i« Snglauv.
London, 7. Nov. (WTB.) Die Preise für Wer- 'z.eu, Mehl und Brot sind weiter gestiegen. Man hält es Mr wcchrfcheinlich, d<rß die Anbaufläche für Weizen in- :folge des Arbeiternrcmgels tveiter zurückgehen werde. Auch die Preise für Hafer, Mais und Futtermittel weisen eine Steigerung auf. Die Preise für Kartoffeln sind infolge stärkerer Zufuhr etwas gesunken; jedoch, schreibt der Korre spondent der „Daily News'": Die Lage ist ernsthaft, ja besorgniserregend, noch Hunderte Acres von Kartoffelland sind auszunehmen. Man riskiert, daß sie erfrieren. Der Ausdrusch des Korns ist sechs bis sieben Wochen zurück, die Getreidemieten trotz des schlechten Wetters nicht zu- ,gedeckt. Ein anderer Korrespondent schreibt aus Süd-Lin colnshire, wenn der Krieg noch einen weiteren Winter dauern würde, so sei eine Hungersnot unausbleiblich.
Dir Londoner Frauenrechtlerinnen.
London, 8. Nov. (WTB.) Am Sonntag hielten die Frauenrechtlerinnen eine Demonstrationsversammlung auf dem Trafalgar Square ab, um dagegen zu protestieren, daß iV.'te Regierung Benizelos nicht tatkräftiger unterstütze. -'Gestern zogen Frau Pankhur st und ihre Anhängerinnen .einem Beschluß der Versammlung gemäß nach dem Parlament, um bei Lord G rey vorzusprechen. Da sie nicht in das 'Oberhaus eingelassen wurden, begannen sie lärmende Demonstrationen und wurden schließlich von der Polizei abgeführt.
Rene Finanzmaßnahmen in Italien.
Rom, 10. Nov. (WTB.) Meldung der „Agenzia Stefan: : Ein Erlaß kündigt neue Finanzmaßnahmen ian, deren Ertrag rund 200 Millionen jährlich ergeben soll, namentlich eine Erhöhung der Abgaben auf außerordentliche Kriegsgewinne, Schaffung einer Militär- pflichters atz steuer, Steuern auf Parfümerien und medizinische Spezialartikel, Einführung neuer Briefmarken, Erhöhung des Urttindenstempels, Steuern auf Motorräder, Kraftwagen, Motorboote, Erhöhung der Abgaben auf Liegenschfften, gewissen Arten des beweglichen Einkommens, Einführung einer Kriegsabgabe auf Mietszinse, Verkaufsmonopol auf Spielkarten und Abänderung der Telephon- und Postgebühren.
RuS Indien.
London, 8. Nov. (WTB.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Neunzehn eingeborene Mitglieder des kaiserlichen gesetzgebenden Rates von Indien überreichten dem Vizekönig eine Denkschrift, in der sie Resormvorschläge machen, die nach dem Kriege aus^eführt werden müßten, menn nicht eine bittere Ent- ^täufchung eintreten solle. Die Denkschrift fordert, daß in den Re- > gierungskollegien (executive Councils) die Hälfte der Mitglieder Inder seien. In den gesetzgebenden Beiräten (legislative Councils) solle die Mehrheit aus gewählten Vertretern bestehen. Im dien müsse eine fiskalische Autonomie erhalten und auf die gleiche Stufe mit den autonomen .Kolomen gestellt werden, und die Inder lsollten hinsichtlich des Reckes, Waffen zu tragen, und des Ansspruchs auf Offiziers stellen in der Armee ebenso behandelt werden wie die Europäer.
Aufruf a« die Polen.
Lublin, 10. Nov. (WTB. Mchtamtlich.) Das Vervrd- iiarn^sblatt des Militär-Generalgouvernements Mr das österreichisch-ungarische Okkupationsgebiet für Polen veröffentlicht folgende von den beiden Generalgouverneuren i^neral v. Beseler und Feldzeugmeister Kick Unterzeichnete ^roklQrration:
An die Bewohner der, (^erelgouverniements Lublin und ? Warschau. Dir Herrscher der verbündeten Mächte Oesterreich- llugarn und Deutschland haben Euch ihren Entschluß kundgetan, .aus den von russischer Zwingherrschaft befreiten polnischen LaN- ÜEu ein neues selbst ändiws Königreich Polen aufzurichten. Euer -iieißester, mehr als ein Jahrhundert hindurch vergeblich gehegter .Wunsch wird dadurch erfüllt. Ter Ernst und die Gefahr dieser schweren Kriegszeit und die Fürsorge für unsere vor dem Feinde fftehniden Heere zwingen uns einstweilen, die Verwaltung Eures ; iteuen Staates noch selbst in der Hand zu behalten. Gern aber gVollen wir ihm mit Euerer Hilfe schon jetzt allmählich die staat- 'ftchen ^Einrichtungen geben, die seine feste Begründung, seinen Ausban und seine Sicherheit verbürgen sollen. Dabei steht allem voran ein polnisches Heer, Mxb ist der Kampf ; mit Rußland nicht beendet. Es ist Euer Wunsch, daran teilzu- ^nehmen. So tretet denn freiwillig an unsere Seite, um' unseren Sieg über Euren Unterdrücker vollenden zu helfen. Tapfer wnd.lmt hoher Auszeichnung haben {©irre (Brüder von der Mlnischm Legion neben uns gefochten. Tut es ihnen gleich in Treuen Trup- .penkörpern, die dereinst mit jener vereinigt ein polnisches Heew ! bilden sollen. Es wird Euerem neuen Staate einen festen Halh i gefrcn und ihm Sicherheit nach außen Und innen gewähren. Unter »den von Euch über alles gelitten Farben und Fahnen Eurer ^zeimat sollt Ihr Euer Vaterland schirmen. Wir kennen Eueren '.Mut, Euere glühende Vaterlandsliebe und rufen Euch, auf zum Kamps an unserer Seite. Sammelt Eure wehrhaften Männer nach 'dem Befipiel der tapferen Polnischen Legion. Legt zunächst in gemeinsamer Arbeit mit denk deutschen, und dem ihm verbündetes
Basel, 10. Nov. (Privattel.) Der italienische Dampfer Vertunno (3239 Bruttoregistertonnen) wurde am 30. Oktober versenkt. Der italienische Dampfer Fe d e l t a (1906 Bruttoregistertonnen) ist durch ein deutsches U-Boot im Mittelmeer versenkt worden.
' österreichisch-ungarischen Heere den Grund zu dem polnischen, in dem che ruhmvollen Ueberlieferungen Euerer Kriegsgeschichte in der Treue und Tapferkeit Euerer Krieger wieder lebendig werden.
Die Antwortnote Norwegen-.
Berlin, 10. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Die Antwortnote der norwegischen Regierung auf den deutschen Protest in der Frage der Behandlung der Unterseeboote durch Norwegen ist im Auswärtigen Amt einoeg angen. Die Note ist ein umfangreiches Dokument und fliegt zurzeit zur Beratung seitens der beteiligten Stellen der Reichsregierung vor.
Dr? Seekrieg.
Vlissingen, 10. Nov. (WTB. Mchtamtlich.) Der Dostdampfer Koningin Regentes, der heute früh um 6 Uhr von hier ausgefahren war, ist nach Zeebrügge aufgebracht worden. Die Aufbringung erfolgte Ungefähr um 11 Uhr, um welche Stunde der Dampfer sich dicht beim Noordhinder Leuchtschiff befunden haben dürste. Der Dampfer kam um etwa 31/2 Uhr in Zeebrügge an. An Bord befanden sich 93 Passagiere. 19 davon waren englischer Nationalität, darunter 2 Kriegsgefangene aus Groningen und 8 Internierte aus Ruhleben. 25 waren Belgier und 2 Italiener. Ferner waren der englische, der belgische und der amerikanssche Kurier an Bord.
London, 10. Nov. (WTB.) Meldung des Reuter- schen Bureaus. Der britische Dampfer „S he l d r a k e" (2697 Br.-R.-T.) ist gesunken.
London, 10. Nov. (WTB.) Lloyds meldet: Der bri- trsche Dampfer „S y n n s i d e" wurde versenkt.
rw Ct -i n v 10 Nov (WTB. Mchtamtlich.) Wie „Temps" der norwegische Kohlen dampfer Fnru- /and versenkt worden.
Zur Vorgeschichte der Krieger.
Berlin, 10. Nov. (WTB.) Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt unter dem Titel: Die russische Mobilmachung zugleich die Kriegserklärung an Deutschland!:
Die gestern in der Rede des Reichskanzlers er- tvähnte russische Mobilmachungsanweisung vom Jahre 1912 verdient in ihren Hauptpunkten im Wortlaut bekannt zu werden, da sie die seit lange gehegten Angriffsabsichten Rußlands gegen Deutschland enthüllt. Die Behauptung Greys, da ßdie'russische Mobilmachung lediglich eine Verteidigungsmaßnahme gewesen sei, ist schlagend widerlegt worden.
Geheim! Eilt!
Chef des Stabes des Warschauer Militärbezirkes, Sektion des Generalquartiermeisters, Mobilisationsabteilung.
30. September, 1912, Nr. 2450, Stadt Warschau.
An den Kommandeur des 6. Armeekorps.
In Abänderrmg aller früher erfolgter: Anordnungen bezüglich, des operativen Teiles teile ich! Ihnen aus. Befehl des' Kommandierenden der Truppen nachstehende leitende Geschichtspimkte mit:
Allerhöchst ist befohlen, daß die Verkündung der Mobilisation auch die Verkündung des Krieges gegen T e u t s ch l a n d ist. Tie deutsche Armee kann bei voller Kriegsbereitschaft ihren Aufmarsch im Raume der Masurischen Seen am 13. Tage der Mobi- machung beenden. Allerdings ist eine Ueberfchreitung der Grenze durch die vorderen deutschen Korps schon am 10. Tage vollkommen möglich. Tie bewaffneten Kräfte Rußlands werden in einige Armeen zerlegt, die vorher bestimmt sind zu Operationen gleichzeitig sowohl gegen Deutschland, 'wie auch gegen Oesterreich-Ungarn. Die Armeen, die vorher bestimmt sind für die Operationen gegen Deutschland, werden zu einer Gruppe zusammen gefaßt unter dem Kommando dos Oberbefehlshabers der Gruppe der Armeen gegenüber der deutschen Front. Tie zweite Armee, zu deren Bestand das 6. Korps gehört, tritt zu der Gruppe der Armeen der Nordwestfront. Der Stab des OberbeschlsHabers der 2. Armee befindet sich bis zum siebenten Tage der Mobilisation in Warschau, daraus in Wolkowsk.
Die allgemeine Ausgabe der Truppen der Nordwest f r v n t ist: Nach Beendigung der Konzentrierung Heber gang zum Vormarsch, gegen die bewaffneten Kräfte Deutschlands mit'dem Ziele, den Krieg in diesen (Gebiet ^hinüüerznttagcn. Die Aufgabe der zweiten Armee ist: Verdeckung der Mobilisation und allgemeinen Konzentrierung der Armee. Ten Raum Bialystoch— Grodno muß die Armee aus jeden Falt in ihren Händen behalten. Zur Erfüllung dieser Aufgabe versammelt sich die zweite Armee in der Front Lwpockini—QoMza. Es folgen Ernzelanordnungen über den Aufmarsch und die Aufstellung der DivVisionen, Transporte usw.)
Zum Schluß wird aus die gewichtige hochpolitische Bedeutung der Anordnungen hingewiesen mit den Worten: Ter J'nhalt dieser Anweisung bildet strenges Staatsgeheimnis. Es folgen die Unterschriften: Geireralleutnant Kiljuje'w, Generalmajor Postowski, älterer Adjutant Oberst Dal er.
Dieser Befehl vom Jahre 1912 ist nicht aufgehoben worden und war mithin bei Ansbruch des Krieges im Juli 1914 noch gültig. Er war zweifellos bei dem engen Zu- anrrnenarbeiten zwischen dem russischen und französischen Generalstab auch der französischen Regierung und )urch diese auch der englischen bekarmt, da während der letzten Fahre vor dem Kriege eine dauernde Verbindung zwischen dem französischen und englischen Generalstab befand, was durch die häufigen Reisen des Gnerals French nach Frankreich auch äußerlich zum Ausdruck gekommen ist.
valsour über öfe englische und deutsche
Klottenmethode.
London, 10. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Bei dent Bankett in der Gnild- h all hielt Balfour folgende Rede:
Tic Engländer und ihre Bundesgenossen habet: die unbe- 'trittene Herrschaft auf der See. Vom britischen Stadpunkt aus betrachtet weist diese Stellung aber einige Unzulängliästeiten auf. Wenn der Handel des Feindes von der See vertrieben wird, können keine Schiffe m-chr zu Prisen gemacht werden, wenn die fehtMidje Flotte in der Nähe ihrer verstärkten Operationsbafen bleibt, können keine .Siege errungen werden. Einige Kritiker denken deshalb, daß die englische Flotte zu einer passiven. Rolle verurteilt ist. Das ist unrichtig. Sie hat eine viel schwierigere Ausgabe, als die Miofee Verteidigung der Küsten. Sie hat für die Sicherheit der BerLindnngslinien der Armeen über die See zu sorgen, die an allen Punkten Europas kämpfen. Sie muß bei gutem' und schlechtem Wetter die Blockade aufrechterhalten, die die Hilfsquellen des Feindes verstopft. Ich kann versprechen, daß die Pflichten, die ans der Flotte ruhen, sowohl was den Angriff, als die Verteidigung betrifft, Mkünftig ebenso erfolgreich erfMt werden, wie in der Vergangenheit. Aber ich will nicht versprechen, daß .die Sorgfalt in der Wachsamkeit eine Zusammenziehung der Kampfmittel und vorübergehende, allerdings vergebliche Angriffe unmöglich macht, wie dm jüngsten Angriff im Kanal, der übrigens keinerlei.militärisch, oder maritim ins Gewicht fallende Ergebnisse hatte. Ich glaube nicht, daß der Angriff wiederholt wird, da er die große Gefahr, die der Feind in einem solchen Falle liefe, nicht rechtfertigen würde. Derartige Ueoersälle haben mit dem großm Probleme der Beherrschung der See nichts M tun. Deutschland hat jetzt die Hoffnung «Nffgegeben, unsere Secherrschaft durch eine Flottenaktion anMfechlen und ist zu erbärmlicheren, Verbrecher: scheu Methoden übergegangen.
Balfour verlas sodann folgenden Auszug ans der deutschen,' Prisenordnung, die am Tage vor der Kriegserklärung neu ausgefertigt worden sei: „Beim AnhEen und Durchsuchen eines Schiffes unter neutraler Flagge Muß der Kommandant soviel wie möglich zu vermeidm trachten., daß es tax Kurs verändern muß. Er muß trachtm, es so möglich wie wstuig zu belästigM." Bor einigen Tagen wurde der rrorwegische Dampfer „Ravn" während eines hestigm Sturmes angegriffen und versmkt. Die Besatzung! erhielt fünf Minuten Zeit, um in die Boote zu gehen. Bon einem dieser Boote wurde seither nichts mehr gehört. Mn anderes erreichte die Küste,-aber von dm zehn Insassen warm zwei infolge der Anstrengungen gestorben. Zivei gingen ans Felsm zugrunde. Eine glückliche Illustration an der Vorschrift, soviel wie möglich zu vermeiden, daß Lvchiffe aus Kurs gebracht werdm (indem man sie versmkt), eine glückliche Illustration der Bemühungen, so wenig wie möglich lästig zu sallm.
j Sodann verlas Balfour Auszüge aus einer Rede, die Baron mörschall auf einer Haager Konferenz gehalten hat. Der Konferenz lag die Frage vor, wie mit Minen zu verfahren sei. Die Britm erhoben Einspruch gegen die deutschen Methoden mit der Begründung, daß sie Nr die Neutralm zu hart sein würden. Der dmtsche Vertreter sprach wie folgt: „Militärische Aktionen werden allein durch das Völkerrecht beherrscht. Daneben gibt es andere Faktoren, wie das Gewissen, das Gerechttgkeitsgefühl (wörtlich: good smso) und das Gefühl fi'ir die Pflichten, die durch die Grundsätze der Menschlichkeit auferlegt werden. Sie werden der sicherste Führer Nr das Verhalten der Seeleute sein. Die wirksamste Gewähr gegen einen Mißbrauch bieten die Offiziere der deutschen Flotte. Ich verkünde laut: Sie werden die Pflichtm, die das ungeschriebene Gesetz der Menschlichkeit und Zivilisatton aufcrlegt, immer genau erfüllen." (Heiterkeit.) Was sollen wir von einer Nation sagen, die durch den Mund ihres auserkorenen Vertreters diese Rede hält und schon zwei Jahre später Medaillen Nt die „Lufitania" prägen läßt.
(Hört, hört!) Mir alle wissen, was das heißt. W bedmvn, daß die Deutschen zu dem wohlüberlegten Schlüsse gelangtm, daß der beste Weg zum Erfolge der ist, Schrecken einzuflößen, wie sie es dm schwachen Neutralm, wie Norwegen, die letzten Monate tun. Es ist einfach eine Wiederholung zur See dessm, wa,s sie in Belgien taten oder anderswo getan haben und überall tun werden, wv sie die Macht habm.
Aus Stadt und Land.
* Gießen, 11. November 1916.
Sonntagsgedanken.
Das Herrlichste an diesem Kriege bleibt für uns doch, daß es btx Volkskrieg fürs Vaterland und Heimat ist. Das bringt die Fülle seiner Schrecken über uns. Es greift in jedes Haus ein, nicht nur, wo es die Männer und Söhne in den wirklichen Kamps hinausführt, sondern ebenso, wo es die daheim alles unmittelbar miterleben und miterleiden läßt. Aber es nötigt auch ausnahmslos alle zu dem, was Goethe „mujterhafte Aufopferung" genannt hat, „die erste und letzte Tugend, worin alle übrigen enthalten sind". Wie sich diese Tugend äußert, ist zuletzt ganz gleichgültig, wenn sie nur im Willen vorhanden ist oder erzeugt wird. Mag sie die Preisgabe des Lebens oder das vielleicht noch schwerere Opfer der Liebe fordern, von den kleinen Leistungen, so herrlich sie an sich sein mögen, ganz zu schweigen, immer ist es der große Sinn für das Ganze, das hier die Selbstsucht verschlingt, Eigenwillen und Eigennutz im Feuer der Hingabe schmelzen läßt.
Denn wo die Lieb erwachet, stirbt
Das Ich, der dunkele Despot.
Du laß ihn sterben in der Nacht
Und atme frei im Morgenrot!
^ Mer dies Morgenrot soll den Tag bringen. So hoffen uno glauben wir. Mit einem größeren und sei es einem weltweiten Deutschland, ist uns nicht gedient, wenn der Tag, auf den wir si'ir das Vaterland hoffen, nicht eine innere Wertung und Befreiung der deutschen Seele bringt. Aber hat diese Hoffnung irgend Grund? Wandeln sich Seelen so leicht, oder rvenn nicht leicht, dann doch so schnell? Oder können äußere Geschicke, und wenn sie gigantisch wären wie dieser Krieg, den Wandel an ihnen vollziehen?
Man kann zwischen deusscher und englischer Frömmigkeit den tiefen Unterschied beobachten, daß der Brite in den vornehmsten Erscheinungen seines Christentums es aus stürmisch-gewaltsame, plötzliche Bekehrung abgesehen hat, deutsche Art den langsamen Wirkungen der Erziehung vertraut. Ich floeiß, daß diese beiden Formen gefchichtlich aufeinander gewirkt haben, ineinander übergegangen sind. Aber in ihren letzten Ausprägungen, der engttschen Heilsarmee, per deutschen Volksschule, scheiden sie sich kenntlich voneinander. Darauf besinnen wir uns, wenn wir des Tages gedenken, der unserem Vaterland kommen soll. Zu schnell vielleicht haben viele vom Ktiege selbst, unmittelbar, die starken Wirkungen auf die Seelen gehofft, die ein neues Reich des^ Glaubens und der Liebe unter uns heranfsiihren sollten. Wir hoffen freilich noch. Spurlos vorübergehen kann das Ungeheure nicht. Spurlos in die Nacht eines vergangenen Tages versinken können die im^ähligen erschütternden Erlebnisse der Einzelnen nicht. Und wenn sie rn ihnen fort-« leben werden, darm werden sie von ihnen auch fortwirken auf kommende Geschlechter. Aber vertrauen können wir diesen Wandlmrgen allein nicht. Wir wissen, daß sie auf schwerste, tiefNewurzelte Widerstünde stoßen. Nur dann, wenn zur Wandlung selbst der Wille der Wandlung sich gesellt, das äußere Schicksal so in innere Aufgabe sich umsetzt, kann der konnnende Tag mit seinen langen Arbeitsstunden dem ersehnten Ziel urrs langsam rrähern. Nähern aber heißt nicht erreichen. Das Ziel selvst liegt im Unendlichen. Genug wenn wir Stein um Stein mühsmn zum Bau der Ewigkeit herbeitragen und behauen. Das ferttge Reich der Heillgen hat England einst zu sehen geträumt. Wir Deutschen haberr von jeher unsere Aufgaben uns bescheidener gedacht, wir wollen sie auch aus diesem Kriege hinaus uns bescheidener für die Zukunft vorsch,reiben lassen. Dann werden wir vor Enttäuschungen bewahrt bleiben, aber der Wille wird nur erstarken für die Lasten, die der kommende Tag des Vaterlands uns auferlegen wird. Wenn wir des Volks gedenken, des herrlichen, das diesen Krieg erlebt und erlitten hat, wird uns dennoch sein wie denr Wanderer, dem sein Tagesziel hoch und fern vor Angen steht, er atmet frei' im Morgenrot. E cf.
»
BerwundeteriberaturrgSstelle für Arbeiterverficherung.
.Bei der Erteilung von Unterricht in der Sozialen Gesetzgebung ergab sich die Notwendigkeit, die verwundeten und Erkrankten Kriegsteilnehvier auch außerhalb der Unterrichtsstunde auf dem Gebiete der Arbeiterversicherung usw. zu beraten, und ihnen bei der Geltendmachung ihrer Ansprüche behilflich ^u sein. Es wurde zu diesem Zwecke im Monat Juni! lf. Js. eine Beratungsstelle emgerichtet, die Dienstags und Freitags nachmittags von 2—3 Uhr im Soldatenheim Sprechstunden abhäll. In der Zeit von Juni bis einschließlich Oktober d. Js. wurde die Beratungsstelle in 80 Fällen in Anspruch genonrmen und zwar im Juni 8, Juli 10, August 20, Scptem- ber 18 und Oktober 24 Fälle. Davon entfallen auf Reservelazarett Turnhalle 16, alte Klinik 10, Steins Garten 9, evang. Schwesternhaus 6, Chirurg. Klinik 6, Sie- chenhaus 4, Kaufm. Berei nshaus 3, Augenklinik 3, Psych. Klinik 1, Ersatz-Batailllon 6, Landsturm- Bataillon 3, bereits entlassene Kriegsbeschädigte .13 Fälle. Bon den erteilten Auskünften ufw. betrafen Invalidenversicherung 43, Krankenversicherung 6, Angestelltenversicherung 1, sonstig'« Rechtsfragen (Gewerbegericht usw.) 4, Militärversorgung 7, Löhnungsfragen ustv. 5, Unterstützung der Angehörigen 3, sonstige Verordnungen 2, persönliche Angelegenheiten 9 Fälle. Soweit die Verwundeten nicht ausgehen koimtcn, wurden sie in den Lazaretten ausgesucht und beraten.
Neben den Beratungen der Verwundeten war die Anfertigung von 43 Schriftstücken notwendig. Diese betrafen vor allen: die Beschaffung der Unterlagen zur Stellung von Anttägen auf Invalidenrente. Außer der letzten JnvalldenSarte, die sich sehr oft^ noch beim Arlieitgeber oder bei der Krankenkasse bcsarrden^ fehlten häufig Bescheiirigungen über ausgerechnete Quittungskarten, deren Erneuerung bei der Landes Versicherungsanstalt beantragt, außerdem Nachweise über aktive DienMeiff die von den zuständigen Bezirkskommcardos erbeten wurden. Ferner lvurden Arbeitsbescheinigungen von: Arbeitgeber erngefvrdert. Nach Stellung der Aitträge auf Invalidenrente wurde bei den Versicherung^ ämtern auf möglichste Beschleunigung hingewirkt. Soweit den Verwiindeten im Falle dauernder Invalidität nur Krankcnrente zuerkannt, wurde nach eingehender Prüfung der Angelegenheit rmter erttsprechender Begründung Auszahlung der Invalidenrente beanttagt.
In Fällen, in denen die Verwundeten durch außerhalb ihres Willens liegende Verhältnisse an der rech^citigen Olcltendmachung ilirec Ansprüche gehindert waren, tvurde aus nachttägliche Aus- za'hlimg des infolge der verspäteten Aittragsstellung vorenthaltenerr Teils der Rente hingewttkt. Da die Landesvers 1 cheri,ngsonstalt in Darmstadt gegen eine Entscheidung des Oberversicherungsamtes, welche allen länger als 2 6 Wochen im Lazarett befindliche n Per sicherten die Krankenrente zusprichtz.


