W. 19 Z
Zwettes Vlatt
chb. Jahrgang
Erscheint K-Üch mit Ausnahme de§ SoxnragS.
Dte „Eietzener Zamilienblätter" werden dem
„Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das
„Xrekblatl für den Kreis Gießen- zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit, tragen" erscheinen monatlich zweimal.
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberheffen
Freitag. s 8 . August M 6
Rotationsdruck und Verlag der Brnhl'stheir Universiläls -- Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schrfttleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schubstraße 7. tzZeschaitsst-tte u.Aerlag.E-^öl, Schrift» leilung: ^^112. Äldresje für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
nasum
Die Regelung des Eierverkehrs.
Der Stellvertreter des Reichskanzlers hat am 12. August eine vom K. E. A. beantragte Verordnung über Eier (Hühner-, Enten-, Gäns-ecner) erlassen. Nach dieser Verordnung baut sich die Regelung des Eierverkehrs auf bundesstaatlichen^und vrovinziellen Verteilungsstellcn lEierversorgungsstelleu! aus. Sie haben den Ankauf der Eier in ihrem Gebiet Kn regeln, die verfügbaren Eier zu verteile:: und den Verbrauch zu überwachen. Für das ganze Reichsgebiet wird eine Eierverteilungsstellc eingerichtet mit der Aufgabe, den Ausgleich zwischen Bedarfs- und Ueberschußc,ebieten zu regeln, und künftig auch an Stelle der Z. E. G. die ausländische Ererzufuhr zu verteilen.
Von der Festsetzung eines für das ganze Reich verbindlichen .Höchstpreises wurde Abstand genommen, weil die Verhältnisse örtlich Ku sehr verschiedest sind. Wo die Bersorgungsstellen zweckmäßiger mit Richtpreisen arbeiten, soll ihnen die Möglichkeit belassen bleiben. Der Verkehr rntt Eiern wird streng geregelt. Wer Eier geiverbsmäßig znm Weiterverkaus erwirbt oder den Vertrieb vermittelt, bedars dazu neben der Erlaubnis auf Grund der Verordnung vom 24. Iüni über den Kettenhandel der besonderen Erlaubnis der Landesverteilungsstelle bezw. einer der von dieser eingerichteten U.nterVerteilungsftellen, in deren Bezirk er seine Tätigkeit ansüben null. Tie Erteilung der Erlaubnis erfolgt durch eine Ausweis karte. Durch die näheren Bestimmungen über die Erlaubniserteilung können die Landesverteilung s stell en den Handel überwachen und insbesondere die Preisbildung beaufsichtigen. Bon der Festsetzung eines Ablieferungszwangs für die Produzenten hat die Verordnung mit Rücksicht auf die Erhaltung der Produktion und die Unmöglichkeit der Neberwachung Abstand genommen.
Die Kommunale erblinde haben Verkehr und Verbrauch für ihren Bezirk zu regeln: sie können insbesondere Eierkarten anordnen. Ter Verbrauch der Selbstversorger (Geflügelhalter) soll nicht beschränkt wwdm. Post- und Eisenbahnversand von Eiern unterliegt der Teklarationspslicht, der Versender hat sich durch seine Ausweiskarte oder durch Bescheinigung der für freu Versandort zuständigen Stelle über die Zulässigkeit der Bersenoung auszuweisen. Weitere Bestimmungen regeln die Aussicht über den Eier verkehr.
Tie Landeszentralbehörden erlassen die Ausführnugsbestim- mungen. Sie können u. a. sestsetzen, daß die Geflügelhalter die Eier, die sie verkaufen ivollen, nur an bestimmte Sammelstellen^ Genossenschaften oder Händler oder an bestimmte Orte abliefern, und daß nur bestrnrmte Personen zum Ankauf der Eier bei den Geflügelhaltern befugt sind: ferner kann der Verkehr mit Bruteien: durch die Landeszentralbehörden besonders geregelt werden.
Line parlamentarische Nrifis in Dänemark.
Kopenhagen, 17. Aug. (WTB.) In dem gestern abend ausgogÄrenen amtlichen Bericht über die Sitzung des Landstings heißt es, daß die Sitzung unterbrochen wurde, weil Finanz minister Brandes den Präsidenten des Landstings sowie die Parteiführer aufgesvrdert hatte, im Ministerzimmer eine Mitteilung des Ministerpräsidenten entgegenzunehmen.
Wie das Ritzausche Bureau hierzu erfährt, teilte der Ministerpräsident hierbei mit, er sei am Vormittag zum König gerufen worden, der ihm seine Besorgnisse, zurzeit Reichstagswahlen vorzunehmen, ausdrückte. Der König fragte den Mochte r- vräsidenten, ob dieser durch Besprechungen mit der: leftendens Männern des Reichstages feststellen könnte, inwieweit eine Mög- liclffeit.zur Bildung eines Ministeriums aus allen Parteien vorhanden sei, um so Neuwahlen zu vermeiden. Der Ministerpräsident fügte seiner Mitteilung hinzu, daß die Voraussetzung sich diese Möglichkeit feig müsse, daß der Beschluß des Folkctings wegen des Verkaufs der westindischen Inseln nicht verworfen wird. — Tie Sitzungen des Landstings wurden unter diesen Umständen auf unbestimmte Zeit vertagt. Tie Parteiberatungen finden Freitag und Samstag statt.
Line Unterredung mit Lmsingen.
Der Berichterstatter der „New Jork Times" an der deutschen Ostfront, Cyril Brown, stellt der „B. Z. erm Mittag" eine Unterredung zur Verfügung, die ihm General- seldrnarschall von Linsingen in seinem Hauptquartier gewährt hat. Da heißt es:
Die Deutschen brauchen sich den Schlaf nicht rauben zu lassen wegen der Ereignisse an der 350 Kilometer langen Front quer durch die Wolhpnischeu Sümpfe, wo Linsingen, der unermüdliche Bezähmer des russischen Bären, der sich in den Karpathen einen Ruf
gemacht hat, gegm die drei- od?r vierfach' Uebermackft der russischen Massen steht. Der deutsche Wall kann von dem russischen Druck imgenagt, aber nicht gebrochen werden, und was von der russischen Offensive noch übrig geblieben ich das geht ietzr in langsamem Kamps in den Wolhynischen Sümpfen unter, die durch eine viertägige Sintflut vollkommen unwegsam geworden sind. Ties ilt meine persönliche zusammenfasscnde lieberzcugung. wie ich sie nach dreitägiger eingehender Besichtigung der Stochodlinie und nach einem unvergeßlichen Arorgen bei einer Division gewonnen habe, noch mehr aber in drei Nächten, die ich unter Linsingens jungem Stabsoffizieren verbrachte, schließnch und am meisten jedoch aus einer persönlichen Begegnung mit dem großen ..Ooeckommandneren- dei: der Heeresgruppe Linsingen", wie er sich selbst gutmütig in meinem Notizbuch unterschrieben hat.
Linsmgens Wall zu durchbrechen, schien für den angreis enden amerikanische Korrespondenten fast ebenso aussichtslos wie für bie Russen. Die selbst für einen deutschen General gewöhnliche Bescheidenheit hält diesen „.Hindenburg des Südens" dem Licht des Tagesruhms fern. Meine Interview-Attacke wurde zweimal durch seinen freundlichen Stabschef zurückgeschlagen, und erst ein letzter Verzweifln ngscrng riss. als ich schon zum sttategischen Rückzug nach Berlin entschlossen war, brachte mir unerwarteten Erfolg. Wir begannen damit, über den Wettersturz zu sprechen, der hier in Wolhynien ein!Faktor nicht nur von taktischer, sondern auch von strategischer Wichtigkeit ist. Die unaufhörliche:: Regengüsse hatten den schmalen Stochod in eine einzige Seenketre und die weiten Wiesen und Ebenen geradezu in unwegsame Moore und Marsche verwandelt. Ich fragte General Linsingen. ob dies ein Vor- oder Nachteil für die Russen sei. „Weder das eine noch das andere", antwortete General Linsingen, „der wolhynische Regen strömt auf Gerecht? und Ungerechte herab, dos Wetter ist wirklich neutral, und es ist für uns ebenso giinstig oder ungünstig wie für die Russen. Aber möglicherweise wird -es die Fortsetzung der russischen Angrch'e verlangsamen. '' General Linsingen deutet an. das er aus eine Fortführung der russische: Angriffe vorbereitet sei, die zum Ziel Brest-LitowÄ und unmittelbar den wichtigen 'Eisenbahnknotenpunkt Kowel haben. Dies war eine Bestätigung dessen, was mir die Offiziere seines Stabes gesagt hatten, die mir wünschten, daß Brussilow die Forcierung des Stochod und den Angriff auf Kowel nochmals versuchen sollte. Kowel hätten die Deuchchckn so fest in der Hand, daß es die Russen niemals bekommen würden.
Der tapfere Kawatvcnveteran ist fast ebenso objektiv in seinem Urteil und vielleicht noch zurückhaltender in der Wahl seiner Ausdrücke als ein amerikanischer Kriegskorrespondent. Er fragte mich genau aus. was ich bei seinen Armeen gesehen hatte. Ickst meinte, daß das überflutete Wolhynien wohl eine sehr schlechte Straße für russische Dampfwalzen selbst vom Modell 1916 sei, und daß für einen neutralen Beobachter die Stochodlinie undurchdringlich scheine. Aber Linchngen überschätzt weder, noch unterschätzt er den russischen Feind, und mit einem Blick aus seine Karte meinte er: „Wenn die Russen alles, was sie an Menschen und Material haben, auf einem engen Frontstnck zusammenrafsen und so vortreiben. wie es die Engländer jetzt an der Westfronr tun,'die dort kürzlich 17 Divisionen in ein paar Kilometern Breite vorgetrieben haben sollen, dann könnte es ihnen selbstverständlich gelingen, hier oder dort ünsere Front ein wenig einzndrncknch bis wir unsere Reserven zusammen gezogen haben, um dem Stoß zu begegnen. Aber daß sie unsere Front durchbrechen könnten, daran glaube ich nicht." sagte er w:t einem Lächeln, das Bände sprach. Ich hatte den Eindruck, daß er lange, harte und vielleicht selbst kritische Kämpfe erwartet, aber trotzdem das deutsche Waffenglück nicht ernstlich durch die russische Offensive bedroht fürchtet.
Der Ausstanö der Lrsenbahngrbeitsr in Amerika.
Washington. 17. Aug. (WTB. Nichtamtlich.t Mel- düng des Reut-erfchen Bureaus. Präsident Wstlson hat die Präsidenten der Haupteisenbahnen zu einer Beratung nach Washington eingeladen.
Unrver^crts-NacbNicbten»
[j Mar bürg, 17. August. Unter den deutschen Gelehrten, die vor einiger Zeit an die Universität zu Konstantinopel berufen wurden, besai:d sich auch bekanntlich ein junger Marburger Gelehrter, der Geograph Dr. phil. Erich Obst. Ihm wurde auf einer Denkschrift, die er dem türkischen Unterrichtsininistcr SchEri Best vorgelegt hat, der elwenvolle Auftrag zuteil, die Er- wr>chung des Klimas des osmanischen Reiches einzuleiten. Zweck des Unternehmens ist, wie der „Reichsanzeiger" schreibt, Feststellung der Temperatur-, Lustdruck . Wind- und Niederschlagsver- hättnisse usw., sowie das Studium der Abflußverhältnisse der Flüsse
im osmanischen Reiche als wissenschaftliche Grundlage und zur .Hebung von Unternehmen landwirtschaftlicher und technischer Art, tägliche Wettervorhersagen für Flugwesen, Ackerbau, Schiffahrt usw. Zu diesem Zweck sollen in möglichst vielen Orten des Reiches meteorologische Stationen errichtet werden. Die Verarbeitung des BevLocküunqsmaleriats soll in dem besonders zu errichtenden Zen- trcckbur.wu Tür die Klimatologie des Osmanischen Reichs in Stow- lut erfolgen. Professor Obst war von Dezember 1910 bis Aprrl 1912 Leiter der Ostafrika-Expeditwn der Hamburger Geographischen Gesellschaft.
Nirche u,»L Schule.
I) Ost Hoven i Rh ein Hessen'. 18. Aug. Die diesjährige Hauptversammlung des hessischen Landesverbandes des „Allgemeinen evangelchchen-protestantischrn Missionsvereins" findet am Sonntag, den 3. September, hier statt. Sie wird eröffnet mit einem Gottesdienst um 9' 2 Uhr. in dem Pfarrer Eschen rüder. Frankfurt a. M.. die.Predigt halten wird, und einem sich daran anschließenden Iugendgottesdienst mit Missionskatechese von Missionsinspektor Kn odt, Berlin. Er wird auch den Hauptvortrag aus der nachm. 2 Uhr ebenfalls in der Kirche beginnenden Hauvtoersammlung übernehmen, und zwar wird er sprechen über das sehr wichtige Thema: „Unsere Ostasienmission im Kriege."
3Ciyd?Itc$K Nachrichten.
Israelitische Religionsgemelirde.
Gottesdieust in der Synagoge iSüd-Aulage).
Samstag, d e n 19. A u g u st 191 6: Vorabend: 8.15 Uhr — Morgens: 8.30 Uhr. —
— Abends: 8.50 und 0.25 Uhr.
Israelitische Re!:giott§gese8schast.
Sabbrtiieiet an: 19. A n g n st 19 16 Freitag abend 7.40 Uhr. — Samstag vorm. 8.30 Uhr. —
— Nachm. 4.00 Uhr. — Sabbatcmsgana 9.25 Uhr. — Wochengottesdienst morgens 6.30, abends 7.30 Uhr.
Briefkasten Ser Revaktkon.
lAuouyme Anfragen bleiben uuberü«Isrchtigt.r
Alte Abonnentin. Bei vierteljähriger Mictszahlung gilt auch ohne ichristlichen Vertrag vierteliähriqe Kündigung. Sie können also vom 1. Oktober zum 1. Januar kundigen.
Märkte.
ke. Wiesbaden, 17. Aug. Heu- und Strohmarkt. Man notierte: Heu, neues, 4,00-6.50 Mk.. Stroh (Richtstroh) 4,00—4.40 Alk. Alles für 50 Kilo. Der Handel war flott.
Meteorologische Leodacht-mgen' der Station Sietzen
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Höchste Temperatnr,am 16. bis 17. August 1916: -j- 21,2° C. Niedrigste 16. „ 17. „ 1916: -j- 16,6 ° 6.
Niederschlag 7,2 mm.
Müller'sche Badeanstalt.
Wass erwärme der Lahn am 18. Llugust: 16° R.
Die Goldankausftelle
ist morgen von \0 bis \ 2 % Uhr geöffnet!
Lin Gpernabend hinter der Zeuerlinie.
Die folgenden Eindrücke eines Polnischen Opernabends hinter der Feuerlrnie finden sich in einem Stinimiirngsbild, das das nächste Heft der „Schaubühne" dem demnächst in: S. Fischer-Verlag erscheinenden „Kriegstagebuch eines Ungarn" von Franz Molnar entnimnrt: „Ein voller Zuschauerraun:, warme, duftende Atmosphäre, dekolletierte Tamm, Fräcke, TlMrerzettel, Fächer, Smokings, Gucker, Blumen, Logen, Parfüm, Orchester, fiebernde Premierenstimmung .. . Herren beugen sich flüsternd über entblößte Schultern .. . Noch am Nachmittag fuhren unsere Dreißigern Mörser am Theater vorbei. Zwischen Kanonen, Drahtverhauen und Lagerfeuern kam ich ins Theater, noch vor wenigen Tagen dröhnte der Stahlchor der Panzerfesten, mrd das hier ist nun Theater, was mehr, eine Oper, ja sogar eine Opernpremiere... Ich bin todmüde. Wir hatten den Tag in Rußland verbracht. Ich war über verschneite Gräber geschritten, hatte in einen: Walde Blut gesehen. Zersckwssene Häuser, kranke Husaren, im Wust herabgeschossener Tcnnrenäfte, den Mfall des.Krieges, der jetzt die halbe Welt bedeckt: leere Konservenbüchsen, Unmengen von blutigen Fetzen, Unterwäsche ... Tann wieder Holzkreuze iin or^nee. Wer ist der Autor? Der Autor ist Herr Walewski. Seme Oper ist einaktig. Es ist bereits finster. Herr Waletvski dirigiert sein Werk persönlich. . . Der Vorhang! geht hoch, im Vordergrund sind Felsen, im Hintergrund die verschneite polnische Ebene, dieselbe, die ich vormittags sah. Als ob die hintere Wand des Theaters iveggerisseir worden wäre. . . Was kümmerte mich, daß Herr Walewski jetzt stbervaschend von 0-vur in 0i8-Our übergeht. Herr Walewski ist ein kühner Mcnm. Man muß ein toenig blinzelnd mit zusamnien- gezogenen Lider:: Hinsehen, dann gleicht der Hintergrund wirklich ganz der weißen russischen Ebene. Meinetlvegen kann HerrWa- lewski ans C-Dur übergehen in was er will. Ich zische leise nach dem Billeteur, emen Zettel, bitte, ich muß doch wissm, was die russische Ebene hier zu suchen hat. Ter vor mir sitzende Herr wendet sich um und reicht mir seinen Zettel. Dabei fragt ert „Ter Herr ist .Kriegsberichterstatter?" „Ja," flüsterte ich. Jetzt fällt mir em, daß :ch dre schwarzgelbe Armbinde mit den silbernen Buchstaben nicht abgelegt habe. Er ist Privatdozent an der Krakauer Universität. Freut mich fehr. Er unterrichtet Geschichte „Bitte, was soll diese Ebene hier?" „Ucber diese Ebene wandert Iwar-
dowski, der berühmte polnische Zaitberer, und er ist unschlüssig, ob er die Freuden des Lebens oder den Ruhm erwählen soll. Ter Autor ist ein junger polnischer Komponist. Es ist heute ein großer Tag für uns." „Wirklich?" „Ja." Pause. - Ter Herr wendet sich wieder zurück. „Sie sind Ungar?" Ich bin verbtüsft: „Woher wissen Sie das?" „Sie haben vorhin mit einem .Hauptmaun Deutsch gesprochen, und Ihre Aussprache. . „Ja." „Bitte,
schreiben Sie doch,^ daß die polnische Nation die unglücklichste Nation der Welt ist. Ter ganze Krieg wütet in unserem Land. Von 4 136 000 Polen kämpfen 340 000 unter deutschem Kommando. Be: uns hier rvohnen 4 500 000 Polen, davon sind 400 000 Sol daten. Ach, mein Herr, denken Sic doch, wie entsetzlich es ist. In Rußland leben 12 Millionen Polen, von denen stehe:: 800 000 Dienftpslichtige 740 000 österreichischen imd deutschen Polen gegenüber ! . .. Schreiben Sie auch, daß Krakau das Zentrum der polnischen Kultur ist. Hier snrd die Universitäten, hier finden die Premreren der polnischen ?Iutoren statt..." „Und Warschau?" „Warschau: das ist das polnische Paris. Krakau: das polnische Göttingen. Warschau: das ist das große Leben, der Reichtum, der Luxus, das Amüsement, das Geschäft. Krakau: die volnische Wissenschaft, Literatur, Musik, Malerei, patriotische Politik, Ge- schlchte, Forschung. Ach, schreiben Sie doch, wie unglücklich dieses r f : " Rings ein leises Zischen gegen unsere Konversation. Herr Walewsk: stürmt jetzt im Orchester ans, jauchzt und braust. Dwordowski, der berühmte polnische Zauberer, hat den Ruhm gewählt. Tonnernder Applaus. Der Vorhang fällt. „'Walewski! ^D?Awski!" Ein kleiner, befrackter Herr verbeugt sich, blaß und glucksel:g. Applaus und Gebrüll. Erfolg. Jetzt ärgert mich nicht mehr, daß man Theater spielt. Dieser Abend ist von A bis Z eine durchans polnische AngelcgenlMt. Man schreit und klatscht gegen Rußland. Für die Freilunt Polens. Es ist ein schöner Augenblick. Ich »röchte das Dach des Theaters ausstoßen wie den Deckel einer großen Kiste, damit dieses feurig-wilde Triumphgeheul weit durch die verschneite Nacht, bis zu den Russen hin- töne . . . , Herr Walewski. mit der Grimasse der Bühnenglück- seligkert :m blassen Gesicht, verbeugt sich noch immer. „Es lebe Polen! ruft der Professor... Es ist aus. „Habe die Ehre." sagt der Pvoftssor und geht nach der Garderobe. Ganz nnrr in: Kopie folge :ch ihm; ineine plumpen Nagelstiefes tragen mich wie irgend eme zauberhafte Gehmaschine. Hinter mir erhebt sich mit lautem Ltampfen das ganze Theater. „Es lebe Polen!"
d: e neue Spielzeit. Aus Ad ü n ch e n wird uns geschriebe: Die Wagner-Festspiele im Prinz regenten- Theo ter, die :m Frieden ein internationales Völkchen in Bogenhausk versammelten, sind natürlich auch in diesem ernsten Sommer unte blieben. Wie rm vorigen Jahr ist auch in diesen Tagen ein Te der Kunlt Richard Wagners in das Festspielhaus in aller Stille ve pllauzt worden, ohne Festsvielvreise und ohne den üblichen glan rollen Rahmen. Mit „Parsifal" begann auch diesmal die Reibe di Aulführungcn. Dcr Eröftnunosv:rstcllung unter Bruno Walter Leitung und in einer ersten Besetzung (Knote, Pcnßifol: Ber de r , Gurnemanz: M o ttl-F a ßb cn d e r, Kundryl war inner, Glanz verlwhen. Zu begrüßen i>t. daß nicht, wie im zweiten Krieg- lonimer, das Weiheseitspiel als einzige Gabe ins Festsyielbaus ei: gekehrt :st. Auch die M e i st e r si n g e r", die inzwischen in allebester Besetzung — e:n ha l s als Sachs — die Sonne der Fes w:e'e ausstrahlten und „T r i st a n" iverden diesmal mir „Parsifal abwechselnd rm Prmzregenten-Theater gespielt. — Auch im Hof tj* e £ * L 'U R e s i d e n z t h e a t e r, deren Ferien ihren Ak schluß gesunden hat man mit guten Aiozart- und Straußausfuhrur gen und einem klassischen -L>chauspielprogramm das neue Thea begönnern Ter Beginn verlief nicht ohne einen kleine
SrwLr SJi 1 'w Ifl ™ 8C "' D br°l>to sich, wie schon einmal, um d, Perioitllchkeit des Generalmunldrreitors Bruno Walter bei na* einigen Meldungen, seinen Münchner Posten verlassen'sollt und dem auch schon ein Nachfolger üctz, beschieden war. Di Generalmtendanz hat inzwischen alle diese Gerüchte mit einen: frai tlgeil^Dement: zerstreut, und die R o s c n ka v a l ie r - Ausführun um L-onntag — mit /vrau G utbeil-Schober als Oktavian - trug Bruno Walter b-er seinem - Erscheinen am Tirigentenpult an holtenden und ostentativ klingenden Beifall ein - Nicht unerwähn wll bleiben, das; an einer andern, der Operettennnise gewidmete- Statte, dem G a^r t n e r Pl a tz t h e a t e r, ein wirklicher Abschie gesewrt wurde: Der Komiker Joseph Ludl. der siebzehn Jahr al f ^bscr Buhne mit seinem unverwüstlichen Humor so inend:
N. ^ Vordergirind rückte, wird am Berliner Mel. ovol Rollengebiel des Komikers T h i e l s ch e r übern, tmen Al-.- Hosglusermeister Tscholl im „Dreinäderthaus" stand Ludl >ur letztemnal aus der Bühne di's Gärlnertheaters und ließ durct: sei, von Ovationen umbraustes Abschiedsauftreten dte besten Ennne rungen an ferne erheiternde Kunst zurück. M «


