Schuld trägt, da ß die Berge der Toten sich täglich türmen. (Lebhafte Zustimmung.) Herr Briand äußerte m einer seiner jüngsten Reden, Frankreich kämpfe für einen festen und dauernden Frieden, in dem durch internationale Abmachungen die Freiheit der Nationen gegen jeden Angriff geschützt werde. Das wollen auch wir. Wir wollen Deutschland für alle Zeiten und gegen jeden Angriff schützen. (Lebhafter Beifall.) Glaubt Herr Briand, daß die Gedanken, die unsere Gegner vor dem Kriege zusammen führten, französische Revanchepolitik, rusfi- sche Eroberungspolitik, englischer EinkreisungS- mit Weltbeherrschungsdrang, daß die Haßgedanken und der Vernichtungswille, die Bvykottierungstendenzen, die ihre Politik nicht nur jetzt im Kriege, sondern weit über den Krieg hinaus bestimmen, den Boden für internationale Abmachungen bereitet, daß sie allein die Würde der Nationen im Dienste der Sittlichkeit verbürgen, oder meint Herr Briand ernstlich sein hohes und ideales Ziel durch einen Vernichtungskrieg erreichen zu können, in welchem die jetzige Jugend Frankreichs auf den verwüsteten Schlachtfeldern an der Somme dahin stirbt? Meine Herren, letzthin 'st wieder die Mär aufgewärmt worden. Seine Majestät der Kaiser habe durch seinen Einfluß beim Zaren die Entwicklung Rußlands im freiheitlichen Sinne ge- hindert. Diese Behauptung — ich will das öffentlich feststellen — ist unwahr. Sie ist
das strikte Gegenteil der Wahrheit!
(Hört, hört!) Fm übrigen aber, meine Herren, in die inneren Zustände der anderen Länder mischen wir uns nicht ein. Wie Rußland seine inneren Verhältnisse regeln Null, ob autokratisch oder konstitutionell, das ist Rußlands Sache. Ich verliere kein Wort darüber. Ach vertrete nur deutsche Interessen; nur die Achtung vor dem deutsihen Recht, vor den deutschen Interessen 'st das, was wir rm Frieden von den ärgeren Mächten verlangen, sie mögen unter diesem oder jenem Regime leben. Don Eng- l a n d: Das sich England von der erhofften Beute behalten, was es sich von den Kolonien züeigNen will, hat eß bisher nicht gesagt. Aber mehr als daS: wäS die Briten aus Deutschland machen wollen, darüber laste« sie keinen Zweifel. Militärisch wehrlos, wirtschaftlich zerschmettert und bohkottiert von aller Welt, verurteilt zu dauerndem Siechtum. so sieht das Deutschland aus, das Englarü) sich zu Füßen legen will. Wenn dann keine deutsche Konkurrenz mehr zu fürchten ist, wenn Frankreich sich verblutet hat, wenn alle KrietzSverbündeten wirtschaftlich und finanziell England Frohndienfte leisten, die europäischen Neutralen jedem englischen Geheiß, jeder schwarzen Liste parieren muffen, dann soll auch ein ohnmächtiges Deutschland den Traum einer englischen Weltherrschaft nicht mehr stören. Für dieses Ziel kämpft England mit einem in seiner Geschichte unerhörten Kräfteeinsatz, mit Mitteln, die einen Bruch deS Völkerrechts an den andern reiheu. Darum ist England der s elbsüchtig st e, hartnäckigste, erbittertste Feind. Ein Staatsmann, der sich scheute, gegen diesen Feind jedes taugliche, den Krieg wirklich abkürzende Mittel zu gebrauchen,
dieser Staatsmann verdiente gehängt z« werden.
(Lebhafter, anhaltender Beifall und Händeklatschen.) Ich sehe, daß Sie aus meinen Worten den Grad von Unwillen oder von Verachtung erkennen mögen, den mir die immer wieder verbreitete Behauptung erweckt, als ob aus einer unbegreiflichen Schonung, aus veralteter Berftändigungsneigung, oder gar aus dunklen Gerüchten, die das Licht des Tages scheuen, gegen jeden Feind nicht jedes irgendwie gebrauchsfähige Mittel ongewendet würde. AuS Rücksicht auf das auf jeden unserer Ausdrücke lauernde Ausland gehe ich nicht darauf ein. Die Zeit ist zu ernst dazu. Als wir im August 1914 gezwungen wurden, das Schwert zu ziehen, da wußten wir alle, daß wir gegen eine mächtige, ja fast übermächtige Koali- t' o n Haus und Hof zu verteidigen hätten. Eine brennende, bisher unbekannte, oft verschwiegene Liebe zum Vaterlande loderte in allen Herzen auf, kampfeSmutig und siegesbewußt. Heute nach zwei Jahren des Kampfes un- Ringens, des Duldens und Ster
bens wissen wir genauer als je zuvor, daß es für uns nur eine Parole gibt: Durchhalten und Siegen! Und
wir werden siegen. (Lebhaftes Bravo!) Wenn sich rm vorigen Winter die Sor^, zu regen begann, ob unsere Lebensmittel reichen würden, — sie haben gereicht. Heute stellt uns eine neue, g-ute Ernte alles viel sicherer als im vorigen Jahr. Ich weih, reichlich ist es trotzdem nicht. Ich kenne die Schvächen und Mängel der Organisation. Ich hoffe, daß rm Laufe der Beratungen die Herren uns mit Besserungsvorschlägen helfen können. Ich teile die Hoffnungen, unter denen zahlreiche Existenzen für ihren Lebensunterhalt kämpfen müssen, ich teile die tiefe Trauer um die Gefallenen und um die Verstümmelten. Ich ne»ge mich vor allem Heldensinn, mit dem die Opfer ge- tragen werden, von Frauen wie Männern ohne Unterschied von Rang und Klasse, einig in der heiligen Liebe zu dem Lande, das all ihr Eigen umschließt, das in Arbeit und Kampf erworben ist Hoch und groß flt das, aber höher und größer ist der Todesmut unserer Söhne und Brüder draußen, mit dem sie den wütenden Anstürmen de-r an Zahl und Geschossen überlegenen, mit äußerster Tapferkeit kämpfenden Feinde trotzen. (Beifall.) Nie hat vordem die DLenschengeschichte ähnliches gesehen. Vor ihren Heldentaten muß unser Leid verstummen. Kein Wort der Klage darf an ihr Ohr draußen klingen. Dur Dank, heißer Dank aus der Heimat, für die sie bluten, soll ihr Gefährte sein, wenn höllisches Trommelfeuer sie umdröhnt. (Lebh. Beifall.) Sind wir denn ihrer würdig, wenn wir nicht alles entschlossen daran geben, um ihnen zum Siege zu verhelfen? In diesen Tagen hat das deutsche Volk wiederum Gelegenheit, bei unserer Kriegsanleihe zu beweisen, daß c zu allen Opfern fähig ist, daß es fest an unseren Sieg glaubt. Ich weiß, daß wir uns auch in dieser Sache
auf die Kämpfer hinter der Front verlassen können, daß jeder Deutsche, der sein Vaterland liebt, eS als seine Ehrenpflicht ansieht, durch die Hergabe aller verfüg, baren Mittel die Riesenarbeit unserer Streitmacht zu unterstützen und damit das'Kommen des Sieges zu beschleunigen. Die Zähne auseinandergebissen. aber die Herzen und die Hände weit auf. so wollen wir hinter unseren Feldgrauen stehen, ein Mann und ein Volk. (Lebh. Beifall.) Ich komme zum Schluß. Der Krieg steht vor uns. An die Werke des Friedens zu denken, ist uns noch nicht vergönnt. Ich las neulich das Wort: „Das HauS
brennt, zu löschen gilt eSl Wie wir das Haus nachher aus. statten, bleibt spätere Sorge!" Das mag sein. Und doch: Dieser Kriegsbrand, beglückt und erschüttert erleben wir es täglich aufs neue, er hat uns gezeigt, auf wie festem, wie unzer- störbarem Fundament unser Haus gebaut worden ist. Was anderes befähigte uns denn, diesen Kampf gegen fast die ganze Welt siegreich zu bestehen, wie die Liebe zu dem Lande der Väter, die seine Söhne mit unzerreißbaren Banden umschlingt, als die unverlorene Kraft der Arme und der Herzen, die im Urgründe des Volkes lebt, aus dem sie in ewiger Erneuerung emporwächst. Nichts von dem. was unS diese Feuerprobe bestehen läßt, können wir im Frieden vermissen. Was sich im Kriege so wunderbar bewährt, muß auch im Frieden leben und wirken.
Unermessliche Arbeit erwartet uns!
So schließt Friedrich der Große, als der Siebenjährige Krieg zu Ende ging. Unermeßliche Arbeit war die Wirkung all der Kämpfe, in denen wir seit 150 Jahren um unsere Existenz gerungen haben. Unermeßliche Arbeit war unser Glück und soll es auch weiter sein. Die gewaltigen Aufgaben, die auf allen Gebieten des staatlichen und sozialen, des wirtschaftliche und politischen Lebens, unser harren, bedürfen zu ihrer Lösung aller Kräfte, die in unserem Volke leben. Eine Staatsnotwendigkeit, die sich gegen alle Hemmungen durchsetzen wird, ist es. diese Kräfte, die da sind, die zu schaffen, zu wirken verlangen, für das Ganze zu nützen. (Bravo.) Freie Bahn für alle Tüchtigen, das ist die Losung. (Lebh. Beifall links.) Die Regierung wird diese Losung vorurteilsfrei durchführen. Dann wird unser Reich fest gefügr, weil jeder Stein und jeder Balken mit
trägt und mit stützt, einer gesunden Zukunft entgegengehen. Dcuur werden die Starken aus allen Ständen gern und freudig teilnehmen an den Werken des Friedens, wie jetzt am blutigen Kampf. (Lebh. Verfall im Hause und auf den Tribünen.)
Abg. Spahn (Ztr.) beantragt die nächste Sitzung auf Donnerstag, den 5. Oktober festzusetzen und dann mit der Besprechung der Rede des Reichskanzlers zu beginnen. j
Abg. Scheidemann (Soz.): Angesichts der gesamten politischen Lage hätten meine Freunde den dringenden Wunsch gehabt, sofort im Anschluß an die Rede des Herrn Reichskanzlers in eine Debatte über sie einKftreten. Dieser Wunsch wird jedem begreiflich erscheinen, der weiß, wie groß die Anteilnahme deS gesamten Volkes an allen politischen und wirtschaftlichen Fragen zur Zeit ist. Nachdem aber eine Reihe Parteien dieses Hauses den Wunsch ausgesprochen haben daß einige der Fragen, die wir hier erster,' werden, zunächst in der Budgctkommisston besprochen werden sollen, in der auch bestimmte Auskünfte irber eine ganze Anzahl anderer Fragen, die sehr wichtig erscheinen, gegeben iverden sollen, hat meine Fraktion einstimmig beschlossen, dem Wunsche der Parteien nicht entgegenstehen zu wollen. Wrr werden also dafür stimmen, daß die Debatte am Donnerstag kommender Woche einsetzt.
Abg. Ledebour (Soz. Arb.): Wir hakten dS für notwendig, daß das Haus sofort morgen in die Erörterung der vom Reichskanzler vorgebrachten Fragen eintritt. Im Volke wird man es nicht verstehen, wenn der Reichstag nach einer Paufe in dieser außerordentlichen Zeit zufammentritt und sich jetzt nach Anhörung einer einleitenden Rede des Herrn Reichskan^ers wiederum auf längere Zeit vertagt, anstatt sofort in die Beantwortung der von dem Reichskanzler dargelegten Ausführungen ernzutreten. Sind wir denn etwa in Deutschland minderbesähigt, so große und wichtige Zlngelegenheiten im Reichstag zu erörtern, als in Ungarn? (Sehr gut b. d. Arb.-Gem.), wo von allen Seiten des Hauses in der ausgiebigsten Weise sofort die wichtigsten Fragen im Meinungsaustausch mit der Regierung erörtert worden find. Wenn jetzt davon Abstand genommen werden soll, sofort in die Erörterung einzutreten, so kann das nur die Wirkung haben, daß die Politik der Neichsrcgierung und der maßgebenden Parteien dieses Hauses vom Volke noch ungünsttger beurteilt wird als sowieso. Es nruß dann der Glaube erweckt werden, die Rede des Reichskanzlers waren Berlegenheitsworte. uns man ist nicht in der Lage, jetzt das zu sagen, was notwendig ist. (Sehr richtig b. d. Soz. Arb.) Ich beantrage daher, daß der Reichstag bereits morgen mit der Debatte über die Rede des Reichskanzlers beginnt.
Abg. Bassermann (Natl.): Der Hinweis des Abgeordneten Ledebour auf Wünsche der Regierung trifft nicht,zu. Der Antrag Spahn entspricht den praktischen Erwägungen und ist das Ergebnis der Beratungen des AeltestenauSschusses. Die Regierung ist dabei nicht beteiligt gewesen. Ebenso unrichtig ist es, wenn Abg. Ledebour zwischen den Verhandlungen im ungarischen Reichstage und der Art und Weise, wie hier vorgegangen werden soll, einen Gegensatz konstruiert. Davon ist doch nicht die Rede, daß hier eine eingehende Beratung über di» auswärtige Politik unterbleiben soll. Aus rein praktischen Erwägungen hat der Seniorenkonvent beschlossen. daß wir zunächst eine Besprechung in der Budget- kommissicn, in dem Ausschuß für den Neichshaushaltsetat wünschen, weil eine ganze Anzahl von Fragen der auswärtigen Politik zunächst der eingehenden Besprechung im Ausschuß bedürfen, zumal Fragen darunter sind, d'e nur in vertraulicher Beratung erledigt werden können und weil Aeußerungen des Reichskanzlers in verschiedenen Punkten eingehender Darlegung und Besprechung bedürfen werden. Wir halten eS für richtiger, im Besitz des gesamten Materials zu sein, ehe wir im Plenum des Reichstages Stellung nehmen. Ich halte es für vollständig richttg, daß keine Pause von erheblicher Dauer zwischen der Rede des Reichskanzlers und den Verhandlungen im Plenum eintritt. Die morgen beginnenden Ausschußberatungen über die auswärtige Politik werden voraussichtlich vier Tage dauern, daran knüpft sich sofort in der nächsten Woche die Verhandlung im Plenum. Damit ist die Kontinuität gewahrt, und ich bin überzeugt, daß unser Volk diese aus praktischen Erwägungen hervorgegangene Behandlung der Dinge durchaus verstehen und billigen wird. (Beifall.)
Zur Unterstützung des Antrages Ledebour erheben sich' nur die Mitglieder der Soz. Arbeitsgemeinschaft; diese Unterstützung reicht nicht aus. Gegen dieselben Abgeordneten wird darauf der Antrag Spcchn angenommen.
Näcbste Sitzung: Donnerstag 11 Uhr: 1. Rest der heutigen Tagesordnung, 2. Besprechung der heuttgen Kanzlerrede.
Der deutsche Michel.
(Zum Michaelstage, 29. September.)
Am 18. Oktober 1913, also 10y 2 Monade vor Ausbruch des jetzigen gewaltigen Weltkrieges, wurde zur hundertjährigen Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leiptzta auf diesem Schlachtfelde, an der Statt«, auf der in der glorreichen Zeit der deutschen Befreiungskriege die drückende Gewaltherrschaft des ersten Napoleon Über Ernvopa zusammengebrochen ist, das wuchtigste und größte Denkmal errichtet, das die Erde kennt. Dieses gewaltige Völkerschlachtdenkmal weist an seiner unteren Vorderseite ein riesenhaftes, bon Professor Behrens ansgeführtes Relief auf, das den Kampfschutzengel des deutschen Volkes, Sankt Michael, in sieges- srcherer Ruhe umgeben von den Schrecken des Schlachtfeldes, verkörpert. Wer sich dem ungeheuren Bauwerk des Bölkerschlacht- denkmals von vorn nähert, dem fällt von allem bildnerischem Schmuck des Denkmals am allermeisten dieses Rieseirrelief in die Esingen. Jeder, der das Denkmal gesehen hat, wird zugeben, dass dieses Mchael-Bild seine hervorragendste und eigenartigste Zierde darstellt. Ja, diese in selbstsicherer Ruhe dastehende Kolossalfigur eines gepanzerten deutschen Helden in seiner schönsten und vollsten Mnrnesckvaft m der Rechten das feurige Schwert tragend, die Linke fest auf den Schild gestützt, verkörpert uns in der Tat auf das Zwingendste und lleberzeugendste die deutsche Mannhaftigkeit die einige Monate später nach der Enthüllung des Denkmals sich auf das glänzendste bewahren sollte. Das ist jener dux Michael, der Verzog MchaÄ, der vor mjehr denn 1000 Jahren die deutschen Arider rn den siegreichen Kampf geführt hat. Der Fahne des tyeäigen Michael folgend, sangen die deutschen Krieger den berühmten lateinischen Schlachtgesang, der mit folgenden Versen an hebt:
magne Heros gloriae / dux Michael / proteclor sis Germaniae " Ans Michaelslied wurde dann auch in deutschen Texten als Kampf- Iheb viel gesungen. Das wirkungsvollste von diesen alten deutschen Mimpflledern, das gerade in der heutigen Zeit die weiteste Beach- ijtung in unserem Vaterlande zu beanspruchen hat, beginnt folgender- chratzen:
„Du urchesiegbar starker Held, Herzog Mchael,
Führ' Du das deutsche Heer ins^Ao,
Steh uns zur Seite, hilf uns zum Streite, Herzog Mchael!" Dach einer Verherrlichung der starken Hilfe des deutschen Kriegs- hewen, die den bösen Feind zu Boden wirft, schließt das kraft- Mtk Kampflied mit einer Bitte um Neuen Schutz und um das köst- krche Geschenk des Frizens:
„Wirf nieder grimmer Feinde Wltt,
Belebe der Verzagten Mut!
Gib dann dem blutigen Geflld Des holden Friedens Segen mild,
Von Pest und Hunger uns befrei.
Der Knechtschaft Ketten brich entzwei.
Mit Schwert und Schild, mit starker HaNd Schütz' unser deutsches Vaterland!
O Michael, mit uns zur Schlacht Wir stehn dann aller Höllen Ddrcht." fn ü^rücksichtigung al thermischer Bräuche hatte die Kirche Azengels Michael in die Zeit der heidnischen Herbst- der größten Festzeit unserer altgermanischen Vorfahren, ver- Daher komntt: es, daß der heilige Michael viele Züge vor» dem (Köttervater Wotan übernonrmen hat, und daher votz der Mrchaelistermin — das kirchliche Fest des her-
liSkM Michael trifft auf den 29. September — noch heute eine so starke Bedeutung für unser bürgerliches Leben hat. In späteren Zerben freilich wurde der Name Michel in seiner verdeutschtes aus dem kirchlichen Namen Michael hervorgegangenen Form bei uns und namentlich im Munde unserer Nachbarn zum Spottnamen un ^ uian liebte es bekanntlich, den deutschen Michel schlafend mit einer Zipfelmütze aus dem Haupte darzustellen. Heu^ Wäre es wirklich an der Zeit, daß die Witzblätter ihr altes Klischee vom deutschen Mchel endgültig vernichten würden. Wer uns heute dDi deutschen Michel bildlich vor Augen führen will, der n ehme sich vielmehr die erwähnte herrliche Gestalt jenes deut- Muster, die zum hervorragendsten Schmuck des Böllerschlachtdenkmals bei Leidig gehört.
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— Das von Wells prophezeite Schützengraben- automobil. Wie einer unserer letzten Heeresberichte bekannt- gab, wurde bei den jüngsten Kämpfen an der Somme ein englisches „Schutzengrabenautomobil" erbeutet. Schon seit einiger Zeit hatten sowohl englische wie französische Blätter das neue „Wunderwerk" gerühmt, das bald die Deutschen an der Front in wildesten.Schrek- ken versetzen und scharenweise niedermähen werde. Verschiedene Andeutungen ließen erkennen, daß es sich um ein Mittelding zwischen Automobil und Motorschlitten handle, um einen gepanzerten und mit mehreren Maschinengewehren bestückten Wagen, der auch bte größten Unebenheiten des Bodens wie Wälle, Gräben zerstörte Unterstände und Minentrichter ohne weitere Schwierig- keiten überwinden könne. Inzwischen wurde, wie erwähnt, eines dieser Wunderwerke von uns erbeute!, und unsere Militäringe nreure werden wohl schon feftgestellt haben, ob es sich wirklich um eine Meisterkonstruktion handle. Da die Zeitungen der Alliierten bisher natürlich nicht die Einzelheiten des Schützengrabenautomobils schildern durften, suchten sie dafür Ersatz, in dem sie ans emer Novelle des bekannten phantastischen englischen Schriftstellers H. G. Wells erne Stelle zitieren, in der ein solches Schützengrabenautomobil prophetisch geschildert wird. „Diese Maschinen," heißt es rn der Erzählung waren außerordentlich lang, schmal und aus besonders starkem Stahl hergestellt, auf acht Paar merk- wurdige Räder montiert, deren jedes einen Durchmesser von 10 Futz hatte. Durch eine geschickte Konstruktion verschiedener memandergreisender Achsen, bte im Kreise beweglich waren, war es dem Wagen mügl«ch, über den un-ebensten Boden dahinzu fahren. Sie kletterten über das aufgewühlte Erdreich, mit dem Vordertell ernen Hügel emporkrabbelnd, mit dem rückwärtigen Teil zu gleicher Zeit fast m einem Erdloch verschwindend. Selbst auf den wildesten Rurnen konnten sie sich ziemlich schnell fortbewegen, ohne jemals ™ ne Gefahr zu geraten, umzustürzen. Die Ingenieure steuerten dre Maschrnen unter dem Oberbefehl eines Hauptmanns, der aus emem hochgelegenen Fenster in der Panzerung eines dieser Wagen die Gegend überschaute. Der Kriegsberichterstatter wollte nicht glauben, daß erne solche Maschine wirllich fähig sei, über ein von breiten Schützengräben durchzogenes Erdreich dalsinzusahrm. Aber er wurde vom Gegenteil überzeugt, da die Maschine sich durch alle Hindernisse vorwärts arbeitete urrd wie eine Ameise, aufwärts und abwärts kriechend, ihren Weg fand, bis sie alle Schützen graben ohne Unfall gekreuzt hatte." Im weiteren Verlaus schildert die Wells'sche Zukunstsnovelle, welche Verheerungen der dämomscl-e und vom Feind nicht zu fassende Wagen beim Gegner anrichtete. Trotzdem Wells bereits öfter als Prophet aufgetreten ist und wegen seiner Voraussicht von weiten Kreisen des eng-
lischen Publikums gepriesen wird, hat er bei dieser Zukunfts- schtlderung vollkommen eine Möglichkeit vergessen, daß der Wunderwagen bei seinem rastlosen Klettern auch dem Feind in die Hände laufen könnte. Die Alliierten aber, die nach Erfüllung der Prophezeiung von den durch den Wagen erzielten außerordentlichen Wirkungen phantasierten, scheinen wieder zu sehr die Schilderung von Wells im Köpft gehabt zu haben, da den des Wms- schen Buches unkundigen Deutschen derartige Wirkungen nicht bekannt wurden.
— Ein ungedruckter Brief Blüchers. Schon wn der Persönlichkeit Blüchers willen, dessen Volkstümlichkeit nach miehr als hundert Jahren noch unvermindert ist, interessiert uns ledes bisher unbekannte und neu auftauchende Schreiben des Miarschall Vorwärts. In dem soeben erschienenen Heft der „Forschungen zur Vvandenburgischen und preußischen Geschichte" ver- öftentlicht Adolf Hasen clever aus den Papieren seiner Familie ernen ungedruckten Brief Blüchers vom 30. Oktober 1748, aus einem Jahre also, ans dem wir noch keine briefliche Aaußerung des damals in Münster stehenden Generals kannwu. An den in Frankfurt a. M. ansässiaen Kaufmann Jvhamr Gottfried Hasenclever, fernen dortigen Korrespondenten für nichtpolitische Neuig^ ketten, schrieb Blücher u. a. folgendes:^^Jetzt ist hier alles wieder ruhig, ohnerechtet es vor wenigen Wochen den Anschein hatte, daß wir auch aufs Neue mit den Fransofen wieder cmbmden würden, llm einen Durchbruch der Demarcattons-iLinie zu ver- lyixtm, welchen die Franzosen zu bvbadnaai scheinen (mit dem Ziel Hanvver), habe ich einen Theil der unter meinem Commando stellenden Truppen marschieren lassen Esten, vrz-wifchen ist es bis jc&t nur noch bey den Demonstvations geblieben, und das von den Franzosen sich int Coellnischen Sauetlande gefamwlelbe Corps hat sich Wieder zurückgezoami. In Brabant aber sowohl als in Holland herrschet das größte Mißvergnügen, und im erstercn haben einige Städte sich schon den^. Requifttions der FraiAosen wiederftzzet, bednrch besonders in Antwerpen ein großes Blutvergießm arU standen, indem die Ermvohner die ftanzö fische Beizung gezwungen haben, mtt entern Verluste von 800 Mann sich in die Cftadelle zu werfen. Der Verlust der Einwohner ist indessen auch beträchtlich geloesen. In Holland ist gleichfalls alles in der größten Gährung, die nmhrscheinlich bey den anballenden FordMament der FraNzvftn ehestens pm Msbruch kommen möchten." All diese llmstände schien Blücher darauf hinMdeuten, daß es mtt der Franzvsenherrschaft nun endgültig vorbei sei: „Es scheint," so fährt er fort, ^,ats wenn das Glück sich jezzl von den FvanAoftrh gelvandt wrd ihre unglückliche Epoche mrsängt, bey der ich ihnen nicht viel Gutes prophezeie, denn da sie zur See ruiniert sind (infolge der Schlacht bei Aboukir), möchten sie zu Lande wohl schwerlich mehr große Prvjecte durchsezzen, weil sie durch ihre unbilligen Forderungen sich den Has mrd die Abneigung aller zugezogen haben. Gutwillig ^werden wir ihnen unsere Clevischen. Länder sicher auch nicht abtreten, und es scheint mir ganz, daß wir nur einen bequemen Zeitpunkt abwarten, um uns solche wieder zu verschaffen, da wir ganz zum Schlagen in Bereitschaft stehen und im Stttlen Zurüstungen machen: so ist unter anderen Wesel verproviantiert und mit ntehreren Truppen die Besamung verstärkt worden. Aktes dies läßt mich nrit Geloißheil hoffen, daß wir bev einem neu ausbrechenden Kriege nicht untätig bleiben! werden." Leider erfüllten sich Blüchers Öffnungen in Bezug aus die Franzosen vorläufig nicht; bmn Napoleons Stern war d<mmls erst im Ausgehen.


