Ausgabe 
8.11.1916 Zweites Blatt
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Nr. 265 Weites Blatt |66. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme fces Sonntags.

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Gichemr Anzeiger

General-Anzeiger flr Oberhessen

MMtvoch. 8. November Wtz

Zwillingsrunddruck und Verlag:

Brüh l'sche Universitäts-Bllch-u.Sttindnlckerei.

R. Lange, Gießen.

§christleitung, Geschäftsstelle und Druckerei:

Schulstraße?. Geschäftsstelleu.Verlag:

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Anschrift für Lr^ htaachrlchtenr AnzeigerGteßen.

Die Polen beim Reichskanzler.

Berlin, 7. November. (WTB. Amtlich.) Aw 28. Oktober empmpr der Reich skanzlerim Kongreßsaal des Reichskanzler- Palais die Herren Stadtverordnetenvorsteher und Rektor der Uni­versität Warschau Brudzinski, den ehemaligen Tumaabgeordneten (g&. Lcurpicki, den zweiten Bürgeriueister von Warschau Chrrrttttewski, den Vizepräsidenten (der Landschaft Tzwi-erzbicki, Pro­fessor Samuel Dickstem, den Vorstarrd des Hmcpthttfsausschusses Graf Ronikier und der Vorstand der Miliz Prinzen Radziwill. Die Herren wurden dem Reichskanzler vorgestellt, welcher daraus folgerte Worte an sie richtete:

Meine Herren! Lhrem Wunsche, von mir empfangen ^ zu werden, habe ich gern stattgegeben. Ich freue mich, Sie in diesem biÜDrischen Saale, der vor 40 Jahren der Schauplatz großer Er­eignis^ gewesen ist, begrüben zu können'und darf Ihnen anheim- Heben, den Gedanke:: Ausdruck zu verleihen, die Sie hierher ge) führt haben.

Hierauf -ergriff Professor Brudzinski zu folgender An­sprache das Wort:

Aufgefordert zur Darlegung der Wsü n s ch e d e r P o l e n baden wrr die hohe Ehre, vor Euerer Exzellenz zu erscheinen. Wir sind zwar nicht eine bevollmächtigte Verttetung des polnischen Vol­kes, denn eine solche zu bilden, ist in der gegenwärtig eit Kriegszett eine Unmöglichkeit, wir glauben jedoch berechtigt zu sein, namens der polnischen Nation ihren unerschütterlichen Bestrebungen nach Wiederaufrichtung eines polnischen Staates Ausdruck zu geben. Wir sind ttcs überzeugt, daß nur die Schaffung eines starken, allseitiger Entwickelung fähigen und Gleichberechtigung aller seiner Bürger gewährleistenden polnischen Staatswesens Europa feste Grundlagen eines dauernde Friedens sichern kann und daß in Polen denjenigen! Machten die dieses Werk vollbracht haben werden, ein treuer Bun­desgenosse erstehen wird. Siegreiche Schlachten haben das Schicksal Polens in dke Hand der Zenttalnrächte gelegt. Polen gehört zum Westen; seine Wiederausrichtung, wagen wir zu behaupten, wird mit den eigenen Interessen der Zentralmächte in Einklang stehen, sie wird ein von der Geschichte geforderter Akt der Gerechtig­keit sein. Der noch immer daucrirde Krieg erlaubt vielleicht nicht, heute schon einen Staat mtt bestimmten Grenzen, insbesondere nach Osten zu. bilden, doch erheischen die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse gebieterisch die Erlassung eines Staatsaktes, durch wel­chen die Staatsoberhäupter der Zentralmachte ein sttbständiges Polen proklamieren und garantieren. Sodann sollte, soweit die Kriegsereignissc dies irgendwie gestatten, zwecks Schaffung fester uitb dauernder Grundlagen eines polnischen Staatswesens, sofort <n: die Regulierung dieses Aktes geschritten werden. Nach unserer Ueberzeugnng ist dies durch folgende Maßnahmen zu erreichen:

1. Ernennung eines Regenten zur Ausübung der vollen Re- gierirngsgewalt aus dem Gebiete des polnisch,en Staates.

2. Aufhebung der Grenzen zwischen den beiden Okkupations­gebieten :

3. Bildung eines provisorischen Staatsrates aus einheimischen Elementen als Organ, das zur Aufgabe hätte: a) Ausarbeitung einer Verfassung sowie von Gesetzentwürfen; b) Organisierung der polnischen Staatsverwaltmig;

4. Bildung eines Milttärdepartemänts beim Staats rate zur Organisierinrg eines künftigen polnischen .Heeres, dem die pol­nischen Legionen als Kadres zu dienen hätten.

Der letzte Moment der Realisicrimg eines polnischen Staats­wesens bildet die Proklamation des polnischen Königs und, als aichglkltigc Form des .Wiederaufbaues Polens, die genaue Fest­legung der Grenzen heim Friedensschluß.

Hierauf erwiderte der Reichskanzler:

Meine Herren! Ich habe den Ausdruck Ihrer Wünsch ver­nommen. Sie begegnen sich in ihrem Endziele Mit den Absichten! der beiden großen Zenttalmächte. Beijte verbündeten Kaiserreich, in -deren Hand das Schicksal dieses ungeheueren Krieges in weitem llmsiange den Besitz des polnischen Landes gelegt hat, sind gewillt, einen polnischen. Staat unter einem König mit einer polnischen, Armee in festem Anschluß an die Kaisermächte namentlich auch in militärischer Hinsicht erstehen zu lassen, einen Staat, inner­halb dessen Grenzen den polnischen Wün-sch.r auf ein nationales, kulturelles und selbständiges Leben der Weg gebahnt werden soll. So lange der Kampf tobt, der alle Lebensverhältnisse ersaßt, können tveuige Meilen hinter der kämpfenden Front die Grenzen

dl^es Staates nicht festgesetzt werden und damit auch der Staat selbst nicht fertig konstituiert werden. Erst im Frieden kann das! Werk geschaffen und vollendet werden. Darum ist es mir heute! nicht möglich, auf die detaillierten Wünsch, die Sie soeben vorgettagen, im einzelnen einzugehen. Mer eins werden Sief während der über ein Jahr langen Zeit, in der wir die Ver­waltung von Teile:: des Landes führen, erkannt haben: Wir sind bemüht, nicht nur das gesamte Leben des Volkes wieder auszubauen, soweit das unter den harte:: Anforderungen, die dev Krieg stellt, möglich ist, wir sino auch bestrebt, durch eine al- mähliche Heranbildung der polnischen Selbstver­waltung Einrichtungen tzu schaffen und fortschreitend immer rveiter auszubauen, die die Grundlage und das feste Gefüge für de:: Augenblick vorbereiten sollen, ch dem die Bildung des Staates einmal wird abgeschlossen lverden können. Die Vorarbeit, die hiev schon jetzt zu leisten ist, muß auf gemeinsamer Tätigkeit im gegen­seitigen Verständnis aufgebaut werden, ebenso wie unser zukünftiges freundnachbarlichs VerMtnis in der Gemeinsamkeit der großen Ziele des staatlichen, politischen und ioirts Hässlichen Lebens seine Bestimmung finden nntb. Voller^ Vertrauen daraus haben die ver- bmcketen Kaiserreich ihren Entschuß gefaßt. Sie geben sich der Gervißheit hin, daß dieses Vertrauen erwidert werden wird. Wir haben dabei die feste Zuversicht, daß die Polen vertrauensvoll ihr Geschick aus den Händen der beiden Kaiserreich erwarten und selbst Seite an Seite mit uns an der Sicherung der errungenen uno endgültigen Erreichung der große:: Ziele Mitwirken werden. Gott wolle Unser Merk zu einem guten Ende führen.

Kriegsbriefe öus dem westen.

Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.

(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.'!

Ein Somme-Grotzkampstag erster Ordnung.

Großes Hauptquartier, 6. Nov. 1916.

Das in den letzten^ Tagen zu beobachtete feindliche Verfahren an der Somme ging daraus hinaus, durch lokale Einsetzung einer durch gewaltigen Artillerieaufwand unter­stützten Uebermacht eine oder mehrere schwache Stellen an unserer Front zu finden und einzudrücken, aber der Feind fand keine schwache Stelle! Ueberall rannte er gegen un­überwindlichen Widerstand, überall wurde er unter blutig­sten Verlusten zurückgeworfen. Die Rechnung, daß sich doch irgendwo an der deutschen Front ein Kompagnieabschnitt finden müsse, wo keine Helden stehen, erwies sich als falsch. Es standen Helden als Verteidiger in jedem Grabenstück, wo der Feind die Uebermacht zum Angriff ansetzte. Am gestrigen Tage, dem denkwürdigen 5. November 1916; versuchten Eng­länder und Franzosen nun ihr altes, aus dem Beginne der Sommeschlacht bekanntes Verfahren. Nach ungeheuerer Trommelfeuer-Vorbereitung mit schwersten Kalibern, ans denen ein einziger Einschlag ganze Strecken von Schützen­gräben einebnen und rings im Umkreise von sechshundert Metern durch Splitterwirkung das Leben vernichten kann, rafften sie einen ungewöhnlichen Einsatz an Menschen zum Durchbruch der deutschen Front zusammen. Viele Divisionen traten eng aufgeschlossen in dem ganzen Raume von Le Sars bis nach Bauchavesnes hin an und sollten die, wie der Feind meinte, durch die tagelange Vorbereitung und das stundenlange Trommelfeuer stnrinreif geschossenen deutschen Linien überreimen. Vom frühen Vormittage an fluteten die dichten Sturmwellen gegen unsere Linien. Die Maschinen­gewehre der Grabenverteidigung schosse:: sich kochend heiß, und die Rohre der Geschütze brannten unter den Anstrengun­gen, die ihnen^ diese ungeheuere Blnternte anfaab. Nord­östlich von Le Sars kam der Feind bis in unsere Linie, dann warf ihn der Gegenangriff zurück, in die Sperrfeuerzone, die unsere Kanoniere unentrinnlich dicht zwischen unsere und seine Linien legten. Bei Gneudeconrt brach sein Angriff schon :n unserem Feuer nieder. Südöstlich von Sailly drang er ein und konnte sich in einem engen Zipfel behaupten. Nordwestlich von Saillp :nußte er, nachdem er vorübergehend

Raum gewonnen hatte, unter blutigen Verlusten zurück- weichen. Gegen Transloy warf ec dreimal seine Sturnr- massen, dreimal zerschellten sie vor unserer Verteidigung. Auch diesmal Haber: die Engländer und Franzosen anschei­nend mit Versprechungen gearbeitet, die sich dann an den kämpfenden Truppen bitter rächten. So fuhren in: Gefühl des zweifellosen Sieges feindliche Batterien auf offenem Felde auf, um die Vernichtnngsarbeit arr den geschlagenen Deutschen im großen Stile verrichten zu können, aber noch ehe sie zum ersten Schüsse kamen, zerschmetterten unsere Ge­schütze sie. Me Franzosen hatten wieder einmal die Sieges­zuversicht so weit getrieben, daß sie hinter ihrer Front Ka­vallerie zur Verfolgung der geschlagene:: Deutschen ausge­stellt hatten. Ob diese armen zuversichtlichen Reiter wieder Quartierzettel für Bapaume bekommen hatten, wie in fiüheren Fällen, ist nicht bekannt. Abends um halb nenn llhr war der Feind mit seiner Kunst am Ende, er zog sich nach den entsetzlichen Verlusten des langen Kampftages in seine Linien zurück, ohne die deutsche Fro::t an einer Stelle zum Wanken gebracht zu haben. Unsere Verteidiger hatten Ueber- menschliches an Heldentum vollbracht. Gegen diesen zähen deutschen Mut ist Trommelfeuer und alte lieber macht ver­loren, das ist abermals die Lehre des jüngsten gewaltigen Großkampftages an der Somme! Wenn sie dem Feind nicht genügt, wird er sie wieder lernen müssen.

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

Das neue Uriegsamt.

Berlin, 6. Nov. (WTB.) Ter Wortlaut der veröffentlickfteN Allerhöchsten Kabinettsordre über die Schaffung des Kriegs- amt es im Ministerium hat Veranlassung zu einer irrtümlichen Auffassung über das Verhältnis dieses Amtes zum Kriegser- u ähr u ng s.a mt besonders tu Fragen der Volks ernähruug ge­geben. Eine gewisse Aufklärung, über das Verhältnis der beiden Aeinter zu einander hat der Präsident des Kriegsernähruugsamtes bereits in der Samstagsitzung in: Reichstag gegeben. Ergänzend ist folgendes zu sagen: Tie außerordetttlich großen Anforderungen, d:e bte Heeresverwaltung an die Industrie stellen muß, und das große J:tteresse, das sie an der recht zeitigen Durchführung dieser Ausgaben hat, hat die selbstverstärtdliche Folge, daß die militärischen Stellen auch an dem Wohlergehen der Arbeiter ein großes Interesse haben; denn schließlich hängt der Gesamterfolg vo:r der Leistung jedes Einzelnen ab. Daher hat bei'.n Kricgsministeriunr seit gerau­mer Zeit eine Abteilung für Bolksernährmufs fragen bestanden, die jetzt an das neue Kriegsamt übergeht. Da das Bestehen dieser Abteilung nicht genügerü) bekannt war, schetttt der darauf bezüg­liche Teil der Kabinettsordre zu den: Mißverständnis hauptsächlich geführt zu haben. Tie Versorg ungderfür He er cus zwecke besch äftigte'n) Arbeiter mtt Fleisch und Fett ist eine der wichtigsten Vorbedingungen für die Aufrechterhaltting ihrer Ar­beitsfähigkeit: deshalb ist besonders hervorgehoben, paß dem^ Kriegs­amt selbstverständlich in, Verbindung mit dem Kriegsernäh- rungsamt die Fürsorge dafür überttagen ist. Das soll die Brücke schlagen, die für ein enges Zusammenarbeiten zwischen Kriegsamt und Krregsernährungsamt wünscheusioert ist. Auch faßt dem Kriegs­ernährungsamt dort, wo es nötig werden sollte, die militärische Untersttrtzung durch die Verbindung mtt dem Kriegsamt sicherge­stellt sein. Wie im einzelne:: die Zusammenarbeit und das 'Zu­sammenwirken zwischen Kriegsamt und Kriegsernährungsamt er­folgen wird, steht noch nicht fest. Selbstverstäudlich werden darüber ganz präzise Vereinbarrmgen gettoffen werden.

Tie eflrgen persönlichen B^iehun.gien, die sett Bestehen des Krregsernährungsanttes zwischen PräsideM von Bato cki und Ge­neral Groener in ftttrfmvnattger Zusa:nme:mrbeit sich ent­wickelt haben und die auch Präsident von Batocki in seiner Reichs­tagsrede besmrders unterstrichen l>at, verbürgen eine gedeihliche, Zusammenarbeit, die wertvoller ist als papierene Paragraphen. Beide smd sich einig darin, daß es ihre gemeinsame wichtigste, Aufgabe ift, dafür Sorge zu ttageu, daß den Arbeiten: diejenige^ Verpflegungssätze, die ihmn: nach der Verbrauchsregelung zusteKn. mit absoluter Sicherheit auch regelmäßig geliefert werden.

Giefzenev StaSLtheatev.

Der siebente Tag.

Lustspiel von^Rudolph S ch a n z e r und Ernst W e l i s ch.

Me Zahl der bisher gegebenen Lustspiele ist um eins vennehrt kvorden, aber diesmal um eins, das sich sehen lassen kann. Scho:^ allein der .Kostüme:Zeit um 1770" wegen, die von den beiden Verfassern vorgeschrieöcn worden sind, wett in diesem Rahme:: Vers und Reim für unser Ohr ftilvvller zusammengehen, als bei der modernen Alltagskleidung. Sonst lag wohl wenig Gnrnd vor, die Zeit um anderthalb Jahrhunderte zurückzuschrauben. Mer: es macht sich gut so. Und das ist die Hauptsache. Wir haben uns mancherlei leichte Kost bisher vorsetzen lasser: müssen. Wenn auch dieses Lustspiel aus Schlagschaum und Tragant besteht, so ist es doch wohlschmeckend und bekönrmlich, wie die Origrnalwaren dieses Namens in Friedmszeiten seligen Ai:gede::kens. Daß auch nahr­hafte, nicht nur wohlschmeckende. Kost folgen soll, verbürgt die Mrektwn durch ihr anscheinend erfolgreiches Bemühen, einen ersten Helden zu gcwimren, wodurch in der Wähl der Stücke freiere Hand gewonnen wird.

Der siebente Tag ist die Lieoesprobe für ein junges Eheglück. Erne Braut. d:e als weniger tragische Nora die Rechte ihrer kleinen Persö^lrchkeit gewahrt wffsen wttt, legt ilwem blatten eine Prü­fungszeit von siebe:: Tagen auf, iu der sich erweisen soll, wie wett er sich in Wirklichkett dem Idealbilds nähett, das sie sich von ihm igemlächt hak. Ji: dieser Zeit sollen di.e beiden leben, wie in der DollarpriirzZsin:im Verkehr nur Bruder, Schwester." Uner- hörtenveise hält sich aber in diesem Falle der Gatte stteng an den Pakt uird die kleine Frau leidet unerträglich unter der Zurück­haltung ihres Gatten, dem sich in die Arn:c zu ioerfen ihre Mädchen­scheu :ttcht zuläßt. Eine geschäftige Freu:tt)in, um die sich eine geschickt verquickte Nebenhandlung dreht, sucht als erfahrene Frau l^lfend eiuzugvfifen, erreicht aber immer das Gegenteil, bis das Eliepaar schließlich sich doch zusammensindet und auch die Freundin zum zweitenmal unter die Haube konimt. Die Hachlung noch be- zu gestalten, sind ett: Jugendgeliebter der jwvgen Frau, eu: tölpelhafter Verehrer der Freundin und eine Tänzerin mit hrnnngeflochten. Man sieht, für Abwechslung ist gesorgt. Lange­wette Tomnrt nick-t auf, denn die Verfasser fachen außerdem ilnmer Gelegenhe:t, ihren Personen einige kräftige Bosheiten für das andere Gefastecht in den Mund zu legen. Manchmal sind rocht . derbe Spape daraus gewordeir, aber sie können gerne mit in Kauf geiwmmen werden, ebenso wie der stark Possemnäßige Ein- fall, den lauschenden Liebhaber auf den brennenden Kachelofen zu platteren. Me geschickte Aufnmchung des Ganzen und die meist annehmbaren Verfe urch Re:n:e Helsen auch darüber glücklich hinweg.

Gesplelt wurde tettweise vorzüglich. Eine neue Hand leitete das Stnel uiw !var schon rein äußerlich au der gefälligen Anord­nung des Bichnenbttdes erkennbar. Mar Mesolowski zeigt

damit eure neue sehr achtbare Seite seines Könnens. Niedlich kleidete die drei Damen Kallmar, Gersdorff und Mahr d:e z:erl:che Tracht. Helene Kallmar ließ mit Anmut die Nöte des fuugen Frauck>ens erkennen, Martha Gersd o r f 7 versah die erfahrene Frau nnt der notwendigen Dosis redseliger Lebhaftigkeit. Ada Mahr lieh der Rolle der Tänzerin Vettor: eine persönliche Note. Adolf Falken gab dem jungen Ehemänne eine recht sym- pathifche Prägung. Marl Steinmeyer brachte die ihm zu- Späße geschickt an; Hans W e r t h m a n n charatterisierte glücklich den gespreizten Tanzmeiste:^ Spontinello, Ernst Th ei- l:ng ruhig und gemessen den preußische:: Rlttnieistcr. Auch die Nebenrolle:: waren liebevoll belxrndelt und gelangen durchweg.

Der siebente Tag wird aus zahlreiche Wiederholungen rech-nen dürfen, 22 .

*

Der Unabhjängigkeitstraum in der polni- fchen Dichtung. Me Proklamation eines freien Königreiches Polen bringt Nunmehr endlich die :wttonale Sehnsucht der Polen zur Erfüllung, die durch alle Widrigketten des Schicksals und der Gefchichte, durch Kämpfe, Aufstände und Unterwerfungen stets in der Seele des polnischen Volkes lebendig blieb. Die harten Leiden, die gerade dieses aus tturerstem Drang der Freiheit zu- gewandte Volk durchmachen mußte, haben nicht nur den Charakter des _Durchschnitts polen geprägt, sondern auch auf die polnische Wißenschast, Km:st und Philosophie eine ständige Wirkwrg aus­geübt. Die polnisck>e Mchtung war seit jeher inehr als Kunst, sie war zugleich ein glühendes politisches Glaubensbekenntnis, dessen Feuer durch den harten Gegendruck imNrer wieder von nnien: an- gesacht wach erhalten wurde. Ein Gedanke ist fast allen polnischen Literatnrsttömungen gemeinsam eigen,^ der Unabhängigkeitsttaum, der in der polnischen Dichtung zu stärkstem Ausdr::ck kommt. Dieser Unabhängigkeitsgedänke bttdete sich mit Macht ttü 19. Jährhün- dert, dessen Umwälzungen für Pole:: so bedeutsam waren. Wäh­rend In den ersten Jal-rzehnten eine Art Pseudollassik herrschte, A:t:vickelte sich allmählich eine imgestmud Romanttk, tue innig :nit der politisck>e:: :md sozialen Retwlution verquickt war. Der Führer der polnisck-en Dichter um die Mitte des 19. Jährhunderts, Adam Mickiewicz, dessen Kunst die nationale Erhebung des Jahres 1830 tviderspiegelte und bis auf unsere Tage verewigt hat, ivaMe sich starker: :r«ttonalen Stoffen zu. Mit ihm begann die polnische Un- abhängigkeits- und ideale Freiheits-dichtung mit lodernden: Tem­perament und >auf eine verinnerlichte, durchgeistigte Weise. De:: Umschwung bildete das phantastische MmnaMe Llhnenseier". Dieses in vielem an GoethesFaust" erinnernde Werk ist ge­tragen von der Not der Polch: unter russischer Herrschaft, und zwischen settren beiden Teil«: liegt die Flucht Mickiewicz' aus seiner Heimat, in die er nie Melw zmTÜck^hren sollte. So wurde der zwette Dett derAhnenfeuer" in Deutschland geschrieben. Er enthält die erschütterrvdsten Klagen Äber die Leiden des polnische::

Volkes. ?Noderner in seiner Technik, aber nicht minder von bent Unabhängigkeitsttaum erfüllt, sind die Werke von Mickiewicz' Zeit­genossen Jittius Slowacki. Auch Slowacki dichtete für die nationale polnische Idee, wie der artisttfche und srühenllvickelte Gras Zhg- munt Krasinski, der die Wiederherstellung der polnischen Freihttt durch Demut und göttliche Hilfe als eine Art religiöser Erlösung dichterisch darstellte. Dieser Gedanke kehrte iinnrer wieder in allen Mchtungen aus der Zeit von 18311863, aus der Zeit der Auf­stände, die Polens beste Kraft verbluten ließen, um dann durch den unglückseligen Slusgaug mietet; die Nation der Unterdrückung zuzuttetten. Die Katasttophe des Jahres 1863 bedeutete natur- gemaß den Barikerott der alten Ronmntik der polnischen Dichtung. An Stelle der Poesie ttatkn der tende:tziöse Rtzman und das Thefeiwrama. Der Freiheitsgedanke wurde rummehr hauvtsäch- l:ch ::: historischen Ronranen weiterverfolgt wie in den Werken des kühnen Denwttaten Jez, die sich der ^reiheitskämvfe der Bal­kanvolker als Unterlage bedieuten. Den größten Erfolg unter allen polnischen Mchtern im letzten Viertel des 19. Jahrhundetts aber hatte unstreitig Henryk Sienkiewicz, der den Unabhängig- kettstraum gestaltete, indem er in seiner TrilogieMit Feuer und Schwert",Die Sintflut",Herr Wolodyjowski" die polnischen Kämpfe des 17. Jahrhu:rderts darstcllte, da er ivegen der durch die riifsifche Beamtenfckmft ausgeübte:: Zensur sich ins Geschick- liche flüchten mußte. Die modenre Literatur Polens, die von 1890 ab dattert urid sich durch die Mitwirkung genialer Frauen w:e der E. v. Orzeszko und der noch btecutenderen Maria Ko- nopmcka, auszeichnet, nahln die Propagierung des Unabhängig- kettsttailmes in der idealen und unverhüllten Weise des Mickie­wicz wieder auf. Da die Russenherrsct-aft nicht volle Offenhett gestattete, nimmt die Freiheitsdichtuug dieser Periode vielfach d:e Flucht zur Shnibolik und zur Philosophie. Einer der stärksten Künstler dieser Richtung tutb ein Abgott der modernen polnischen Jugend wurde Vincentt) Lutoslawski. Nichts aber ist sirr die nw- derne polnische Mchtung so bezeichnend wie ihre ganz eigenartige Volkstünttichkeit, die sich aus die gesiuide Kraft des polnisches Bauerntums stützt. Die modernen polnischen Schriftsteller bauten auf einer der Hauptstärken ihres Volkes :rnd La:wes, auf ihrem Bauerntun: auf, u:ü> diese Bauernlliterattir ewdeckt erst völlig die Wesensart der polnischen Volksseele. Auch hier sinden wtt immer wieder den Unabhängigkettsgcdatlken, sowohl in den Arbeiten des Epikers Reymont wie in den Bauerugeschichten von Prus bis zu den konze:ttr:etten Stimnmngsbilder:: Zeromskis. So zeigt selbst der kürzeste, ffüchttgste Ueberblick, daß die Literatur für d:e Polen ein starkes polittsches Bmrd bedeutete, ett:e Macht, die das nationale Gefühl weckte und ungebrochen aufrechterhielt, trotz der Mhängigkett, in der sich Pole:: ohne llnterbreck)unq während der letzten 100 Jahre befand. Darun: ist zu erivarten. daß die polnische Mchtung durch das neueste geschichtliche Ereignis eine neue Jugend erlangen wird, die hoffentlich an Stelle der Sehn­sucht die Erftillung ivird verherrliäien dürfen.