Ausgabe 
10.11.1916 Zweites Blatt
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 265 - Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag-.

Beilagen:Gtetzener ZmnillenblStter" und ..Urrisblatt für den Ureis Kietzen".

poftscheSkonto: Krmttfvtt am Main Ur. U686.

Vantverkehr: Se«erbebank Kietzen.

M. Jahrgang

euer Anzei

Seneral-Anzeiger für Gberhejjen

Zreitag. JG. yovember J9J6

Zwillingsrunddruck und Verlag: Brühl'scheUnwersttäls-Buch-u.Steindruckerel.

R. Lange, Gießen.

5christleitnng, Geschäftsstelle und Druckerei:

Schulstraße?. Geschäftsstellen.Verlag:

Cchriftleilung: 112.

Anschrift für Drahtnachrichten: AnzeigerGteßen.

Wilson oder Hughes?

Ungewisser Ausgang der Wahl.

Berlin, 9 Nov. (WTB.) Nach einem bei der Londoner Vertretung derAssociated Preß" gestern abend 9 Uhr ein­gelaufenen Telegramm sind bisher für Wilson 248, für Hughes 248 Stimmen gezählt worden, 40 sind zweifelhaft. Die Wahlausschüsse beider Parteien beanspruchten für ihre Kandidaten den Sieg. Wilson habe in den mittelostlichen Staaten an Boden gewonnen.

Amsterdam, 9. Nov. (WTB.) Nach einer Depesche des ^Reuterschen Bureaus aus New Dork von gestern entstand infolge der verspäteten Ankunft der Abstimmungszahlen aus dem fernen Westen und des dadurch verursachten fort­währenden Schwankens eine Lage, die beispiellos dasteht. Die Mehrheit, die Hughes in den östlichen Staaten er­hielt, scheint durch steigende Stinrmenzahl für Wilson in den Weststaaten ausgeglichen zu werden. Das Ergebnis derWahl ist noch unsicher. Die Führer der nationalen Komitees beider Parteien nehmen den Sieg für chre Kandi­daten in Anspruch. Die Morgenblätter verkünden alle, daß Hughes gesiegt habe; auch die Blätter der Gegenpartei. Äber schon später ausgegebene Extra-Morgenausgaben ließen es als möglich erscheinen, daß Wilson gewählt sei. Die Stimmenverhältnisse weisen so geringe Unterschiede auf, daß in den Weststaaten wahrscheinlich ein erbitterter Streit über die Gültigkeit der Zählungen entstehen dürfte. Einige Zäh­lungen werden vielleicht wiederholt werden müssen, wodurch der Ausgang der Wahl verzögert würde.

Eine spätere Reuter-Meldung aus New York besagt: In dem Maße, wie die Wahlergebnisse einlaufen, schöpfen die Anhänger Wilsons mehr Mut, da Wilson wahrscheinlich in den Staaten Kansas, Idaho, Washington, Wyoming und Neu-Mexiko gesiegt hat. Die Republikaner behaupten, in allen übrigen Staaten, wo die Wahlergebnisse noch zweifel­haft sind, gewonnen zu haben. Wenn das richtig ist, würde Hughes mit einer kleinen Mehrheit gewählt werden. Wilson ist aber in Minnesota noch immer mit einer kleinen Mehr­heit voraus und ohne Minnesota sind die Aussichten für Hughes unsicher. Die Denwkraten in New Hampshire wol­len eine neuerliche Stimmenzählung vornehmen; dieselbe wird vermutlich noch in vielen anderen Staaten notwendig sein.

New Dork, 9. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reut ersehen Bureaus. Um 4 Uhr früh, 24 Stunden nach­dem die amerikanischen Blätter aller Parteien die Wahl von Hughes für sicher gehalten haben, ist die Lage noch immer unentschieden. Auf beiden Seiten herrscht große Aufregung. Beide Parteien beanspruchen den Sieg. Associated Preß" berechnete gestern die wahrscheinliche Stärke im Wcchlkollegium. Sie gab Wilson 232, Hughes 239. nxchrend 60 Stimmen von acht Staaten zweifelhaft seien.

llriegsbriefe aus dem westen.

Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.

Mttberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.?

Wiederholte Beschießung von Reims.

Die Schlacht an der Somme.

Großes .Hauptquartier, am %. November.

Auch gestern Mußte eine Anzahl Granaten gegen die Festung Reims abgegeben werden als Vergeltung für die täglich erneuert Beschießung von Ortschaften binter unserer Champagnefront durch die Franzosen. Daß die deutschen Vergeltungsmaßregeln wirkungs­voll waren, haben inzwischen schon die französischen Berichte be­zeugt. Gleichzeitig aber versuchen die Franzosen mit der Tatsache, daß durch unsere Granaten eine Anzahl Häuser zerstört und einige Einwohner der Stadt getötet worden sind, das schon öfter ange- rusene Kulturgewissen der Welt gegen das deutsche Barbarentum!

in Bewegung zu setzen. Demgegenüber kann nicht oft genug betont! werden, daß alles, was <m der langen Westfront an sinnloser Zer­störung von Kulturdenkmälern geschehen ist, von den Franzosen und ihren Verbündeten verübt lvorden ist, ebenso wie ihnen die mili­tärisch zwecklose Beschießung von weit hinter der Front gelegenen Dörfern und die Tötung von eigenen Landsleuten zur Last fällt. Ueber zwei Jahre haben die Franzosen Zeit gehabt, die Einwoh­ner aus der dicht vor unserer Front liegenden Festung, deren Ost­forts in unseren Händen sind, zu entfernen. Ebenso lange hatten sie Zeit, um alles Notwendige zum Schutze der bedrohten Kunst­denkmäler zu tun, wie wir es in Etain, in St. Mihiel, in Dixmui- den und anderen der Beschießung ausgesetzten Orten getan haben, wo unsere Soldaten die Kunstschätze des Feindes vor dessen eigenen Granaten gerettet haben. Wenn die Franzosen jetzt auch den Süd­teil von Reims, wo neben anderem die berühmte Abtei St. Remi steht, unserer Beschießung aussetzen, weil sie dort ihre Batterien aufstellen, wie sie es früher im Kathedralviertel gemacht haben, so ist derjenige ein Barbar, der seine Kanonen im Schatten der geschicht­lichen Denkmäler auffährt, nicht derjenige, der zur kriegerischen Gegenwehr gezwungen ist. Nördlich der Somme war die Kampfestätigkeit ruhiger, da der Feind die Folgen seiner blutigen Niederlage vom 5. November noch nicht überwunden hat. An den bekannten Brennpunkten herrschte wieder stärkeres Artilleriefeuer. Siidlich der Somme hatten die Franzosen mit einem starken An­griff, der im allgemeinen scheiterte, durch die Einnahme des Dor­fes Pressoire einen kleinen örtlichen Erfolg, den sie schwer erkauften. Nach hefttger Trommelfeuervorbereitung auf den ganzen Abschnitt Wanerniont-Chaulncs wurden sie am Vormittag überall zurück- geworsen. Am Nachmittage scheiterten ihre übrigen Angriffe eben­falls. Nur bei Pressoire kamen sie vor, verloren aber auch hier durch unseren Gegenstoß einen Teil des schon besetzten Geländes.

W. Steuermann, Kriegsberichterstatter.

Der Neubau des deutschen ganttlieitltbens nach dem Kriege.

(Fortsetzung.)

Darmstadt, den 8. November.

Hieraus sprach Dr. D i p p e - Leipzig über die Tätigkeit und Wirken des Arztes. Für die dringend notwendige und gesundheitliche Ueberwächmrg des Volkes' ist die bisherige Art der Wirkung des Arztes nicht genügend. Der Arzt muß eine Art andere Stellung haben als heute, er muß ein richtiger Haus­arzt sein, der alle Familienmitglieder kennt, der die Familie von Anfang an begleitet. Für den Minderbemittelten wird die Kosten­frage durch die Versicherung gelöst. Ein besonderes Gebiet, das die größte Beachtung verdient, ist die Säuglingssürsorge, die in Hessen bereits vorbildlich ausgebaut ist. Die Fürsorge muß auch mehr aus das Heranwachsende Kind ausgedehnt werden, das besonders vor ansteckenden Krankheiten zu bewahren ist. Von Zeit zu Zeit sollte auch beim Gesunden eine Untersuchung stattsinden. In Amerika ist ein Versuch im Großen gemacht aus Betreiben der Lebens- Versicherungsanstalten. Nur 5 Prozent aller Untersuchten konnten als völlig gesund bezeichnet werden. Große Aufgaben werden dem Hausarzt erwachsen, wenn all die Taufende aus den Schützengräben zurückkehr cm.

Oberbürgermeister Glässing sprach den Rednern den Tank der Versammlung aus.

Der heutige zweite Tag der Beratungen wurde vormittags 10 Uhr von Herrn Oberbürgermeister Dr. Glässing mft kurzer Be­grüßung! und Bekanntgabe der vertretenen Behörden, Vereine und Korporationen eröffnet. Ter Kaisersaal war dicht mit Vertretern des Kongresses besetzt. Vom Reichskanzler war ein vom Ober­bürgermeister Dr. Glässing verlesenes Telegramm eingelaufen. Das Thema des heutigen Vortrags lautete:Der Neuaufbau nach seiner sittlich-religiösen Seite". Den ersten Vortrag darüber hielt Geh. Konsistorialrat Dr. v. Rohden, dessen Ausführungen in dem Satze gipfelten: Nur wo die ewigen religiösen Grundsätze zur Geltung kommen, können wir hoffen, eine Gesundung unseres Volkes und Familienlebens herbeizuführeu. Besondere Aufmerksamkeit müsse dein Wiederaufbau sittlich^reli- giösen Familienlebens gewidmet werden, das für die Zukunft un­seres Volkes von höchster Bedeutung sei. Tie heutige Ehe dürfe nicht aus wirtschaftlichen Gründen eingeschränkt und die Kinderzahl vermindert .werden. Mit der notgedrungenen Vereinfachung der allgemeinen Lebensbedingungen müsse auch eine natürlichere Auf­

fassung des ganzen heutigen Geschlechtslebens Hand in Hand gehen. Man müsse sich mehr einem religiösen Triebleben hingeben, es tue eine größere Freude am Kind Und ander Atutterschaft Not. Das Kind müsse wieder als ein Geschenk Gottes betrachtet werden. Nach dem mit lebhaftem Beifall «ausgezeichneten Vortrag sprach Universitätsprosessor D. Walter- München über dasselbe Thema, wobei er eine Anzahl Leitsätze aufstelltc, auf die wir morgen näher zurückkommen. Nach Beendigung des Vortrags erfolgte noch eine längere Besprechung über die Vorträge der Herren Dr. Grube und Dr. Tippe vom gestrigen Abend. Gegen 2 Uhr vereinigten sich zahlreiche Teilnehmer zu einem gemeinsamen Mittagessen im Kaiscr- saal und am Nachmittag fand ein gemeinsamer Spaziergang nach dem Oberwaldhaus statt.

D a r m st a d t. den 9. November 1916.

In Fortsetzung der gestrigen Beratungen führte nach dem Vor­trag des Geh. Kons.--Rats Dr. v. Rohden der zweite Redner, Uni­versitätsprofessor D. Walte- München aus, daß der wahre Reich­tum des Volkes in der Fügend liege, die Quelle der Volkskraft aber in Familie und Ehe. Je reiner im Volk die Ehe gehalten werden, um so glücklicher werde ein Volk und um so größer auch die Volks­kraft sein. Dem Deutschen sei von Natur aus ein tiefer Familien­sinn eigen und diesen gelte es zu weckep und zu pflegen. Die heuttgen Erwerbsverhältnisse haben lockernd und zerstörend in das

E amilienleben eingegriffen. Auch die Wohnungsnot in Stadt und and erweise sich als schlimmer Feind des Familienlebens. Der Reichtum an materiellen Gütern habe un3 zu Sklaven unserer Be­dürfnisse gemacht. In den begüterten Ständen würden Kinder immer mehr zu Luxusgegenständen. Geldheiraten seien heute etwas alltägliches. In der Prostitution, auf die der Redner dann ein­ging, liege eine der verhängnisvollsten Ursachen für unfruchtbar«; Ehen und für den Geburtenrückgang. Auch der Alkoholismus sei eilt arger FÄnd der Volksentwicklung Und Sine der Ursachchr des Niederganges des Familienlebens. Die Ehcscheu der Männer und Kinderscheu der Frauen müßten bekämpft werden. Eine Besserung sei nur durch Stärkung des Verantwortlichkeits­gefühls des Einzelnen zu erzielen. Das Werk der Erneuerung könne nur von christlicher Grundlage ausgehen. Die Religion sei idie Zentralsonne, die die Ehe durchleuchten und durchwärmen müsse. Das deutsche Volk sei im tiefsten Grunde religiös, und zur Erneuerung unseres Volkes dürfe die Religion nicht außer acht gelassen werden. Der gegenwärtige Krieg hat gezeigt, daß das deutsche Volksleben im innersten Kern noch gesund sei. Der Redner ging zum Schluß seiner Ausführungen noch aus die Pslichtcu der Jügend näher ein und empfahl besonders eine intensivere Gemüts- pslege derselben.

Nach! dem mit lebhaftem Beifall ausgenommenen Vortrag trat eine kurze Pause ein und dann folgte eine Aussbrachte über dir Vorträge, aus welcher sich im allg eine inen eine völlige Ueberein- stimmung der Versammlung mit den vorgetragenen Grundsätzen und Zielen ergab.

9?ach einigen geschäftlichen Mitteilungen des Vorsitzenden, Bürgermeister Mueller, gelangte das Thena:

Der Wiederaufbau nach Seiten der Kinderzahl, Kinderpflege und Erziehung zur Beratung. Als erster Redner sprach Herr Dr. Grandke- Berlin. Gr führte etwa Folgendes aus: Tie gegenwärtige beispiel­lose Bevölkerungszunahme in der ganzen Welt werde in der Kulturwelt besonders unterstützt durch die immer mehr t>ermin- derte Säuglings- und Kindersterblichkeit, die umso fteudiger be­grüßt werden muß, als die starke Geburtenzunahme seit Beginn des neuen Jahrhunderts wesentlich zurückging. Für uns aber gilt es, die verständige HöckMahl an Kindern zu erzielen, die die wirtschaftlick)en Verhältnisse zulassen. An Hand statistischer Zahlen legte der Redner näher dar, daß in den Provinzen mft kattzoli-, schier Bevölkerung eine Zunahme der Geburten zu beobachten ist, während sie in vorwiegeich evangelischen Bezirken zurückgeht. Hier­aus sei zu schließen, daß ldie Art der katholischen Seelsorger das sitt­liche' Individuum stärker erfasse als die evangelische. In den Städten habe die Zahl der Geburten im Verhältnis zum Lands ganz erhebliche stärker zugenommen. Entnervende Genüsse der Großstadt müßten unserer Jugend entzogen werden ohne Rück­sicht auf die Wünsche reisender Ausländer. Die hohen An­sprüche. die das Genußleben stellt, erschweren natürlich die Ehe­schließung. Als Vorbcugungsmittel schlägt der Redner eine Ab­kürzung der unbesoldeten Ausbildungszeit der jimgen Leute und

Uunst, wsssenschalt und Leben.

Neue svomjungen Luther. Von brieflichen Aeuße- rungen Luthers vor der Wittenberger Zeit ist nicht viel bekannt. Aede Bereicherung unserer Kenntnis ist daher mit Dank zu be­grüßen. In einem Sammelband der Erfurter Bibliothek, den die Königliche Bibliothek in Berlin im Jahre 1908 übernommen hat, fand H. Degering eine Anzahl Briese verschiedener Verfasser aus der Zeit von 1498 bis 1507. Darunter sind sicher zwei, wahrschein­lich aber drei von Luther. Der erste, an Johann Braun, seinen Eisenacher Freund und Gönner, gerichtet, ist vom 5. September 1501 dattert und somft der älteste aller nunmehr bekannten Luther­briefe. Er enthält eine Mftteftung Luthers über seine Immatriku­lation in Erfurt, aus der als neue Tatsache hervorzuheben ist, daß er die Erlaubnis zum Besuch der Universitätder Fürsprache ihm wohlgeneigter Verwandter" verdankt. Ausgenommen wurde er in die Kurse zur Himmelspsorte. Der zweite Brief vom 28. April 1507 ist an Trebonius, Luthers Lehrer in Eisenach, gerichtet und bildet ein Seitenstück zu dem bisher ältesten Brief vom 22. April 1507 M Braun, denn er enthält tvie dieser eine Einladung zur Primiz. Pon besonderer Bedeutung ist der Brief vom 23. Februar 1503, hei dem leider weder Absender noch Empfänger genannt sind. An Luthers Autorschaft kann aber kaum gezweifelt werden. Ist der Brief von Luther, so gibt er uns Einblick in weltschmerzliche Stim­mungen, die für diesen frühen Zeftpunkt festzustellen natürlich von hohem Juteresse ist.Die Zeiten sind schlecht, die Menschen noch übler, am schlimmsten ihre Werke. Vor lauter Kneipereien bin ich noch zricht dazu gekommen, etwas Gutes zu lesen oder zu schreiben. Aber mit den Wölfen muß man heulen." Die lateinischen Werke entsprechen freilich den für die Uebersetzung gewählten nicht ganz, aber die Formulierung ist so individuell, daß mau aus der Klaue den Löwen zu erkennen glaubt. Kr.

Das Schweriner Hoftheater an der West­front. Aus Lille Imrd uns geschrieben: In einem zwösltägigen Gastspiel hat das Großherzogl. Hoftheater Schwerin im Deutschen Theater zu LilleTiefland",Undine",Die lustigen Weiber von) Windsor",Polenblut" undDas Dreimäderl- haus" gegeben, und mit den beiden letzten Werken auch in Douai gastiert. Eugen d'Mberts Musikdrama kam in seiner gewaltigen Steigerung unter der musikalischen Leitung des Hofkapellmeisters Pros.^Kähler zu vollster Wirkung. Tie Feldgrauen standen bis kum Schlüsse unter dem Bcmnc des dramntisch-louchtigen Werkes und spendeten den Darstellern wohlverdienten Beifall. Die Aus­führung derUndine" stellte an die Einrichtungen der Kriegsbühue nicht aeringe Anforderungen, die aber glücklich von den bewährten Hauskünstlern des Liller Theaters bewältigt wurden. Auch« hier gaben die Darstetter ihr Bchies. Unter der Leitung des Hoskapell- vreifi«irs Pros. KWec Kaut frfee reisende Musik unseres Lortzing

zu vollster Geltung. Bei den Aufführungen derLustigen Weiber von Windsor" stand H-ofkapellmeister Alfred Meißner am Pult. Tie galanten Abenteuer des Fallstaff., (den Otto Fr ei bürg mit seines.Basses Grundgewalt meisterte) erregten bei dem feldgrauen Publikum eine fröhliche Stintmüng. In der OperettePolenblut" (ebenfalls unter der Leitung Meißners). fesselte vor allent Pia v o n Luba als Hellene durch Gesang und DarsteUungskunst. Mit be­sonderem Interesse verfolgten die feldgrauen Zuhörer die stim­mungsvolle Aufführung des Verlöschen, SingspielsDas Drei- mäderlhaus". Tie Schubertschen Melodien veranlaßten häufig Bei­fall bei offener Szene. Das feldgraue Orchester, das manchmal nicht ganz leichte Aufgaben zu bewältigen 'hatte, zeigte sich auch diesmal allem gavachsen. Um die Bühnenbilder Mächten sich besonders zwei Feldgraue verdient, Edmund Werner, der zuletzt am Kgl. Hof­theater Hannover tätig war, und Paul H e n s ch e l, der schon manchen Leser der Leidiger Illustrierten Zeitung durch seine Zeich­nungen aus dem Felde erfreut hat. F. A.

Die Königin von Rumänienals Schrift stel­le rin. Königin Marie von Rumänien ist Unter die Journalisten gegangen! Sie hat nämlich damft begonnen, in denTimes" einen Artikel über Rumäniens Land und Leute zu schreiben. Be- sonders wohlgefällig erzählt die Königin von ihren Besuchen bei den rummnschen Bauern. Die Bauern empfingen mich stets so schreibt sie Mit Blumensträußen in der Hand. Die Einwohner des Dorfes umringten mich, küßten mir die Hand, den Saunt meines Kleides oder brachten mir ihre Kinder, die das Zeichen des Kreuzes über mich machten. Manchen seltsamen abergläubischen Brauck- konnte ich beobachten. Es war den Bauern z. B. ein glück­verheißendes Zeichen, tvenn ich im Regen ankam: denn der Regelt bedeutet im trockenen Rumänien Wohlstand und die Hoffnung auf eine gute Ernte. Die Bäuerinnen setzten zuweilen Eimer mit Wasser vor ihre Schwellen oder sprengten Wasser vor meine Füße. Ich habe große hübsche Mädchen gesehen, die mir mft überfließenden Wasserkübeln aus dem Kopse entgegengingen. War ich ganz nahe, so blieben sie still stehen und ließen die Wassertropsen über das Gesicht laufen, üm zu beweisen, daß ihre Gefäße wirklich voll waren. Ebenso glückbringend wie ein voller Wasserkrug ist es auch, wenn man einem mit Korn oder Stroh beladenen Wagen begegnet, aber ein leerer Wagen bringt ebenso sicher Unheil. Ich bin auch in der Tobrudscha in einem' Dvrfe gewesen, in dem Rumänen, Russen, Deutsch,e und Türken friedlich zusammenwöhnten. Ich ging durch das ganze Torf, ttat in viele Hütten ein und in jedes der vier Gotteshäuser. Zuletzt kam ich auch in die einfache, ländliche Mo­schee, die mit dürftigen Teppichen behängen war, und lauschte, um­geben von einer Menge von larmen Türken, ihrem seltsamen Gottes­dienst, von dem ich nichts verstand . . .

Saint-Saens kontra Shakespeare. Saint- Saens hat, wie es scheint,, an der Blamage, die er sich selbst bei

den ^Franzosen durch seinen Kamps gegen die Vtusik Richard Wag­ners geholt hat, noch nicht genug, sondern hat jetzt zu einem neuen Don Qsuixote-Ritte angesetzt, der diesmal kemem geringeren als Shakesspeare gilt. Saint-Saens ist nämlich ebenso gegen die Auf­führung von Werken Shakespeares in Frankreich, wie er gegen die der Werke Wagners ist. Die Gründe, die er dafür anfülwt, sind fol­gende: Erstlich sei Shakespeare nicht neu und man solle doch lieber neuere Verfasser zu Worte kommen lassen; sodann sei der häufige Szenenwechsel in seinen Drainen uncrttäglich, auch wimmelten sie von Anachronisürus, und schließlich nimnit der empfindliche Saint- Saens an Shakespeares Derbheit Anstoß. Aus diesen Gründen rvill er höchstens Bearbeitungen von Shakespeares Werken zulassen, die ilm dem französischen Ge schmücke mundgerecht mäck)en. Hier hat also der Mops loieder einmal den Mond angebellt, aber Saütt- Saens hat dabei das Verbrocki-en begangen, zu vergessen, daß Shakespeare ja gegenwärtig als Verbündeter Frankreichs an­zusehen ist. Das ist nicht etwa der boshafte Einwand einesBoche", sondern es ist der ehrsameTemps", der Saint-Saens hierauf auf­merksam macht, und der mit Rücksicht aus denverbündeten" Dra­matiker denn doch seine Mängel und Unarten nrit Nachsicht be­urteilt zu sehen wünscht. Wie unvorsichtig ivar es doch von diesem Shakespiejrrre, daß er Frankreichs NationMheldin, die Jungfrau von Orleans, gar so schnöde behandelt hat! Wir deutsche Barbareit schauen diesem ftanzösischen Familienzwiste über Shakespeare mit vielem Viergnügen zu und, vor dir Wahl zwischen Herrn Saint- Saens und den Kritiker desTemps" gestellt, halten wir uns an Shakespeare.

EineVersteigerring von Bildern Hammers- h ö i' s. In K o.p e nh a g e n hat dieser Tage eine Versteigerung von Gemälden des unlängst verstorbenen Meisters Wilhelm Ham- mershöi stattgefunden, die, wie von dort berichtet wird, gezeigt hat, daß die Beliebtheit des Mnstlers noch dauernd im Steigen ist. Denn es wurden für die Bftder Summen gezahlt, die nach den däni­schen Verhältnissen und nach den bisher für Wjerke dieses Malers angelegten Preisen als sehr erheblich zu bezeichn Sn sind. Eine Modellftgur", die im vorigen Jahre mit 3000 Kronen bezahlt wurde, brachte bei dieser Versteigerung 5000 Kionen (der Friedens­wert der Krone beläuft sich auf rund 1,12 Mark^. Den Höchstpreis erzielte eine andere Modellftgur, die volle 10 000 Kronen erbrachte; dies Werk sowohl wie auch eineArtemis", sicherte sich die König!. Gemäldesammlung. Für das letzterwähnte Bild mußten 6000 Kro­nen angelegt werden. Hoch bezahlt wurde ferner dieMorgen­toilette" mit 6400 Kronen, die Bildnisstudie einer jungen Dame mit 5100 Kronen und derBäckerladen" mit 5000 Kronen, doch brach­ten alle Bckder durchgängig sehr gute^ Preise. Der Gesamterlös dieser Hammershöi-Versteigerung belief sich auf 78 000 Kronen, also nach dem Friedenskurse gerechnet auf gegen 87 000 Mark.