, »ins nach dem .Kriege gegen sic zusammenznschließjen und eine un- jübersteigbare Steinmauer gegen ihren Handel zu errichten. Das ist eine kindliche Einbildung. Denn wem: das tvahr wäre. so -mirve es bedeuten, daß tvir alle zusammen auf wirtschaftlichen! iSelbstmvrd ausgingen. Es sollte überflüssig sein zu versichern, daß, wenn die Zeit für den Frieden gekonnnen sein wird, die Mliierten von dem Standpunkt ihrer eigenen Interessen aus aus nichts mehr Gewick>l legen werden, als darauft bw besten industriellen und finanziellen Beziehungen mit ben neutralen Mächten herzustellen. Das ers^rwahnte Ziel der deutschen Werbetätigkeit besteht in der Beeinflussung der öffent­lichen Meinung in jedem der kriegführenden Ländw zngunftet: eines Sonderfriedens. Es tverden verschiedene Gründe hierfür an verschiedenen Stellen misgestreut. Beispielsweise wird hier in Großbritannien angegeben, Deutschland sei bereit, die Unab- bmrgigkert Belgiens wiederherzustellen und ihm Entschädigung zn leisten, und daß auf dieser Grurrdlage ein billiger Friede erlangt! -werden könne, sotveit besonders der britische Kriegszustand in -'Frage käme, daß wir von unseren Alliierten im Kriege weiter ge­zerrt würdet^, mit besonders die Ansprüche Frankreichs oder Ruß­lands oder Italiens zn befriedigen, an denen wir kein umnittel- Ewres Interesse oder Anteil hätten. Lassen Sie mich beiläufig be- mterfen, daß tvir ebenso zur Wiederberstellung und Unabhängig­keit Serbiens verpflichtet sind. Soweit ich sehe, hat niemand, der deutsche Werbetätigkeit betreibt, auch nur angedeutet. daß Deutsch­land bereit wäre, diesem Verlangen entgegenzukommen. Ich möchte iedock ohne Zögertt lind ohne Znrückhaltmig erklären, daß die Alliierten für eine gemeinsame Sache fechten Zrnd daß für das Ziel des Krieges ihre Interessen auch die virserigen sind, und daß der Siegt, der sic alle erfüllt, unsierev

Meinung nach die wesentliche Bedingung des dauernden Friedens ist. Das Shstsem, das die deutsche Propaganda gegen unsere Alli­ierten, insbesondere Rußland altwendet, ist gerade entgegengesetzt. Tort loerden ivir als Macht Ist:caestellt, der es darunt zu tun ist, den Krieg fortzusetzen und die Möglichkeit eines Separatfriedens wie eines allgemeinen. Friedens zu Hintertreiben. Wir werdet hingestellt als das Volk, das Geld zu Wucherzinsen ausleiht, das aus der Munition und dem anderen Bedarf, den wir liefern, und ans der Verschiffung, die wir besorgen, gewaltige Gewinne zieht. Wir werden hingestellt, als erfüllten wir die uns von Napoleon zugeschriebene überlieferte Aufgabe einer Nation von Höckern und> Händlern, als beuteten wir skrupellos und ohne Maß tdie Notlage unserer Brüder im Streit ans. Ja, den Frieden wollet: wir, aber nur unter der einen Bedingung, daß der Krieg mit seinen ungeheuren Opfern, unsagbaren Leiden und ruhmvollen und unsterblichen Beispielen von Mut und Selbst­losigkeit nicht vergeblich gewesen sein soll. Ein Separatfr:e4 den kann nicht in Frage kvm nt e n und ein Frieden, mag er früher oder später kommen ich will keinen Augenblick mem3 Ueberzengung verhehlen, daß der Kampf alle unsere Hilfsguellen, alle unsere Geduld und Entschlußkraft in Anspruch nehmen wird , wird ein solcher sein müssen, der ausgebaut ist, auf einer siche­ret: und festen Grtmdlage und Bürgschaft für die Schwackten, für die Freiheit Europas und für die zukünftige Freiheit der Welt.

Die Aussprache im Aeichshaushaltsausschus;.

(Schluß.)

Der Vertreter der Fortschrittlichen Volks Part ei erklärt^ daß ungezählte Peitschen nicht nur bei uns dem Reichs- kattzler für die Zusammenstellung, die er gegeben habe, dankbar sein würden. Tie historischen Vorgänge seien außerordentlich glück­lich und wirkungsvoll zusammcngestellt. T,as Gedächtnis, auch man­cher Staatsmänner, für die tatsächlichen Vorgänge, sei merkwürdig schwach. Der Redner tvandte sich sodann scharf gegen dett Berliner Lokalattzeiger, der mit seiner unüberlegten .Handlungsweise säst in die Geschicke der Menschheit eingegriffen habe. Seine Freunde seien damft einverstanden, daß internationale Friedensbedingungen stätt- fänüen. Ob Lord Grep im Ernste die Hand zum Frieden ausge- streckt> habe, wolle er nicht untersuchen^ Wir sollten aber zeigen, daß uns ernst sei, zu seinen Gedanken Stelluttg zu nehmen. Ob es möglich sei, eine dauernde Friedenswahrnng zu schaffen, sei gewiß fraglich. Seine Freunde seien immer dafür getvesen, einen Versuch zu machen. Es werde keine ganz verlorene Mühe sein. Jetzt, habe die Sache natürlich eine andere Bedeutung als vor den: Kriege. Durch die ganze Menschheit iverde ritt ernstes Sehnen nach der Friedeus- sicherung gehen. Er sei froh, doch der Reichskanzler so deutlich ernste Mitarbeit versprochen habe. Vielleicht sei das von größerer Be­deutung. als man sich im Augrurblick vorstelle. Es sei gut, daß unsere Friedensliebe so klar und unzweideutig sestgestellt worden! se:. Erst müßtet: natürliche die Konsegnenzen aus dem gezogen wer­den. was uns angetan worden sei. Eine Weltordnung im englischen Sft.ne und nach englischem Wunsche dürfe es nicht geben. Das sei das Interesse der ganzen Welt. Grehs Ansichten böten nicht diei Grundlage für einen Weltfrieden. Darin teile er völlig die Auf­fassungen des Reichskanzlers. Wir verlanget: Schutz unserer Rechte und Sicherheiten für unser"- Et-twickesnug.,>Aucb teilte Freunds haben niemals aus dem Standpunkte gestanden, daß Belgien annek­tiert iverden müsse, utck> wünschen dies auch jetzt nicht. Damit sei die Frage aber nicht erledigt. Belgien dürfe nicht der Tummelplatz englischer Machtbestrebungei: auf dem Kontinente werden. Ter eng­lische Einfluß müsse zugunsten des deutschen zurückgeschnitten wer­den. Zwischen diesen beiden Gesichtspunkten gebe es eine Reihe von Möglichkeiten. über die eine Auseinandersetzung erfolgen werde. Seine Freunde seiet: bereit, an diesen Fragen mitzuarbeiten.

Der Redner der sozialdemokratischen Fraktion führte aus, der Reichskanzler habe die Schul dftage ausgerollt und ausgeführt, wie er sich die Herbeiführung des Friedens denke. Diese letztere Frage sei die tvichtigere. Es wäre besser gewesen, daß manches, was über die Schuldsrage erklärt worden sei, schon früher bekannt gegeben worden wäre, rvie die ztveite Instruktion! nach Wien. Der russische Befehl von 1912 müffe das Märchen zerstören, daß Rußland der angegriffene Teil gewesen se:. In allen Ländern wachse der Gedatrke, es tnüsse eit: Ende des Krieges werden. Mit Recht habe der Kanzler gesagt, der Schrei, daß in Zukunft die Kriege durch interitationale Verträge verhitchert wür­den, sei so groß, daß cr schließlich einen Erfolg haben müsse. Wrr hätten früher die Schiedsgerichte zu sehr en bagatelle behandelt

gegenüber der Bedeutung, die ihr m Frantreich und England ber- gelegt worden sei. Der Kanzler habe die Befürchtung ausgesproä-en. daß England eine Friedensloalition nur wieder alleit: auf-eng­lische Bedürfttffse zuschneiden würde. Trotzdem se: das Prinzip als richtig anzuerkennen.'Wichtig sei, daß der Kat .nals eins

Annexion Belgiens verlangt habe. Es dürften aber Belgien nie­mals unel-renhafte Bedingungen auferlegt werden, bic £ine Verstän­digung hindert: würden. Das Reichsinteressc verlange nicht, daß wir Belgien militärisch, politisch und wirtschaftlich in der Hand behielten. Es fei ein gutes Programm', daß tvir uns' at: die Spitze einer Koalition stellet: wollten, die beit Krieg verhindern solle. Das Deutsche Reich führe einen Verteidiguitgs-, keinen Eroberungs­krieg. Daß t>er Reichskanzler ff: den früheren Redet: dre Tapferkeit der Franzosen gelobt habe, habe gut gewirkt: es se: zu hoffen, daß er i:ock) über seine heutige Reoe hinaus die Friedensbereitschast: Deutschlands erkläre, datrn tvürden die feindlichen Völker ihren. Regierungen die Schuld an der Weiterft'ihruug des Kricges geben.

Der Vertreter der konservativen Parte: erklärte, tvas der Kanzler über die Kriegsnrsachen gesagt habe, sei überzeugend und wert, im In- und Auslande verbreitet zu tverden. Unsere Ieinde, die sich auch durch unwiderlegliche Tatsachen nicht über­zeugen lassen wollten, tvürden es auch nach diesen Ausführungen nicht tun. Für den Friedete fei jedenfalls wohl nicht die Auf­fassung über die Nrsach/ei: des Krieges entscheidend, sondern die Machtstellung, die 'wir uns errungen hätten. Was den inter­nationalen Butü> zur Erhaltung des Friedens betreffe, so köm:e er dem Vorredner nicht beisftmmen, daß wir im Haag uns zt: wenig zustimmend zu diesen Ideen verhaltet: hättet:. Es sei notwendig gewesen, die Vorbehalte offen auszusprechen. Wenn man meine, das habe die Feindseligkeit gegen uns erhöht, so könne er dem nicht zustiurmen. Tie Feindseligkeit habe die anderen bekanntet: Gründe gehabt, bei England lag sie itt dem 'Entschluß, uns nicht hochkommen zu lassen. Wie die Dinge heute lägen, könne er dem Gedanken beiftichten, daß auch wir nach dem Kriege ehrlich versuchen müßten, an den intertmtionalen Friedensabmachungen mffzuwirken. Der Vorschlag allerdings, den Greh in dieser Be­ziehung mache, sei als solcher nicht ernst zu nehmen. Wenn Grey von idealet: Bestrebungen zur Erhaltung des Friedens spreche, so meine er das englische Ziel, einen Bund zu schaffen, der Teutscl)- land politisch isoliere, militärisch vernichte und wirtschaftlich boy­kottiere. Ein Bund mit dem Ziele, den Friedensstörer im Zaume zu halten, sei erstrebenswert: entscheidend für die Err^chung dieses Zieles werde letzten Endes die Machtstelluttg sein, die wir uns in diesem uns anfgezwnngenen Verteidigungskriege erkämpfen. In diesem iZulamMenhange stehe auch, die Erörterung des Manifestes über Polet:. Seinen Zweck erblicke der Redner darin, daß Polen dett Anschluß Mt die Zentralmächte erhalte. Er könne vielleicht nicht ff: dem Maße, wie die Vorredner, die Zweifel zurückstellen, ob dies Ziel erreicht werden würde, und ob der jetzige Augenblick der richtige gewesen sei, um diesen Teil der Friedensverhandlungen vorwegzunehnren. Er lege jetzt tveniger Wert aus die Erörterung dieser Zweifel, sondern sei gewillt, mit den vollendeten Tatsachen zu reckmen und das Hauptgewicht auf die Frage zu legen, wie weiter verfahren werden soll, lieber Belgien stehe er in.einem entschie­denen Gegensatz zu dem Redner der sozialdernvkratischen Fraktion, der lediglich das negative Ziel ausgesprochen habe; daß wir atlk jeden Etnsluß verzichteten, sei 'direkt eine Utopie.^wenn der Vor- rebitct von den Erklärungen solcher^ Verztchtletstungen aus die ^ÄvMmtzung allers dessen, was wir militärisch mit urcserem Blute errungen haben, süh einen günstigen Einfluß aus die Beendigimg des Krieges verspreche. Mit dem Zentrumsredner sei er einver­standen darin, daß wir sorgen mußten, Belgien' nicht toieder als ein Einfallstor benutzen zu lassen. Er sei aber auch dafür, das Land als eine Stärkung unserer Machtstellimg zur See nutzbar zu machen. Wie wichtig das sei, habe unser jüngster Vorstoß ff: den Kanal bewiesen. Lllrch jeglichen Verzicht Frankreich gegenüber könne cr nicht zustffnmen. Mit dem Zentrumsredner wünsche er, der Kanzler möchte positiv erklären, daß mit der Ablehnung der Annexiot: doch eine Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte ver­bündet: sein müsse.

Ein Redner der Sozialdemokratischen Arbeits- gemeittschaft führte ans, am wichtigsten seien die Ausführun­gen über den Frieden, und er möchte bei: Satz rchterstreichen, daß wir an jeder Koalitiot: teilnehmen würdet:, die den Frieden sichere. Grep habe niemals det: Gedanken ausgesprochen, daß Deutschland boykottiert und verttübtet werdet: solle, im Gegentei!, er^habe dies wiederholt abgelehnt. Was der Vorredner wolle, sei, daß Belgien zu einem Vasallenstaat werde. Wenn wir solche Programme auf­recht erhielten, tvürden wir nie den Frieden bekommen. Solang^

(Bicfecttcr Stadttheater.

Maria Stuart.

Trauersprel von Friedrich von Schiller.

Zu Schillers Geburtstag war diese Ausftihrung in die Wege Leitet. Sie war im höchsten Grade verdienstvoll. Tenn sie ertvies, Laß Schiller auch an der Provinzbühne möglich ist, vhtte daß eine der berüchtigten 'Lchülervorstellungen daraus wird. Es bedarf nur einer getvissenhafteu Vorbereitung und des küitsllerischen Ernstes der Darsteller. Ai: beidem fehlte es diesmal

nicht. Wilhelm Hellmuth, dessen sachliche Spielleitung schon öfter lobend anerkcvtnt wurde, gebührt besonderer Tank für diese Aufführung. Er hat ein gutes Auge für die Erfordernisse des klassi­schen Stückes. Er hatte auch die Räume klug ausgebaut, so daß bis aus unbedeutende Kleinigkeiten nichts daran auszusetzen ivar. Zn diesen Kleinigkeiten gehört der Vorhang in der letzten Szene, dessen roter Streifen das gleich,farbenc Haar der Königin Elisabeth als Farbwert aus sog.

Die Darsteller übertrafen insgesamt und im einzelnen die Er- lwartungen, die man nach den: ersten klasisschen Stücke, dem' !>.Nathan", hegen durfte. Wo eff: Lob ehrlich verdient ist, soll nicht !damit gekargt tverden. Ties gilt für die noch sehr jugendliche Künst­lerin Llda M a h r, die in der Rolle der Maria Stuart eine künst- jlerische Reife an den Tag legte, die nach den bisherigen .Erfahrungen che: ihr nicht zn vermuten war. Mag sein, daß sie in früheren .'Rollen feine Gelegenheit hatte, solch überraschendes Können f,u .entfalten. Hier erschloß es sich zn einer einl-eitliä-en, langsam s:ch steigernden Größe. Man fühlte: dieses Spiel tvar qus einer liefen lPerim^rlichung in das Seelenleben der leidenden Königin hervvr- .gewachsen. Daher tvar jeder Don echt und jede sparsame Geste Idurchgeisffgt. So schritt sie ohne Nachlassen der Spannkraft aus idem Staube ihrer Ertffedrigung zum leidenschaftlichen Triumph über jihre Gegnerin tmd zur geklärten Absage an die irdische iHMt Es bleibt zu erwarten, ob es der Mnstlerin ein zweites Mal ge­lingen wird, eine Gestalt so aus einem Guß zu schassen. Als Geg­nerin stand ihr Ell: Dornhöser gegenüber. Sie hatte der Nach- 'wehen einer Erkältung wegen um Rücksichtnahme bitten lassen. sEs wäre tlicht erforderlich gewesen, denn das Strenge, etwas Fro­stige der Ettgländerin lag unztoeifelhaft in ihrer Art, und so -erzielte auch sie einen Volten Erfolg. Die Gestalt der Elisabeth ge- -wann bei ihr ein vorzügliches Gepräge, was sich zlumal in den 'letzten Auftritten erwies. In der Zusammenkunft mit Elisabeth thätte eff: Nein wenig 9!ervosität die Beherrschtheit durchbrechen ^dürfen. Adolf Falken gab den Mortimer mit dem leidenschast- .lichen Pathos, das dieser Gestalt naheliegt. Eine Milderung des Drestifsimo zum Vivace hätte ihn vor einigen sprachlichen Ent-

gleisunget: behütet. Graf von Leicester, Oskar F e i g e l, konnte ff: dem Schwanken seines Charakters nicht überzeugen. Wer Krone gegen Krone ausspielt, muß besttmmter umrissen sein. Vorbildlich in Maske und Spiel war iviederum Max W e s o l o w s k i als Baron von Burleigh. Ein Hagen von Tronje, ftnster, unbeugsam und treu, erriet er die geheimen Wunsche seiner .Königin und führte sie aus. Besser konnte der Charakter Burleighs kaum gezeichnet werden. Wffhelm Hellmuth gab den ehrlichen Shrewsbury. Erwähnt seien noch Hans Werthmann, Kurt L e r ch, Emil W a l d e n und Luise D e l o s ea.

Das Haus war ausverkouft und zeigte beifallsfreudig seine

Anerkennung sirr das Gebotene. zz.

*

Gberhesfischer ttunstoerein.

Gießen, 10. November 1916.

Tie erste Ausstellung dieses Winters hat Pani Cassierer-Berlin mit einer Sammlung beschickt, die gute Namen attstoeift. Zwei Lieberntanns, zwei Leistikows und ein Trübner, das sind Namen, die allein schon ihre Anziehungskraft ansübet: tverdm. Auf dis Feinheffei: desReiter am Meer" von L i e b e r m a n n aufmerk­sam zu machen, erübrigt sich. SeineZwei Hunde", die das Da­tum 1914 tragen, offenbaret: in der Behattdlnng des Felles eben­falls die immer noch meisterliche Techtcik dieses begabtesten deut­schen Impressionisten. LeistikowsHerbst in Meran" und Kirchhof im Frühling" sind mit einer ttänmerischetr Versonne::- 'peit gestaltet, die dem Beschauer ihren Stimmutrgsgehalt anf- ztoingt. TrübnersHerbst" gehört nicht zu den besten Schöp­sungen dieses Meisters, fesselt aber ebenfalls stark. Ulrich H ü b - t:e r ist mit zwei überraschend jchirf gesehenen und flott gemalten LandschaftenHerbstsommer" undWintertmhe" vertteten, die außerdem beit Vorzug einer guten Fläck)-enausteilnng haben. Von! zwei Bildern Theo von Brock Husens getoffurt die Landschaft Aus Nienport", mis dem recksten Abstand gesehen, eine außer­ordentliche Raumtiefe und farbige Kraft. An Leuchtkraft der Farbe tvetteisert damit Romat von KardorffsPlakatsäule an der Lützowbrücke". Eine glänzende Beherrscknutg des Raumes beweist H. Beck manu /mit dem impressionistisch gesehenen ,.Strandbild"ansschnitt. W. Rösler leitet mit seinen beiden» Bildert:Badettde" undLandschaft mit Straße" zu mehr expres­sionistischer Sehweise über.Die Landschaft mit Sttaße" hat, voi: Einzelheiten abgesehen, große künstlerische Qualitätei:, was! besotlders bei der Behandlung des Lichtes hervovtrrtt, das über der fernen Stadt liegt. Ztoei schnmcke lichtvolle Landschaftsbilder hat Klein-Tiepold ausgestellt. Zumal dieKühe auf der Werde" sind in einem seinen Lichte gebadet.

'Außer dieser Sammlung Cassierer ist noch effre Reihe von Künstlern vertreten. Mehrere Arbeiten von G.

Segantini weisen eine eigenartige Technik aus, die an sich eine Neuerirng darstellen oürfte. Die Farbe ist mit spitzer Spachtel aufgetragen. Eine gute Wirkung wäre damit sicherlich zu erreichen, werm der Künstler ebenso wie die Darstellung eines Blütengehänges die Gesetze der Raumtiefe und die Anatomie des menschlichen Körpers beherrschte. Ter Raum geht von der Fläche nicht los und die Figuren wirken puppenhaft leblos. Wir erwähnet: noch eilte Bilderserie des Frankfurter Künstlers Bah­ner, besonders die LandschaftAus dem Vogelsberg", tresflicho Landschaften von M. Fritz, zumal der in einem seinen Braut: abgetönteKieserttwald", seineNiedersächsische Küche" und Abend", dasFünsbäume-Kreuz" von P. L e u t e r i tz, stim- numgsvolle Tierbilder von W. T i e d g e n. mit unendlicher Sorg­falt gemalte Landschaften von I. G. Mohr und eine gehalwolle Landschaft von C. Felder. Liebltaber der dünnflüssigen Oel- technik werden an dem BildeDorfstrategen" ihre Freude haben. Olga H a s s e l m a n t: - K u r die mehrfach hier schon aus- stellte, zeigt ein für sie charattcristisches PastellLauernde Zuaven" rntb eilt lebensvolles Porträt des beim Bergen eines verwundetet: Franzosen von einer heimtückischen Kugel tliedergestreckten Leut­nants Schenk.

Zmn Schlüsse sei wiederum auf die außerordentlich feinen Radierungen von H. H a b e r l aufmerksam gemacht, die wir be' einer der letzten Ausstellungen besonders hervorhoben. zz.

*

Der König her amerikanischen Wetterpro­pheten. Der New Porker Professor Cleveland Abbe, dessen Tod die amerikanischen Blätter meldeten, war in det: Vereinigten Staa­ten als der König der amerikanischen Wetterpropheten bekannt. Ein halbes Jahrhundert hindurch beschäftigte Professor Abbe sich aus­schließlich mit der Beobachtung der Wetterverhchttüsse Nordameri­kas, und man behauptet, daß die außerordentliche Treffsicherheit der Wetterprophezeiungen der meteorologischen Station itt Washiug tot: hauptsächlich der bfftgebende:: Tätigkeit Cleveland Abbe's tu verdanken Ist. Die Wettervoraussage spielt in dcn: Bereinigten Staaten eine viel größere Rolle als bei uns, besonders in Ver­bindung mit großen Börsenspekulationen in Weizen oder anderen Bodenprodukten. In jedem Geschäftsbureau wird eine ungeheure Kärtenmappe der Vereinigten Staaten gehalten, auf der die durch schnittlichen W^tterverhältniffe nach den Erfahrmtgen und Voraus sagen farbig eingetragen siiw. Auf die Angaben dieser Karlen, in die man täglich die aus Washington telegraphierte Wettervoraus­sage einzeichnet, stürzen sich zahlreiche unternehmende Getreide spekulanten. Darum hätten auch sie einige Veranlassung, dankbar des Königs der Wetterpropheten zu gedenken