rtt. 2&k Äwwes siott Wb. Jahrgang
Erscheint täglich mrlMSnechme des Sonntags.
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General-Anzeiger für Gbecheffm
vonnerttag, y. November J9JG
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was erwarten wir von Hughes?
Charles Evans Hu-gheH' hat seine 48000 Kilometer Wahl- (reifen nicht umsonst gemacht, seine 500 Wahlreden nicht t erfolglos gehalten: er ist bei der „vresidential election" als 'Sieger durchs Ziel gegangen, hat den Republikanern die ; Herrschaft, die ihnen Wilson entriß, wiedergew>onnen. Bischer hat er das freilich nur offiziM, nicht offiziell getan, denn '<mr 7. November ist formell nicht der Präsident, sondern nur das „electoral c oll ege" gewählt Morden. Die Electoren 'toahlenerst am zweiten Montag im Januar staatenweise den ^Präsidenten, dann werden am zweiten Dienstag im Februar !die Electoralstinrmen gezählt und der gewählte Präsident verkündet, der erst am 4. März feierlich in sein Amt einge- fführt wird. Rein formell haben die Wahlmänner keine gefundene. Marschroute, aber in der Praxis sind sie auf bett Namen, für den sie gewählt wurden, verpflichtet, und so liegen die Dinge dem: doch so, daß Hughes der kommende, der am 4. März kommende Mann ist.
Die Frage, was wir von dem neuen Mann zu erwarten chäben, wäre also, da wir noch nahezu vier Monate mit Wilson rechnen müssen, an sich eine spätere Sorge. Mer es äst in Wahrheit überharlpt keine für uns, denn wir erlhoffen nichts von Hughes, so wenig wie wir von -Wilson etwas erhofft haben. Was wir verlangen, ist ja keine Begünstigung, kein Entgegenkommen, sondern lediglich Neutralität, aber in ehrlicherer, in gerechterer Auslegung dieses 1 o austegungsfähigen Begriffes. Nach dieser Richtung hin ist nun der neue Präsident für uns- wenn auch kein unbeschriebenes, so doch ein mit Hieroglyphen beschriebenes Blatt.
Seine politischen Anschauungen kennen wir nur aus bejt Wahlreden, die er gehalten, oder richtiger ausgedrückt aus den Wahlreden, die das Reuterbureau uns übermittelt hat. In mehrfachen Fällen konnten wir ans der Lektüre der hier erst sehr spät eintreffenden amerikanischen Zeitungen fest- fftellen, daß das Renterbureau in seiner Uebermittmng der > Wahlreden mancherlei Frisuren, Zurechtstutznngen, Aus- ! lassungen und Umänderungen vorgenommen hat. Dazu Eonrrnt weiter, daß man ans den Wahlreden nicht immer unbedingt auf die Gesinnung schließen kann, denn ans dem Wege vom Präsidentschaftskandidaten zum Präsidenten kann »sick) manche Wandlung vollziehen; was beispielsweise die uns berichteten Aenßerungen gegen die Deutschen betrifft, so muß man ihm zugute halten, daß er zwar von den Stimmen der Deutschamerikaner gern Gebrauch machte, aber andererseits offenbar die Besorgnis hegte, daß ihn diese Stimmen Lei den Nichts--als-Zankees verdächtigen könnten. Jedenfalls scheinen die Deutschen und Iren in der Mehrzahl für Hughes '-gestimmt zu haben, und das würde dafür sprechen, daiß sie .ihn mindestens nicht für vierverbandfrenndlicher als Wilson chalten. Man muß sich überhaupt vor Augen hätten, daß im sLande der unbegrenzten Möglichkeiten die „issues", die '^Wahlparolen, ebenso wie die Wahlreden mit den stärksten Vorbehalten aufzunehmen sind. Wuhlversprechnngen gelten jenseits des großen Teichs für die Wahl, -nicht für den Gewählten. Zwar muß man damit vechnen, daß, wie die republikanische Partei stets die Partei der hohen Schutzzölle war, -so auch Hughes auf dieses System eingeschworen ist, und es scheint ja auch, daß er einen Teil der Arbeiter durch das Ver- -sprechen gewonnen hat, die amerikanische Industrie gegen den Wett-belverb der europäischen zu schützen; aber andererseits hat auch der Philosoph Wilson von dem republikanischen Schutzzollsystem so gut wie nichts abbröckeln lassen.
Am meisten interessiert uns selbstverständlich die Stellung des neuen Präsidenten zum Weltkrieg. Hughes hat snochj in den letzten Tagen ausdrücklich erklärt, daß er an '-eine Verhinderung der Munitionslieferungen nicht denke, und auch an dem System der amerikanischen Munitions- i^eckungsreisenden will er offenbar nichts ändern. Das haben mc nicht anders erwartet, und wenn er andererseits Wilson vorwarf, daß er den Schutz des amerikanischen Handels und 'Eigentums vernachlässigt habe, was ja nur gegen England gerichtet sein kann, so reden wir uns nicht ein, daß er schärfere Saiten gegen die britische Seeräuberei aufziehen wird. Wenn aber Wilson seinem Gegner vorwarf, daß, „falls Hughes gewählt werde, die Vereinigten Staaten in der einen
oder anderen Form in die Wirrnisse des europäischen Krieges hineingezogen würden", so war dieser Kassandraruf natürlich ein Wahltrick. Ja, der Umstand, daß Wilson seines Gegners angebliche Kriegslust gegen diesen ausbeutete, spricht ja deutlich dafür, daß das amerikanische Volk von einer solchen Abenteurerpolitik nichts wissen will. Eben deshalb haben wir, ganz abgesehen davon, daß in dem republikanischen Wahlprogramm ausdrücklich gesagt wird, „wir wünschen den Frieden, den Frieden der Gerechtigkeit uird des Rechtes und sind für Aufrechterhaltung gerader und ehrlicher Neutralität gegenüber den Kriegführenden", keinen Anlaß, denr neuen Präsidenten feindselige Absichten zu unterschieben. Daß die Republikaner uns gegenüber nicht kriegslustiger sein werden, als es die Demokraten sind, dasür scheint uns einmal die Erkenntnis der smarten Pankecs zu sprechen, daß das Krieg- sühren ein kostspieligeres und risikoreicheres Geschäft ist als Munition liefern, und zweitens der Umstand, daß den Amerikanern das ostasiatische Hemd näher ist als der europäische Rock. Wenn Hughes imperialistische Politik treiben will, dann wird ihm die japanische Durchdringung Chinas und der bedrohliche Wettbewerb der Japs im Stillen Ozean (Hawaii, Philippinen!) dazu mehr Gelegenheit bieten, als ihm lieb ist.
New Jork, 8. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Während die gestrigen Nachrichten über die Wahl Hughes so positiv lauten, daß sie von Wilson selbst anerkannt wurden, lassen die letzten Wahlnachrichten aus dem fernen Westen und anderen Staaten die Lage ziemlich unklar erscheinen. Beide Parteien nehmen den Sieg für sich in Anspruch.
New Jork, 8. Nov. (WTB. Nichtanrtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Das heitere kalte Winterwettcr, das im ganzen Lande herrscht, und das sehr große Interesse, das der Präsidentenwahl entgegengebracht wurde, hatten zur Folge, daß eine ungewöhnlich große Zahl Stimmen abgegeben wurden. Dazu kan: noch, daß viele Millionen Frauen in etwa 12 Staaten des Westens, wo sie Wahlrecht haben, stimmten.
Berlin, 9. Nov. Die Wahlkosten der jetzigen Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten betragen, wie verschiedene Blätter melden, für die Republikaner über 1800 000 Dollars und für die Demokraten 1100 000 Dollars. Infolge der Wahl Hughes werden heute nicht weniger als 50 Millionen Mark ihren Besitzer wechseln.
Neuregelung der Verkehrs mit Geb-, Verkünd Ariäwaren.
Zur Zeck des Erlasses der Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 10. Juni 1916, betreffend die von der Regelung des Verkehrs mit Web-, Wirk- und Strickwaren für die bürgerliche Bevölkerung ausgeschlossenen Gegenstände (sogenannte Freiliste), und der Aus- fühcungsbekannttnachlnng der Neichsbeklcidungsftelle vom 3. Juli 1916 waren verhältnismäßig wenig Unterlagen für den Erlaß dieser Bostilmmtungen vorhanden. Lediglich! die Notwendigkeit der Streckung der Vorräte wurde schon mit Rücksicht auf die seit Kriegsbeginn erfolgte Sperrung der Zufuhr von Rohstoffen allgemein anerkannt. Seitdem sind insbesondere durch eine allgemeine Bestandaufnahme der in Industrie und Handel vorhandenen Web-, Wirk- und Strickwaren am 1. August 1916 und durch sonstige Feststellungen bestimmte Unterlagen geschaffen worden, die zur Aushebung der vorerwähnten Bekanntmachungen und zum Erlaß zweier neuer Be könnt mach,:mgen vom 31. Oktober 1916 geführt haben, die im Reichsgesetzblatt beziehentlich Reichsanzeiger vom 31. Oktober 1916 vcröffeMlicht worden sind:
1. Tie Bekanntmachung des Reichskanzlers über Bezugsscheine;
2. Tie Ausführungsbekannttnachnng der Reicksbekleidungsstellc.
Tie Bekanntmachung des Reichskanzlers über Bezugsscheine
enthält eine wesentliche Kürzung der bisherigen Frei- listle, inLlbesondere die Beseitigung der Preisgrenzen, mit Ausnahme eines einzigen Falles (Reise- und Schlafdecken). Vor allem' sind K!l e i d e r st o,f f e , die gesäurte Oberbekleidung mit Ausnahme der aus undichten Stoffen und die gesamte Wäsche Und Unterkleidung von der Freiliste verschwunden und nur noch gegen Bezugsschein erhältlich. Vom Bezugsschein frei sind nur noch Gegenstände, zu deren Streckung keine Veranlassung» vorliegt.
Tie Beseitigung der Lux us ko ns ektion und der fernen Maßschneiderei von der Freiliste würde jedoch zur Folge habe::, daß die betreffenden Gegenstände und die dazu verwendeten Stoffe brach> liegen blieben und zahlreiche, insbesoirdere weibliche Arbeitskräfte Arbeit und Brot verlieren. Denn es wäre ein Widerspruch, in sich, für ein Luxus kleidungsstück den Nachlveis der Notwendigkeit der Anschaffung zü verlangen. Tie feine Maßichneiderer würde ebenso völlig unterbunden werden, weil die in Betracht kommenden Kreise mit Kleidung so versorgt sind, daß sie die Notwendigkeit der Ansckkasfung nicht Nachweisen können. Um diesem Nachteil zu begegne::, ist für Herren- Damen-, Mädchen- und Kinderoberkleidung sowie die entsprechende Maßschineiderei ^ eine Erleichterung bei der Erlangung des Bezugsscheines eingeführt: Wer ein :wch gebrauchisfähiges Oberkleidungsstück abgibt, erhält ohne Prüfung der sttotwendigkeit der Anschafsimg einen Bezugsschein über einen entsprechenden gleichartiger: Gegenstand, der je-, doch nicht siir billige Kleidungsstücke, sondern- nur für solche gilt, die eine bestimmte Preisgrenze übersteigen. Tamil wird das Fortbestehen der Luxuskonsektion und der seinen Ataß schneideret er-, möglicht und gleichzeitig erreicht, daß die zahlungsfälügen Kreise nicht den für den Hauptteil der Bevölkerung vorhandenen Bestand an Oberklcidung angreifen, sondern auf die hochwertige Oberkleidung beschränkt roerden.
Tie Reichskanzlerbekanntmachung führt weiter für die Schnei- lder, .Schneiderinnen und Wandergewerbetreibende:: ein Ein- kaussbuch ein, um die bisher hauptsächlich seitens der Wander- gewerbetreibenpen vorgetommenen Mißbräuche zu verhüten.
Tie Auslführungsbekanntmachung der Reichs bekleidungsstelle bringt gegenüber der aufgehobenen Ausfübrungsbekanntmachung vom 3. Juli 1916 wesentlich eingehendere Bestimrnungen, die sich im Laufe der Zeit aus «der Erfahrung als notwendig erwiesen haben. Tie Beschaffung für Mili tärper so nen und Kriegsgefangene wird neu geregelt und erleichtert. Für dringende Fälle, z. B. bei Erkrankungen oder Verlust oder Beschädigung eines Kleidungsstückes wird auch anderen Ausfertigungsstellen, als denen des Wohnortes des Antragstellers, die Befugnis zur Ausfüllung von 'Bezugsscheinen übertragen. Dasselbe gilt für deutsche Schiffer und Flößer, für die eine von ihnen mitzuführende Personalkarte eingeführt ivird.
Tie beiden Bekanntmachungen werde:: in den Amtsblättern veröffentlicht. Abzüge beider Bekanntmachungen sind gegen Voreinsendung von je 10 Psg. (Briefmarken) von der Reichsbekleidungsstelle, Verwaltungsabteilung, Berlin W. 8, Mauerftraße 53. zu beziehen.
* * * *
Von jetzt ab sind unter anderem bezugsscheinpflichtig: Seidenplattierte Strümpfe, Steppdecken, alle Kleider- und Schürzenstoffe, mit den unten angegebenen Ausnahmen, die gesamte fertige Herren-, Damen- und Kindergarderobe und Maßschneiderei, die gesamte Damen- und Herrenwäsche mit Ausnahme von Kragen, Manschetten., Borsteckeri: und Einsätzen, die Säuglingswälche, Wäschestoffe, 'alle Taschentücher mit Ausnahme der mindestens zu ']?, der Fläche aus Spitzen bestehenden, die getragenen Kleidungs- stücke. . \
Dagegen werden b ezu gs scheinir e: unter cnwerem: Velvets, baumwollene Stickereistosfe, baumwollene gewebte oder gewirkte Spitzenstoffe, baumwollene glatt oder gemusterte, gewebte undichte Kleider stoße und baumwollene bedruckte undichte Kleiderstoffe. sowie alle ausschließlich aus den vorgenannten Stoffen her- gestellten Gegenstände: ferner imitierte Pelzgarnituren ans baumwollenen oder wollenem Plüsch, Krimmer oder Astrachan. Alle Gegenstände, >deren Kleinhandelspreis nicht mehr als 1 Mark für das Stück beträgt, mit Ausnahme von Strümpfen, Handschuhen, Taschentüchern und Scheuertüchern: Stoffe nur bis zu Längen von 30 Ztm., sofern der Kleinhandelspreis nicht mehr als 1 Mark betragt; in beiden Fällen darf zu gleicher Zeit an dieselbe Person! nicht mehr als 1 Stück derselben Ware veräußert werden.
Tie Gewichtsgrenzen für bezugsscheinfreie Strümpfe und Socken sind herabgesetzt worden.
Bezugsscheinsrei bleiben unter anderem Stoffe aus Naturlund Kunstseide und halbseidene Stoffe sowie alle ausschließlich aus solchen Stoffen hergestellten Gegenständen.
Israelitische ReligionsgemeinÄe.
Gottesdienst in der Synagoge (Süd-Anlage). Samstag, den 11. November 1916: Vorabend: 4.30 Uhr. — Morgens: 9.00 Uhr. -
Abends: 5.00 und 5.35 Uhr.
Gottesdienst der israelitischen Religionsgesellschast.
Sabbatseier an: 1t. November 1916 Freitag abend 4.20 Uhr. — Samstag vorm. 8.30 Uhr. — Nachrn. 3.30 Uhr. — Sabbatausgang 5.35 Uhr. — Wochengottesdienst : morgens 6.45 Uhr, abends 4.00 Uhr.
Das Arbüd des Viedermeiertums.
(Zum 150. Geburtstag Samuel Friedrich Sauters, 10. Nov.)
Vor 150 Jahren, am 10. Novenrber 1766, wurde in Flehingen an der Kraich in Baden der Dichter Samuel Friedrich Sauter geboren. Er teilt'mit Manch anderem Dichter das Schicksal, daß seine Gedichte allgemein Verbreitmrg fa:chen, während sein Nan:e und Lebensgeschick fast unbeachtet blieben. Am bekanntesten ist von allen Dichtungen Sauters das „Lied vom armen Dorfschulmeisterlein" geworden, dessen erste Strophe folgendermaßen lautet:
„Willst wissen Tu, mein lieber Christ,
Wer das geplagteste Männlein ist?
Die Antwort lautet allgeinein:
Ein armes Torsschulnieisterlein."
Unvergessen ist auch das Kartoffellied des Dichters, das aus 29 Strophen besteht und das in verkürzter Form einst in Stndenten- kreisen viel gesungm wurde. Das Kartoffellied beginnt:
„Herbei, herbei zic meinem Sang,
Hans, Jörgel, Michel, Stoffel!
Und singt mit mir das Ehre:ckied Dem Stifter der Kartoffel."
Sauter veröffentlichte diese Lieder zusainmen mit einer Reihe anderer nicht minder gelungmer Dichtungen zum ersten Male im Jahre 1811 in Heidelberg ano:wm unter dem Titel: „Volkslieder und andere Reime. Vom Verfasser des KräutermichAs." Er starb Äockl betagt 1846 in seinem Geburtsorte und ließ kurz vor seinem Tode im Jahre 1845 seine sämtlichen poetischen Werke neu er- fchemen unter dem Titel: „Tie sämtlichen Gedichte des alten Darfschullehrers Samuel Friedrich Sauter, welcher anfänglich in Flelnngan, bann in Zaisenhausen war und als Pensionär wieder in Flehingen wohnt. Mit zwei Abbildirngen. Aus Kosten des Verfassers Karlsruhe. ..." In den Gedichten findet man wahre Perlen cuvrc unfreiwilligen Komik. Dem aus seinem! Heimatsorte scheidenden Psarrverweser Fefenbeck widmete er z. B. d;n .folgende:: poetischen Mschiedsgruß:
„Fesenbeck bei Deinem Scheiden Werden unsere Augen naß.
Me wollen Tich^ begleiten.
Sieh die große Menschenmass' ?
Nie TLod:^ war die Liebe größer Gegen einen Pfarrverweser." ,
Ein anderes Mal besingt Sauter die Tugenden eines achtzigiährigen Altbürgermeisters Martin in dem nachstehenden bewundernden Ausruf:
,O, wie viele Amtsberichte O, wie viel hat er gemacht.
Sitzend bei dem teirren Lichte Oft noch bis nach Mitternacht!"
In dem berühmten Kartosfelliede des Dichters lesen wir unter anderm die Strophen:
„Seitdem lvir diese Knollenfrucht Im Teusichen Reiche sehen.
Kann keine große Hungersnot Durch Mißwachs mehr entstehen.
Gerät auch Korn und Dinkel schlecht.
Wir dün'en nickst »'erjagen,
Kartoffeln trägt dann auch das Feld,
Tie stopfen auch den Magen. . . ."
Tann erfahren wir, daß es viele Kartoffelsorten- gebe, „jedoch die Gnt'sten sind die Besten." Dieser Vers verdient es vollauf, zum Range 'eines geflügelten Wortes erhoben zu werden. Auch in anderen mehr lyrisch: gestimmten Dichtungen kann Sanier nicht umhin, .seiner Liebe zur Kartoffel und seiner Sorge um ihr Gedeihen, die^wir heute ja durchaus nachiühlen können, Ausdruck zu geben. So heißt es in einem allerliebsten Frühlingsliede:
„Tal und Hügel werden grün,
Tie Bäume schlage:: aus.
Ja manch-er sängt schon an zu blühn Und bildet einen Strauß.
Herrlick- stehen schön und hoch Die gwinen Wintersaaten,
O möchten die Kartoffeln doch In diesem Jahv geraten!"
Auck- bedeutende weltgeschichtliche Ereignisse zieh: Sauter in den Kreis seiner Betrachtung. Am bckanntesten sind die Verse, mit de:^n er sein „Lied aus die Schlacht bei .Leipzig" einleitet. Ta heißt es:
„Wieviel Wunden, wieviel Leichen!
Mensch, was läßt Tu doch geschehn!
Könntest Tu Dich nickt vergleichen.
Eh' Tu gehst zum Aeußersten?
Solches :?ruß uns stets betrüben.
Denn der Mensch jjoEf Menscher: lieben."
Die durck) einen wunderbaren rmsieiwilligen Hrinror airsgezeichneten Gedichte Sauters waren bis auf die als Volkslieder in den Liederschatz unseres Volkes libergegangenen Lieder vollstärchig in Vergessenheit geraten, da entdeckte der nackMalige berühmte Straßburger Kliniker Professor Kußmaul, der vor seiner akademischen Tätigkeit einige Jahre hind-urck/ als Landarzt in Baden gewirkt hat, die Gedichtsammlmrg bei einem Freu:rde in Karlsruhe. Er gab von seinem Funde einem cnrderen Freunde, dün! bekannten Dichter und Kommersbuch-H-erarlsgeber Ludwig Gckrodt, Kenntnis, und beide beschlossen, die sthmrsten Gesänge mit einer Reihe von Nachdichtungen in den „Fliegeichen Blättern" zu veröfsittlichen. Die Gedichte erschiene:: oort unter dem Titel „Gesänge Biedermaiers" in der Zeck üom Frühling 1855 an bis in den Somrner 1857 hinein. Sie fände:: in ganz Deutschland großen Llrcklang und gäbe:: den Anlaß dazu, daß nach> ihrem vermeintlichen Verfasser Biedermaier sich das Schlagwort Biedermaier, das man später Biedermeier schrieb, entwickelte und zirr Bezeichnung des bürgerlich Behaglichen und Beschränkten viel verwandt wurde. Spater ist dieses Wort bekanntlich' zur Bezeichnung für den Lebensstil einer ganzen Epoche, nämlich der Zeit von 1815—1847, also vom Ende der napoleo- nischen Kriege bis zu der Revolution von 1848, festgelegt worden.
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— Die Uraufführung der „treuen Magd". Man schreibt uns aus Frankfurt«. M.: In seiner Komödie „D i e treue Mag d", die gleichzeitig mit Dresden und Krefeld im hiesigen Neuen Theater ihre Uraufführung erlebte, erweist sich Bruno Frank, der bisher nur mit Gedichten, Novellen und Romanen hervorgetreten ist, als ein Autor, der auch als Dramattker durchaus aus Beachtung Anspruch hat. Das Werk ist trotz einige:- Schwächen im Aufbau der Konsttnktion recht bühnenwirksam. TaS gilt vor allem vom zweiten Akt. Ter Dialog hält sich durchweg auf bemerkenswerter Höhe. Die Figur Mathildens, der treuen Magd, ist von solch reiner, edler Bomehmheit, so erschöpfend sicher und sein gezeichnet, daß es sich lohnt, die Komödie, der unter Direktor Max R ei mann eine sorgfälttge Einstudierimg zuteil wurde, auszusübren. Frl. Gertrud de Lalsky gab die schöne Frauengestalt mit echter Hingabe und haicchte ihr wahrhaftes Leben ein. Das vollbesetzte Haus bereitete dem Werk eine recht freundliche Aufnahme.


