nt. 248
Zweites Blatt
*66. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Beilagen: ..Sietzener KamilltnblStter" und „Xreirblatt für den Ureis Stehen".
poßfche«»nto: Zrankfnrt am Main Nr. **686. Sankorrkehr: Sewerhebank Siehen.
General-Anzeiger für
Samstag, 2*. Dltodet \%b
ZwillingSruntwruck und Verlag: Brühllche Univers-ilätS-Buch-u.StundNlckere!
R. Lange, Gießest.
Zchriftleituna. Geschäftsstelle und Druckerei:
Schulstrave?. '.ieschäfnzleite u. Verlag: «LE bl, Schriftleilung: 112.
Anschrift fiir Tr^.htiMchrlchteru AnzetgerGteüen.
Uriegsbriese von der rumänischen 5ront.
Von Unserem zum südöstlichen Kriegsschauplatz entsandten Sonderberichterstatter.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verbeten.)
Aus den Kümpfen um Kronstadt.
HI.
K r o n st a d t, 13. Oktober.
Ucbrigens erledigt sich die Unlerkunftsfrage für uns mit aller rmr wünschenswerten Schnelligkeit. Die Zeidener sind mit weit rve- Niger Einquartierung belegt worden, als sie cs sich gedacht hatten. Auch die deutschen Truppen sind meist draußen im Freien und am Feind geblieben. Im Ort selbst waren nur ein Stab, etliche Aerzte und Sanitätsmannschasten, sowie die Offiziere von einigen Kolonnen mit ihren Unteroffizieren und Fahrern untcrzubringen. Das war weit weniger, als die guten Leute gehofft hatten. Und sie hatten es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, einen Deutschen bei sich zu sehen. So standen, die leer ausgegangen waren, bei unserer Rückkehr noch immer am Rathaus herum und harrten auf Nach- Kügler.
,,Die Herren suchen Quartier?" fragten fünf, sech-s Stimmen zugleich.
„Jawohl! Ist noch etwas zu haben?"
„Bei mir ist ein gutes Bett. Belieben anzusehen!" „Ich bitte schön, bei mir! Ich habe zwei Betten! Die Herren werden sehr gut schlafen!" „Ich bitte sehr, bei mir auch! Man hat ein Zimmer ,-hergerichtet!"
„Gibt es noch etwas zu essen? Wir haben Hunger."
„Man wird Kaffee kochen. Mit viel können wir jetzt nicht auswarten. Es ist zu schwere Zeit! Ein schönes Schweinskarree mit Kraut ist fertig,. Man kann auch ein junges Hühndel braten. Oder auch an Eierspeis machen, wann belieben! Der Herr wird zufrieden sein. Ich bitte, mitzukommen. ..."
Die unpersönliche Anrede und der häufige Gebrauch des „man" sind mundartlich. Aus der Aufzählung ging tröstlicherweise hervor, 'daß die Rumänen nicht alles ausgebraucht hatten, was an Leibes Nahrung und Notdurft in dem Ort vorhanden gewesen war. Wie -in Ungarn überhaupt, so meinen auch die Leute in Siebenbürgen, .es herrsche unerträgliche Knappheit an Lebensmitteln bei ihnen. An dem, was sie gewohnt sind, gemessen, mag das vielleicht auch zutreffen. Wenn man aus Deutschland kommt, sieht sich die Sache etwas anders an. Die Versorgung der Städte freilich, deren Einwohner geflüchtet waren und die sich jetzt langsam wieder zu beleben beginnen, macht allerdings einstweilen noch Schwierigkeiten. Es ist noch koin rechter Marsst. die große Masse der Käufer ist Noch nicht zurückgekehrt, und so lohnt es sich für die Bauern nicht, dorthin KU fahren. Immerhin: bungern muß auch dort niemand. Auf dem Lande selbst ist nach deutschen Begriffen alles da. In -Hülle und Fülle sogar.
Bald war alles versorgt. Ich saß am Tisch meiner Mrttm Nebenan^ in der guten Stube mit ihren Schränken, Spiegeln, bunten Truhen und zahllosen Familienbildern harrte meiner ein wahres Paradebett. Vor mir war bereits reichlich aufgetragen, und auf dem Herde brodelte es behaglich weiter. Es war ein Krüegs- idyll, wie ich es noch nicht erlebt habe. Meine Wirtin besorgte das Kochen und führte zu gleicher Zeit die Unterhaltung. Ihr Mann war ihn Kriege wie die der meisten Frauen im Dorfe. Der Aelteste auch. Seit Monaten hatte sie nichts von ihnen gehört. Der zweite, ein sec^ehnjähriger prächtiger Bengel und seine zwei Schwestern festen vor mir und beobachteten mich stumm mit gespannter Aufmerksamkeit. Eine Nachbarin erschien, dann eine zweite. Sie kamen auf Besuch, sagten „Guten Abend" und nichts sonst, nahmen mir gegenüber Platz uiid sahen mir ebenfalls lautlos zu. Die eine war eure ungemein runzlige Siebzigerin, die andere im Alter meiner Wirtin. Alles große Personen mit harten, strengen Zügen.
Lange ging das Gespräch nur zwischen der Bäuerin und mir hin und her. Ich war erstaunt über die taktvolle, zurückhaltende Art. in der sie sich nach meinen persönlichen Verhältnissen erkundigte. Die Uebersichtlichkeit, mit der sie mir das Treiben der Rumänen während ihrer Anwesenheit schilderte und — die finstere Feindschaft, die in ihren Worten war, als sie auf die heimischcm Walachen zu sprechen kam und die Spitzbübereien, die sie sich unter dem Schutz ihrer' Landsleute gestattet hatten. Man merkte, aus der Frau redete der Zorn der jüngsten Tage. Die alte Dame mischte sich übrigens jetzt ins Gespräch. 1
„Alles haben sie ausgeräubert!" rief sie voll Erbitterung Dann schwieg sie wieder. Erst als die Hausfrau erzählte, wie sie ihren zweiten Sohn die ganzen fünf Wochen seit Ankunft des Fenides hätten versteckt halten müssen, weil der ihn sonst, wie alle iungen Leutej. die er erwischen konnte, fortgeschleppt hätte, meldete sie sich abermals zum Wort.
„Sie hätten ihn sonst auch «och geräubert!" erläuterte sie.
Schließlich wurde auch die dritte Frau noch lebendig. Das war, als die Bäuerin mir einen rein politischen Vortrag zu halten begann. Mit heiligem Eifer fiel sie auf einmal ein. Und mit erstaunlichem Eifer waren von da an beide Frauen bemüht, mich über die Verhältnisse ihres geliebten Sachsenvolkes aufzuklären. seine Geschichte, seine Beziehungen zu den Rumänen, die „die schöne Transsplvania" halt gar zu gern haben möchten....
„Alles wollen sie auSräubern!" unterbrach sie die Alte.
Und wie Gott die Sachsen nicht zugrunde gehen lassen werde, nur er sie so lange erhalten habe und wie auch der Gustav Adolf- Verein ihre stärkste Hilfe — „Jeder Sachse ist Mitglied!" — noch da sei, und wie sie den Deutschen aus dem Reich es nie vergessen würden, daß sie ihnen in ihrer Not zu Hilfe gekommen.*
Beide Frauen wurden zu ausgesprochenen Agitatorinnen, als sie so sprachen. Es war erstäunlich. wie sie il?ren Stoff beherrschten. Beide entwickelten eine Menge politisches Temperament von aus- gesprocl>en sächsisch-nationaler Richtung, ohne irgendeine Spur etlva im Hintergrund lauernder sozialer Verbitterung. So etwas ist außerordentlich selten bei uns in Deutschland, bei den Männern schon und erst recht bei den Frauen. Bei den Siebenbürger Sachsen ist das Vorhandensein von abwechlusttgem nationalen Empfinden, vvn Juteresse für Politik, ja von ausgesprochenstem politischen Verständnis einfach die Regel. Jeder Sachse ist Politiker. Jeder arbeitet aus allen Kräften mit an der Behauptung seines Völkchens und an der Wahrung seiner Stellung und Rechte. Der Un- schied zwischen ihnen und uns ist leicht erklärt. Seit dem 13. Jahrhundert sitzt der Hauptstamm der Siebenbürger Sachsen aus seiner Scholle, weiß er sie gegenüber jedem Angriff zu behaupten. Für ihn hat es keine der großen Umwälzungen gegeben, wie sie eine geschlossene und einheitliche Entwicklung unseres Volkes, die Verfolgung klarer natiomiler Ziele bei ihm immer wieder verhindert habest. Bei den Siebenbürger Sachsen des alten Königsbodens hat es keine Vielstaaterei gegeben, kein dem Ausland versipptes und von ihm gesellschaftlich und materiell abhängiges Duodezfürstentum: der Bauernkrieg, der Dreißigjährige Krieg, die Pest der Hofsitten des Sonnenkönigstums. die französische Revolution, die Kriege des napoleonischen Zeitalters haben ihr Land nicht oder wenigstens nicht wesentlich in Mitleidenschaft gezogen, und wo sie sich ihrer Haut haben wehren müssen, war der Angriff nicht so übermächtig, mehr zu bewirken, als eine neue Schaffung ihrer Widerstandskraft. So ist dem Sachsentum der Segen einer einheitlichen eigenen Entwicklung geworden, so fußt es auf einer geschlossenen Vergangenheit, ist es unter den deutschen Stämmen dasselbe, was Rothenburg ob der Tauber, Nürnberg, Lübeck, auch Danzig in ihrem Straßenbild unter den deutschen Städten sind, so hat es, bei all seiner .Kleinheit, Art, Ansprüche und Selbstbewußtsein eines alten, vornehmen Volkes, wie wir Deutschen im allgemeinen sic, nwnigstens im Frieden, — sagen wir, nicht immer haben. Wahrhaftig, es hat sich gelohnt, zu seiner Befreiung die Schlachten von Hermannstadt und von Kronstadt zu schlagen — schon um bet Gesamttnteressen des Deutschtums willen.
Beim Auseinandergehen wendet sich eines der Mädchen, eine Dauerndirne von 13 Jahren, mit einer Frage an mich, die, wie ich ihr angemerkt habe, sie schon lange beschäftigt.
„Sie sind also auch auS Deutschland? Sie selbst? Und nicht au- Wie«? Das ist doch aber so weit!" meint sie naiv.
„Gewiß, mein Kind! Möchtest Du nach Deutschland «it- kommen?"
Sie schüttelt den Kopf.
„Warnvu orftht?"
„Ich will nicht fort aus Siebenbürgen!"
' *
Sie wollen alle .nicht fort aus Siebenbürgen. Sie lieben ihr Land als ihr Bestes, von Kindheit an und wollen sich, soweit es an ihnen liegt, dort behaupten, koste cs, was cs wolle. Soweit ich Gelegenheit hatte, es zu beobachten, klagt niemand über den Schaden, den ihnen der Rumäneneiusall verursacht hat. Auch dort nicht, wo er beträchtlich ist. Aber sie ballen die Fäuste.
*
Als ich am andern Morgen aufbreche, wird jede Entschädigung für, Unterkunft und Verpflegung mit Nachdruck zurückgewicsem „Die Deutschen haben so viel für uns getan, daß es eine Schande wäre, wenn wir uns für das bißchen Essen bezahlen lassen Wollten. Wir bitten den Herrn, das nicht zu verlangen." Nun denn, schönsten Dank und Heil! Das Auto jagt lstnaus in die Morgenfrische. Ein Buftard um den anderen streicht, mürrisch ob der frühen Störung, von den Obstbäumen am Wege, auf denen er genächtigt. ab. Wir nehmen, mit cmcm : kleinen Umweg nach Norden, Kurs auf Kronstadt, wollen sehen, wie weit wir kommen und auf jeden Fall beim Einzug dabei sein. Niemand vvn uns zweifelt, daß der unmittelbar
bevorsteht. Wenn er nur nicht etwa bereits vorüber ist! Doch es ist ja noch früh am Tage! Wunderbare Berge ringsum, pralle Sonne und herrlicher Sonntagsfrieden. Kein Laut ist zu hören, kein Mensch weithin zu sehen, vor a(kn Tin... inn Soldat. Nichts, was an den Krieg gemahnte.-Da platzt, kurz ehe wir den Burzenbach überschreiten — einen Wildbach, der aus dem Fogaras-Gebirge kommt und dem Burzenland seinen Namen gibt — ein Reifen unseres Autos. Gleichzeitig beginnt es unmittelbar vor uns nun doch schon wieder zu plänkeln. Also immer noch Widerstand. Wird aber kaum viel zu bedeuten haben. Aber das Jnfanteriefeuer nimmt zwar langsam, doch merklich zu. Eine Offizierspatrouille trabt an uns vorüber. Ihr Führer ist entschlossen, womöglich als Erster in die Stadt hinemzukommen. „Gaw, so weit scheint es doch aber noch nicht zu sein!" wird ihm entgegengehalten. Er lächelt überlegen. „Werden toir schon machen. Drüben bei Petersburg stehen noch ein paar Rumänen. Geniert aber icicht weiter!" Und die Reitersleute verschwinden. Ein Maschinengewehr beginnt zu hämmern. Da, meldet sich auf einmal auch unsere ungarische Batterie drüben bei Weidenbach, die wir schon fast vergessen hatten. Und wieder schießt sie ihre aufgeregten, bellenden Gruppen. Auch anderwärts hört man Artillerieseuer. Das Jnsantcriefeuer vor uns nimmt gemach recht anständigen Umfang an.
. Das alles ist der Beginn der Sonnlagsschlacht von Kronstadt. Sie führt, nicht ohne heißes Ringen, zum endgültigen Rückzug des Gegners. Doch erst am Montag morgen wird dessen Nachhut aus der Stadt selbst verdrängt. Für heute ist es noch nichts mit dem Einzug. Auch unsere Offizierspatrouille hat wohl, wie ich fürchte, in ihrem Einreiten ein Haar gefunden.
Unser, Fahrer liegt aus dem Bauch und richtet sich offenbar auf eine längere .Kur an seinem Wägelchen eiii. Wir beschließen, zu Fuß,bis zum Burzenbach vorzugehen. Und gewinnen damit einen Aussichtspunkt, wie er sich uns nicht so leicht wieder zur Beobachtung eines Zusammenstoßes von der Bedeutung dessen bieten wird, der^ soeben als Fortsetzung der Kümpfe von gestern abend seinen Anfang genommen hat. Die Rumänen sind keineswegs abgezogen, wie, unser Optimismus cs erwartet hatte, oder viel mehr, was wahrscheinlicher ist, sie haben, soweit sie bereits auf dem Rückzug gewesen sein sollten, vielleicht nach dem Eintreffen von Verstärkungen zu neuem Widerstand Kehrt gemacht.
Adolf Zimm ermann, Kriegsberichterstatter.
Die Liebe Michelangelos und der Viktoria Lolomra - eine Legende.
Der vielbehandelten Gestalt der Vittoria Eolonna hat ein schweizer Forscher, Professor Johann P. Wyß, ein neues, bei Huber & Co. in Frauenfeld erschienenes Buch gewidmet, das duvch die unerschrockene Kritik, mit der es der Ueberlieserung über die berühmte Frau zu Leibe geht, auf viele Seiten ihres Lebens und Schaffens neues Licht wirft. Dazu gehört auch die Frage der Beziehungen, die die hochsinnige und geistvolle Frau mit Michelangelo verbunden haben. Nach Wyß hat man in dieser vielgerühmten „Liebe zweier gottbegnadeter Künstler" nur eine Legende, zu erblicken. Ihre Bekanntschaft begann mit einem Atelicrbefuclfe, -den Vittoria dem Meister abstattetc. Wenn Wyß meint, daß der „Florentiner Bürgersmann mit aristokrattschen Ansprüchen sich .ungeheuer geschmeichelt gefühlt habe", als ihm die Fürstin Eolonna D'Ävalos diese außergewöhnliche Ehre erwies, so dürste er dew Charakter Michelangelos doch verkennen. Michelangelo ivar nicht wie er meint, ein „Bourgeois", sondern der erste Vertreter deS modernen Typs des von: Souveränitätsgcsühle des Genies ganz erfüllten Künstlers, der sich, in diesem Gefühle allen Großen der Welt als ebenbürtig empfand. Bittoria zog den Meister zu religiösen Besprechungen heran und versuchte in ihrem tiefen und ernsten re formal arischen Eifer seine religiösen Anschauungen umzugcstoltcn Wyß weist darauf bin, daß vvn der Bekanntschaft mit Bittoria . Eolonna an sich in Michelangelos Kunst der Inhalt ändert. An die stelle der Darstellung der Schrecken des kommenden Gerichts tritt das Symbol unh die Synthese des christlichen Glaubens) das Kreuz. Tie Spuren des religiösen Einflusses Vittorias sind auch m Michelangelos Gedichten deutlich. Bisher war sein Dogma gewesen, daß des Künstlers Werk in Ewigkeit bestehe. 2lder Vittoria 'ttvjstte an fern Gewissen: „So groß ist der Ruhm, den Eure Kunst Vwch verleiht, daß Ihr vielleicht nie aeglaübt hättet, auch er nmroe mit der Zeit oder aus einem anderen Grunde verblassen- w ?^rH^ kam jenes himmlische Licht, das Euch gezeigt
cr auch dauern mag. doch einen ?® b Aerdet- Es scheint, daß Michalangelo in dieser Eunlune Vittorias unterlag. Er bittet in seinen , btc - Frau, fte möge ihni helfen, sich von btn reinigen: er breitet feilte Seele vor ihr aus, er läßt und Glauben anleiten. Nun schkäßt er in Gedichten freilich noch eine andere Seite an: fte «ethalten eine gwße Anzahl von Huldigungen, die auf Licche zu deirt«r
schleinen und auch als solche gedeutet worden sind. Wyß will in 'diesen Madrigalen nicht mehr als Reimübungen sehen, wie sie die damalige literarisch^gesellschustliche Mode zu Ehren vornehmer und verehrter Frauen empfahl. In interessanter Weise stellt er fest, datz manche dieser Gedichte kunstgerechte Uebungen über Sonette Petrarcas, über Verse aus diesem Und aus Tante sind, und daß viele der Huldigungen, die Michelangelo Vittoria Eolonna darbrmgt, als literarische Klischees der Zeit zu beurteilen sind. Ncan muß frch vergegenwärtigen, daß die Liebe in der Gesellschaft des Eiliguee-ento ein anerkannter und beliebter Unterhaltimgs- und Litera tu rstosf war: man nahm sie in platonischem Sinne, man erörterte fie in gebildeten Kreisen, man übte sie unaufhörlich, 'das Viotrv in dichterische Form abzuwandeln. IN diesem Geiste hat aucti Vittorm selbst in ihrer ersten Schafsensperiode gedichtet — jetzt, durch schwere Erlebnisse und religiöse Erfahrungen tief um- geitjaubfU, sie diesen Geschmack ihrer Frühzeit längst ver
lassen. Als nun Michelangelo sich verpflichtet meinte, seiner Freundin in diesem Litevattirstile dichterisch zu huldigen, da konnte ihr das keineswegs willkommen sein. Sie hoffte vielniehr, Michelangelo würde diese Eitelkeiten bald ablegen. nrrd gab ihm in einem Briefe einen deutlichen Wink. „Ich habe Euerli Brief nicht früher beantwortet, weil er sozlrsagen eine Antwort auf meinen gewesen ist: ajiich dachte ich. daß, wenn wir beide, Ihr imd ich, mit dem Schreiben so fortfahren, wie es meine Pflicht und Eure Höflichkeit verlangen, so werde ich hier die Kapelle her heiligen Katharina versäumen müssen, olme mich zu den festgesetzten Stunden in Gesellschaft dieser frommen Schwestern einzufinden: und Ihr
mutztet die Kapelle des heiligen Paulus lassen, ohne Euch dory einzufinden und vom Morgen vor Tagesanbruch an den ganKen Tag über süßes Zwiegespräch mit Euren Malereien zu lfalten. . . . und so werden wir beide fehlen: ich gegen die Bräute, Ihr gegen den Stellvertreter Christi. Darum, im Bewußtsein Eurer ständigen Freundschaft und unserer ganz zuverlässigen, von christlichnn Liebesknvten umschlungener Zuneigung, dünkt es mich unnöttg, mit meinen Briefen das Zeugnis von Eueren aus-uwirken, vielniehr mit gesammelteni Gemüte eine substantielle Gelegenheit, Euch zu dienen, abzuwarten." Das heißt, wie Wyß betont: wenn Ihr nnr eine Freude machen wollt, so verwendet alle Eure Kraft aus hw Bekehrungsszene des Apostels Pmrlus in der paiiliniselMi Kapelle. Die weltliclx Eitelkeit Eurer Gedichte, die Ihr mir mit lruren Briefe« .zusendet, werchen mir fehte Freude und ich will «rii ihnen v»n dem steilen Yfade nach me in e m S«le«heile «Wenfen lassen. scheint diese Warnung v'/rftanden
- Ein Brief aus New Iforf,
aus dem einiges Interessante und Neue zu entnehmen ist, wird uns aus unserem Leserkreise Kur Verfügung gestellt, und wir wollen die in Frage kommenden Stellen hier wiedergeben. Qm Brief ist aus New Port voni 2. August 1916 datiert, jedoch erst am 17. Oktober hier in Gießen ausgetragen worden:
New York, 2. August 1916.
Morgen geht endlich wieder ein Diampfer, welcher deutsche Post mitnimmt, daher muß ich rakfy beeilen, daß diese Zeilen noch mitkommni. Ob sie in Dei«e Hände gelangen, rorrd Englano entscheiden, vor dem! ja weoer Geschiiftsbrief noch Privatbistef sicher sind.
Gestern ging die „Deutschland" «wieder ab: das ivar einü Ueberraschung, als dieses Wundersckfisf hier ankam. Tie „Bremen" wird nun auch erwartet! Der liebe Gott müge die beiden Schifte vor ben Klauen der Engländer beschützen, denn diese liegen hier, außerhalb der Dvei-Meilen-Grenze auf der Lauer, icmi sie abtzw» fangen!
In der Nacht von Samstag auf Sonntag (30. Juli) wurden wir um 2 Uhr höchst Unsanft aus dem Schlafe geweckt und zivar seurch zwei furchtbare Explosionen von KriegsmUnitio», welche nickt weit Vvn New York aufgespeichert lag, um! nach England verschickt zu werden. Wir dachten, ver jüngste Tag sei angebrochen, so fürchterlich war das Getöse; alles lief auf die Straße, Fensterscheibe ftelen und barsten, es war furchtbar.
Als wir endlich wußten, was eigentlich tos war, freuten wir uns riesig, „denn es war so gut wie eine gewonnene Schlacht für Deutschland". Ganze Warenhäuser mit Nahrungsmitteln verbrannten! Dreißigtairsend Tonnen Zucker bremren jetzt noch! Altes für England Und deren Verbündete bestimmt! Es wird eine Genugtuung für Deutschland sein, w-enn es dort bekannt roird.
Eine eigenarttge Erscheinung bietet das nahe Herankommen von Unsummen von Haifischen ans Ufer, was früher nie der Fall war. Viele Menschen sind schon beim Baden überrascht, getötet oder verstümmelt worden. Tie Badeplätze am Meer sind verödet. Niemand kann sich dieses nahe Herankommen der Tiere in solchen Mengen erklären.
Nicht wahr, es steht in Deutschland noch gut mit Lebensmitteln!? Man möchte uns hier gerne glauben machen, daß Deutschund sich der Bitte der hohen Frau gefügt zu haben. Nach 1542 versiegt des Meifters dichterische Ader, was die Verherrlichnng! Bittoria -Colonnas anlangt, bis kurz vor ihrem Tode. Da hat er noch einige Gedichte über sie an Freurche gesandt, darunter eines das kurz vor Vittorias Hingang, zur Zeit, als sie bereits krank darnieder lag, entstanden ist. Llber wir wissen jetzt, daß er in den letzten Stunden Vittorias nicht bei ihr weilte. Tie Beziehungen der beiden seltenen Geister saßt Wyß mit einer Eit schieden hoch die freilich auch den Widerspruch her aus fordert, in den Worteni zusammen: „Vittoria Eolonna wollte aus Michelangelo einen wahrhaften Christeii machen und seine Kunst in den Dienst der religiösen Erneuerung stellen. Des Künstlers übergroße Eitelkeit verhinderte das erste; die Inquisition zerstörte Vittorias Pl-äno Taher brauchte sie den Meister nicht mchr und zog sich nach 1542 von ihm zurück."
™ rkT die Schicksale des Platins. Anläßlich der
Goldsammlung ist es nur billig, sich des,en zu erinnern, daß cs beute bereits em Metall gwt, das noch wertvoller ist, als das Gold uhw es an Sckfatzungsioert wohl immer mehr übertresfen wird nämlich tms Platm. Tie Geschichte dieses Metalls, vori dem im Verhältnis zum Gold ziemlich wenig gesprochen wird, ist sehr launenhaft und sonderbar. . Noch vor zwn Jahrzehnten j^rbe das beute )o begehrte Plattn in den südamerikamwnen Staaten nicht Pur wmiig geschätzt, sondern sogar von der spanischen Regierung getan. Damals benützten- nämlich viele Leiite f -^tiN' das noch knne allgemeine Wertung erlangt hatte, um b schrieb die Regierung, um diesen Gvldfabriken ein Ende zu machen, vor, daß alles Platin, dav gefunden württz:, sofort m den nächsten Fluß zu wwrfm sei Heute wäre wohl em umgekehrtes Verfahren — nämlich die Hm- Ü!? U S? . dlattns aus Gold — .einträglicher, denn was
vor 20 Jahren m die südamerikanischen Flüsse geworfen wurde wird gegenwärtig fast nnt fünffachem Goldgewicht ausgewogen. In Rußland kostete das Plattn im Jahre J8-30 noch sehr wenig- em Kilo des gereinigten Metalls war bereits für 1000 Frs. im ^^Ä^^^daben, 1897 und 1898 stieg es aber bereits auf 2000 und 3000 Frs.. um endlich den Goldkurs zu übersteigen. 1912 hatte dieser Preis sich in New Dorf sckwn wieder verdoppelt und manchmal verdreifacht- Während des Krieges ist das Plattn wieder um das Doppelte gesttegen. Es ist also falsch, in Sprichwörtern und vergleichenden .ftebetowtmwn zu sagen, etwas sei kostbar wie Gold, wenn m«m damit den Begriff des höchsten Wertes au^drücken will.


