m. 240
Drittes Blatt
M. Jahrgang
E*fcheaÄ »tzttch mit Ausnahme des Sonntags.
„Ms^errer K«E«^gttter" imb
„LttttLMt für den Xreis Sieben".
PMche«o«t-: Krak-M am BJatn Rr. U686. Saswertehr: Se»erbeda»r Siezen.
General-Anzeiger für Gderhejftn
DsmerLtag. ^2 MLoöer zyz-
ZwitteugLrunddrutt urld Verlag;
B r ü hllche U nroerfu atS-Buch- u. Ste tnüruckere i.
R. Lang e, Gießen.
Schriftleitung, SefchSstrsteSe nvd VmOerei:
Schulftraße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: er-Edl» Schriftleitung: fc# 113.
Anschrist für DrahtnachrtchtenrAnzeigerMeßen.
Das Eichener Gefangenenlager.
Welcher Gießener wäre nicht scl-on vor Me Stadt gepilgert, um ftch daS ssroße E^srrn^enen-Lager zu. betrachten, und hätte versucht, ei»« rrsugttrigen Muk über den hohen, brarmen Zaun m werfen, &,yt bsti unsere braven LandfÄrrmnränner so treulich Wache l>al- le»? Llder in daS Lager selb« ist et so leicht nicht gekommen^ Darum lnatz es ihn intzerchsieren, wlre in dieser ^verbotenen,
si^ vor dem Begünstigten die Tore des Lagers auf- Aetan, so tritt ihr^ sofort die derttsche Ordnung in deutlichem Bilde entgegen. S-chmirgarade brusen die breiten Wege zwisck>en den Bavackm dahin, gleichttese Graben an jeder Seite, damit das Wasser in ihnen feinen Abfluß findet. Muh die Baracken sind nach einem höchst MersicUltchen Plane mit grss-^r Regelmäßigkeit errichtet. Htvischrn den einzelnen dlbteiLungen Zäune und Stack-eldrälste. dre scdLnr Gefansmen so ohire weiteres deutlich nrachen, in welMN Schrmrke.» er sich zu bemvgen hat. Alles das ein Zeichen, dach h^er «b fnrrgifdjer Wille waltet, der kerne Ucberschreitung der not- Zucht duldet. Und doch zeigt allerlei Grün aus den «Lätzen. der frormdluche Schmuck bmürc BttlmeN, hier und da Wern- rmrG^i an dm Baulichkeiten, dach das Lagerkommando zugleich 'k»ensckii>!> -empfindet und innErhakv der Erzogenen Grenzen^ dafür sorgt, daß der Ausmthalt in diesem Lager den Gefangenen möglichst «nckeLslich wird. ^ ^
DiesÄbe Ordnung sieht man in den Wohn räumen selber, dsr freilich die ensKschen Gefangenen besser als die^ französischen! r-ßJäftanrrrn'ti, währet ck> diese mehr Sinn für eine gewisse, wenn auch unter diesen Verhältnissen bescheidene Ausstattung zeigen. Des Nachts schlafen die Gefangenen mrf Strohsäcken unter wollenen Decken, die aw Tage beiseite geschafft werden. Große Schornsteine, tue sich durch den Naum dttrdurch erheben, lassen es auch En dev ZRnterwacht nicht zu empfindlich kalt werden. ^ Daß die Lücken KpHären bat Latten der Baracken vor einiger Zelt verschalt worden
ist jedem GuHener bekannt, da man es auch von draußen sehen
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Besonders wird natürlich für die Reinlichkeit gesorgt. Vor den Wohndaracken befinden sich sorgfältig eingerichtete und instand HÄltaliene Waschptätze. Von der Entlausungs-Anstalt, in ür jedenr Mann, der das Lager betritt, Körper und Kleider aufs MndlittKe gereinigt werden, hat wohl schon jeder gehört; mese Wehst notroendige Anstalt hat es wirklich fsrtig§ebracht,, daß das gesamte Lager als „länsefrei" gelten darf. Zudem erhält I^>er Ge- faugnie einmal in der MZche ein Brausebad. D«^Abteilung ist an £*ie KanaUsatton der Stadt anaeschlosfen. Das Wasser wird von rxn Geße7«r Wasserleitung geliefert. Eine besondere Was ch- « rrfta l t für die Wäsche der Gefemgsnen ist errichtet. Auch für dre Er-neuerung der Wüsche ist gesorgt. Zerrissene, zerlumpte oder be- ftlIm gte Uniform« sind im ganzen Lager nicht zu sehen.
Das Gssen wird in gewaltige« Kesseln bereitet, von denen ftder 500 Personen verargt; die Lost ist wohlschmeckend urch dem Maße nach genügend. £Dte Versorgung so vieler Menschen ist ?> tilrli-'i^eine Kleinigkeit. Soeben wird an Kellers durch Äittenver- schlag zvrm Aufnahmen der gewaltigen Menge Kartoffeln erngv- richtet, die Kr eure so große Zahl von Personen notwendig ist. ü atdenbelag dieses umfangreichen Kellers wird von den Gefangen« f^ber verfertigt, wie denn überhaupt, soweit es irgend möglich ist, für die Bedürfnisse des Lagers im Lager selbst gearbeitet wird. So ftnjdet sich dort auch eine eigene SchrermV-Werkstatt. ,Auch l^-fitzt das Lager einen ^Kartoffelacker, Gemüse-Anlagen, eine, Schweinezucht, die gegenwärtig 250 Schweine enthält, und Kaninchen stalle. , __ . ^
Man erhält schon bei oberflächlichem Besuch den deutlichen, Eindruck, daß die Mft den Gefangenen gut bekommt. L>ie und da sicht man unter ihnen, besonder- den Frmrzosen, sogar höchst ^behagliche Gestalten. Ebenso kann man sich leicht überzeugen, daß der GesmldheitsUrstand im gan-zen recht befriedigend ist: ^der Kran- -kensaal, für die leichteren Erknnlkmrgen bestnnmt, wahrend die ^chwerei-en aus^lialb des ^Lcrgers behrnMlt Vierden, beherbergt, £cgen«R»örtig nicht viele Vatienden. Daß sich unter diesen gerade zwei Neger beftuden, denerc der Wind ans dem Trieb vft recht wuh Vorkommen mag, fällt bac sran»vsischen L>eeresleitung zur Last, die ihre aus den Eingeborenen arrsgehobenen Truppen in Europa verwebet. Der beste Beweis für den Gesundheitszustand der Gefangenen ist schließlich, daß der für ansteckende Krankheiten he- si-mmtte Saal sckwn seit eisiger Zeit leersteht und,t«her von dem Lagerkonnnando als — KünsÄeratelier verivvndt nnrd. Man staunt Über solche Maßnahmen der militäriscl-err Behörde.^ die^ für dre innere Not beschäftigungsloser Künstler ein Verständnis besitzt limb ihnen das Arbeiten erinogluhL; sicherlich ein Verhalten, das Unser«: Vaterlande zu hoher Ehre gereicht. Auch sonst ist dafür aesorat. daß der Gefangene nicht geistig eirrschläft und verdummt. Jfraribtoradnsr Zeitungen, natürlich ümter militärischer Zensur hergesdellt. dürfen gelesen werden. Es gibt zwei Lesefäle mtt fraTrzösischeu und englischen Büchern. Die Gefangenen dürfen sich muh Bücher aus ihrer .Heimat senden lassen oder sich in Greßeir besorgen lassen. Dem Briefeschreiben ist natürlich ein gewisses Maß auferlegt: Zwei Briefe nwnatlich und eine Karte m der Woche. Das Lager besitzt eine ganz nett ausgestattete Kapelle. in der französische lmd englische Geistliche aus der Zahl der Gefangenen selber Gottesdienste halten. Die Jnstrum«te für ein Musikchor bat ein Amerikaner gestiftet. Zuweilen finden auch Theater-Aufsührmigen durch M-e Leute statt, die sich auch hübsche Kulissen dafür selber hergestellt haben. Und daß sich die Gefangenen an schönen Sonntag-Nachmittagen bei Bewegungs- spielen gut amüsieren, hat wohl schon jeder Gießener aus dem lauten Lachen, das donn aus dem Lager herausdringt, heraus- Aehört.
Ein Betrieb für sich, der jedem Besucber durch seinen Umfang — es sind dort gegenwärtig 134 Mann beichästigt — rmd die Vünktlichkeit seiner Arbeit imponieren Muß, üst die Pakets Prüfungsstelle. Ta werde,: die Pakete, die für Gefangene eintressen. crusgepackt, nach verbotenen Beigaben, z. B. .Karten Untersucht und wieder eingepackt; bei der Astbieit sind Gefangene sÄber mitbeschästigt; eine -beständige Aussig sorgt dafür, daß nichts abhanden kvm^mt. Die eintresftnden Pakete und Geldsen> düngen werte,: doppelt gebucht. Bei bescM-igt anlangenden Sendungen wird Zustand und Jühalt des Pakews ailsdrücklich> feftge- ftellt. Bei der Ausliessrnng an die Empfänger Muß durch diese eine Quittung ansgestelft' werden, die durch einen „Bertrauens- wiann", wie sie die Gefangenen selber wählen, mit gezeichnet wird. So läßt sich noch nach Jahren mit Sicherheit angeben, daß die Sendung wirklch an den Gefangenen abgegeben worden ist. Im ganzen treffen gegenwärtig täglich 2500—3000 Mark an Postanweisungen ein, dazu inonatlich etwa 60 000 Pakete; doch ist die Zahl der monatlichei: Paktte schon bis auf 97 000 gestiegen. Für die weist armen englischen Gefangenen sorgen sehr reichlich englische Hdklfsorganifationen. Den ftanzösiscl)en Gefangenen tvird auf Grund eines Abkon-mrens zwischen der deutschen und der französischen Mregietmrg .Weißbrot in großen Massen in der Form! des Schifftzwiebacks zugesandt. Das einlaufende Gelb wird den Ge- tarrgenen aus naheliegenden Gründen nickst in barer Münze, son- oern in Zahlmvrken emgehändigt, die in den Kantinen, die im L-»ger unterhalten werben, als Zahlungsmittel gelten. Um zu verhindern, daß aUzu Begehrlickve Liebesgaben aus der Heimat in unnötiger Fülle mft sich zigl-en. während andere, die besckMdenev sind, leer aus«ch«r, haben sich die Ochllrgenen selber ÄillS^
aUsfchüsse wWen dürfen, wÄche die Hilfsgesuche hilfsbedürftiger Gefangener au.f ihre Stichl-altigkeft zu prüfen haben; die so bemttachdeten Gesuche werden dann in die Heimat oder an Neu.trale gesandt. Auch die eirrtrefftndem Scmtmekfendmrgen werden von diesen Hilfsausschüsfen verteilt.
Eine besondere Schnfterigkeit erloschst der Poststelle dadurch, daß eine große Zahl der Gefangenen zurzeit nicht im Lager weilt, fcmbeni auf Arbeit in t>rr näheren und weiteren Umgebung abwesend ist. Gegenwärtig siird 6000 Mann draußen. Unteroffiziere werden zu keiner Ärbeit kommmMert, kömrerr aber, wen.tt sie es wüirschen, gegen eine Vergütung beschäftigt werden. Uni nun auch die zurzett nickst inr Lager befindlichen Gefangenen mit der Post erreichen zu könrsen, werden ihre Sendungen nach Ort- schaftni geordnet, in Säcken verpickt und dann weiter befördert.
Wie. n^tt es die Gechirgenen selber fühlen, daß sie nicht nur unter strammer, militärischer Zuckst stehen, sondern daß zugleich ein wohlwollendes Auge über ihnen wacht? Eme schwer zu^ be- anttvortende Frage! Jedenfalls rft ihr Verhalten im allgemeine^ zufriedenstellend. Schlvierigkeiten, die zu Einschreiten Anlaß böten, kommen selten genug vor. Auch sieht Man verbitterte oder vergrämte Gesickster tm Lager nicht. Und ferner: ob die Gefangener: die Menschlichkett, die sie erfahren haben, im Gedächtnis behalten und später, wenn sie erst wieder m Acruse sind, davon zeugen werden? Das möchte man bei der Beri-etzung der Völker gegen uns leider bezweifeln. Trotzdem tut die deutsche Lagerverwaltung ihre Schiuldigkett und versucht die rechte Mitte zwischen strenger Ordnung und freundlicher Fürsorge zu finden, ohne auf Dank zu rechnen und an Dank zu denken. G.
Uriegsbriefe von der mmämfchen ßrsnt.
Von Unserem Kunr südöstlichen Kriegsschauplatz entsandten Sonderberichterstatter.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweife, verboten.)
Zum Noten-Trrrm-Paß nach der Rumüncnschlacht.
Deutsches Kriegspresteguarttcr Südost, den 1. Oktober. IV.
Bei Talmesch (Nagy Talmecs), etwa 3 Kilometer nördlich vom eigentlichen Paßeingang, hat es die letzten Kämpfe vor diesem gegeben. So sielst es dort denn auch wesentlich weniger friedlich- freundlich aus, als in den anderen Orten, durch die wir hindurcl)- gekommen sind. Auf Trlmesch sah sich die feindliche Infanterie — der Troß und alles smlst Fahrbare waren natürlich bei Beginn des Rückzuges vovangegangcn — am Spätnachmittag des 28. September von allen Setten her zusammengeschoben. Hier machte man notgedrungen den letzten Versuch, mcht, noch zu siegen, aber doch sich zu halten, bis die vollgefahrene und^ von den deutschen Jägern weiter draußen und gariz in der Nähe mehrfach unterbrochene Paßstraße wieder frei sein würde. Es blieb bei dem Versuch. Denn die Lage war von twrnherein aussichtslos. Wo sollte bei dem Heranströmen immer neuer geschlagener Truppen die nötige Deckung gegttr Sicht, vom Artilleriefeuer ganz zu schweigen, Herkommen? Ueberdies begannen die Deutschen zu stürmen! Die Verbände, die schon vorher, alles andere eher als geschossen gewesen fern werden, mLssen sich hier vollends ausgelöst Haben. Viele stürzten auch durch das Dunkel zum Paß hinaus, sich dort durchzuwinden und wenn nötig, durchzuschlagen. Sie sahen wohl sehr bald, daß auch hier nichts mehr zu machen: war. Auch die wohl oder übel noch mehr hinten am Fernd Zurückgebliebenen erkannten immer deutlicher, wieviel llhr es war. Das feindliche Feuer schlug gleichmäßig unter die am Paß wie unter die im Paß. Ueberall stteß der Fuß au Gefallen.e, tönte das Jammern und Klagmi Verwundeter. Es gab nur einen Weg für alle, die nicht lebendig in die Gewalt der bekanntlich unmenschlichen Deutsche geraten ivollten. Er führte an den Felsen empor und durch das Unterholz des Lwchnxrldes. Alles ivarf von sich, riß siSh vom Leibe herunter, was forlzuwersen und vom Leibe zu reißen war. Infanterie, Troß, GesckM'.bedienung: einer tat wie der andere. L>eidi in die Berge! Hieß es viel mckers als Heidi in die Gefangenschaft? Heidi m den Tod?
All das erzählt und fragt unser Weg in stummer Beredtfam- kett jeden, der Augen hat zu sehen.
Der Rote-Turm-Paß ist eine schmale, aber gut ausgebaute Bergstraße, bist entlang dem Durchbruch der Alt Ungarn mit Rumänien verbindet. Die Mt, ungarisch Muta, rumänisä>-wakla- chisch Olttc, fließt zur Dmmu, in die sie lvesttich von Nicopoli mürrdet. Der Fluß windet sich als mäßige Wasserader durch ein breites Bett von Geröll, das er bei Hock)wasser brausend füllen mag. In der Luftlinie von Klein-Talmcsch biS (Jrneni, dem ersten rumänischen Ort am Südausgang des Passes, ist er elnxr 15 ^Kilometer lang; er führt in mäßiger Schlängelung ziemlich genau von Norden nach Süden. Die Paßsttaße läuft rechts zwischen Fluß und Fels hindurch Links wird die Alt bis zur rumänischen Grenze durch die Bahn von Her-mMrnftadl begleitet, die damc an der Grenze aus das rechte Ufer Übertritt. Die Brücke macht die Stelle der Sckieidelinie beider Staaten weithin kenntlich; ob der Bau diese seine seitherige politische Bedeutung auch nach dem Krieg noch haben mird? Westlich des Durchbruches, also auf der Seite der Straße, fällt das.Felsgeklüft des Cinin-Gebirges mit dem Stepolni, östlich das deS Fogaraser Waldes mit dem Surul — beides Berge von mehr als 2000 Meter — mit seinen Rändern steil ab. Die Hänge sind meist völlig unzugänglich; nur selten führt ein verlorener Pfad an ihnen empor. Das ganze ist die 'reizvolle, wenn auch auf die Dauer etwas eintönige Landschaft eines ausgedehnten lÄebirgsgrundes. Ein paar grimme Mauer- und Turmreste im Sttl der alten Bosporus- und Dardanellen- besesttgungen erirrnern daran, daß Wege dieser Art ein für allemal Völkerstvaßen sind und ihre Geschichte haben — gleichviel ob man sie gerade dauernd nennt, oder ob es erst besonderer Ereignisse bedarf, sie uns wieder einmal in Erinnerung zu bringen. Anders im Stil, massiger und auch besser erl-alten ist der Turm, dem der Paß seinen Namen verdankt. Er liegt westlich vom iwrdlichen Paßeingang, etwas am Berg kstnauf und leuclstet in blutigem Rot, das er der Sage nach einer Bemalung mit Türkenblut verdankt. Ob Türkenblut sich für solche Dauersärbungen wirklich eignet, weiß ich nickst; ich für meine Person würde Anilinfarben Chemnitzer, Ludwigshafener oder Treptower L>ertnnft für solider halten und glaube beinahe, daß es sich auch im vorliegenden Falle eigentlich um solche hairdelt. Auf der Bah^lseite der Alt erinnern niedlich ausgebaute Bahnstatiönchcn dar-n. wie betriebsam und nett es sich ehedem auf diesem schönen Fleckchen Erde zwischen Rumänien und Ungarn lstn und her gefahren haben muß. Wie an der Wannfeebahn etwa! Und wenn es nicht so weit hier unten im Süden wäre, und wenn dort drüben nicht just gestern die Furien gehaust und Mord und Verwüstung alles durcheinander geworfen hätten, gehörte sogar wahrhaftig nicht viel Phantasie dazu, sich die gelegentlich fast promenadenartig saubere Paßstraße mit ruhuenüen SonntagSausflüglern aus der näckstien heimischen Gwßstadt und mtt lautensckstagenden, selbstttbkochenden Wandervögeln beiderlei Geschlecksts nicht gerade übertrieben angenelnn belebt vorzustellen.
Ich habe Mancherlei Wildes in diesem Kriege gesehen. Erne Rückzugsftraße in dem Zustande, in dem wir diese Aluta-Ther- mopylen anaetrvffen habni. noch wicht. Dabei ist natürlich sofort nach ihrer EinnalMe mit ihrer Freilegung uiid der Bergimg der Beut« beaomreu worben. Doch was da bei der Kürze der Zett
geleistet werden konnte, hat an dem Gesanttbild notzh picht viel geändert. Ich kann mir vorstellen, daß es auf dem weiten Schlachtfeld von Tamreittrerg nach der Vernichttrrig der Russen do oder dort ähnlich ausgesehen haben wird. So wie in diesem Engpaß werden sich Trümmer und Untergang auf einem schmalen Handbreit Raunt auch dort nicht allzu oft gehäuft haben. Und dazu nun die Massen von Vieh, das zwischen all dem Wirrwarr mit klagendem, dumpfem Brüllen ratlos hin und her stteicht, bald nach Rumänien hinüber den Weg niurmt, bald, der Endlosigkeit der Straße müde, wieder kehrtmackst, und auf den Siebenbürg euer Paßausgang zu wechselt. Blöde Kälber blöken nach ihrer Kuh, und .?kühe mit strotzendem wollen ge-molkeu sein, rufen aber vergeblich nach der^ derben Hand der Melkerin. Es sind Prachtstücke darunter, ivahrscheinlich bestes Zuchtvieh, und aus der Keule sieht man, sorgfältig eingebrannt, das Zeichen des Besitzers, auch die Hänge, wo nur irgend ein Pfad zu ihnen hinausführt, sind voll vvn werdendst Tieren. Viele gerade der besten Stück ehaben sich, oft quer über die Paßstraße hinweg, vor Erschöpfung niedergcttm und sind nun durch nichts mehr zum Aufstehen zu bewegen, gleich dem Kampfstier, wenn ihm der Spada sein Schwert in den Nacken gestoßen. Nur, daß hier nienrand sich die Mühe nimmt, dem kranken Tier mit Dolch den Fangstoß zu geben. Wie mögen die Rumänen mit diesen stummen Zeugen der Tragik der Nacht umgesprängen sein, seit sie sie aus dem heimisckien Stall drunten in der Her- 'inannstädter Ebene herausgeholt haben? Ettre Menge Tiere^ ist auch bereits eingegangen. Andere haben die Rumänen totgeschoffen oder auch geschlagen, als sie nicht mehr weiter kamen mtt ihnen; oder ein feindliches Geschoß hat sie erreicht. Ueoerall liegen sie herum, alle Viere steif von sich gestreckt, mit widerwärttg aufgeblähten Bäuchen. Mast- und Zugochsen, auch faule Büffel in namhafter Zahl mischen sich unter die Rmdec und Kälber.
Noch viel mehr als totes Vieh, liegen tote Pferde herum; sie gehören zu den sozusagen natürlichen Opfern der Schlacht; nur, daß sich dem Feinde nicht oft Gelegenheit bietet, so unmittelbar und darum mtt solchem Erfolge in feindliche Kolonnen hin- einzufmrken, wie unsere Jäger sie hier hatten. Furchtbare Verletzungen sieht man. Zweis ind besonders typisch. Es ist der Gaul, dessen Schädel ein Granatsplitter gespalten hat, sodaß fast ein Kübel voll Gehirn hervorgequollerr ist, und der andere, dessen Beine, als er bereits lag, von schwerem Fuhrwerk, das über sie hinweggegangen ist, zermalmt worden sind. Der vom Fuß gerissene Huf liegt als dümre leere Schate ein Stück davon. Auch lebende Pferde sieht man noch in Massmr, vom guten Reittier, dem starken Zuggaul und dem eigentlich notch Nicht gebrauchsfähigen Fohlen bis zur uralten, dürren, klapprigen Schindmähre. Von Geschirr ist nur an ganz wenigen noch irgend etwas;^ sehr viele tragen nicht einmal eine Halfter. Die Tiere waren offenbar zum größten Teil an Wagen angebunden; oder fie sind unter dem Vieh l)eraufgetrieben worden. Auch jetzt ziehen sie mit den phleg- mattschen, stumpfsinnigen Zweihufern geduldig hin imfr her. Eigentliches Pferdetemperament ist fast nirgends zu spüren; allenfalls haben sich hier und da ein paar zu einer Gruppe zusammen- geftmden; auch sie machen nur ab und an ettiche Sätze, z. B. wenn unser Auto tutet, um sie aus dem Wege zu scheuchen. Kein Wiehern, kein Schnauben: auch keine Panik mehr. Es ist ganz anders, als Zola die Rosse von Sedan schildert. Der Jammer der Kreatur greift ans Herz. Da steht solch Vieh, ein Brauner, bei seinem verendeten Stallgefährten, einem Schimmel, der am Wege liegt. In sein Schicksal ergeben, gesenkten Hauptes, regungslos! Nichts störtt ihn, auch unsere Hupe nicht. So steht er seit Sturrden, wie die Jäger erzählen. Als wir nach etwa zwei Stunden zurückkehren, steht er noch immer da. Er „klebt" noch an dem toten Kameraden!
Adolf Zivrmermann, KriegsberichLerstatter.
GeVichtS?QKl.
X. Hanau. 11. Ott. Trotz seioer Jugend harte bet 18jährige Kaufmann Stahl von hier schon ein Verhältms mtt einem Mädchen. welck>es ihm viel Geld kostete. Um sich in den Besitz größerer Geldmittel zu versetzen, machte er mit einem beim hiesigen Eilen- bahuregiment dienenden landwirlsebaftlicheu Beamten ein Ge- sckmst. bei dem er diesen um 2200 Mark schädigte. Er hatte ihm vorgespiegelt, ein vorteilhaftes Geschäft mit Butter machen zu können, wenn er das dazu nötige Geld besäße. Der Eisenbahner schenkte dem Stahl Vertrauen, ließ sich das Geld von seiner Mutter schicken und übergab es dem Stahl, der nun an Butter nicht mehr dachte, vielmehr mtt seinem Mädchen aus Hanau verschwand und nach München reiste. Dort logierte er sich unter falschem Namen in einem Hotel ein. Da er einen phantastischen Brief an seine frühere Arbeitsstelle richtete, entdeckte man seinen Aufenthaltsort und verhaftete ihn. Das Schöffengericht verurteilte ihii gestern zu 3 M onaten Gefän gnis.
Mchesil. Aedersichj derCoöesMe l Gichsn.
38. Woche. Vom 17. bis 23. September 1916. Einwohnerzahl: angenommen ju 33100 (inkl. 1600 Mann Militär).
Sterblichkeitsziffer: 23,56°/,,.
Nach Abzug von 8 Ortsfremden: 1^99°/*.
Kinder
tm i. Lebens- vorn 2 bi- jahr 16. Jahr
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Es starben an
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Lungenentzündung Krankheiten der AtmungS-
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Krankheiten der Kreislauf-
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4
Summa:
15 (8)
14 (7)
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Anm.: Die in Klammern gesetzten Ziffern geben an. wie viel der Todesfälle in der betrefseiiden Krankheit auf von auswärtZ nach Gießeii gebrachte Kranke kommen.
VeröfseirÜickmng des Großh. Kreisgesundheitsamts Gießen.
Dr. W a l g e r, Med.-Rat.
Metkorologische Beobachtungen 0er Station Gießen.
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