Ausgabe 
12.10.1916 Zweites Blatt
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Kreise rn Opposition gegen den Reichskanzler stehen. Gründe der innreren Politik und der Neuorientierung v o l l st ä n b i ß auöscheiden. (Sehr richtig l bei den Null.) Es war richtig, daß der Reichskanzler bei der Neuorientierung auf die gewaltigen unzerstörbaren Fundamente hinwies, auf denen unser Haus aufgebaut ist.

Man darf die Neuorientierung nicht in dem Sinne auffassen, daß alles Alte einzureißen und nach neuen Prinzipien aufzu­bauen wäre. Daß sich vor dem Kriege die bürgerlichen Parteien in den großen Fragen der Wehrmacht geeinigt und mit diesen imposanten Mehrheiten die letzten Militärvorlagen bewilligt haben, daß wir bei der Kostendeckung auch die Unterstützung der Sozialdemokratie fanden, ist gewiß eine durchaus erfreu­liche Entwicklung gewesen, die unsere Erfolge im .Welt­krieg mit vorbereiten half, das ist der vielgeschmähte Militaris­mus, den unsere Feinde zerschlagen wollen: es war die Erkennt­nis unseres Volkes, daß wir einer Weltkatastrophe entgegentreiben und gegen diese Deutschland rüsten müssen. (Sehr richtig!) Aber auch wirtschaftlich haben wir die Fundamente gebaut, auf denen wir den Krieg gewinnen: die Schutzzollpolitik, die unsere Landwirtschaft zu diesen Leistungen befähigte, die uns allein er­möglicht haben, mit der Ernährung durchzukommen und den Krieg zu führen. (Sehr richtig!)

Unter richtigem Schutz bat sich unsere Industrie glän­zend entwickelt, so daß sie den Stürmen des Krieges gewachsen war und die Umstellung mit Genialität und Energie bewirken konnte, die uns allein ermöglicht, in der Munitionserzeugung der ganzen Welt die Stange zu halten. Gerade die Unabhängig­keit der kühnen deutschen Privatindustrie, die nur eingeengt war durch die abscklut notwendigen Schranken der deutschen Sozial­politik, hat diesen Aufschwung ermöglicht. Die Einigkeit, mit der wir in den Krieg gezogen sind, war die Folge der vom Fürsten Bismarck begonnenen Sozialpolitik, die zuerst bekämpft wurde und dann nach und nach Gemeingut aller politischen Parteien ge­worden ist. Ihre energischen Wirkungen haben mit dazu bei- gctragen, daß die Liebe zum Vaterlande und der Drang, mit dabei zu sein und das Beste herzugeben fürs Vaterland, rn der deutschen Arbeiterschaft erblüht sind. An der Sozial­politik werden wir auch nach dem Kriege festhalten und hier weiterbauen, was so verständnisvoll und erfolgreich begonnen wurde.

Der Handel hat während des Krieges viele Einschränkun­gen und zum Teil eine völlige Ausschaltung erfahren. In formalen Zeiten aber kann der freie Handel weitaus am besten den Bedürf­nissen der Verbraucher gerecht werden. Wir müssen ihn daher nach Beendigung des Krieges wieder in seine früheren Rechte einsetzen. In der Frage der Neuorientierung ist die nationalliberale Fraktion mit unseren Freunden im Lande durchaus einig. Das geht auch aus unseren Anträgen hervor. Die Neuorientierung er­fordert nicht bloß Reformen im Reiche, sondern auch in den Bun­desstaaten, vor allem in dem grüßten Bundesstaate, wobei wir es unseren Freunden dort überlassen, wie sie Vorgehen wollen. Ich erinnere nur an die Rede Friedbergs bei seinem Parlamentsjubi­läum. Der Reichskanzler hat die Grenzen der Neuorientierung nicht näher umschrieben, aber seine ForderungFreie Bahn für alle Tüchtigen" haben wir im Reichstage Jahr für Jahr erhoben. In einer Zeit, wo wir die Besten bluten sehen, wo wir so unend­liche Verluste an deutscher Jugend und Manneskraft erleiden, ist diese Forderung doppelt wichtig, wenn wir die Schäden wieder aus­bessern wollen, die der Krieg herbcügeführt hat. Hier müssen wir alle Schichten des deutschen Volkes heranziehen, alle buveaukrati- schen und konfessionellen Schranken müssen fallen.

Vorurteilslos müssen wft den Arbeiter, auch die Sozialdemokratie berücksichtigen. Möge es unserer Negie­rung nicht an Kraft fehlen, den Widerständen zu begegnen, die zweifellos eintreten. (Beifall.) Dkrnche Wünsche aus dem Lande konnten wir allerdings nicht berücksichtigen aus Gründen, die zwin­gender und wichtiger als die innere Politik sind. Je länger der Krieg dauert, um so notwendiger ist die Einigkeit und Geschlossen­heit unseres Volles. Sie besteht, das zeigt das glänzende Er­gebnis der letzten Kriegsanleihe. Die silbernen Kugeln rollen in Deutschland. Der Erfolg ist um 'so größer, als man durch mancher­lei Gerüchte, auch durch Auklandsemissäre, versucht hat, die Stim­mung im Lande zu trüben. Mt Recht können wir auf das ^länzendeErgebnisderdeutschenFinanzpolitik in diesem Kriege Hinweisen. Einigkeit und Geschlossenheit unseres Volkes fürwahr, dieser Gedanke, den jeder Patriot im Herzen trägt, ist er nicht berechtigt, wenn wir an unser siegreiches Heer denken, an unsere stahlharten Helden, die jeden Fuß­breit Landes gegen feindliche Uebermacht mit Trommelfeuer ver­teidigen, die im Sturm ihr kostbares Leben einsetzen. wenn wir denken an unsere siegreiche Flotte, und schließlich, daß unsere oberste Kriegsleitung in den Händen eines Hindenburg liegt. Das sind Faktoren, die uns zuversichtlich und siegesbewußt der Zukunft ins Auge sehen lassen. (Lebh. Beifall.)

Abg. Naumann (Freist Dp.): Mt Freuden haben wir alle

von dem gemeinsamen Vorgehen der deutschen und der öster­reichischen Truppen in Siebenbürgen gehört. Es erfüllt uns mit besonderer Genugtuung, daß die deutschen Städte Hermannstadt und Kronstadt unter der Führung Falkenhayns von Soldaten aus der alten deutschen Heimat befteit worden sind. Oft klagte man früher in Oesterreich, die Heimat kümmere sich zu wenig um die Deutschen dort. Jetzt greift die Hilfe der Heimat bis nach Sieben­bürgen hinüber. Wer nicht wir allein als Reichsdeutsche, öster­reichische Deutsche und ungarische Deutsche kämpfen zusammen, wir müssen auch der anderen Bundesgenossen gedenken, mit denen wir jetzt gemeinsam den langen, zähen und großen Widerstands­kampf gegen die Umkreisung durchkämpfen Mit Bewunderung schauen wir, wie die Türken unter osmanischer Führung, nachdem so viele Jahrzehnte die Großmächte in Konstantinovel beieinander saßen, als hätten sie bereits über einen Todkranken untereinander zu beschließen, auf fünf, sechs oder sieben Kriegs­schauplätzen in Asien, an der afrikanischen Grenze, bei Saloniki und in Galizien ihren Mann stehen, mit der militäri­schen Zähigkeit und Treue, die schon seit Jahr­hunderten ihre Auszeichnung gewesen ist. (Bei­fall.) Wir schauen, wie die Bulgaren, nachdem sie schon zwei Kriege hinter sich haben und einen Teil ihres Volkes in früheren notwendigen Kämpfen schon verloren haben, nun mit einer abso­luten Energie» in Nord und Süd in diesen Kampf erfolgreich ein- getreten strck. Wir fteuen uns ihrer Erfolge, als ob es die un- srigen wären. (Beifall.)

Wir haben alle Ursache, anzuerkennen, daß im Anfang de* Krieges die österreichische und ungarische Waffenmacht den aller­größten und gewaltigsten Anstürmen der russischen Menge in Süd­polen und an der galizischen Grenze auszuhalten hatte. Wer etwa da und dort glaubt.' zu einem Worte der Kritik berechtigt zu sein, vergißt viel zu sehr, welche erste große Belastung im Kriege gerade die österreichischen und ungarischen Truppen in einer Zeit aus sich genommen haben, wo der russische Koloß noch ungebrochen in seiner ganze« Gewalt entgegengerollt ist. Und wie wir unserer Helden von der Somme gedenken, so auch der Helden an der Jsonzofront, die nach d»>r siebenten Schlacht nicht ermattet sind und jetzt in die achte hineingehen. Wir freuen uns über den weisen Entschluß des Kaisers Franz Joseph, in Harmonie mit dem Deutschen Kaiser den Oberbefehl an der Ost grenze zu vereinheitlichen. Wir haben dort bereits Formen der gemeinschaftlichen Entwicklung, Lebensformen für das Zusammen- arbeiten im Kriege, bei denen wir uns als Brüder und Kriegs­genossen fühlen. Die Lebensgemeinschaft der mittel- europäischen Waffenbrüder und Kampfgenossen ist heute noch nicht Gegenstand parlamentarischer Erörterungen, aber protestieren müssen wir schon heute gegen die Auffassung auf der Pariser Wirtschaftskonferenz, als ob schon der engere Wirt- schaftliche Zusammenschluß von Deutschland und Oesterreich-Ungarn einen Angriff auf die freie Entwicklung des Welthandels nach dem Kriege böte.

Wir wollen uns nicht nach dem Kriege gegen die Außenwelt gbschließe«. Wer so wie die Gemeinschaft der mitteleuropäischen

Nationen als großer Käufer und Verkäufer auf dem Weltmarkt auftreten muß, der muß auch versuchen, so bald wie möglich wieder in die Weltwirtschaft unter geordneten Bedingungen ein- zutreten. Wir wollen weder auf wirtschaftlichem noch auf kul­turellem Gebiet ewige Scheidewände aufrichten. Nach dem Kriege muß wieder eine Zeit des gemeinsamen Lebens der Nationen kom­men. Es ist notwendig, daß die kommende Gemeinschaft zwischen Deutschland und seinen näheren Bundesgenossen vor einem späteren allgemeinen Friedensschluß vorbereitend geregelt wird. Dazu zwingt uns schon die Erinnerung an den Wiener Kongreß. Heute beschäftigt uns aber nur die gemeinschaftliche Gesinnung, wie sie in den verschiedenen Begrüßungen zum Ausdruck gekom­men ist. Die deutschen Abgeordneten sind in der Türkei mit herz­licher Wärme empfangen worden und haben uns berichtet von dem, was sie dort an Eifer und Treue, an Hingebung und Freundschaft gefunden haben. Eine Anzahl von uns war in Bul­garien. Wir können nicht genug rühmen, welches Entgegenkom­men wir beim Zaren und seiner Regierung wie insbesondere bei der gesamten bulgarischen Bevölkerung gefun-den haben. In Budapest hat sich das alte Gefühl der Zusammengehörigkeit wieder befestigt. Wir erfuhren, wie notwendig es ist, das diejenigen, die miteinander in die gleiche geschichtliche Gefahr und Zukunft hin­eingehen, sich auch untereinander noch mehr und noch besser kennenlernen müssen als bisher.

Vor dem Kriege ist unser Blick einseitig nach dem Westen gerichtet gewesen. Wir haben für das stolze Eigengefühl, zu dem die Ungarn berechtigt sind, und für die Ziele aller aufstreben, den Nationen und Völker bisher zu wenig Aufmerksamkeit ge­habt. Auch die Westslawen begegnen bei uns leider vielfach noch nicht dem notwendigen Verständnis. Die Polen gehören im Gegensatz zu den Russen zur westlichen Kulturgcmeinschaft, das zeigt schon ihre Religion. Wir müssen den kleinen Völkern gegen­über das zu sein uns bestreben, was England bisher angeblich sein wollte, jetzt, seit der Behandlung Griechenlands, wird es das allerdings nicht mehr behaupten können. England sammelt die Völkerwclt gegen Deutschland und seine Bundesgenossen. _ Es hat die lateinische Rasse außer Spanien an sich gezogen, es drängt Griechenland mit Härte in denselben Zusammenhang, es verengt den Lebensspiclraüm der Skandinavier, es sucht überseeische Länder in seinen Herrschaftsverband hineinzuziehen und will da. durch den Zusammenschluß der kultivierten Menschheit herbeiführen, von dem nur wir ausgeschlossen sein sollen. Wir erkennen an, was in England, insbesondere auch von kirchlicher Seide, für deutsche Verwundete und Internierte geschieht, sei es von dem Bischof von Winchester oder dem Erzbischof von Canterburh. Wir erkennen das ebenso an, wie man in England es tatsächlich ab­erkennt, was in Deutschland auf diesem Gebiete geschieht. In England steigt ein Feindschaftsgefühl in die Höhe, das sich zu solchen Behauptungen versteigt, wie sie Lloyd George als Mil es gloriosus gegenüber einem amerikanischen Bericht- erftatder ausgesprochen hat.

Lloyd George hat sich dahin ausgesprochen, daß die Deutschen dieses unsägliche Elend über die Welt gebracht haben. Er will daher, daß dieses Verbrechen gegen die Menschheit durch eine schwere Strafe gesühnt wird. Nicht um Lloyd George zu be- kehren, beschäftigen wir uns mit seinen Worten, sondern um vor der übrigen Menschheit und vor unserem eigenen guten Ge- wissen ein Zeugnis der Wahrheit abzulegen. Wie steht es denn mit dem deutschen Militarismus? England hat leicht reden, denn es ist eine ffolierte Insel, Deutschland aber war seine Ge- schichte beweist das von jeher feindlichen Angriffen ausgesetzt. Solange Deutschland kein eigenes Militär hatte, konnte jeder mit ihm machen, was er wollte. Einsichtige Engländer haben auch immer aberkannt, daß Deutschland ohne eine bedeutende Rüstung nicht existieren kanm Deutschland liegt im Herzen von Europa, es hat Frankreich auf der einen und Rußland auf der anderen Seite. Angenommen, wir hätten in England eine ähnliche Koalition, würden wir nicht rüsten? Natürlich würden wir rüsten. So sprach sich 1908 derselbe Lloyd George aus, der sich beute in so weltäuffälliger Weise darüber aufregt, daß der deutsche Militarismus der Urgrund des ganzen gegenwärtigen Entsetzens sei. (Hört! Hört!)

Was die andere Behauptung anlangt, daß die deutsche Re­gierung im Juli 1914 den englischen Friedensvorschlag abgelehnt und damit die Menschheit in das unendliche Unglück gestürzt hat, so spricht der Gang der Ereignisse von damals, den niemand ab­streiten kann, eine ganz andere Sprache. Es wird übersehen, daß Deutschland und die ihm verbündete österreichisch-ungarische Doppelmonarchie nicht einen Frieden um jeden Preis, sondern nur einen Frieden in Ehren annehmen könnten. Da der Mord von Serajewo eine Ehrenkränkung im aller strengsten Sinn des Wortes war, so konnte Oesterreich-Ungarn es nicht von der Lage anderer Großmächte abhängig sein lassen, ob und in welcher Art ihm Genugtuung zuteil wurde. Auch das ist von einsichtigen Engländerin wiederholt anerkannt worden. Mit Recht haben sie hervorgehoben, was in England geschehen würde, wenn der eng­lische Thronfolger an der afghanisch-indischen Grenze ermordet worden wäre. Der englische Pazifist Norman beantwortete diese Frage wie folgt: Würde sin diesem Fall England etwa einem

russischen Vorschläge zugestimmt haben, diesen Zwischenfall einer internationalen Konferenz zu unterbreiten? Wir meinen, daß England in einem solchen Fall, ebensowenig wie Oesterreich, auf eine Strafexpedition verzichtet hätte, und wissen nur nicht, ob England von vornherein, so wie Oesterreich, von einem Land­erwerb dabei abgesehen hätte. (Sehr gut!)

Wenn also Deutschland seinen Bundesgenossen in einer töd­lichen Ehrenkränkung nicht allein lassen wollte, so durfte es den englischen Vorschlag vom 26. Juli 1914 nicht annehmen. Es gab nach Ansicht des englischen auswärtigen Amtes einen besseren Weg zum Frieden, nämlich die Einleitung eines direkten russisch-öster­reichischen Meinungsaustausches. Deutschland ist bis an die Grenze des Möglichen gegangen, auf diesem Wege den Krieg zu vermeiden. Dieser Weg wäre nach menschlicher Wahrscheinlichkeit auch aussichtsreich gewesen, wenn England in Petersburg dieselbe Rolle gespielt hätte wie Deutschland in Wien. (Hört, hört!) Aber, als gerade alles in guter Entwicklung war, erfolgte der ver­hängnisvolle Schritt der russischen Mobilmachung. Diesen ver­hängnisvollen Schritt konnte England verhindern, wenn es recht­zeitig das Wort Neutralität für diesen Fall ausgesprochen hätte. Wie sehr England die Gefährlichkeit einer vorzeitigen russischen Mobilmachung erkannte, ersieht man daraus, daß am 26. Juli der englische Botschafter Buchanan den russischen Minister Ssasonow davor warnte, durch eine Mobilisierung die deutsche Kriegserklärung hervorzurufen. Zur Vermeidung der russischen Mobilisierung und damit des Weltkrieges würde genügt haben, wenn der englische Minister des Auswärtigen dieselben Worte nach Petersburg hin gesprochen hätte, wie der deutsche Reichskanzler am 20. Juli in Wien sagen ließ: Wir weigern uns, in einen Weltbrand hincin- gerissen zu werden dadurch, daß unsere Verbündeten unseren Rat mißachten. England hat dieses rettende Wort nicht gesprochen, sondern im Gegenteil der russischen Negierung die Gewißheit ge­geben, daß ihr unter allen Umständen englische Hilfe zur Ver­fügung steht. (Hört, hört!) Nur auf englischem Hintergründe konnte Rußland zur Mobilmachung schreiten. Also die deutsche Regierung kann in dieser Sache ein gutes Gewissen haben.

Das deutsche Volk ist ein friedliches Volk gewesen und ist es noch heute mitten im Kriege. (Sehr richtig! links.) Es ist falsch, wenn mau glaubt, es sei em Zeichen von Schwäche, seinen fried­fertigen Charakter zu betonen. Ein Zeichen von Schwäche würde es sein, zur Unzeit und unnötigerweise demütig um einen Frieden u bitten. Aber es ist kein Zeichen von Schwäche, darüber zu reden, alle kämpfenden Völker Europas nur ein Gefühl haben, das Gefühl der Sehnsucht nach der Wicderkehr geord- neter Verhältnisse. (Sehr richtig!) So oft unsere Trup­pen draußen das Lied von der Heimat singen, in der cs ein Wieder, sehen gibt, so sehr wünschen sie den Augenblick herbei, wo sie wie­der zu Frau und Kind, zu Haus und Hof zurückkchren können. Also wir können ruhig bekennen, daß wir ein Volk friedlicher Gesinnung waren und es in der Tiefe der deutschen Seele noch heute so gut

f nd wie ft. (Lebhafte Zustimmung.) Aber weil man uns den rieden nicht gönnt, bleiben wir tapfer, so lange es notwendig ist. und m dieser Tapferkeit find wir einig. So sehr es bei uns zv Hause bisweilen auch erscheinen mag, als hätten wir unüberwind­liche Gegensätze und könnten uns überhaupt nicht mehr verstehen, so sind doch alle Berichte der wirklichen Kämpfe darüber einig, dah dies Gespräche der Zuhausegebliebenen sind und daß der Wille, das Vaterland zu erhalten und zu verteidigen, heute noch genau so vorhanden ist wie am 4. August 1934, wo noch keine Mensch - seele ahnte, zu welch technischen.Greue-n der Krieg dieser modernen Zeit fortschreiten kann.

Inmitten dieser Kriegstechnik so als ein geschlossenes Voll durchzuhalten, das ist etwas Großes und Bewundernswerte- lVM- fall). Daß wir heute mitten in Europa noch so dastehen, daß die Fläche Mitteleuropas frei und friedlich ist, während der Kamps an den Grenzen und in den Ländern der Feinde tobt, das ist eine Leistung, die allem herumschleichenden Pessimismus gegenüber in ihrer ganzen weltgeschichtlichen Größe ausgesprochen werden muß. In der Vergangenheit wurden die Kriege auf deutschem Boden geführt, heute geht ganz Mitteleuropa von Helgoland brs Konsian- tinopel friedlich seiner Arbeit nach, während der Krieg jenseits der Grenzen tobt. Das dies möglich geworden ist, und wir nicht der Kampfplatz geworden sind, wie es früher bis zur Schlacht bei Leipzig der Fall war, ist eine Tatsache, der gegenüber alle soge­nannten RichtungSbildungen und Streitic^eiten über Kriegsfiib- rung kleinlich erscheinen (Sehr richtig! links.) Der Krieg felber ist unendlich viel größer als die Fragen, über die im einzelnen ge­stritten wird. Man soll bei diesen Dingen doch nicht glauben, daß es jemals möglich sein könnte, komplizierte Fragen der Heeres­oder Marincführung, verbunden mit wirtschaftlichen und politischen Gesichtspunkten von äußerster Schwere und Verwickeltheit, zum Verständnis jedes einfachen Mannes zu bringen. (Sehr wahr!)

Wir reden so viel von unserer Verantwortung als Abgeordnete. Aber jeder einzelne von uns ist doch ftoh, tvenn er persönlich eine Verantwortung in diesen Dingen hat. Wie sollen nun Leute, die die Möglichkeit der Orientierung noch weniger haben, ein fertiges Urteil gewinnen können? (Sehr richtig!) Es ist eine falsche Be­einflussung des Volkes, wenn man ihm beibringt, es könnte Dinge entscheiden, zu deren wirklicher Entscheidung die Voraussetzungen notwendig fehlen müssen. (Lebhafte Zustimmung links.) Mn ge­wisses Maß von Vertrauen ist in der Kriegführung notwendig. Das war immer so und wird immer so bleiben. Auch bei der republikanischsten und demokratischsten Verfassung müssen die Völker in solchen schwierigen Tagen von einigen Trägern geführt werden. Dieses Vertrauen ist einer der Materialbestande, und zwar einer der wichtigsten der Kriegführung überhaupt. (Sehr richtig! links.) Theoretisch kann man sich vielleicht den Fall denken, daß eine Führung so ungenügend ist, daß sie er- ledigt ist. Aber dieser Fall ist nicht unser Fall- Wir haben in zwei Jahren gegenüber übermächtigen An­griffen standgehalten und halten noch heute stand auf der ganzen Linie. Das beweist allein schon, daß wir unser Vertrauen nicht vergeblich verschenkt haben. (Beifall.) Das soll natürlich nickt bedeuten, daß jede einzelne Handlung durchaus die Billigung dieser oder jener Gruppe zu haben braucht. .Das bedeutet auch nicht die Zustimmung zur Auswahl jeder einzelnen Person in staatlichen Aemtern, keineswegs eine Billigung jedes Tagewerkes der Politik. Das Volk im Ganzen fragt sich, ob es eine ehrkian, sachliche und tapfere Leitung hat. Wenn es denLEindruck gewinnt, daß diese vorhanden ist, dann geben die Leute sichrer Pflicht nach. Man soll sie aber nicht irre machen in diesem Vertrauen, weil dieses Vertrauen absolut notwendig ist für den gemeinsamen Kampf. (Lebhafter Beifall.) Wir brauchen eine Regierung, die den Krieg wie eine Schicksalspflicht führt, die ihr von einer höheren Macht aufgez-wungen worden ist, nicht wie eine Willkür der Volker, die den Zeitpunkt abwarten, wann sie in 'den Krieg eintreten wollen. Wer glaubt, der Krieg könne wie ein Schach­spiel gespielt werden, dem kann es so gehen, wie es hoffentlich den Rumänen auch weiter gehen wird. (Lebhafter Beifall.)

Die Negierung, die das deutsche Volk, ganz abgesehen von allen religiösen Schattierungen, braucht, ist eine Negierung, die daran glaubt, daß die Welt selbst mit uns in gewissem Sinne noch etwas vorhat in der Weltgeschichte. Mit den Idealen, die uns Kant, Fichte. Schleiermacher und unsere großen Philosophen gegeben haben, kann Deuffchland auch in solchen schweren Zeiten durchhalten. Das deutsche Volk wünscht sich eine Regierung, die über den Krieg hinausgeht, weil wir auch nach dem Kriege wieder Volk unter Völkern sein müssen. Das deutsche Volk will einen Frieden in Ehren, der seine politische und wirtschaftliche Existenz sichert. DaS Vertrauen des Volkes gilt nicht einer einzelnen an der Spitze stehenden Person, es gilt der Gemeinschaft, die, auf Stufen geordnet, im Pflichtbewusstsein in diesen zwei. Jahren zusammengestanden hat und weiter zusammenstehen wird bis zum Ende dieser Prüfung. (Beifall.) Dieses Vertrauen auszusprechen, haben wir ein Recht, denn das ist nicht mehr eine technische Frage sondern eine innere Frage des Volkes in seiner Stellung zu dem Kampfe, der sein schwerstes und größtes Erlebnis ist. (Lebhafter Beifall.) Man hat gesagt, daß die Stellungnahme zu den un- vermeidlichen Auseinandersetzungen vielfach davon abhängi. welche Hoffnungen, Erwartungen oder Befürchtungen der einzelne in der inneren Politik hat. Ich glaube nicht, daß das in so 'großem Umfange der Fall ist, wie es vielfach ausgesprochen wird.

In der außerordentlich warmen und ergreifenden Darstel­lung, die der Abg. Scheidemann von der Notwendigkeit und Dringlichkeit einer politischen Neuorientierung gegeben hat, ist der einzige Punkt, in dem ich nicht mit ihm übcreinstimme. der Ge­dankengang, als ob unsere Auseinandersetzungen hierüber wcfent- lich nur eine Fortsetzung der alten Kämpfe um das Herrschaft?- Prinzip im Innern wären. Es spielt da vielmehr bestimmend mit, daß in einer Zeit, die voll ist von Problemen der auswärtigen Politik, sich nun auch die Formeln der auswärtigen Politik in den Auseinandersetzungen zwischen öen Parteien und mit der Regie­rung eir^ustellen anfangen. Wir lehnen es jedenfalls ab, daß unser Vertrauen zur Regierung sich darauf grünbet. daß sie eine Neuorientierung versprochen hat. Wir wollen dasselbe von^ der Gegenseite annehmen und nicht glauben, daß sie ihre politischen Entschlüsse aus innerpvlitischcn Erwägungen heraus saßt. Was später einmal wird, wenn der Krieg zu Ende ist, dazu sind wir beiderseits noch Manns genug, um oas miteinander abzumachen. (Sehr richtig und Zustimmung.) Zunächst haben wir alle mitein­ander nur das eine ungeheure Bedürfnis, siegreich und erfolg­reich aus diesem Kriege hervorzugehen. (Lebhafter Beifall.)

Was nützen uns alle Reformen, wenm wir mit einer Niederlage belastet, geschlagen durch die künftige Weltgeschichte gehen müssen. Dann sind alle Reformen nutzlos cm ein ungeeignetes Objekt de endet. Nach dem Kriege kommt eine Neuorientierung von selbst, nicht so sehr awf Grund gegebener Versprechungen (Sehr richtig!). Die Versprechungen, die die Regierung in dieser Beziehung gegeben hat, sind außerordentlich lufftartig (Heiterkeit). Will man feststellen, was vom Reichskanzler, von Dr. Delbrück oder dem jetzigen Staatssekretär Dr. Helfserich uns versprochen worden ist, dann greift man und greift man und kann eS antragsmäßig doch nicht ausdrücken (Sehr richtig!) Wir verstehen, daß das so ist. Man will dem Volke sagen, daß eS nach dem Kriege anders koni- men wird, aber man will während deS Krieges nicht den Streit um Paragraphen Hervorrufen. Vielleicht ist das sogar sehr klug. Aber es gehört vielleicht in jene Klugheit hinein, die letzten EndeS gar zu schlau ist, in jene Klugheit, bei der die Masse nur das Ver­sprechen hört und sagt, daß Versprechungen allein keine Bedeutung haben (Sehr richtig! links). .

Nehmen wir aber wirklich einmal an, es kommt einmal so, wie man es, biblisch ausgedrückt, mit den Worten bezeichnen kann, baß Pharao nichts mehr wußte von Joseph und seinen Brüdern. (Stürmische Heiterkeit, in die auch der Reichskanzler einstimmt.) Was würde bann? Daß nach diesem Kriege, wenn die Millionen nach Hanfe kommen. alles genau jo. bleiben wird, wie es vorher war, daS glaulie, wer das glarcken kann.

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