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2.11.1916 Zweites Blatt
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Nr. 258 Zweites Blatt

Erscheint ISgNch mit Ausnahme des Sonntags.

tbb. Zayrgang

Beilagen:Gießener ZamttrenblStter" und Nreisblatt für den Ureis Gießen".

poftfcheSk-nt»: Zrankfnrt am Main Nr. U686. vankvertehr: Sewerdebank Gießen.

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Gderhesftn

Donnerstag, 2. November *9*6

Zwillingsrunddruck und Verlag:

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R. Lang e, Gießen.

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prafident havenstein über die 5. Kriegsanleihe.

Berlin, 31. Okt. (WTB.) In der am Montag abgehal- teuen Sitznnig des Zentralausschusses der Reichsbank führte der Vorsitzende, Präsident des Reichsbank-Direkto- riunrs, Dr. Havenstein, aus:

Die Entwicklung des Standes der ReichSbank in dem abge- laufenen Monat erhält ihr besonderes Gepräge durch die im Sep- teutber aufgelegte fünfte Kriegsanleihe.

Diese Anleihe, die mit ihrem Ergebnis von rund 10 652 Millionen Mark, zu denen noch ein Teil der Feld- und Uebersee- zeichnungen hinzutreten wird, über alle Vorberechnungen und Er­wartungen hinausging und mit fast genau demselben Betrage wie die vierte sich ebenbürtig an ihre Vorgängerinnen anreiht,' ist zu einer neuen Großtat unseres Volkes geworden, zum neuen Aus­druck seiner Zuversicht zu dem siegreichen Ausgang des Krieges und zur neuen Betätigung seines freudigen Willens, ebenso mit Gut und Geld einzustehen für das Vaterland wie seine Sühne draußen mit Blut und Wehr. Mit den 47 169 Millionen Mark, zu denen nunmehr die Zeichnungen auf die fünf Kiriegsanleihen angewachsen sind, überragt Deutschland weit alle Leistungen seiner Feinde auf dem Gebiet der Kriegsfinanzierung: restlos sind damit alle bisherigen Kosten des Krieges vom deutschen Volke aufgebracht und in langfristigen und ganz überwiegend dauernden Anleihen beschafft. Das ist nicht nur ein einmaliger finanzieller Erfolg und wirtschaftlicher Sieg, sondern er ist, weil er der fünfte und in gleichen Zeiträume:: wiederkehrende war, und weil er nach 26 schweren Kriegsmonaten und gerade in der Zeit errungen würbe, wo die Zahl unserer Feinde sich mehrte und sie gleichzeitig an allen Fronten alle Kraft anspannten, um den schirmeirden Wall unserer .Heere zu -erbrechen, zugleich der redende Beweis, daß das deutsche Wirtschaftsleben ungeschwächt und erfolgreich weiter arbeitet, immer neues Kapital bildend, immer neue Werte schaffend, und daß neben dem Willen, durchzukämpfen zu Sieg und Frieden, auch die wirt­schaftliche Kraft steht, die Lasten dieses uns aufgezwungenen Da­seinskampfes zu tragen für jede Dauer. Auch diese Anleihe ist des­halb zu einer wahrhaftigen Volksanleihe geworden, zu der über 3 800 000 Zeichner sich vereinigt haben. Zu den zahlreichen großen Zeichnungen, die die' öffentlichen Verbände, die Landschaf­ten und die großen kaufmännischen und industriellen Firmen auf­gebracht haben, und über die vielfach Mitteilungen in der Presse erfolgt sind, hat sich ganz in der gleichen Weise wie bei den frü­heren Anleihen die allgemeinste Beteiligung der Privat vermögen gestellt, von unseren Fürstenhäusern bis zu dem kleinsten Sparer, der nur 100 Mark zeichnen konnte, und darüber hinaus in den zahl­losen Sammelzeichnungen in gewerblichen und landwirtschaftlichen Betrieben, in Verbänden und Vereinen und wiederum wie früher in den deutschen höheren und niederen Schulen; überall ist die Be­schaffung der Mittel für den Krieg wiederum als Vatettlandsdienst angesehen und geübt worden. Die Zahl der kleineren und mittleren Zeichner ist nicht mehr ganz so hoch wie bei der vierten Anleihe: aber sie konnte es auch nicht sein, weil die Kapital- bikdung hier langsamer ist als bei den größeren Vermögen, und weil gerade von ihnen bei den letzten beiden Anleihen schon außer­ordentlich viel geleistet war. Aber auch hier ist durch persönliche und immer feiner ausgestaltete und sorgsamer betriebene Mein- arfbeit ein großer Erfolg erzielt worden. Die kleinen Zeichnungen bis zu 2000 Mark weisen fast 3 4M 000 Zeichner auf mit einem Ergebnis von über V-fe Milliarden, die Zeichnungen bis zu 10000 Mark mehr als 3 721 OM Zeichner mft rund 3,2 Milliarden. Auch bei dieser Anleihe ist wieder von allen Vermittlungsstellen, Banken und Bankhäusern, Sparkassen und Genossenschaften, Lebensversiche­rungsgesellschaften und Postanstalten hingebend und weitherzig zu­sammengewirkt worden, wieder hat die gesamte dentschePresfe opferfreudig und unermüdlich aufklärende und werbende Arbeft ge­tan, haben die Verwaltungsbehörden in Stadt und Land die Werbe­arbeit führend und anregend organisiert und zahllose Helfer ge­funden, haben Geistlichkeit und Lehrerschaft sich aufopfernd in den Menst der Sache gestellt, haben Behörden und Vereine, Berufs­vertretungen und Arbeitgeber, jeder in seinem Wirkungskreise, ihre .Kraft und Mitarbeit dafür eingesetzt, und ihnen allen möchte ich auch von dieser Stelle wärmsten Dank und Anerkennung sagen.

Bon der prächtigen Mitarbeit, die auch diesmal wieder die de nt sche I u g en d der höheren 'wie mittleren und Volksschulen bei dem vaterländischen Werke -geleistet hat, ist erst ein kleiner

Ansschnftt für einen Teil der höheren und mittleren Schulen und Lehrerbildungsanstalten statistisch erfaßt: aber er zeigt ein ebenso erfreuliches Bild 'wie die letzte Anleihe. Von den rund 3000 dieser Anstalten, die sich mft eigenen Sammelznchnungen betätigt haben, haben die Schüler der bisher bearbeiteter: 911 Anstalten nicht weniger als 14 864 MO Mark selbst gezeichnet, also drrrchschnitt- lich Wer 16 0M Mark bei jeder Anstalt, und an 445 dieser Schulen haben 25 5M Schüler außerhalb der .Schulen über 40 Millionen Mark an Zeichnungen geworben.

Besonders erfreulich aber und für die deutsche ivirtschaftlicl>e Kraft und die Verfassung des Geldmarktes bezeichnend ist, daß auch die Einzahlungen ans diese fünfte Kriegsanleihe sich wiederum ebenso stark und zum Teil noch stärker und schneller ablvickelten als bei den früheren, und daß auf die Hilfe der Dar­lehn skassen immer weniger zurückgegrifsen wird. Schon am 30. Sep­tember, also fünf Tage vor Zeichnungsschluß, waren 5177,5 Millionen Mark, gleich 46.8 Prozent der Gesamtzeichnirrrgen ein­gezahlt: bis znm ersten Pflichtzahlrmgstage sind statt der ver­langten 30 Prozent eingezahlt worden: bei der 1. Anleihe 54,3 Prozent, bei der 2. 67 Prozent, bei der 3. 68 Prozent, bei der 4. 75,5 Prozent, bei der 5. 74,1 Prozent. ,Von diesen bis zum ersten Pflift/zahlungstage eingezahlten Beträgen waren mit Hilfe der Darlehnskassen besichftft: hei der 1. Anleihe rund 25 Prozent, bei der 2. 8,5 Prozent, bei der 3. (bis 23. 10. 1915) 6,5 Prozent, bei der 4. (bis 22. 4. 1916) 4,8 Prozent, bei der 5. (bis 23.10. 1916) nur 2,8 Prozent. Am 28. ds. Mts. waren auf die fünfte Kriegs­anleihe bereits 8 636 Millionen Mark, d. h. 81,1 Prozent der GesamtzaichnnNgen eingezahlt.

Auch darin zeigt diese Anleihe dasselbe Bild wie ihre Vor- gängerinnen, daß die ntit ihr verbundenen gewaltigen Geld- bewegungen dank der sorgsamen Vorbereitungen der beteiligten Kreise und dank der von der Reichkbank durch Rediskontierungen bewirkten starken Bindung der flüssigen Geldmittel keinerlei Erschütterung des Geldmarktes hervorgebracht und ihre Spuren nur in den sprrmghaften Bewegungen der Ziffern der Reichsbankauswcise hinterlassen hat.

In der letzten Septemberwoche stieg der Notenumlauf Mint fast 510 Millionen Mark auf feinen bisherigen Höchststand von rund 7370 Millionerr Mark, das Konto der Wechsel und Schatz- anweisungen um 3181 Millionen Mark aus seinen ebenfalls biShu: höchsten Stand von IO 758 Millionen Mark, in der Haupt­sache durch die als erste Einzahlung auf die Artteihe zurück- fließenden. von der Reichs bank vorher begebenen Schatzanweisungen. Andererseits führte die vorbereitende Verstärkung der privates Guthaben zu einer Erhöhung der fremden Gelder um 2587 Millionen Mark auf den Stand von 6266 Millionen Mark, der ihren bisherigen Höchststand vom 31. März ds. Zs. noch um mehr als 1900 MiKroneu Mark überstieg. Beides hatte eine vorüber­gehende stärkere Minderung der Deckungsverhälttrisse zur Folge. Tie Golddeckung der Noten ermäßig« sich von 36,0 ans

33.7 Prozent, dft Metaltdeckuna von 36,3 auf 34 Prozent, die Deöftmg aller täglich fälligen Verbindlichkeiten durch Gold von 23,5 aus 18,2 Prozent. Die folgenden Wochen 'haben dann aber mit den stetig wachsenden Einzahlungen ans die Anleihe zu einer starken Abdeckung der Schatzanweisungen und einer starken Verminderung der privaten Guthaben geführt und eine beträchtliche Erleichterung des Status gebracht. Der bTvtenumlauf senkte sich bis zum 23. Oktober rvieder nm 336 Millionen Mark ans 7 033 Millionen Mark Wechsel und Schatzanweisungen um 3 143 Millionen Mark auf 7 615 Millionen Mark, die fremden Gelder um 2 680 Millionen Mar? auf 3 586 Millionen Mark.

Ter Goldbestand, der sich seft dem 23. September in sehr erfreulicher Weise um fast 32 Millionen Mark vermehrt hat, deckt die Noten wieder mit 35,6 Prozent, die Metalldeckung der Noten hat sich wieder auf 35.8 Prozent und die Golddeckung der sämtlichen täglich fälligen Verbindlichkeiten auf 23,6 Prozent gehoben.

Auch der Bestand der Darlehnsfassen an Darlehen hat mit 2520 Millionen Mark am 23. Oktober seinen bisher höchsten Stand erreicht. An Darlehen für alle fünf Kriegsanleihen liefen am 23. Oktober noch 1086 Millionen Mark, also nur rund 2,4 Prozent aller bis dahin eingezahlten Anleihesummen. An Dar- lehnskassenscheinen waren am 23. Oktober ansgegebsn: 2 520,4 Millionen VLcrrk, davon ftm freien Verkehr 2053,7, für gedeckte Kassenscheine zarrückgestellt 120, in den Beständen der Reichsbank

346.7 Millionen Mark.

Der Zentralausschuß Mnehmigte init Rücksicht auf § 32 d des Bankgesetzes die Erhöhung des Betrages, bis zu dem die Fonds der Bank zuin Ankauf von Effekten für eigene Rechnung verwendet werden können, auf 120 Milk. Mark. *

Aus Hessen.

Darmstadt, 31. Okt. Die Mitwirkung des hes­sischen Handwerks an den großen kriegswirtschaftlichen Auf­gaben unserer Zeit wurde heute nachmittag einen: kleinen Kreis von Pressevertretern in höchst interessanter Weise vor Augen geführt. Herr Stadtverordneter Sames hatte die letzteren zu einer Besichtigung der Einrichtungen der hessischen Handwerker-Zcnträlgenosscnsck-ast eingeladcn, welche diese zur Ausführung der große:: Militärarbeiteu des hessischen Hand­werks getroffen hat. Tie Zentralgnwsscnschaft ist vor 12 Jahren von der hessischen Handwerkskammer in gemeinnütziger Weise ins Lebei: gerufen worder:, unr den Handwerkerstand durch Zuführung moderner Arbeitsmaschinen u. a. m!., Lieferung vor: Rohstoffen und durch kaufmännisch-technische Beratungen jeder Arft zu fördern. Nach Ausbruch des Weltkrieges mußte die H. Z. G. nun in schnellster Anpassung an die neu geschaffenen Verhältnisse den gesamter: Betrieb auf die Lieferrung von Heeresarbeiten aller Art zurichteu, die denn auch im Zusammenwirken mit dem gesamten hessischen Hand­werkerstande rasch ein sehr bedeutcrwen Umfang arrgerwimrien und eine Einnahme von bis jetzt nahezu sechs Millionen Mark eingetragen haben. Zu Beginn des Krieges warn: die hessischen Handwerker von jeder Mitarbeit ausgeschlossen. Erst anfangs 1915 wrrrden der Handwerkskammer in Berlin die ersten großen Aufträge erteilt und von ihr sofort in Verbindung mit her H. Z. G. die umfassendster: Maßnahmen zur Durchführung dieser Arbeiten ge­troffen. Der: Anfang machte der Bau vor: Heeressahrzeuger: und Proviantwagen, und in rascher Folge bildeten sich denn Llbtcilungen für die Bekleidungsindustrie nach Vereinbarung mit dem Korps- Bekleidungsamt in Mainz, dann für weitere Mannschastsaus- rüstung, Schuhzeug, Pserdebeschirrungen, Minenbauhölzer, Muuitionskasten, Mnnitionskörbe, Ausstattung vor: Stahlhelmen, Seilerwaren usw. In neuerer Zeit sind diesen Einrichtungen noch Reparaturwerkstätten ange schlossen worden, die sich aus Fahrzeuge und Bekleidungs- und Ausrüstungsstücke aller Art ausdehnten, für derer: Zwecke neben den Werkstätten in der Neckarstraße noch ausgedehnte Räume iit der Tiebnrgerstraße eingerichtet werden mumm. lieber alle diese gewaltigen Vorbereitungen gab außer Herrn Sames auch Herr Direktor P ä ch und der Syndikus der Handwerks­kammer, Herr Schußler, eingehende Erläuterungen. Tie Ar­beiten werden stets im ganzen Großherzogtum verteilt rmd so eingerichtet, daß selbst der kleinste Handwerker an den entlegenster: Orten daran teilnehmen kam:, zumal die erforderlichen Materialien zum weitaus größten Teil dazu geliefert und von der Zentralstelle in jeder Weise vorbereitet werden. In allen Fällen, ir: dener: die EirrrichtuNgen der einzelnen Handwerker nicht zureicheu, hat die H. Z. G. ans ihre Kosten die meist sehr teuren Maschinen an­geschafft. Besonders wertvoll erscheint die Uebernahme der Heeres- ausrüstungsreparaturarbeften, denn es wird damit ganzen Ge­werben, wie Schuhmachern und Sattlern, drrrch Zuführung noch lohnender Arbeit und Material auch über die schweren Winter­monate hinweggeholfen. Die H. Z. G., die ihre Hauptaufgabe in der sozialen Fürsorge für den Handwerkerstand sieht, begnügt sich demgemäß trotz ihrer großen Arbeitsleistung auch mit einem ganz niedrig berechneten Nutzen, denn es gilt, den großer: Zweck der Handwerksförderung in gleichzeitiger Verbindung mit der noch wichtigeren Ausgabe rascher Versorgung der Heeresverwaltung zu erfüllen.

Nachrichten«

Israelitische Nelilnonsgemeinde.

Gottesdienst in der Synagoge (Süd-Anlage).

Samstag, den 4. November 1916.

Vorabend 4.45 Uhr. Morgens 9 Uhr. Abends 5.10 und 5.46 Uhr

'Gottesdienst der israelitischen Religlonsgesellschast.

Sabbatfeier den 4. November 1916:

Freitag abend 4.30. Samstag Vorm. 8.30, nachm. 3.30 Uhr. Sabbatansgang 5.45 Uhr. Wochengottesdienst: morgens 6 45. abends 4 30 Uhr.

Erinnerungen an Boelcke.

Uns wird geschrieben: Als der leider tödlich verunglückte Flieger Heros Boelcke noch ein kleiner Junge war, machte er seinen Eltern viel Sorge. Der Junge kränkelte, und der Gymna­sialprofessor Boelcke in Dessau und seine Frau glaWten, daß seine Brüder eher wie der schwächliche Oswald dem Karnpfe des Lebens gewachsen sein würden. Wie so oft im Leben sind auch hier die Rollen vertauscht loorden. Oswald Boelcke erttwickelte sich immer mehr zu einem Manne mit eisernen Nerven, und seine beispiel­losen Erfolge in diesem Kriege verdankt er in erster Linie diesen Nerven, die in keiner noch so schwierigen Lage versagten. Ruhe, eiserne Ruhe zeichnete den kühnen Flieger ans. Er tvar ein Offi­zier, der Strenge gegen sich selbst und gegen andere Wte. Der Dienst stand stets obenan, und wie er jederzeit bereit war, sein Flugzeug zu besteigen und den Kampf mft den Gegnern auszu­nehmen, so verlangte er auch, namentlich später als Haupttnann und Führer einer Staffel, von seinen Untergebenen die strikteste Pflichterfüllung. Dieser Umstand hat nicht wenig dazu beige­tragen, daß er und seine Staffel ein leuchtendes Beispiel waren, das gern als solches anerkannt wurde und Nachahmung fand. Mit der Strenge aber verband er seine Leutseligkeit, die oftmals rüh- rerft» war. Seinen Leuten galt stets die erste Sorge, und wenn er einen neuen Erfolg an seinen Namen geheftet hatte, dann kargte er auch nicht mit Anerkennung für die, die seine Flugzeuge und D-afftn in Ordnung hielten ur:d instand setzten. Haupt mann Boelcke war ein Cerftaur der Lüfte. Er und sein Flugzeug waren eins. Er führte es zur Erde, sicher und glatt, und mehrmals landete; er ruft vollkommen zerschossenem Flugzeug. Mehr als einmal war dies in einer Verfassung, daß Sachverständige die glückliche Landung geradezu als ein WuWer ansahen. Men, die in seiner Umgebung waren, wird es unvergeßlich bleiben, wie er eines schönen Tages nur noch mft einer Tragfläche landete nnd dann mit der größten Ruhe und Selbstverständlichkeit den Schaden be­trachtete.Dachte ich mir doch," sagte er,daß ich angeschossen worden bin!" Nur die starke Drahtverspannung hatte die zer­trümmerte Tragfläche so lange gehalten, bis Boelcke am Start­platz erschienen war. Dann kam wieder einmal ein Tag, an dem er gelb wie ein Wnarienvogel landete. Er hatte einen Luftkampf mit einem Engländer zu bestehen gehabt, einem Gegner, der äußerst ge­schickt operierte und nur der überlegerren Taktik Bvelckes zum Opfer fiel. Der Engländer brachte es fertig, Boelcke zu Werhöhen. Kaum hatte dieser seine Lage erkannt, als er unter seinem Feinde wegflog und ihn, immer feuernd, von vorn packte. Von unten her hatte er den Oelbehälter des Briten gettosfen, und der Behälter ließ sein gelbes, von uns als Salatöl bezeichnetes Oel auf Boelcke Kampf­maschine entströmen. Sein Lederanzug, der Sturzhelm und die Schutzbrille waren, als Boelcke nach dem Msturz des Gegners lan­dete, wie nk.it Eidotter bedeckt. Dieser Begleitumstand erhöhte die

Freude des. Siegers nicht unwesentlich . . . Als Hauptmann Boelcke von einem Fluge zurückkehrte, bei dem er seinen dreißig­sten Gegner außer Gefecht gesetzt hatte, drängte wie immer der ganze Staffelstab sich an den heimkehrenden Führer. Alle Fragen lauteten, ob er Erfolg gehabt habe.Ich muß ihn getroffen haben," so antwortete er und gab dann den Befehl, in der vordersten Linie anzufragen, was aus dem getroffenen Gegner geworden sei. Als die Meldung einlief, das Flugzeug, ein Engländer und zwar ein kleiner Einsitzer, liege zerstört innerhalb unserer Linie, sagte er nur: Also der Dreißigste!" Das sagte er, ohne mit einer Wimper zu zucken und so selbstverständlich, als hätte es garnicht anders sein können. Als er vor einiger Zeft eine große Balkanfahrt unternahm und die dorttgen Fliegerstationen besichtigte, besuchte er auch seine, Eltern in Dessau, war aber sehr schweigsam, und aus die Frage, wie er ds fertig bringe, so viele Feinde niederzuringen, antworteta er nur:Ich fliege und schieße ab!" Mehr war nicht aus ihm herauszWringen. Während dieser Zeit hatte er seine Mechaniker beurlaubt und ließ die Fürsorge für diese so weit gehen, daß er jedem einen blauen Lappen in die Heimat sandte, damit sie den Urlaub froh verbringen können. Er verschmähte nie einen guten Rat, besonders dann, wenn er von seinen Mechanikern kam, und manchmal stieg er, so schwer es ihm ftel, nicht auf, wenn der ?7kecha- niker nicht ganz zweifelsfrei über die Beschaffenheit des Maschinen­gewehrs war, auf das er naturgemäß großen Wert legte. Teilweise glückte es ihm, den Gegner schon mft der Verschießung eines halben Pattonengurtes zu erledigen. Nur bei besonders zähen Feinden verbrauchte er mehrere Gurte. Das war der Held, der nun einem bedauerlichen Unglücksfall zum Opfer gefallen ist und dessen Tod mit stolzer Trauer weit über Deutschlands Grenzen beklagt wird!

^ *

von der Kaiser - Wilhelm - Gesellschaft.

Berlin, 30. Okt. Am Sarnstag nachmittag ttat der Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft unter dem Vorsitz von Exzellenz von Harnack Ku einer Sitzung zusammM. Das Kultus Ministerium^ war durch Müttsterialdttektor Schmidt und Re- gierungsrat Friedrich Trendelenburg vertreten. Der Präsident berichtete über die Tätigkeit der Gesellschaft und ihrer Institute, deren Arbeiten fast «usschlietzlich Fvager: der Kriegstechnik, der Kriegswirtschaft sowie der Kriegs-Geftmdheitspflege gew-idlnet sind. Der Senat bewilligte für das unter der Leitwrg von Wasser­manns bestehende Karser-Wilhelm-J^rstittrt für experimentelle Therapie weftere Mittel, um dessen Arbeitsgebiet der wachsenden Bedeutung der Seuchenbekämpfung und dm von dem' In­stitut im Kriege erzielten Erfolgen entsprechend zu erweftecn. Be­sonderes Interesse erregte die Mitteilrmg, daß England in der ausgesprochenen Absicht, Versäumtes nachzuholen, noch im Kriege ein wifserrschaftliches Unternehmen ins Leben gerufen hat,

das wie die Kaiser-WilhelnEesellschaft auf dem Gedanken einer Kooperation zwischen den Träger:: der Volkswirtschaft und dem Staate nebst den Organen der Wissenschaftspflege beruht. Auch bei uns vertieft sich mehr und mehr d:e Erkenntnis, wie sehr unsere industrielle Kraft aus der Leistungsfähigkeit unserer Wissenschaft mit beruht. Dies beweist die Tatsache, daß seit April 1916 nicht weniger als 27 neue Mitglieder, darunter große industrielle Unter­nehmungen der Gesellschaft beigetreten sind.

Am Sonntag nachmittag vereinten sich zahlreiche Mftglieoer der Gesellschaft und ihrer Instttute in dem Kaiser-Wilhelm-Jn- stitut für Biologie in Berlin-Dahlem. Exzellenz von Harnack hielt eine Ansprache, in her er zunächst der 200. Wiederkehr des Tages gedachte, an dem Leibniz, der eigentliche Begründer der deutschen Wissenschaftspslege, starb, der bei seinen Bestrebun­gen fast ausschließlich auf die Fürstenhöfe angewiesen: war. Jetzt seien die Träger der Wirtschaft zu Förderern der Wissenschaft geworden. In der Wissenschaft wie in der Wirtschaft iverde' in Zukunft organisatorisch das gleiche Problem im Vordergrund stehen: Innerhalb der sich mehr und mehr verstärkenden Ünter- vrdnung des kleineren Prinzips unter das größere dem Indi­viduum und seinen Kräften Raum zu lassen und das Gleich- gervicht der kollektiven Und persönlichen Verantwortlichkeit zu er­halte:.

Hierauf hielt das wissenschaftliche Mftglied des Kaiser-Wit- helm-Inftituts für Biologie, Professor Dr. HartMan n, einen Vortrag über neuere Forschungen auf dem Gebiete der Befruchtung, insbesondere bei Protisten. Seine Lhrbeiten, die aus rein theoreti­scher GruWlage ausgebaut sind, können zugleich doch für die Be­kämpfung gewisser Tropenkrankheiten, die, wie zmn Beispiel die Malaria Und die Schlaftrarftheit, durch Protisten hervorgerufen werden, neue Anhaltspunkte bieten.

Berlin, 1. Nov. Im Königlichen Op«nhcnlse fand heute vor ausverkauftem Zufch-cruerrarnn. die Erstaufführung der neu- Vearbeitete::Ariadne auf Naxos" von Richard Strauß statt. Die Schönheft der geistvMen Partitur kam dies­mal, vielleicht infolge der Entlastung der Dichtung von manchem Mtbchrkichen Beiwerk, noch besser pit (Mtuttg ccks vorher. Das Orchester unter der Leitung des MuftkdirTektors Mech bot eine wahrhaft vollendete Leistung. Auch die Darsteller, voran Frau Hafgren Waag (Ariadne), Frittitein Artot de Padftla (Komponist), Frau Hansa (Zerbmetta) und die Herren Bronsgeest (Mr:siklehrer), Kirchner (Bachus) und das Harlekin-Quartett Habick, Sommer, Krasa und Henke rissen wieder­holt das Prrbkikum zu rauschendem Beifall hin. Oberregisseur Tröscher hatte der Asuftührrurg -inen prächttgen eindrucksvollen Rahmen bereitet. Am Schluß wurde Richard Strauß zusammen mit Musikdirektor Blech wiederholt hervorgerufe::.