Issue 
10/11/1916 Erstes Blatt
Page
2
 
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image

Ich kann werter ftststellen, !^:ß die neue Lesart ausschließlich vor: Lvrd Grey aufgebracht wurde. Die russische Regrsrung selbst, die doch am besten über die (Grunde ihrer Mobilmachung unter­richtet sein müßte, ist niemals auf den Gedanken gekommen, sich für ihren verhängnisvollen Schritt auf das Extrablatt des ,,^o- kal-Anzeigers" zu berufen. Lord Grey wird, wie ich annehme. den Zaren als Zeugen nicht ablehnen wollen. Der Zar hat noch am 31. Juli 2 Uhr uachinittags, als die Mobilmachungsordre an die sämtlichen russischen Streitkräste bereits ergangen war, an S. M. den Kaiser auf dessen letzten Friedensappell telegraphiert: Es ist technisch unnröglich, unsere militärischen Vorbereitungen einzu­stellen, die durch Oesterreich-Ungarns Mobllisierung notwendig geworden sind." Kein Wort vom Lokalanzeiger, kein Wort von einer deutschen Mobilmachung!

Nur beiläufig erinnere ich daran, daß auch der Hinweis des ÜB^tien auf öie angebliche Mobilisierung Oesterreich-Ungarns keinen Grund für die russische allgemeine Mobilmachung abgeben konnte. Oesterreich-Ungarn hatte zu der Stunde, als die allgemeine Mobilmachung in Rußland angeordnet wurde, lediglich 8 Armee- -'orps angesichts des Konfliktes mit Serbien auf Kriegsfuß gesetzt, rund Rußland hatte diese Maßnahme bereits am 29. Juli mit der Mobilmachung von 13 Armeekorps beantwortet. Seit dem 29. Juli waren von österreichisch-ungarischer Seite keine weiteren militärischen Maßnahmen ergriffen worden, die Rußland zu der der Kriegserklärung gleichkommenden allgemeinen Mobllmachung hätte:: Veranlassung geben können. Erst nachdem die allgemeine Mobilmachung in Rußland erfolgt war, ist Oesterreich-Ungarn am Vormittag des 31. Juli auch seinerseits zur allgemeinen Mobilmachung übergegangen.

Wir unsererseits haben selbst dann noch Langmut und Ge­duld geübt, bis zur äußersten Grenze der Rücksicht auf unsere all­gemeine Existenz und der Verpflichtung gegenüber unseren Bun­desgenossen. Wir hätten ja schon am 29. Juli, als Rußland gegen Oesterreich-Ungarn nwbllisierte, auch unsererseits mobilisieren können. Der Wortlaut unseres Bündnisses mit Oesterreich-Ungarn war bekannt. Niemmll) hätte unsere Mobilisation als eine aggres­sive bezeichnen können. Wir haben cs nicht getan. Aber auch die! Nachricht von der russischen alldemeinen Mobilmachung haben, wir zu,rächst nur mit der Verkündigung des Zustandes der drohen- deir Kriegsgefahr beantwortet, die noch nicht Mobilmachung be­deutet. Wir haben das der russischen Regierung mitgeteilt und ' hinzugefügt, daß die Mobllmachung folgen müsse, falls nicht Rußland binnen zwölf Stunden jede Kriegs maßnalyne gegen uns mcd Oesterreich-Ungarn, einstellen und uns hierüber bestimmte Erklärung abgebe. Dir haben damit Rußland, selbst, als das Schicksal des Krieges bereits unabwendbar schien, noch einmal eure Frist gegeben, sich .zu besinnen und im letzten Augenblick ,*ven Weltfrieden »noch zu retten. Wir haben auch Rußlands Veck- bündeteu und Freunden durch diesen Aufschub im letzten Augenblick :voch einmal die weltgeschichtliche Möglichkeit gegeben, aus Ruß? -land zugunsten des Friedens einzuivirken. Es war umsonst,

!Rußland ließ uns ohne Antwort, England verharrte gegenüber jRußland in schweigen, Frankreich leugnete durch den Mund seines /Mimsterpräsid-enten gegenüber unserem Botschafter iwch am Abend des 31. Juli die Tatsache der russischen Mobllmachung einfach ab wid verfügte seine eigene Mobllmachung einige Stund«: frülj-er, als wir unsererseits zur Vdobilmachimg schritten.

Was übrigens den angeblich defensiven Charakter der russi­sche,: Gesamtmobllmachung betrifft, so will ich hier ausdrücklrch feststellen, daß bei Ausbruch des Krieges, 1914, noch eine im Jahre 1912 erlassene allgemeine Amveisung der russischen Regierung für den Mobilmachungssall in Kraft :var, die wörtlich folgende Stelle enthält:

,,Allerhöchst ist befohlen, daß die Berkündigmrg der Mobili­sation zugleich die Verki'mdigimg des Krieges gegen Deutsch­land ist."

Gegen Deutschland, meine Herren! 1912 gegen Deutschland:

Es ist UmerfiiMich, wie angesichts dieses aktenmäßigen Tat­bestandes Lord (tyret) der Welt und seinem eigenen Land mit der Ge­schickte von dem Manöver kommen kann, mit dern wir den fried­fertigen Russen die Mobllmachung gegen seinen Willen durch vlnmve Täusch,mg über unsere eigenen Maßnahmen entlockt hätten.

Nein, meine Herren! Die Wahrheit ist: Nie inch nimmer hätte Rußland den Entschluß zu dem verhängnisvollen Schritt gefaßt, nenn es nicht von der Themse her durch Handlungen und llnter- lassimgck» zu diesem Schrllt ermutigt worden wäre.

Ich erinnere an die Sachlage zu der Stunde, als Rußland den ^ Befehl der allgemein,: Mobilmachung erließ.

Bekarmt ist die Instruktion, die ich am 30. Jilli an unseren Botschafter nach Wien gegeben habe. In dieser Instruktion babe sch dar österreichisch-ungarischen Regierung eine unmittelbare Ver­ständigung mit Rußland dringend nahegelegt und ausdrücklich aus­gesprochen. daß Deutschland nicht wünsche, durch Nichtbeachtung unserer Ratschläge in einen Weltbrand hineingezogen zn werden. Lord Grey weiß auch genau, daß ich einen von ihm rmserem Bot­schafter am 29. Juli gemachten Vermittlung Vorschlag. der mir als «eine geeignete Grundlage für die Erhaltung des Friedens schien, mit einer entschiedensten Befürwortung nach Wien wertergegeben, 'habe. Ich habe damals nach Men telegraphiert:

Falls die österreichisch-ungarische Regierung jede Vermittlung ablehnt, stehe ich vor einer Komplikation, be: der England gegen uns, Italien und Rumänien allen Anzeichen nach nicht mit uns gehen würde, so daß wir mll Oesterreich-Ungarn drei Großmächten gegen überstünden. Deutschland würde infolge der Gegnerschaft Eng­lands das Hauptgewicht des Kampfes zufallen. Das politische Prestige Oesterreich-Ungarns, die Waffen ehr« seiner Armee, sowie seine berechtigten Ansprüche gegen Serbien könnten durch die Be­isetzung Belgrads oder anderer Plätze hinreichnck» gewährt werden. Wir müssen daher dem Wiener Kabinett dringend ,md nachdrücklich 'Orr Erwägung geben, die Vermittlung zu den angebotenen Be­dingungen anzunehmen. Die Bercnrttvvrttrng für die sonst ein- 'tretenden Folger: wäre für Oesterreich-Ungarn und uns eine un­gemein schwere. Tie österreichisch-ungarische Regierung errtsprcuh ^unseren eindringlichen Vorstellungen, indem sie ihrem Botschafter in Berlin folgende Weisung gab: Ich ersuche Gw. Exzellenz, dem Staatssekretär von Jagow, für die ims durch Herrn von !Tschirschtkl) gemachten Mitteilungen verbindlichst zu danken und ihm I3U erklären, dach >!oir trotz der Aenderung, die in der Situation seither durch die Vdobrlrsierung RuHands eingetreten ser, gerne bereit seien, dem Vorschläge Sir Eduard Gochs zlmschen uns und Serbien zu vennitteln, näher zu treten. Tie Voraussetzung unserer Einnahme sei jedoch natürlich, daß unsere mllllärischen Msichlen gegen Serbien einstweilen ihren Fortgang nehmen, und daß das englische Kabinett die russische Regieinmg bewege, die gegen uns gerichtete russische Mobllmachung zum Stillstand zu bringen, in welchem Falle ftlbstverständlich die uns durch dieselbe aufge- zwungenen defensiven mllllärischen GegemnaßregeLn in Galizien/ sofort ivieder rückgängeg gemacht würden.

Ick stelle dem folgenden Sckiritt Lord Greys gegenüber: Am 27. Juli 1914 gab er aus die Bemerkung des rujfischen Botschafters in London, in deutschen und ö sterreichstch-amparische,: Kreisen be­stehe der Eindruck, daß Etgland ruhig bleiben werde, die Antwort: Dieser Endrnck wird durch die Befehle beseitigt, die ich der ersten Flotte gegeben habe. Am 29. Juli gab Grey von seiner vertrau­lichen Warinmg an unseren Botschafter in London, daß Deutsch­land aus rasche Entschlüsse, d. h. seine Teilnahme am Kriege gegen uns gefaßt sein müsse, sofort den: französischen Bvtsck>after Keimtnis. Konnte doch Grey annehmen, daß eine solche Eröffnung -an den französischen Botschafter de,n Frieden diene:: solle? Mußte der Franzose diese Erösfmmg nicht als Zusage der Waffenhilse .für den Kriegsfall ansthen? Mußte Fvankreick. dadurch nicht er­mutigt welchen, Rußland die seit Tagen dringend verlangte Zusage der unbedingten Kriegsgefolgsch»st zu geben? Und rnußle Rußland nicht durch die Sicherheit der englischen und französischen Bundes- genossenschast in seiner .(striegsabsvcht aufs äußerste bestärkt werden? !Mm 7lbenc> desselben Tages, des 29. Juli, beauftragte Herr Sa'onow de,: russischen Botschafter ft: Paris, der französischen Remerung die aufrichtige Dankbarkeit für die ihm von dem sran- -o>: o«n Botschafter gentackst e Erklärung auszusprechen, daß Ruß- larw voll und ganz aus die Unterstützung des verbündeten Frank- .reichs «chn-en Tümz.

Also Rußland stand in der Nacht vom 30. zum 31. Juli ovr der Tatsache der brach unsere Einwirkung herbeigesührren Nach­giebigkeit Oesterreich-Ungarns, die den Weg zur Erhaltung des Friedens freftnachte: es stand gleichzeitig vor der durch die Er­öffnung Lord Greys an Herrn Charles Cainbon gewährleisteten Sicherheit der englischen und ftanzösischen Waffenhllse, eine Sichcr- l-ell, die ihrn überhaupt erst die Möglichkeit eines Krieges gab. Es wählte die Mobllmachung und damit den Krieg.

Wet ist nun schuldig an dieser schicksalsschweren Entscheidung: Wir, die wir dem Wiener Kabinett mit Nachdruck die äußerste Nachgiebigkeit lmb die Annahme des englischen Bermittlungsvor- schlages empfahlen, oder das britische Kabinett, das Frankreich und Rußland in der kritischen Stunde seine Waffenhilse in Aussicht stellt? Lord Grey hat von diesen entscheidenden Dingen nichts gesprochen, dafür aber die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer aus Nebensachen abgelenkt.

Das Haager Schiedsgericht, das derTeMps" anbot, llingt ja äußerlich sehr bedeirtungsvvll, aber es wurde angeboren, als bereits die russischen Truppen gegen uns in Bewegung gesetzt lvaren. Seine eigenen Kriegsvvrschl-äge ich habe das nneder- holt im Reichstag aus geführt hatte Lord Grey selbst zu Gun­sten unserer Vermittelung zurückgestellt. Und Belgien! Ehe auch nur ein einziger deutscher Soldat seinen Fuß auf belgischen Bodenj gesetzt hatte, hat Lord Grey dem ftanzösischen Botschafter nach dessen Bericht an seine Regierung wörtlich erklärt: Falls die deut­sche Flkstjte in den Kanal einfahre oder die Nordsee passieren sollte, in der Absicht, die französische Küste oder die französische Kriegs­flotte anzugreisen und die französische Handelsflotte zu beunruhi­gen, zu beunruhigen, meine Herren, lvürde die britische Flotte ein- greifen, um der französischen Aüarinc ihren Schutz zu gewähren, in der Art, daß von diesem Augenblick an England und Deutsch­land sich im Kriegszustand befinden würden.

Kann derjenige, der das Auslaufen unserer Flotte, als cafus belli erklärte, wirklich noch im Ernst behaupten, einzig und allein die Verletzung der belgischen Neuttalietät habe England seineft Witten in den Krieg getrieben? Und schließlich die Behauptung, wir hätten, um England von dem Krieg fernzuhalten, der briti­schen Regierung das unwürdige Angebot gemuckst, sie möge zur Verletzung der belgischen Neutralität die Augen zudrücken und uns freie Hand lassen, die französischen Kolonien wegzunehmen. Ich fordere Lord Grey auf, in seinem Blaubucb und in seinen Akten! sein Verhalten nachzuprüsen. Ich habe in dem ernsten Bestreben, den Krieg zu lokalisieren, den britischen Botschafter in Berlin schon am 29. Juli zugesichert, daß wir unter Voraussetzung der Neu­tralität /Englands die territoriale Integrität Frankreichs gewähr­leisteten. Am 1. August bat der Fürst Lichnowsky Lord Grey ge­fragt, ob im Falle einer Verpflichtung Deutschlands die Neutrali­tät Belgiens zu achten, England sich seinerseits zur Neutralität verpflichten könne. Er stellte ferner in Anssicht, daß, im Falle der englischen Neutralität die Integrität nickt nur des ftanzösischen Mutterlandes, sondern auch der französischen Kolonien garantiert werden könne. Er gab in meinem Austrage die Zusicherung, daß wir bereit sein:, auf einen Angriff auf Frankreich zu verzichten, falls England die Neutralität Frankreichs verbürgen, wolle. J:< letzter Stunde noch machte ich die Zusage, daß. so lange England 'ich neutral verhalte, unsere Flotte die französische Nordküste nicht angreifen und unter Voraussetzung der Gegenseitigkeit keine fellch- licheil. ^Operationen gegen die französischen .Handelsschiffe vor­nehmen werde. Lord Grey hatte ans alles dies nur die Antwort, er nttlsse endgültig jedes Neutralitätsoersprechen ablehnen und er könne nur sagen, daß England sich die .Hand freizuhalten wünsche. Hätte England diese Neutralitätserklärung abgegeben, so wäre es nicht, wie Lord Grey meint, der Verachtung der ganzen Welt preisgegeben worden, sondern es hätte sich damit das Verdienst er-> worben, den Ausbruch des Krieges zu verhindern.

Auch hier frage ich: Wer hat den Krieg gelvollt? Wir, die lvir England jede erdenkliche Sickierheit, nicht nnr für mrmittelbar eng­lische Interessen, soichern auch slir Frankreich :rnd Belgie:: zu/ geben bereit waren, oder Engliand, das jeden unserer Vorschläge, ablehnte und sich weigerte, seinerseits irgend einen Weg zur Ei- Haltung des Friedens zwischen unseren beiden Lcnrdern auch, nur anzudeuten?

Meine Herren! Ich wiederhole: Alle diese Tinge sind von der deutschen Regierung teils in nreinen Reden, teils in amtlichen Pu­blikationen so oft dargestellt lvorden, daß es mir, nachdem der! Krieg nun über zwei Jahre wütet, im Grunde widerstrebt, diese rhetrospektiven Betrachtungen zu erneuern. 4kbcr, es handelt sich nicht um Polemik. Wir alle haben das größte Interesse daran, den immer wieder künstlich genal-rten Glauben, als sei Deutschland der Angreifer gewesen, so gründlich als möglich zu zerstören.

Und trifft volle::ds Lord Greys Ansicht Ku, daß die Erkenntnis über die ivahrc Ursackw des Krieges für seine Beendigung und für die Friedensbedingungen von großer Dedeuttmg ist, so weisen seine Worte doch auch auf die Zukunft hin. Lord Grey hat sich endlich, ausführlich mit der Zeit nach dem Kriege, mit der Gründung! eines internationalen Bundes zur Wahrung des Friedens beschäf­tigt. Auch dazu wlll ich einige Worte sagen: Wir haben nichts als ein Hehl aus unseren Zweifeln gemacht, ob der Friede durch inter­nationale Organisation-en, swie Sckstedsgeeichte, dauerhaft gesichert Werden könne. (Die theoretische Nollvendigkeit des Programms will ich nicht erörtern. Aber prakttsch werden wir ietzt und im Frieden W der Frage Stellung nehmen müssen. Wenn bei und nach der Beendigung des Krieges seine entsetzlichen Verwiistungen an Gut und Blut der Welt erst zum vollen Bewußtsein kommen werden, dam: wird durch die ganze Menschl>ell ein Schrei nach Abmachungen und Verständigungen geben, um, soweit es irgend in Menschenmacht liegt, die Wiederkehr einer so ungeheuerlichen Ka­tastrophe zu verhüten. Dieser Schrei wird so stark und so berechtigt 'ein, daß er z-'u einem Ergebnis führen muß. Deutschland wird) jeden Versuch, eine praktische Lösung z-u ftnden. ehrlich mitprüsen und an seiner möglichen Verrvirklichung Mitarbeiten, das unn'o mehr, wenn der Krieg, wie wir zuversichtlich erwarten, politische Zustände hervorbringt, die der fteien Entwicklung aller Nationen, großer wie kleiner, gerecht iverden. Tabe: wird das Prinziv des Rechts und der fteien Entwicklung nicht bloß au: dem Festlande, andern auch auf dem Meere zur Geltung zr: bringen sein. Davon hat Lord Grey allerdings nicht gesprochen. Die internationale, Friedensbürgsckiaft, die ihm vorschwebt, zeigt mir überhaupt einen eigenartigen, auf (bic speziell-ün englischen Wünsch»? z^ügesschnit- tenen Charakter zu l>aben. Während des Krieges haben nach einem Willen die Neutralen zu schweigen und jeden Zwang der englische,: Weltherrschaft aus oem Meere geduldig hinzunehmen>

Nach dem Kriege, wenn England, nfte es meint, uns aufs Haupt geschlagen und über die Welt nach seinem Witten neu disponiert haben wird, dann sollen sich die Neutralen zu Garanten der neuen englischen Weltordnung zusammenschließen. Zu dieser Weltordnung ivird »auch folgendes gehören: Aus zuverlässiger Quelle ivissen wir, oaß England und Frankreich bereits im Jahre 1910 Rußlnno die Territorialherrschaft über Konstantinopel, den Bosporus und das Westufer der Dardanellen: mit Hinterland zusicherten und Kleinasien unter den Enteirtemächten auf'geteist haben. Die englische Regierung ist Anfragen bierüber, die im Parlame::t gestellt worden sind, ausgewichen. Mer diese Pläne der Entente sind doch wahrscheinlich auch für den Bölkerfriedens- bünd>, der sie später garantieren soll, von Interesse. So sehen dis Annexionsabsichten unserer Gegner aus. ,vozn auch noch Elsaß- Lothringen kommt, während ich bei der Besprechung unserer Kriegs­ziele die Annexion Belgiens niemals als unsere Absicht bezeichnet habe. Eine solche Gewaltpolitik kann nicht die (Grundlage zu einem ivirksamckit internationalen Frnedensbund abgeben. Eins ölche Gewaltpolitik steht in krassem Widerspruch mit den von Lord Grey und Herrn Asgnith angestrebtcn idealen Zuständen, in denen das Recht über die Macht herrscht, und alle Staaten, die die Familie der zivilisierten Menschheit bilden, ob groß oder klein, sich unter den gleiche:: Bedingungen und in UebereinK ttmmUng mit ihren iwtürlichen Anlagen frei entwickeln können. Will sich die Entente ernstlich auf diesen Boden stellen, dann sollte ie auch damit rechnen und handeln. Tut sie das nicht, dann» bleiben auch die erhabenen Worte über Friedensbund und einträchtiges Zusammenleben der Völkersamilien Schall und Rauch, Die erste Vorbedingmrg für eine freie Enllvicllung der interna­tionalen Bc^iehmrgen auf dem Wege des Schiedsgerichtes und des

friedlichen v/:öpi.:;v- .tgegenstehender Gegensätze loäre, daß irch, keine agsressive o^xullivn mehr blloet. Deurschllrad ist jüderzett' bereft, einem Völkerbunde bcizutreten, ja sich an die Spitze eines: Völkerbundes zu stellen, der Friedensstörer im Zai:me hält Tie Geschichte der fttternationalen Beziehur:gen vor dem Kriege liegt klar vor den Au^en aller Welt. Was führte Frankreich an Ruß­lands Seite? Elsaß-Lothringen! Was wollte Rußland? Konstan- tinopel! Warum schloß sich England ihicen an? Well ihm Deutsch­land in friedlicher Arbeit;u groß geworden war! Ibnd was wollten wir? Grey sagte : Deutschland habe mit seinem ersten Angebot der Integrität Belgiens und Frankreichs die Erlaubnis Englands er­kaufen wollen^ von den französischen Kolonien zu nehmen, wa^ ihm beliebe. Selbst dem hirnverbra:rntesten Deutschen ist nie der Gedanke gekonrmen, über Frankreich herzu fallen und ihm ferne Kolonien zu nehmen. Nicht das war das Verhängnis Eirrvpas, sondern, daß die englisä-c Regierung die russischen Erobernngs-- gelüste begünstigte, die ohne eine:: europäischen Krieg nicht zu. erreichen waren. Diesem aggressiven Charakter der Entente ge­genüber hat sich der Dreibund stets in Defensivstcllung befunden. Kein ehrlicher Beurteller kann das leugnen. Nicht im Schatten: des preußischen Militarismus hat die Welt vor dem Ktieg gelebt,, sondern im Schatten der Einkreisungspolitik, die Deutschland nie-- derhalten sollte. Gegen diese Polittk, mag sic diploinattsch als^ Einkreisung, militärisch als Vernichtungskrieg, wirtschaftlich als Weltboykott in die Erscheinung treten, l)ick>en wir von Anfang an in der Verteidigung gestanden. Das deutsche Volk führt diesen Krieg als Verteidigungskrieg zur Sicherung seines nationalen Daseins und seiner freien Forlmtwickelung. Memals ist anderes von uns behauptet, niemals anderes gewollt worden. Wie wäre auch sonst diese Entfaltung von Riesenkräften, dieser unerschöv: - lich«, zun: letzten entschlossene Opsernmt zu erklären, der unerhött: in aller Menschengesckichte ist in der Hartnäckigkeit. Gegen einen Feind, dem das Aufgebot militärischer und materieller Hilfs­kräfte aus aller Welt dienstbar gemach: wird, hat sich unser« Widerstandskraft zu in:mer härterer Entschlossenheit gestellt. Was England auch noch an Kräften cinsetzen mag, auch Englands Machtgebot hat seine Grenzen und ist bestimmt, an unseren^ Lebenswillen zu scheitern. Dieser Wille ist unbezwingbar und uw- vettvüsllich. Wann unseren Feinden die Erkennttns davon kommen, wird, das warten wir in der Zuversicht ab, daß sie kommen muß.

Die Aussprache.

Nack> der Rede des Reichskanzlers nrachte der Hauptausschuß eine halbstündige Pause. 9Lach Wiedereröffnung der Sitzung sührn-. zunächst ein Vertreter deck Zentrums ungefähr folgendes aus r

Neu in^der Rede des Reichskanzlers sei namentlich, daß der rufische Befehl von 1914 die Mobilmachimg als identisch mft einem Krieg gegen Deutschland bezeichne. Dadurch gcnckinne die russischst Mobilmachung eine:: ganz neuen Charakter. Er begrüße die Er­klärung, daß Deutschland ftch an einem! Staatenbundc zur/Erhaltung des Friedens beteilige, ja fick/ an dessen Spitze zu stellen bereft sei. Klar sei, daß in einen: solchen Staatenbunde nicht per majora über: Lebensfragen der Staate:: abgestimmt werden könne. Iw 'Haag sei die Negative etwas zu stark in den Vordergrund gestellt worden gegenüber den Positiven, daß man jeden ehrlichen Versuch zun bessere:: Sicherung des Friedens unterstütze:: solle. Die Erfahrungen des K-rieges würden das Verlangen nach einen: besseren SÄu:. unserer Grenzen rechtfertigen. Unter diesem Gesichtspunkt sei auck: die polnische Frage zu betraMen. Der Sinn der Prollamation sei. daß Polen Gelegenheit gegeben werde, sich an den Westen ait> zuschließen. anstatt nach Osten, bei freier selbstänc-iger Entwickelung Die Proklamation könne als ein hochherziger Entschluß begrüß: werden. Selbstverständlich sei sie in erster Linie bestimmt, nnserca: Interessen zu dienen, und es. sei sogar die Pflicht eines leitendem Staatsmannes, diesen Gesichtspimft in klarer kalter Erwägung: in den Vordergrund treten zu lassen. Dieselben gruichsätzlichen Erwägungen müßten in Belgien maßgebend sein. Wenn der Reichs^ kanzler wiederhole, daß er niemals eine Annexion Belgi^ms ver­langt l>abe. so scheine er noch auf diesem Standvmrkt zu stechen. Allerdings müsse aber dafür gesrgt werdeno, daß Belgi-m niemals wieder als Ellllallstor gegen Deutschland dienen könne. Er beziclie sich auf eilte frühere Erklärung des dlbgeordneken Spahn, daß Belgien polftisch, miliärisckfte und wirtsck-aftlich in deutscher Hand bleiben müsse.

Bon einen: nationalliberalen Redner wurde aus­geführt. daß die letzten Darlegungen des Reichskanzlers dankens­werte Klarheit über die Vorgänge vor dem Kriege gebracht haben ES fei zu wünschen, daß diese Darlegungen weite Verbreitung im neutralen Auslände fänden. Bemerkenswert seftn besonders dft Miltellungen über die Vorgänge am 129. und 30. Jilli. sei wichtig, daß ein englischer Vermittlm:gsvorschlag von uns weite: gegeben und und in Wien angenommen worden sei. Ebenso be­merkenswert sei. daß wir aus die direkte Verständigung ztvischcn Wien und Petersburg hingewirkt hätten. Der Reichskanzler habe auch die .Kriegsursachen behandelt. Es sei dem zuzustimmen, daß der Krieg das Ergebnis der Gesamtc^rtwickelung sei, die mit der Einkreisungspolitik einsetzte. Dem gegenüber sei die deutsche Politik durchaus friedlich gewesen. Mit Rußland hätten wir, wie die Ver-- bandlungen von Potsdam und Baltischport bewiesen haben, ver­sucht, astf guten Fuß zn kommen. Das Hindernis seien die russi­sche:: Wünsche am Balkan und auf Konstantinopel gewesen. Die Marokkofrage sei mft dem Ziele einer endgülttgen Verständigung mit Frankreich behandelt worden. Wenn das Ziel nicht erreicht wurde, sei es nicht unsere Schuld gewckse::. Die Verhandlungen, die unmittelbar vor dem Kriege mit England über einen Interessen­ausgleich geführt wurde::, seien ebenfalls ein Beweis friedliches Politik. Wenn wir nun trotzdem gegen unseren Willen in den Krieg verwickelt worden seien, sei die Schlußfolgerung richttg, daß wir uns durch bessere Grenzen schützen müssen. Er wolle nicht aus die polnische und belgische Frage eingehen. Els sei jedenfalls zweisel- hast, ob es richtig wäre, jetzt deftnitive Berichte auszusprechen. Er könne bestätigen, daß der Reichskanzler niemals von einer Annexion Belgiens gesprochen habe: das sei auch nicht von den Herrckn ge­schehe::, die sich von eitZ zu Zeit bei dem Reichskanzler versammel-- ten. Mit den heutigen Ausführungen des Reichskanzlers seien aber nicht preisgegeben seine früheren Aeußernngen, daß der status guo ante nicht wiederkehrcn könne, daß wir reale Oiarantien haben müß­ten und daß Belgien nicht der Brückenkopf für englische Machtpläne auf den Kontftrent sein dürfe. Sonst würden wir für den Fall eines künftigen Krieges schlechter stehen als diesmal. uZr Frage eines internationalen Bundes zur Bewahrung des Friedens äußerte der Redner namens seiner Fremftre das Einverständrns damit, daß die deutsche Politik jeden Versuch zur Schaffung derartiger Jnstitutio neu mitprüft und eifrig daran mitarbeftet. Lebensinteressen könn­ten. wie ja auch die genannte Ghrenklausel besagt, keiner inter­nationalen Entscheidung unterworfen werden. Natürlich ,dürft nicht alles auf die englischen Interessen zugespitzt werden, aus eine eng­lisch« ^sorniundschaft übelv dst Neutralen Un.dÄber das Meer. Die deutschen Interessen dürsten durch englische Uebermacht nicht ge- sckstdigt werden. Ausschlaggebeift stßtesur für unfmer Vorgehen immer die deutschen Interessen sein.

(Schluß folgt.)

AuS dem euglischeu Unterhaus.

London, 9. Nov. (WTB.) Im U n t e r h a u s e sand eine lebhafte Erörterung über den Regierungsantrag aus Verkauf des feindlichen Eigentums in Nigeria statt. Nach den: Antrag der Regierung soll das feindliche Eigentum nur an englische Untertanen oder (Gesellschaften, ferner an Neu­trale unter gewissen Bürgschaften verkauft werden. Der Unionist Leslie Scott brachte eine Entschließung ein, in der erklärt ivird, das ganze feindliche Eigentum in den englischen Kronkolonien und Schutzgebieten solle nur an englische Unter­tanen und Firmen verkauft werden. Carson unterstützte den Antrag und griff die Politik der Negierung heftig an. Ueber die allgemeine Frage der Behandlung feind­lichen Eigentums erfolgten sodcurn scharfe Auseinan­dersetzungen zwischen Bonar Law imd Carson. Bonar Law verteidigte lebhaft die in Nigeria befolgte Politik und er­klärte, die in der.beantragten Entschließung enthaltene Poli-