Ausgabe 
14.10.1916 Drittes Blatt
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Erscheint K-Nch mit Ausnahme de« Sonntags.

B-eUnge«: ..-ichener ZamiNenvNttter- und Lreirbktt für de» Lreir Siehe«-.

Vostfcheckkmto: Krmttfvrl «n Mai» Vr. MtE. Vasweriehr: Sewerbedank Siehe».

16G. Jahrgang Samstag, 14 Oktober 19115

Zwillingsrunddruck und Verlag: Brühl'scheUnwersttäts-Buch-u.Steindruckerei.

R. Lang e, Gießen.

Zchriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei:

Schulstraße?. Geschäftsstellen.Verlag: e^5!,

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Mb. Deutscher Reichstag.

S6. Satzung, Freitag, den 13. Oktober 19-16.

Am Tische des BurrdeSr-atS: Dr. H e l ftfe r i ch , Dr. So l f, Dr. L i s c o.

Präsident Dr. Kacrnpf eröffnet die Sitzung um 12 Uhr 16 Minuten.

Auf der Tagesordnung stehen zunächst eine Reihe von

Kleinen Anfragen.

Abg. Dr. Junck (natl.) fragt an: Die sogenannten Kriegs- Stimanet erhalten in einer Anzahl süddeutscher Staaten das Reifezeugnis ohne besondere Prüfung, wogegen in mehreren norddeutschen Staaten geplant ist, daß die aus dem Felde zurück­kehrenden Scbüler erst noch einen Sonderkursus durchmachen muffen. Ist dem Herrn Reichskanzler diese ungleichmäßige Be­handlung der für das gemeinsame Vaterland kämpfenden jungen .Krieger bekannt, und wie gedenkt er für die dringend nötige Ein­heitlichkeit auf diesem Gebiete zu sorgen?

Ministerialdirektor Dr. Lewald: Für die Bedingungen,

unter denen den Kriegsschülern der höheren Lehranstalten das Reifezeugnis zu erteilen ist, sind die Bundesregierungen zuständig. Zwischen ihnen ist im Jahre 1909 eine Vereinbarung über die Erteilung und gegenseitige Anerkennung der Reifezeug­nisse der höheren Lehranstalten erfolgt mit besonderen Bestim­mungen über Borbereitungszeit, Stundenplan ufw. An den in dieser Vereinbarung festgestellten Grundsätzen hat während des Krieges nicht feftgehalten werden können. In sämtlichen Bundes­staaten sind vielmehr Erleichterungen für die Erlangung der Reifezeugnisse gewährt worden. Dabei ist man in einigen Bundesstaaten noch weiter gegangen als in Preußen und hat den jungen Leuten das Reifezeugnis ohne besondere Prüfung erteilt, in Elsaß-Lothringen auch den Schülern, die erst nach Kriegsaus- lbruch in die Unterprima versetzt waren.

lieber die gegenseitige Anerkennung der den sogenannten Kriegsprimanern bisher erteilren Reifezeugniffe sowie über Er­leichterungen, die den Schülern der Oberklaffen der höheren Lehr­anstalten gewährt werden können, sind Verhandlungen zwischen den für die Regelung dieser Frage zuständigen Behörden gepflogen worden. Dabei ist eine Abkürzung der Vor­bereitungszeit in Aussicht genommen, dagegen hat der Bör­setag zweier süddeutscher Regierungen, bei dem Eintritt ins Heer von einer Reifeprüfung ganz abzusehen, nicht Erfüllung finden können. Zurzeit schweben Verhandlungen zwischen den Bundesregierungen und der Reichsleitung zum Zwecke einer Verständigung. Ein Ergebnis ist noch nicht erzielt. Der Reichs­kanzler ist bemüht, eine gleichmäßige Behandlung der ßür das gemeinsame Vaterland kämpfenden Schüler herbeizuführen.

Aby. Baffernraun (rvaü.) verlangt Mitteilungen über die

Kriegslage in Deutsch-Ostafrika.

Staatssekretär des Reichskolonicrlaintes Dr. Sols: Nach an­fänglichem Scheitern aller ihrer Angriffe auf Deutsch-Ostafrika versammelten die Engländer im Frühjahr 1916 mit Hilfe der Südafrikanischen Union, der Portugiesen und der Belgier große, unseren Streitkraften an Zahl und Hilfs- Mitteln weit überlegene Truppenmassen an den Grenzen des Schutzgebietes » einem großangelegten umfassenden Angriff auf das gesinnte Schutzgebiet von Deutsch-Ostafrika. Vorbereitende Maßnahmen waren vorher schon getroffen worden, so der Bau oberer von der Ugandabahn abzweigenden Bahnlinien in der Richtung auf den Kilimandscharo und die Verbringung mehrerer schnell laufender stark bestückter Motorkanonenboote auf den Langanstka-See. Ferner sollte eine Blockade der Küste den ge­tränten Angriff unterstützen. Die Gesamtzahl der gegen Ost- ofrika aufgebctenen Streitkräfte kann auf 70- bis 80 000 Mann geschätzt werden. Anfang März stießen von Britisch- Ostafrika aus zwei starke Divisionen, die auch über eine große Anzahl berittener Truppen verfügten, in das Kilimandfcharo- Gebiet vor, das die Schutztruppen nach wiederholten hartnäckigen Kämpfen und unter zähem Widerstand nach und nach räumen Mußten.

Mit dem Vorgehen des Gegners ging Hand in Hand eine Besetzung der wichtigsten Küstenplätze, überhaupt der gesamten ostafrikaniscben Küste durch die Seestreitkräfte der Engländer. Inzwischen hatten gegen Mittel April belgische Truppen die nordwestliche Grenze des Schutzgebietes überschritten und die ihnen gegenüberstehssnden schwachen deutschen Abteilungen zu- äckgedrängt. Bis Anfang Juni war ganz Uganda und ganz Mundi in belgischer Hand. Die englischen und belgischen Truppen vereinigten sich. Die vereinigten englisch-belgischen Ko­lonnen drangen nun auf Tabora vor. Nach heftigen, vom 1. bis 10. September dauernden Kämpfen mußten unsere Truppen weichen und am 17. September den Kampfplatz ganz verlaffen. Damit war nunmehr die gesamte Zentralbahn in der Hand der Feinde. Die an der Südwestgrenze in Nordost-Rhode­sien versammelten feindlichen Streitkräfte begannen nun ihre LugriffSbewegungen. Sie wendeten sich mit ihren Hauptkräften gegen Neulangenburg, mit einem anderen Teil gegen Bismarck­burg. Auch hier waren die viel schwächeren deutschen Grenz­schutzabteilungen nicht in der Lage, dem Vormarsch dauernden Widerstand entgegenzusetzen. Der auf Bismarckburg vorrückende jGegner hat nach Besetzung dieses Platzes den Weitermarsch in nordöstlicher Richtung fortgesetzt. Andere feindliche Abteilungen besetzten das Ostufer des Tcmganstka-Sees und drangen landein­wärts vor.

Es bestehen somit zwei räumlich voneinander ge­trennte Kriegsschauplätze. Der eine liegt südlich von Tabora, wo sich anscheinend nur noch schwache Teile der Schutz- truppe halten. Ter zweite Kriegsschauplatz liegt im Süden des Schutzgebietes. Hier dürfte sich der Hauptteil der Truppe vor­aussichtlich in dem Bergland hallen können. An der Südgrenze haben die Portugiesen mehrmals vergeblich versucht, auf dem Nordufer Ukoma Fuß zu fassen. Erft nach dem Eingreifen der Engländer konnten aber die Portugiesen hier den Angriff vor­tragen. Der größte Teil von Ostafrika ist somit in Feindeshand, ein ansehnlicher Teil wird aber noch von unserer Schutztruppe gehalten, die dem Feinde auch trotz schwierigster Verhältnisse weiter tatkräftigen Wider­stand bieten wird. (Beifalls Die innere und wirtschaftliche Lage des Schutzgebietes konnte bis zrnn Einsetzen des allgemeinen Angriffs als durchaus be­friedigend bezeichnet werden. Die Ruhe unter den Ein­geborenen war trotz der langen Dauer des Krieges nicht gestört worden. Der Gesundheitszustand der Truppe und der Bevöl­kerung war beftiedigend. Die Kopfsteuer ist vollzählig im vorigen Jahre und auch in diesem Jahre eingegangen. Zur Herstellung von Stoffen wurden Handwebereien rm Großbetriebe ein­gerichtet. Auch in der Nutzbarmachung anderer Rohprodukte

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wurden günstige Ergebnisse erzielt. Einheimische Häute und Felle wurden zu Leder verarbeitet, Zigarren und Zigaretten wurden aus einheimischem Tabak hergchtellt, auch Chinin wurde gewonnen. Die Bedürfnisse des Geldmarktes wurde durch Aus­gabe von Jnterimsnoten gedeckt. 20-Heller-Stücke wurden aus Messing geprägt, ferner wurden Goldmünzen aus Gold, das in dem Lande vorhanden ist, hergestellt.

Zu Beginn der großen Offensive verkündeten unsere Gegner laut, daß nun auch diese letzte deutsche Kolonie bald besetzt seiu würde. Aber dank der Tapferkeit der Schutztruppe, der euro­päischen wie der farbigen, und dank der Führung von Lettow- Vorbeck haben sie dies Ziel nicht erreicht. (Lebhafter Beifall.) Sechs volle Monate hat es gedauert, bis der Gegner trotz übermächtiger Ueberlegenheit die Schutztruppe auf einen Teil der Kolonie verdrängen konnte. Seine Verluste siyd un­geheuer, sowohl im Kampf wie namentlich durch Krank­heiten. Das geht aus den südafrikanischen Zeitungen hervor. Wie lange der Widerstand der tapferen Truppe noch dauern kann, ist abhängig von Momenten, auf die ich hier nicht ein- gehen kann. Im Ausschuß werde ich gern nähere Auskunft geben. (Beifall.)

Abg. Simon (Soz.) fragt, ob der Reichskanzler bereit ist, die vom Reichstage einmütig geforderte und vom Staatssekretär Dr. Helfferich in der Sitzung vom 7. Jvni 1916 grundsätzlich zugesagte Kommission zur Prüfung von Ver­trägen über Kriegslieferungen bald zu berufen.

Ministerialdirektor Dr. Lewald.: Der Reichskanzler ist be­reit, eine Kommission zur Prüfung von Verträgen über Kriegs- Ueferungen alsbald einzuberufen. Verhandlungen hierüber sind im Gange, wie den Mitgliedern dieses Hauses bekannt ist. (Beifall.)

Abg. Stadthagen (Soz. A.) fragt, ob dem Reichskanzler be­kannt ist, daß der Oberbefehlshaber in den Marken am 8. Ok­tober das Erscheinen desVorwärts" bis auf weiteresim Interesse der öffentlichen Sicherheit" ver­boten hat, weil diese Zeitung in ihrer Nummer vom 8. Ok­tober durch den ArtikelAus der Hexenküche der Kanzlerfronde" einen schweren Verstoß gegen den Burgfrieden begangen habe. Was gedenkt der Reichskanzler dagegen zu tun, daß in dieser Weise unter Berufung auf den angeblichen Burgfrieden die Freiheit der Presse unterdrückt wird, und welche Schritte gedenkt er ferner zu tun, um endlich die Freiheit der Presse in Deutschland herzustellen?

Ministerialdirektor Dr. Lewald: Dem Reichskanzler ist be­

kannt, daß der.Oberbefehlshaber in den Marken am 8. Oktober 1916 das Erscheinen desVorwärts" bis auf weiteres im Interesse der öffentlichen Sicherheit verboten hat. Die Erörterung innerpolitischer und wirtschaftlicher Fragen unterliegt nach den auf Veranlassung des Reichskanzlers für die Zensurbehörden ergangenen Richtlinien keiner Beschrän­kung, soweit dabei gehässige, die Gesinnungen anderer Parteien und Erwerbsstände herabwürdigende Auseinandersetzungen ver­mieden werden. Der ArtikelAus der Hexenküche der Kanzler­fronde", der zum Verbot desVorwärts" Anlaß gegeben hat, ent­hält derartige gegen den Burgfrieden in schärfster Form ver- sstohende Angriffe und hat damit die Zensurmahregel geradezu herausgefordert. Der Reichskanzler ist nicht in der Lage, beim Oberbefehlshaber in den Marken Schritte zu tun, die auf eine Aufhebung des Verbotes abzielen. (Hört, hört! b. d. Soz. A.)

Abg. Stadthagen (zur Ergänzung): Ist dem Reichskanzler bekannt, daß im Gegensatz zu der soeben gehörten Erklärung und im Gegensatz zu früher abgegebenen Erklärungen, es solle eine gleichmäßige Handhabung der Zensur stattfinden, die Ber­liner Zensurbehörde Presseäußerungen unbehelligt ge­lassen hat, in denen Anhänger der Kanzlerfronde über politische Gegner ...

Präsident Dr. Kaempf: Das ist keine Ergänzung. Diese neue Frage kann ich nicht mehr zulassen.

Abg. Stadthagen: Dann bitte ich zur Stellung einer neuen Ergänzungsfrage ums Wort und frage, ob dem Reichskanzler be­kannt ist, daß dieses Verbot desVorwärts" in den Arbeiter­kreisen Berlins eine außerordentliche Erregung hervor­gerufen hat.

Staatssekretär Dr. Helfferich: Dem Reichskanzler ist be­kannt, daß der Artikel desVorwärts" nicht nur in Arbeiterkreisen, sondern auch anderwärts berechtigte Erregung hervorgerufen hat. (Stürmische Heiter­keit.)

Die karköfsei'Znkerpeliaiionev.

Hierauf wird in die Besprechung der Interpellationen über die Kartoffelfragen eingetreten.

Abg. Jckler (natlib.): Wir müssen anerkennen, daß die üblen Erscheinungen auf dem Kartoffelmarkt nicht durch Personen, son­dern durch die ungünstige Witterung verschuldet sind. Die Kartoffelversorgung für den Winter ist so ungeheuer wichtig, daß alle Maßnahmen zu ihrer Sicherstellung ergriffen werden müssen. Die gestrige bestimmte Erklärung, daß die Preise unter keinen Umständen erhöht werden sollen, wird beruhigend wirken. Ebenso begrüßen wir alle Maß­nahmen, die darauf zielen, die Zabl der Arbeitskräfte zu ver­mehren. Die reichste Ernte nützt nichts, wenn schließlich nicht der Versand an die Konsumenten rechtzeitig möglich ist. Spiritus sollte möglichst aus Ersatzstoffen hergestellt werden, damit noch mehr Kartoffeln für die menschliche Ernährung freibleiben. Sehr wichtig ist zunächst eine Bestandsaufnahme und dann muß natür­lich zu allererst die menschliche Ernährung sicher gestellt werden. Erst dann darf an eine Verfütterung von Kartoffeln gedacht wer­den. Am allerschlimmsten liegt es mit der Versorgung der westlichen Industriestädte. Die geplante Erhöhung der Ration für Schwerarbeiter ist sehr zu begrüßen. Bei allen Maß­nahmen muß man die Sachverständigen hören. Wenn jetzt die Versorgung versagt, ist das Urteil über das Kriegsernährungsamt gefällt. Der Worte sind genug gewechselt, jetzt, Herr Batocki, lassen Sie uns Taten sehen, dann wird es Ihnen nicht an Aner­kennung fehlen. (Beifall bei den Natlib.)

Abg. Stubbendorff (Dtsch. Fraktion): Man muß mehr Sol­

daten zu Erntearbeiten beurlauben und nötigenfalls in den Ka­sernen leichtere Arbeiten von Frauen besorgen lassen. Kann man nicht vorübergehend die Arbeiter ans den Stärkefabriken zu Ernte- avbeiten heranziehen? Ueberhaupt muß man noch mehr als bis­her die Frauenarbeit heranziehen. Die heutiae Kartoffelversorgung gibt zu den schwersten Bedenken Anlaß. Es ist die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit jedes Landwirts, alles zu tun, um unsere Ernährung sicher zu stellen. Das geschieht aber auch. (Beifall.) Was find Frühkartoffeln? Hier fehlt eine genaue Bestimmung. Bei den Viehkartoffeln soll man nicht zu engherzig Vorgehen. Wir

haben in diesem Jahre sehr viele kleine Kartoffeln, die eignen sich besonders zur Verfütterung.

Abg. Wurm (Soz. A.-G.): In einem kapitalistischen Staat eine Allgemeinwirtschaft durchzuführen, ist sehr schwer, wo bisher der krasse Egoismus und die Profitwut. herrschten. Hrer handelt es sich um ein Entweder Oder. Entweder bedenkt man die agrarischen Interessen, oder die Interessen der Allgemeinheit. Batocki hat den Anreiz der Landwirtschaft durch hohe Preise geradezu als eine Beleidigung der Landwirte bezeichnet; vier Tage später gibt dasBerliner Tage­blatt" eine Unterredung des preußischen Landwirt, schaftsministers mit einem ungarischen Journalisten wieder, worin dieser den Grundsatz des Preisanreizes vertritt. In den Kreisen der Agrarier leistet man allen Verordnungen nicht nur passiven, sondern ganz aktiven Widerstand. Mit Zwang ist da nichts zu machen sagt der Januschauer aus Trotz, Batocki aus Resignation. Die Landwirte hören weniger auf das Kriegs- ernährunasamt als auf die Nebenregierung. Wo ist denn von der Enteignungsbefugnis Gebrauch gemacht worden? Der stell­vertretende kommandierende General des II. Armeekorps hat den Landräten nahegelegt, von den Kriegerfrauen zu verlangen, daß sie eine gewisse Minöestmenge Rüben und Kartoffeln aufzunehmen hätten. Weigern sie sich, so sollten die Landräte erneut prüfen, ob bei ihnen noch eine Bedürftigkeit vorliegt; hierbei sind ihr Stand und ihre Familienverhältnisse zu berücksichtigen. Also eine ausgesprochene Klassenrnaßnohme! (Sehr richtig b. d. Soz. A.-G.) Schon bisher gab man auf dem Lande den Kriegerfrauen gegen­über den Städten nur sehr geringe Zuschüsse, jetzt will man ihnen dort auch noch den Arbeitszwang auferlegen. Den Abbau der Kartoffelpreise hat Batocki weder richtig noch weitgehend genug durchgeführt.

Die Vieh- und Fleischpreise sind viel zu hoch. Sie müßten herabgesetzt werden, dann würbe der Anreiz zur Verfütterung wegfallen. Herr Hoff hat ganz recht. Weniger, aber gut gefut­tertes fettes Vieh ist wertvoller, als viel ungenügend gefüttertes Vieh. Dann aber sollte man ernsllich erwägen, ob man den Kar­toffelzusatz zum Brot nicht beseitigen kann angesichts der glänzen­den Kürnerernt-e. Anstatt Kartoffeln sollte man lieber Melasse zu Spiritus verarbeiten, die bei der guten Futterernte dieses Jahres zu Fütterungs-Wecken nicht gebraucht wird. Vor allem aber sollte der Preispolitik der Spirituszentrale entgegen- gearbeitet werden. Die Spirituspreise stehen in keinem Verhält­nis zu den Kartoffelprersen. Die Machtbefugnisse der Spiritus­zentrale sind ungeheuer. Den Großgrundbesitzern werden so direkte Liebesgaben zuteil. Hier sollte Herb v. Batocki eingreifen und nicht einen großen Hundemord vornehmen. (Heiterkeit.) Um den landwirtschaftlichen Produktionszwang kommt Herr v. Batocki nicht herum. Sonst bleibt es bei dem alten Wirrwarr. Nicht nur das Land braucht Soldaten für die Ernte, sondern auch die Städte für die Anfuhr. Berlin muß jetzt eine Million Zentner Kartoffeln haben. Dieses Quantum kann mit den zur Verfügung stehenden Gespannen nicht angefahren werden. In der Kartoffelfrage mutz das Kriegsernährungsamt in der Tat seine Generalprobe ablegen. Hier mutz sich zeigen, ob auch in Zukunft agrarisch bei uns Trumpf bleiben soll oder nicht. (Beifall bei den Soz.)

(Von einer Tribüne tönt ein lauter Pfiff, und ein Zu­hörer wirft mehrere Blätter in den Saal mit den Worten, daß sie eine wichtige Mitteilung enthalten. Auf die Aufforderung deK Vizepräsidenten Dr. Pa a f ch e wird der Störenfried cruS de« Saal gewiesen.)

Abg. Sosinski (Pole) trägt Klagen über Lieferungen von schlechten Kartoffeln im oberschlesischen Industriegebiet vor.

Abg. Frhr. v. Karkcrink (Zentr.): Die Schwierigkeiten müssen überwunden werden, denn die Not der städtisch-industrielleu Bevölkerung ist Tatsache. Die notwendigen Speisekartoffeln sind vorhanden, es fehlt nur an der Verteilung. Die Spiritus­lampe ist vielfach auf dem Lande unentbehrlich, z. B. ftühmorgens in den Ställen, man kann also die Spiritusbrennerei nicht weiter einschränken, ebenso verhält es sich mit der Verfütterung. Da­gegen zeigt die Zentrumsinterpellation gangbare Wege. ES wäre ja vielleicht menschlich begreiflich, wenn Kartoffeln zurück- gehalten würden, aber die Führer der bayerischen Bauernvereine z. B. haben die eindringlichste Aufforderung erlassen, alles zur Linderung der städtischen Kartoffelnot zu tun. Um Verderben durch Umherschicken zu vermeiden, sollten beschlagnahmte Kar­toffeln an Ort und Stelle bleiben, und die städtischen Konsumenten auf sofortige Deckung des Winterbedarfs verzichten und nur den Tagesbedarf anmelden.

Präsident des Kriegsernährungsamts v. Batocki: Daß die Frühkartoffelzeit für mich eine Zeit der schwersten Angst und Sorge wurde, lag nicht an mangelnder Vorbereitung, aber die Ereignisse haben alle Vorbereitungen über den Haufen ge­worfen: zeitweilige Grenzsperre aus neutralen Gebieten, sehr kalte Witterung, die die Reife verspätete, Aufhören der ungarischen Zufuhren infolge der Belastung der Eisenbahnen durch 7>ie Er­eignisse an der Ostftont. Wir waren froh, als schließlich ohne zu schwere Stockung Frühkartoffeln genug da waren. Wir müssen immer wieder trotz aller Voctehrungen mit dem Eintreten von Mißständen rechnen, wir können nur hoffen, daß sie nicht ein- treten, sicher aber haben wir gelernt, daß man, wie im Kriege überhaupt, so in der Kriegswirtschaft und besonders in der Kar­toffelwirtschaft nichts Bestimmtes Voraussagen kann. Wer ver­nünftig denkt, muß stets cruch mit Mißerfolgen und Enttäuschun- gen rechnen.

Daß bei der Preisfrage agrarische Einflüsse maßgebend gewesen wären, muß ich auf das Entschie­denste zurückweisen. Wenn die Preise erhöht worden find, so deshalb, weil man eine gar zu schwere Schädigung der klei­neren Kartoffelerzeuger, die durch den Zwang zur Ablieferung und durch das Verfütterungsverbot schon schwer genug getroffen sind, vermeiden mußte. Wenn wir vorhergesehen hätten, das; die Ernte in vielen Gebieten so ungünstig sein wird, so weiß ich nicht, ob wir nicht einen höheren Preis festgesetzt hätten. (Hört, hört! bei den Soz.) An den jetzt festgesetzten Preisen wird nicht gerüttelt, wenn man sie aber so niedrig wie im vorigen Jahr festgesetzt hätte, dann würde das muß ich den Herren Vertre- tern der Konsumenteninteressen, die wir ja alle vertreten, sagen, die ganze Wirtschaft zusammenbrecben. Die Schwei- nepreise haben zweifellos eine unerwünschte Höhe angenom­men. Wenn wir aber eine gewaltsame Senkung der Preise vor- nehmen würden, um so mit Kartoffeln zu sparen, gerade jetzt, wo es mit der Schweinehaltung und Schweinemästung sowie mit der Fetterzeugung wieder besser wird, so wäre das verderblich.

Ich bereue keinen Augenblick, die Kartoffelpreise auf 4 Mark festgesetzt zu haben. Zurückblickend hielte ich es für einen schweren Fehler, wenn man mit den Preisen niedriger gegangen wäre. Wir denken nicht daran, sie herab- z u s e'tz e n , das würde mit einer Beunruhigung und daher mit einer Schädigung der Konsumenten in allerschwerstem Maße vcr-